Donnerstag, September 28, 2006

Wer ist schon "wir"?

Ob das gut geht? Am Samstag kommen die Infadels jedenfalls ins Flex.

Wien. Puristen werden nicht erfreut sein: Immerhin schickt sich das in London gegründete Quintett Infadels auf seinem charmant das künstlerische Ich negierenden Debütalbum "We Are Not The Infadels" an, den guten, alten Rock'n'Roll subversiv zu unterwandern. Man vernimmt zwar dessen räudigen Geist. Unter dominantem wie dominierendem Disco-Glam, Dub-Elementen, Brutalo-Synthesizern, Ragga ähnlichen Vocals und lässiger Funkyness muss er dabei – die Zeiten werden schließlich nicht besser – mit allen Mitteln zunächst einmal ums nackte Überleben kämpfen.

Er tut dies in "Jagger ’67" mit von Franz Ferdinand oder den Arctic Monkeys entliehenen Gitarren-Riffs, er tut dies bei aller produktionsbedingter Ausgefeiltheit mit einem Wurstigkeits-Faktor, der wohl in der Jugend der mit Vorbildern wie The Stooges sozialisierten Band begründet liegen dürfte.

Die Infadels reihen sich damit in die Riege aktueller Bands, die Gitarren wieder in die Disco bringen wollen: The Rapture, Bloc Party, LCD Soundsystem und vor allem die ebenfalls aus London stammenden Kollegen Hard-Fi gelten hier als augenscheinlichste Referenzquellen. Viel zu sagen hat man nicht – was in den ohnehin nicht als Orte des profunden Diskurses bekannten Tanzpalästen aber kein Problem sein sollte. Die Musik spricht für sich. Da bricht ein zäher Dreiviertel-Beat in eine treibende Uptempo-Nummer ("Topboy"), da münden kontemplative Klangflächen in scheuen Elektropop, der den Sound Englands nach Ibiza transferieren soll . . . Ob das live gut gehen kann??

(Wiener Zeitung, 29.9.2006)

Dienstag, September 26, 2006

Und heute ist schon wieder gestern

- Die amerikanische Rockband Pearl Jam, die einsamen Überlebenden der Grunge-Ära, in der Wiener Stadthalle

Auf "Ten", ihrem bis heute als Meilenstein geltenden Debütalbum von 1991, besangen Pearl Jam nicht nur die im Rock'n'Roll zentralen Themenkomplexe Liebe und Verlust. Die in Seattle gegründete Band um Sänger Eddie Vedder brachte darauf auch jugendliche Befindlichkeiten auf den Punkt, indem sie über die Zustände im elterlichen Eigenheim sinnierte: "Daddy didn’t give attention!"

Heute ist der klassische Pearl-Jam-Fan Anfang dreißig und sorgt sich um anderes. Wenn die Band, wie am Montag bei ihrem ersten Österreich-Konzert seit sechs Jahren, frühe Hymnen wie "Jeremy", "Daughter" oder "Alive" anstimmt, sind die Traumata von gestern aber ganz schnell wieder allgegenwärtig. Entfliehen kann man schließlich allem, nur der eigenen Vergangenheit nicht.

Zunächst beginnt es mit "Life Wasted" sowie ein wenig später mit "World Wide Suicide" und "Comatose" aber mit Material aus dem aktuellen, selbstbetitelten Studioalbum, dessen Erscheinen selbst das Ereignis darstellt. Immerhin handelt es sich bei Pearl Jam um die letzten Überlebenden des Grunge – jenes Genres, das mit Vertretern wie Alice In Chains (nach dem Tod Layne Staleys heute nur mehr gelegentlich live aktiv), Soundgarden (aufgelöst) und den übermächtigen Nirvana (eh schon wissen) als eines der prägendsten der "neueren" Rockgeschichte gilt.

Schon der bloßen Existenz wegen ein Mythos zu sein, das ist noch kein Verdienst. Alleine der Druck, den Pearl Jam über weite Strecken des mit 140 Minuten reichlich exzessiven Konzertes selbst im hintersten Winkel der Halle zu entfalten verstehen, verleiht dem Status der Band sowie vor allem ihrer Live-Reputation aber Berechtigung. Und Vedders Stimme – noch immer ein Geschenk! Bei einer Vielzahl von Hits und einer Hommage an Gitarrengott Neil Young, dem das Quintett als Begleitband mit "Mirror Ball" 1995 wieder in die Charts verhalf, muss man zwar von einem rein technisch gesehen gelungenen Abend sprechen.

Allein: Die bei Pearl Jam musikalisch stets wertkonservative Deutung von Rock klingt heute bereits seltsam antiquiert. Mehrminütige Soli von Gitarren und Schlagzeug, die mit "Even Flow" immerhin eines der besseren Lieder der Band verunstalten, müssen heute nicht mehr sein.
Die Vergangenheit ist schon okay. 2006 dürfte, sollte, müsste Rock'n'Roll allerdings ein wenig anders klingen.

(Wiener Zeitung, 27. 9.2006)

unsere "wirten", ein trauerspiel. und: nichts ereignet sich.

freund h. bestellt also einen sturm, nachdem ihm der wirt auf die frage, ob das getränk denn auch was könne, ausweichend aber doch geantwortet hatte, er solle ihn doch einfach probieren. resultat: das gesöff war zum speiben. eine frechheit. eigentlich gar nicht servierbar, und der wirt hat nicht abgeraten. ich bestelle einen vernatsch, der wie immer bei diesem großartigen, mit einer von hirschgeweihen ausgeschmückten gaststube auftrumpfenden dorfwirten im oberösterreichischen ganz hervorragend schmeckt. ein leichter, bekömmlicher rotwein aus südtirol, ein traum. ein lob also dem "wirtn'", der überraschend reagiert: es handle sich dabei um einen minderwertigen wein, den er nur führe, weil ein paar gäste ihn verlangten. überhaupt schäme er sich, das produkt auszuschenken, aber was bleibt einem schön über? der markt, das angebot, die nachfrage. sie verstehen.

der wirt, der sich nach einer kurzen einführung in seine vorstellungen von tatsächlichen gaumenfreuden als „patriotischer weintrinker“ zu erkennen gab, zieht mit einem freundlichen „schönen abend noch“ von dannen und lässt uns ratlos zurück. will uns der, dem wir für speis und trank geld geben doch sagen, wir konsumierten einen scheiß. der mann sitzt allerdings auf einem langen ast: schließlich kann man in der heimatlichen kleinstadt sonst kaum wo hingehn – haben einige der wenigen anderen lokale doch kürzlich den betrieb eingestellt. vielleicht, weil die ihre gäste auch zu oft beleidigt haben. wer weiß das schon.

nach den uni bedingten depressionen der vergangenen tage war das konzert von pearl jam in der wiener stadthalle gestern auch keine wirkliche aufmunterung. auch deshalb, weils sandy beatle erwartungsgemäß gefallen hat, mir aber nicht, zumindest nicht ganz so. kurze anspannung, weil: wie könne man bloß die helden ihrer jugend….? bussi und wieder gut.

Mittwoch, September 20, 2006

Tanz den HC Strache!

Sowohl HC Strache als auch Peter Westenthaler bestreiten ihren Nationalratswahlkampf mit politischen Songs.

Wien. Eingangs wird HC Strache von einer sonoren Erzählstimme im Stile des "Asterix"-Prologs als moralische Instanz gegen den "Machtrausch der ÖVP" auf den Plan gerufen. Danach beginnt der "Unbeugsame" mit Stimmband-Übungen, die hier euphemistisch als "Rap" bezeichnet werden.

Das Positive zuerst: Man weiß schon nach fünfzehn Sekunden, warum Politiker sonst nicht singen. Andererseits bleibt die Gewissheit, dass noch weitere dreieinhalb Minuten bevorstehen: Ohren zu und durch! Es holpert, es eiert. Billige Instant-Sounds jucken zwischen Amboss und Steigbügel. Begrifflichkeiten der Popkritik müssen hier versagen. Nur so viel: Wenn man den Elektro-Punk des amerikanischen Duos "Suicide" gerne als Trash bezeichnet: Was liefert dann Strache?

Zur Verteidigung Straches und seines hinter dem kryptischen Namen "ARG Kreativ" verborgenen Produktionsteams sei aber erwähnt, dass die Musik hier ohnehin nur das Mittel zum Zweck darstellt. Immerhin gilt es im Folgenden, mithilfe der Populärkultur das eigene Wahlkampfprogramm abzuarbeiten. Was dann so klingt: "Wer sich nicht integrieren will, für den hab’ ich ein Reiseziel: Ab in die Heimat, guten Flug! Arbeitslose haben wir hier selbst genug."
Dabei entbehrt es zwar nicht einer gewissen Ironie, dass Strache sein "politisches" Begehren nach restriktiveren Abschiebemaßnahmen musikalisch ausgerechnet mit einem der afroamerikanischen Kultur entsprungenen Stilmittel – dem Rap – einfordert. Immerhin geht es hier aber darum, sich bei einer mit politischen Diskussionen und herkömmlichen Werbestrategien sonst nur schwer erreichbaren jungen Wählerschaft Aufmerksamkeit zu verschaffen

"Na-Na-Na-He"

Was Peter Westenthaler zumindest mit seinem Wahlkampflied verwehrt bleiben dürfte: Das auf der Homepage des BZÖ zum Download bereit stehende "Wir halten zam" bewegt sich abseits jedweden Anspruchs auf Jugendlichkeit mit vor allem der Fachgruppe Musikantenstadl vertrauten "Na-Na-Na-He!"-Gesängen in den Gefilden der schunkelnden Bierzelt-Beschallung. Da stört es auch nicht weiter, dass die Stromgitarre auf Kriegsfuß mit dem Takt steht.

Bei allen Gegensätzen verbindet Strache und Westenthaler eines: Das Beschwören eines Wir-sind-Wir-Gefühls auf Basis der neuen alten Werte: "HC Strache kämpft dafür, dass wir Österreicher Herren im eigenen Haus bleiben. Deshalb ist er unsere Wahl", heißt es im ausklingenden "HC-Rap" kämpferisch. "Wir Österreicher leb’n im schönsten Land der Welt", meint Peter Westenthaler in seinem Song.

Sind solche tendenziell konservativen Einschläge dem musikalischen Bemühen um ein frisches Politiker-Image nicht eher hinderlich? "Die Frage ist, ob Politiker dadurch überhaupt modern wirken wollen", meint OGM-Meinungsforscher Peter Hajek auf Anfrage der "Wiener Zeitung". So wäre die ÖVP einst mit ihrem Liederbuch auch nicht um ein frisches Antlitz bemüht gewesen. "Das Problem des BZÖ ist ja, dass es nicht weiß, wofür es steht und welche Zielgruppe es überhaupt ansprechen will. Das spiegelt sich wohl auch in diesem Lied."

Den Verdacht, der explizit auf ein junges Publikum abzielende "HC-Rap" könnte Straches Popularität bei dieser steigern, bestätigt Hajek: "In manchen jungen Wählergruppen durchaus. Bei Jugendlichen mit geringerer Bildung und gesteigerter Aufmerksamkeit für Äußeres etwa. Da heißt es dann: ,Hast du das Lied von dem Politiker schon gehört? Total cool!’ Dadurch entstehe Meinungsbildung innerhalb von Peer-Groups." Ob Wahlkampflieder dem Wunsch des Wählers nach seriösen Politikern zuwider laufen oder authentisch wirken, kommt laut Hajek auf das Setting an. Bei HC Strache etwa "passt das gut ins Image".

158.000 mal sei der "HC-Rap" in den letzten Wochen aufgerufen worden, teilte das Büro Straches der "Wiener Zeitung" mit. Das BZÖ hält sich bedeckter: Alle CD-Pressungen wären restlos vergriffen, 1000 mal sei "Wir halten zam" in den ersten drei Tagen auf iPods geladen worden, etwa 3000 Downloads hätte man im selben Zeitraum verzeichnet. Aktuelle Zahlen? Fehlanzeige. Es gehe ja auch nicht darum, die Downloads Westenthalers jenen Straches gegenüberzustellen, hieß es aus dem Bündnisbüro: "Das wäre ja auch blöd!"

(Wiener Zeitung, 20.9.2006)

Sonntag, September 17, 2006

das ist doch alles ein dorf, hier

peter hat seine vorliebe für den mail-verkehr entdeckt – und das ist gut so. derzeit schickt er mir circa drei stück pro woche, und weil peter auch wirklich etwas zu erzählen hat, tut er dies auch nicht unter 15.000 zeichen. das sind also, je nach schriftgröße, drei oder vier word-seiten. peter berichtet in epischer breite, und ja, keine silbe ist hier zu viel. immerhin bestreitet er derzeit ein studiensemester in den usa, und dafür ist in zeiten eines verstärkten diskurses über wieder größer werdende transatlantische klüfte in hinsicht auf kulturelle und gesellschaftliche identität zunächst einmal viel mut erforderlich. und dann ein medium, um die eigene, freilich streng subjektive sicht der dinge auch dem rauschal in wien mitzuteilen.

das geht johanna nicht anders. sie ist gerade in neuseeland und dort auf der suche nach einem heirats- oder zumindest beischlafwilligen bartträger, der ihr an der hochschule auch theoretisch gefüttertes wissen vom weiblichen begehren in zeiten der wirtschaftskrise zu befriedigen weiß. nebenbei lässt sie sich von vereinsamten neuseeländischen ureinwohnerinnen bekochen und widmet sich der forschung. johanna schreibt zwar auch mails, in der regel informiert sie aber über ihr weblog (johanna-ist-weg.livejournal.com). auch ihre ausführungen füllen mittlerweile bände, wobei man außenstehenden vielleicht kurz erklären muss: das reden und die johanna sind nicht nur zwei in unmittelbarer wechselbeziehung begriffene phänomene der gegenwart. eine liebesgeschichte ist das!

die welt wird somit jedenfalls zum oft diskutierten globalen dorf. und dieser über jedwede grenze erhabene amikale austausch ist, bitteschön, wenigstens eine - und vielleicht auch die einzige - positive errungenschaft der globalisierung.

womit ich abschließend auf dieses, mein eigenes weblog zu sprechen kommen möchte: noch hab ich dessen sinn selbst nicht erfasst. ich will es so erklären: letzte woche hat es mit dem kauf eines mp3-players begonnen – obwohl ich diese dinger nicht leiden kann. in der selben woche folgte der entschluss, diese plattform ins leben zu rufen, obwohl mir- ihr ahnt es- weblogs zuwider sind. sollte diesem hass also zumindest eine hassliebe entspringen, dann hat sich das alles aber auch schon gelohnt. i will find out. and you will suffer…

Dienstag, September 12, 2006

in die wiege gelegt...?


me in 1984

Montag, September 11, 2006

Die Tiere werden langsam unruhig

- Kante gastieren am Freitag in der Szene Wien.

Wien. Als 1997 „Zwischen Den Orten“, das über weite Strecken instrumental gehaltene und unter Mithilfe des seit den späten 70er Jahren umtriebigen Elektronikers Klaus Dahlke („Pyrolator“) entstandene Debüt von Kante erschien, war Mastermind Peter Thiessen zum Broterwerb noch Bassist der Hamburger Band Blumfeld. Diese stand damals am Sprung vom intellektuell angehauchten, rauen Diskursrock hin zum Schlager-Pop, den sie 1999 mit „Old Nobody“ einläutete - die Folgen sind bekannt. Es sollte bis zum Jahr 2002 dauern, dass sich Thiessen von seiner Stammband emanzipierte: Indem er sie verließ.

Zu diesem Zeitpunkt schien Kante der Weg zu einer erfolgreichen Karriere bereits geebnet. Ihr 2001 veröffentlichtes und erstmals am Song orientiertes Album „Zweilicht“ wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen abgefeiert. Zu Recht: Nicht genug damit, dass die Band darauf mit dem einer jungen Generation Aristoteles in Erinnerung rufenden „Die Summe Der Einzelnen Teile“ den ersten zwingenden deutschsprachigen Song des neuen Jahrtausends vorlegte.

Sie untermauerte zudem in klug durchdachten Liedern, die den Alltag poetisch verdichteten und dabei für Pop-Verhältnisse mit einer Spielzeit von bis zu zehn Minuten recht ausschweifend daherkamen, dass zeitgenössische Musik mit deutschen Texten nicht peinlich klingen muss. Neben sanftem Gitarrenpop leistete das mit Kammerorchester und einer Bläsergruppe eingespielte Album aber vor allem eines: Es schlug eine gelungene Brücke zwischen den so schwierig zu vereinenden Polen Pop und Jazz.

Nach dem gerne als „kopflastig“ bezeichneten „Zombi“ von 2004 kündigte die Band mit der im August dieses Jahres erschienenen Arbeit „Die Tiere Sind Unruhig“ eine Rückkehr zum Rock an. Diese findet zwar nur im Ansatz statt: Vom verträumten Titelsong bis hin zum eleganten Barhocker-Jazz von „Ducks And Daws“ ist es in jedem Fall ein ansprechendes Album, das mit dem begräbnistauglichen, von weinenden Streichern durchzogenen „Die Hitze Dauert An“ würdig beschlossen wird.

(Wiener Zeitung, 8.9.2006)

goodbye, summer...

der flug = die angst
sandy beatle...


trojanisches pferd