Mittwoch, November 07, 2007

Im Eilschritt durchs Jammertal

Die Editors gastierten in der Wiener Arena: Ein Auftritt zwischen Weltschmerz und Sonntagsdepression

Tom Smiths Stimme gehört gegenwärtig zu den charismatischsten der Popkultur - auch wenn sie live nicht durchgehend hält, was sie auf Platte verspricht. Schließlich erinnert das dunkle, baritonale Timbre des aus Stroud im Südwesten Englands gebürtigen 26-Jährigen nicht nur an jenes von Paul Banks, dessen Band Interpol mit "Turn On The Bright Lights" 2002 eine Phase der musikalischen Rückbesinnung auf die düster-romantischen Ausformungen des Post-Punk der späten 70er Jahre eingeläutet hatte, der sich wenig später auch die heute in der aus allen Nähten platzenden Wiener Arena auftretenden Editors anschlossen.

Wir müssen vor allem an den großen, 1980 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Ian Curtis denken, der mit seiner Band Joy Division vor einem guten Vierteljahrhundert zeitlos zwingende wie todtraurige Klassiker des Post-Punk in die Welt setzte und sich dabei zur enigmatischen Ikone einer vor allem im Unglück glücklichen Strömung krönte.

Liebe als Heilsbringer

Während bei Joy Division ein möglicher Weg aus der Misere undenkbar war, schöpfen die Editors als bloß zwischen schwerem Gemüt und leichter Sonntagsdepression changierende und notfalls auf heute stark verbesserte Antidepressiva zurückgreifen könnende Epigonen nun aber neue Hoffnung, die vor allem auf eines baut: Die Kraft der Liebe. Wie es im auf einem treibenden Vier-Viertel-Beat errichteten und zu wummerndem Diskobass melodieselig im Eilschritt durchs Jammertal jagenden "Bones" etwa heißt: "In the end all you hope for/ is the love you felt/ to equal the pain you’ve gone through", während im als letzte Zugabe martialisch abgeschlachteten "Fingers In The Factories" Freundschaft und sozialer Zusammenhalt als Heilsbringer für die von der Arbeit Geschundenen beschworen werden.

Knapp 75 Minuten lang geht es dem Publikum in der Arena also nicht allzu schlecht. Dafür sorgen nicht zuletzt zackig von den Saiten gerissene Singles wie "Munich", "Bullets", oder aktuell, "An End Has A Start", bei denen das Quartett zum Tanz bittende Hymnen aus bittersüßem Weltschmerz schöpft. Auch dass die ausgedehnter Tourneen wegen live vor allem anfangs sehr routiniert agierenden Editors scheinbar nur wenig an Kraft investieren müssen, um für Sturm und Drang zu sorgen, spricht letztlich für sie.

Andererseits kann einen diese Band gehörig nerven, wenn sie den ihr stets innewohnenden Hang zum Pathos bei uninspirierterem Material wie etwa "The Weight Of The World" ins Unermessliche steigert. Weniger ist doch mehr – was freilich nicht für die eher knapp bemessene Konzertdauer gilt.

(Wiener Zeitung, 8.11.2007)