Dienstag, Jänner 30, 2007

Das hehre Heer des Herzens

Natürlich darf man lachen, wenn Oliver Welter, Vorstand der heimischen Ausnahmeband Naked Lunch, anfangs jeden Song als Liebeslied ausweist – als gälte es, dem Selbstverständlichen noch Nachdruck zu verleihen.

Danach geschieht im Rahmen dessen, was man gemeinhin als "Rockkonzert" bezeichnet, aber tatsächlich Erstaunliches: Die auf echten Stühlen (!) sitzenden (!!) Besucher im Radiokulturhaus verstummen und lauschen andächtig (!!!). Sie tragen dem Schaffen des Trios aus Klagenfurt mit einem Beschluss Rechnung: Jenem, dass diese Musik gehört gehöre.

Ein Mehr aus großen Gefühlen kündet – getränkt in mildes Pathos – mit entsprechend schmachtendem Sound von der Übermacht der Liebe. Orgel-Klänge und sehnsüchtig seufzende Chöre tragen die schwer ans Gemüt gehende Hymne "This Atom Heart Of Ours". Es darf auch traurig klingen, was im Grunde positiv ist: "If we don't march together we die alone".

Die auch vordergründig optimistische Single "Military Of The Heart" lässt keinen Zweifel mehr, dass die einst von beruflichen und privaten Krisen geschüttelten Musiker heute neue Hoffnung geschöpft haben, ehe sich "My Country Girl" und "Waterfall" nach anfänglicher Verschlossenheit stürmisch aufbauen und in einer Orgie energetischer Spielfreude enden.

Die Schlussnummer begeistert in ihrer Widersprüchlichkeit. Zu begräbnistauglichen Akkorden heißt es da hoffnungsfroh: "My love will find you in the end". Geht es, bitte, noch intensiver? Geht es nicht.

(Wiener Zeitung, 31.1.2007)

Mittwoch, Jänner 24, 2007

Wenn der Hausmann wieder arbeiten geht

Von der Küche auf die Bühne: Jarvis Cocker beim FM4-Fest in der Arena

Dicke Kinder hätten ihn getötet, berichtet Jarvis Cocker im Opener seines ersten Österreich-Konzertes als Solokünstler. "Die Polizei war anderswo und jagte grundlos Kugeln in den Kopf irgendeines Typen." Es ist eine dieser von unserem Helden ganz beiläufig aus dem Ärmel geschüttelten und mit Aberwitz gespickten Anekdoten, die hier den Anfang markiert. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die dazu gehörige Musik gemäß der Pop immanenten Unabdingbarkeit eines marktschreierisch nach Aufmerksamkeit haschenden Anfangs gleich einmal auf Hundert fährt.

Für mit dem Werk Cockers auf Eis liegender Stammband Pulp Vertraute ungewohnt forsch-ruppig daher kommende Schrammel-Riffs führen dabei zunächst auf eine falsche Fährte: Findet sich doch wenig dergleichen mehr auf dem Album, das es hier zu präsentieren gilt. Die Balladen "I Will Kill Again" und "Disney Time", die nicht zuletzt Cockers "neues" Leben als nach den Ausschweifungen einer Popstarkarriere vielleicht zu Ruhe Gekommenen zynisch streifen, mögen in weiterer Folge ein sich in Partystimmung befindliches Publikum ein wenig vor den Kopf stoßen.

Das ursprünglich für Nancy Sinatra geschriebene und von ihr auch intonierte, hier etwas zäh gegebene "Don’t Let Him Waste Your Time" ist da auch kein Ausweg. Dort aber, wo Cocker sich in enger Nähe zum zart melancholisch eingefärbten Pop bewegt, etwa in "From A To I", offenbaren sich trotz einiger live leider ausgesparter Arrangements die Stärken des 1963 in Sheffield Geborenen.

Bitterböses vom abgefuckten Harald

Der heute vor allem als Hausmann aktive und jetzt für ein paar Europa-Konzerte von der Idylle im Eigenheim ausbrechende Sänger, dessen Physiognomie und Bewegungsabläufe ihn als eine Art abgefucktere Version von Harald Schmidt erscheinen lassen, beschließt sein Set mit dem bitterbösen und am Album nur als Hidden-Track zu findenden Stampfer "Running The World", sowie – Ironie, Baby! – einer Coverversion des Black-Sabbath-Klassikers "Paranoid". Was haben wir gelacht!

(Wiener Zeitung, 23.1.2007)

Donnerstag, Jänner 11, 2007

Alles auf Hochglanz

- Die Berliner Formation Mia gastiert demnächst in Österreich.
- Wegen Heimatverehrung als "deutschtümelnd" gescholten.

Wien. "Ich will, dass sich die Lager spalten/ Right – ich bin dafür bereit." Auf ihrem 2002 veröffentlichten Debütalbum "Hieb und Stichfest" formulierte die 1997 in Berlin gegründete Band Mia ihren Wunsch nach einer Lagerspaltung vermutlich ein wenig zu leichtfertig: Knappe zwei Jahre später ging er in Erfüllung. Nur hätte sich die zwischen juvenilem Trotz und naiv süßlichem Jungmädchen-Charme changierende Sängerin Mieze (heute: Mieze Katz) das alles etwas anders vorgestellt.
Nationalismusdebatte: Ende der Unschuld

Die Veröffentlichung der Single "Was Es Ist", einer Art Liebeserklärung an Deutschland, zu der sich das Quintett in den Nationalfarben Schwarz, Rot und Gold präsentierte, entfachte eine aufgeladene Nationalismusdebatte.

Von Deutschtümelei war die Rede – oder zumindest von grenzenloser Naivität, die nicht zuletzt dem neuen Selbstvertrauen einer wieder erstarkten deutschen und vor allem deutschsprachigen Popszene entwuchs.

Auf jeden Fall bedeutete diese Phase das Ende der Unschuld einer Band, die gerade das Unschuldige so überzeugend zu verkörpern schien: Mit einer Frontfrau, die in niedlichen und womöglich aus der Garderobe von Nena entlehnten Kostümchen (mit Schulterpolstern!) den "süßen Vogel Jugend" oder die Wichtigkeit von Ökostrom besang.

Was einst als Hochglanz-Punk mit Schwerpunkt auf Mode und Lifestyle und der aufgewärmten Ästhetik der (vormals) Neuen Deutschen Welle begann, gibt sich auf "Zirkus", dem aktuellen Album, heute überraschend unhysterisch auch schon einmal als Gitarrenpop.
Demnächst live in Graz, Wien und Linz.

(Wiener Zeitung, 10.1.2007)

Donnerstag, Jänner 04, 2007

Landflucht mit Folgen

Der Radiosender FM4 feiert seinen zwölften Geburtstag in der Wiener Arena – auch Jarvis Cocker gratuliert

- "FM4=12"-Feier am 20. Jänner in der Arena.
- Jarvis Cocker als Stargast.
- Präsentiert nach Pulp-Jahren sein Soloalbum "Jarvis".

Wien.
In Abwandlung eines Standardsatzes älterer Menschen, der besagt, an den Kindern erkenne man, wie alt man selbst schon geworden sei, erlaubt der am 20. Jänner in der Wiener Arena zu feiernde zwölfte Geburtstag des ORF-Hörfunk-Kindes Radio FM4 auch einen Blick zurück ins Gestern. Damals leistete der am 16. Jänner 1995 erstmals "on air" gegangene und während seiner ersten fünf Bestandsjahre nur elf Stunden täglich Programm ausstrahlende Jugend-Sender vor allem eines:

Er machte die schillernde Artenvielfalt der Popkultur in dieser Form erstmals auch jener Jugend zugänglich, die abseits der Bundeshauptstadt bislang dazu gezwungen war, an ihren Interessen mangels Angebot vorbeizuleben. In die verschiedenen Genres durchforstenden und zumeist bis heute existenten Spezialsendungen vom auf Gitarrenpop britischer Prägung fokussierten "Heartbeat" bis hin zum Grunz-Metal des "House Of Pain" durfte man sich musikalisch sozialisieren lassen. Und die vom Sound der Großstadt ausgelöste Idee einer möglichen Landflucht in Gedanken erstmals weiterspinnen.

Dass der Sender heute beinahe 300.000 Hörer verzeichnet, verdankt er nicht nur dem Umstand, dass er seit dem Jahr 2000 ganztags sendet, sondern auch der damit verknüpften Kommerzialisierung, die sich vor allem in den Nachmittagssendungen nicht überhören lässt.

Der Sender selbst kreierte in diesem Zusammenhang den Begriff "Alternative Mainstream", der nicht ohne Berechtigung bis heute gern mit Spott und Hohn bedacht wird.

Gerade der Blick ins benachbarte Ausland, wo ein ähnliches, seinen Schwerpunkt zumindest über weite Strecken auf die tatsächliche Alternative zum Mainstream setzendes Medium so nicht existiert, untermauert die Unabdingbarkeit des Senders, als dessen Stützen journalistische Persönlichkeiten wie Robert Rotifer und grandiose Querköpfe wie Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger fungieren.

Rarer Gast

Das Geburtstagsfest selbst bringt nun nicht nur den heimischen Elektroniker Binder & Krieglstein, deutsche Kollegen wie Virginia Jetzt!, Monta und das Jeans Team oder den vormaligen God Machine-Vorstand Robin Proper-Sheppard mit dessen immer gern im Weltschmerz badenden Projekt Sophia nach Wien.

Als nicht nur in Österreich weltberühmter Gratulant gibt Jarvis Cocker, kreativer Kopf und Sänger der seit 2002 ruhenden Brit-Band Pulp, eines seiner raren Konzerte zur Präsentation seines schlicht "Jarvis" betitelten Debüts als Solokünstler.

Der 1963 in Sheffield geborene Musiker, der Pulp als schmalbrüstiger 16-Jähriger mit dem stets offen eingestandenen Wunsch nach Ruhm, willigen Frauen und, bittedanke, einem Auftritt in der TV-Sendung "Top Of The Pops" gründete, benötigte zwar dreieinhalb ignorierte Alben, um auch nur in die Nähe dessen zu gelangen.

Doppelbödige Diva

Den ersehnten Durchbruch brachte erst Album Nummer fünf, "Different Class", dessen Singles "Common People" und "Disco 2000" sich musikalisch durchaus am Mainstream orientierten; die aberwitzigen und auch ohne Musik prächtig funktionierenden Texte Cockers, der sich als Pop ebenso zelebrierende wie ironisierende Diva inszenierte, wiesen Spekulationen über einen möglichen Kniefall vor dem Kommerz aber in die Schranken.

Als große Tragik der Band darf bezeichnet werden, dass "This Is Hardcore", im Jahr 1997 veröffentlicht, in seiner nach den Exzessen der unmittelbaren Vergangenheit reichlich verkaterten Grundstimmung eine der essenziellsten Pop-Arbeiten seiner Tage, vergeblich auf Abnehmer wartete.

Fast bürgerlich

Ein Flop, trotz musikalischer Raffinesse und hohem Anspruch an Ästhetik: Im Video zu "Help The Aged" (Zitat: "One day they were just like you. Drinking, smoking cigs and sniffing glue") zieht Cocker auf einem Treppenlift vorbei, während das Booklet des Albums, passend zum einen Koitus in Musik übersetzenden Titelsong, mit von Horst Diekgerdes fotografisch festgehaltener, anrüchiger Nobelpuff-Atmosphäre glänzt.

Nach einem bislang letzten und von Scott Walker produzierten Album ("We Love Life") seiner Stammband sowie Ausflügen in elektronischere Gefilde ("Relaxed Muscle") ist "Jarvis" jetzt eine auf recht gewöhnliche Pop-Produktion bauende Arbeit geworden, die vor allem sanfte Töne anschlägt. Was nicht zuletzt damit zu tun haben dürfte, dass der von Frau und Kind domestizierte Sänger in Paris heute einer Art bürgerlichen Existenz frönt. Eine solche wird auch am Album besungen, ehe es heißt: "I will kill again!" Auch die bitterböse Anti-Kapitalismus-Hymne "Running The World" nährt abschließend die Hoffnung, dass hier jemand trotz aller Beschaulichkeit noch immer etwas zu sagen hat.

(Wiener Zeitung, 5./6./7. Jänner 2007)