Der Radiosender FM4 feiert seinen zwölften Geburtstag in der Wiener Arena – auch Jarvis Cocker gratuliert
- "FM4=12"-Feier am 20. Jänner in der Arena.
- Jarvis Cocker als Stargast.
- Präsentiert nach Pulp-Jahren sein Soloalbum "Jarvis".
Wien. In Abwandlung eines Standardsatzes älterer Menschen, der besagt, an den Kindern erkenne man, wie alt man selbst schon geworden sei, erlaubt der am 20. Jänner in der Wiener Arena zu feiernde zwölfte Geburtstag des ORF-Hörfunk-Kindes Radio FM4 auch einen Blick zurück ins Gestern. Damals leistete der am 16. Jänner 1995 erstmals "on air" gegangene und während seiner ersten fünf Bestandsjahre nur elf Stunden täglich Programm ausstrahlende Jugend-Sender vor allem eines:
Er machte die schillernde Artenvielfalt der Popkultur in dieser Form erstmals auch jener Jugend zugänglich, die abseits der Bundeshauptstadt bislang dazu gezwungen war, an ihren Interessen mangels Angebot vorbeizuleben. In die verschiedenen Genres durchforstenden und zumeist bis heute existenten Spezialsendungen vom auf Gitarrenpop britischer Prägung fokussierten "Heartbeat" bis hin zum Grunz-Metal des "House Of Pain" durfte man sich musikalisch sozialisieren lassen. Und die vom Sound der Großstadt ausgelöste Idee einer möglichen Landflucht in Gedanken erstmals weiterspinnen.
Dass der Sender heute beinahe 300.000 Hörer verzeichnet, verdankt er nicht nur dem Umstand, dass er seit dem Jahr 2000 ganztags sendet, sondern auch der damit verknüpften Kommerzialisierung, die sich vor allem in den Nachmittagssendungen nicht überhören lässt.
Der Sender selbst kreierte in diesem Zusammenhang den Begriff "Alternative Mainstream", der nicht ohne Berechtigung bis heute gern mit Spott und Hohn bedacht wird.
Gerade der Blick ins benachbarte Ausland, wo ein ähnliches, seinen Schwerpunkt zumindest über weite Strecken auf die tatsächliche Alternative zum Mainstream setzendes Medium so nicht existiert, untermauert die Unabdingbarkeit des Senders, als dessen Stützen journalistische Persönlichkeiten wie Robert Rotifer und grandiose Querköpfe wie Fritz Ostermayer und Thomas Edlinger fungieren.
Rarer Gast
Das Geburtstagsfest selbst bringt nun nicht nur den heimischen Elektroniker Binder & Krieglstein, deutsche Kollegen wie Virginia Jetzt!, Monta und das Jeans Team oder den vormaligen God Machine-Vorstand Robin Proper-Sheppard mit dessen immer gern im Weltschmerz badenden Projekt Sophia nach Wien.
Als nicht nur in Österreich weltberühmter Gratulant gibt Jarvis Cocker, kreativer Kopf und Sänger der seit 2002 ruhenden Brit-Band Pulp, eines seiner raren Konzerte zur Präsentation seines schlicht "Jarvis" betitelten Debüts als Solokünstler.
Der 1963 in Sheffield geborene Musiker, der Pulp als schmalbrüstiger 16-Jähriger mit dem stets offen eingestandenen Wunsch nach Ruhm, willigen Frauen und, bittedanke, einem Auftritt in der TV-Sendung "Top Of The Pops" gründete, benötigte zwar dreieinhalb ignorierte Alben, um auch nur in die Nähe dessen zu gelangen.
Doppelbödige Diva
Den ersehnten Durchbruch brachte erst Album Nummer fünf, "Different Class", dessen Singles "Common People" und "Disco 2000" sich musikalisch durchaus am Mainstream orientierten; die aberwitzigen und auch ohne Musik prächtig funktionierenden Texte Cockers, der sich als Pop ebenso zelebrierende wie ironisierende Diva inszenierte, wiesen Spekulationen über einen möglichen Kniefall vor dem Kommerz aber in die Schranken.
Als große Tragik der Band darf bezeichnet werden, dass "This Is Hardcore", im Jahr 1997 veröffentlicht, in seiner nach den Exzessen der unmittelbaren Vergangenheit reichlich verkaterten Grundstimmung eine der essenziellsten Pop-Arbeiten seiner Tage, vergeblich auf Abnehmer wartete.
Fast bürgerlich
Ein Flop, trotz musikalischer Raffinesse und hohem Anspruch an Ästhetik: Im Video zu "Help The Aged" (Zitat: "One day they were just like you. Drinking, smoking cigs and sniffing glue") zieht Cocker auf einem Treppenlift vorbei, während das Booklet des Albums, passend zum einen Koitus in Musik übersetzenden Titelsong, mit von Horst Diekgerdes fotografisch festgehaltener, anrüchiger Nobelpuff-Atmosphäre glänzt.
Nach einem bislang letzten und von Scott Walker produzierten Album ("We Love Life") seiner Stammband sowie Ausflügen in elektronischere Gefilde ("Relaxed Muscle") ist "Jarvis" jetzt eine auf recht gewöhnliche Pop-Produktion bauende Arbeit geworden, die vor allem sanfte Töne anschlägt. Was nicht zuletzt damit zu tun haben dürfte, dass der von Frau und Kind domestizierte Sänger in Paris heute einer Art bürgerlichen Existenz frönt. Eine solche wird auch am Album besungen, ehe es heißt: "I will kill again!" Auch die bitterböse Anti-Kapitalismus-Hymne "Running The World" nährt abschließend die Hoffnung, dass hier jemand trotz aller Beschaulichkeit noch immer etwas zu sagen hat.
(Wiener Zeitung, 5./6./7. Jänner 2007)