Freitag, März 30, 2007

Das Seelenheil ans Hackebeil!

Das Leben, ein Schmerz: Die Nine Inch Nails in Wien

Gut, dass es Trent Reznor gibt. Dank seiner Lieder kann man sich auch als Single immer wieder gewahr werden, dass Liebe nicht nur ein Leben auf pinkfarbenen Wattebauschen hoch droben am Himmel bedeutet, sondern uns auch die leidigste Nebenwirkung seit Erfindung von Herzrhythmusstörungen frei Haus liefert: Jede Menge Schmerzlichkeit.

Diese muss im Werk des 41-Jährigen vor allem über einen gewissen Hang zum Masochismus verstanden werden: Akutes Wohlgefühl, das auf der Hingabe zu einer Frau basiert, darf sich gar nicht erst einstellen – sofern es um mehr als das gute Rein-Raus-Spiel geht. Dieses immerhin wird legitimiert. Das auch heute noch zu einer schnellen Nummer am Disko-Häusl animierende "Closer" zeugt auch in Wien davon: "I want to fuck you like an animal!"

Im Purgatorium

Das ist die Ausnahme. Schließlich stecken wir nach dem überraschend unprätentiös noch bei Licht im Saal gegebenen Opener bereits während der zweiten Nummer ("Last") ganz tief im Dreck. "Ich will, dass du mich nimmst, kaputt machst und wegschmeißt", brüllt Reznor, der es sich im immerwährenden Purgatorium recht ungemütlich einrichtet. Das Seelenheil ans Hackebeil!

Die von schweren Gitarrenriffs und erbarmungslos böllerndem Schlagzeug getragene Nummer steht exemplarisch für ein Konzert, das mit "Wish", "Suck" oder "March Of The Pigs" vor allem jene Phase fokussiert, in der die Nine Inch Nails ihren ursprünglich elektronischeren Industrialsound in Richtung Musik für die ganz harten Kerle radikalisierten. Eins, zwei, dresch: Der heute nicht mehr von Drogen, sondern einer Mitgliedschaft im Fitnessstudio gezeichnete Reznor lässt sich und dem Publikum kaum Zeit zum Luftholen.

Das tolle Joy-Division-Cover "Dead Souls" sowie die überlebensgroße Ballade "Hurt" bilden zwei Höhepunkte. "Survivalism" ausgenommen, wurde das Material des demnächst erscheinenden neuen Albums ("Year Zero") für den Auftritt am Frequency-Festival aufgespart. Erst dort darf die Apokalypse besungen werden. Auch Vorfreude ist eine Qual. Wunschloses Unglück!

(Wiener Zeitung, 31.3./1.4.2007)

Mittwoch, März 28, 2007

George Orwell lässt grüßen

- Nine Inch Nails gastieren in Wien.

Wien. Aus einem Auto fängt eine Handkamera das vorbeiziehende Brachland ein, als zu markdurchdringenden Störgeräuschen eine apokalyptische Erscheinung ins Bild drängt: Der Clip, der seit Wochen durch das Internet geistert, ist nur einer von zahlreichen Hinweisen auf das im April erscheinende, fünfte Studioalbum des als Nine Inch Nails bekannten US-Amerikaners Trent Reznor.

"Year Zero" setzt sich mit unserer im Jahr 2022 endgültig aus den Fugen geratenen Welt auseinander. Zur Bewerbung werden auf aufwändig gestalteten Homepages, die das Bild einer in der Tradition von George Orwells Roman "1984" stehenden Gesellschaft zeichnen, die Grenzen zwischen Marketing und Gesamtkunstwerk genialisch aufgehoben.

Nicht umsonst gilt der 1965 Geborene als Kontrollfreak. Als eifriger Songwriter arrangiert, programmiert und produziert er seine Lieder nicht nur weitestgehend selbst, er spielt auch alle Instrumente im Alleingang ein. Nur live – wie heute, Donnerstag, und morgen in Wien – darf auch die Band ran: Destroy!

(Wiener Zeitung, 29.3.2007)

Mittwoch, März 14, 2007

Catwalk, der durchs Ghetto führt

Früher konnte man Nelly Furtado schon einmal in Jeans sehen, in Schlabberhosen und Tops, die für Frauen adaptierten Unterhemden Edmund "Mundl" Sackbauers glichen, an den Füßen Schuhe der Marke Mirdochegal.

Das war damals, als die in Kanada aufgewachsene Songwriterin als sympathische Ausnahmeerscheinung in den Tiefen des Musikfernsehens mit hervorstechend unaffektierten, akut lebensbejahenden Liedern dazu beitrug, dass man zumindest ein schlechtes Gewissen hatte, wenn man sich über all das allzu ausufernd mokierte.

Dann geschah Folgendes: Vermutlich während des Cruisens in der Mercedes S-Klasse entschied der als Produzentengott in Hinsicht auf heute die Charts dominierende schwarze Musik geltende Tim Mosley alias Timbaland, einen Teil seiner "fetten Beats" an Nelly Furtado abzutreten und das Küken damit in eine Braut, der der Gangsta vertraut, umzupolen.

Deshalb sehen wir zu den Tönen von "Say It Right" nun auch in Wien eine auf hohen Hacken stelzende Pradaschlampe, die auf ihrer als Catwalk konzipierten Bühne zunächst einmal kundtut: Ich habe mich assimiliert – und das ist gut so!

Während sich im hinteren Teil Furtados Musiker darum bemühen, einem Mehr aus Show auch ein wenig Konzert abzugewinnen, geht es im Vordergrund bei den auch als Einklatschmännchen aktiven Tänzerpaaren um die Quadratur des Kreises, sprich: Eine Annäherung zwischen Staatsopernballett und Breakdance. Das geht zwar nicht gut, lustig anzusehen ist es allemal!

Sound ohne Genierer

Nach dem mit Umhängekeyboard gegebenen "Do It" aus dem hier eigentlich zu präsentierenden Album "Loose", zieht sich die 28-Jährige zurück in den ruhigeren, zwischen schmuseweichem Kuschelrock und Balladen für die Frau von Heute changierenden Teil ihres Repertoires: Sie lässt sich bei "Try" über weite Strecken nur von ihrem Pianisten begleiten, gibt eine akustische Coverversion des Gnarls-Barkley-Hits "Crazy" und sülzt sich durch eine bisher unveröffentlichte Nummer, ehe "All Good Things" das Licht am Ende des Tunnels bedeutet.

Zu einer herzergreifenden Kindermelodie, von der man nicht weiß, ob sie uns traurig oder fröhlich machen will, heißt es da: "Flames to dust/ Lovers to friends/ Why do all good things come to an end?" Das muss man sich schon fragen.

Schließlich soll es zur großen Ghetto-Sause kommen. Allein: Der Gasometer-Sound matscht mit "Promiscuous" und "Maneater" die – frei nach Hans Krankl – Zuckerseite des Mainstreams ohne Genierer zu Tode.
Wir kamen in Freundschaft! Am Ende aber bleibt stehen: Es hätte schön sein können.

(Wiener Zeitung, 9.3.2007)

Im Bauchtanz durch den Einheitsbrei

Zwischen Schlagerkarussell und Langeweile: Shakira, kolumbianischer Pop-Export Nummer Eins, war in Wien.

Nicht nur einmal hören wir Depeche Mode, und später, als ins Dunkel der Halle drängender Auftakt, "Baba O'Riley" der wiedervereinten The Who. Drei dringliche Akkorde zur Vertonung von Ungezwungenheit im "Teenage Wasteland", ein Schlachtruf zum Ausbruch und alles vom Band: Mit Shakira, dem hier gleich auftretenden kolumbianischen Popexport Nummer eins hat das zwar nichts zu tun. Nachdem gemäß den Traditionen des gern vor den Bedürfnissen der Märkte – Stichwort: Flexibilität als Gesinnungslosigkeit – auf die Knie gehenden Mainstream-Pop aber ohnehin "alles geht", muss gelten: Die Zusammenhänge dürfen schlafen, wenn es der ganzen Familie doch bitte den "Pop der Sensationen" ins Haus zu liefern gilt.

Das Leben, ein Hit

Da stört es kaum, dass der Oberbegriff Pop erst gar nicht zu greifen vermag. Immerhin hören wir gleich eingangs mit "Estoy Aqui" oder dem zwei locker aus den Hüften geschobene Bauchtänze und drei Umziehpausen später gegebenen "Ciega Sordomuda" die lateinamerikanische Ausformung dessen, was man hierzulande von Quotenbringern wie dem Schlagerkarussell oder der Starnacht im Montafon her kennt: Eins, zwei, drei – und jetzt alle!!

Es liegt nicht zuletzt an den dank unserer Sozialisation in allgemeinbildenden höheren Schulbands sehr vertrauten Aneinanderreihungen stets eine Spur zu aufgesetzter Gitarrenakkorde bei "Pies Descalzos" oder "Si Te Vas", dass man bald unangenehm überrascht wird: Entgegen dem ungeschriebenen aber im Kommerzpop von Aguilera bis Williams üblicherweise auch exekutierten Gesetz einer Steigerung von Nummer zu Nummer wird Shakira nämlich sehr schnell sehr langweilig: viel Einheit, viel Brei.

Etwas aus dem Konzept fallende Hits wie das mit Ethnopop der Marke Songcontest agierende "Ojos Asi" oder das bezüglich Chartpositionen mit Raps auf eine sichere Bank setzende "Hips Don’t Lie" können den Karren nicht mehr aus dem Dreck ziehen.
Man hat die Stadthalle auch schon begeisterter erlebt. Gerne, liebend gerne wäre man bei John Cale gewesen.

(Wiener Zeitung, 8.3.2007)

Von oraler Fixierung und der Erotik des Clubs

- Shakira gastiert am 6. März in der Wiener Stadthalle
- Nelly Furtado tags darauf im Wiener Gasometer

Wien. Es ist ein Teufelskreis. Wenn in den Gymnasien zwecks Auflockerung der Unterrichtseinheiten Spanisch nämlich auch gelehrt wird, indem man die Schüler mit den "canciones nuevas", also den neuen Liedern international reüssierender Nativespeaker von Ricky Martin oder eben auch Shakira quält, steht es mitunter schlecht um den Lernerfolg. Frei nach Karl Valentin gilt hier bei privat, wenn es schon spanisch sein muss, eher Manu Chao oder Molotov frönenden Jugendlichen noch immer das Motto: Nicht einmal ignorieren.

So braucht es dann das Internet und eines seiner Zeitverschwendungsangebote wie etwa Homepages mit schlechten deutschen Übersetzungen jener Texte, deren Sprache man aufgrund gerade beschriebener Jugendtorheiten selbst leider nicht beherrscht. Im Falle von Shakira lauten gefundene Zeilen wie folgt: "Gib diesen Knochen einem anderen Hund!", "Ay, Liebe tut mir so weh!" oder "Du bliebst nackt und kamst durch die Dinosaurier".

Nur Spanisch verstehen

So wird man zwar auch über weite Strecken des Wien-Konzertes der derzeit laufenden Tournee Shakiras – bürgerlich Isabel Mebarak Ripoll – nur Spanisch verstehen. Nicht zuletzt aufgrund einer beachtlichen und so vermutlich gar nicht erwarteten Welt-Karriere, die sich zahlenmäßig mit mehr als 30 Millionen verkauften Platten auf den Punkt bringen lässt, singt der aus Kolumbien gebürtige Pop-Superstar seit 2001 aber immer wieder auch in englischer Sprache.

Reichlich totgespielte Hits im Zeichen eines mit lateinamerikanischem Temperament versetzten Mainstream-Pop wie "Whenever, Wherever" oder, aktueller, "Hips Don’t Lie" aus dem von Produzentenkoryphäe Rick Rubin (Slayer, Johnny Cash!) aufpolierten Album "Oral Fixation Vol. 1" zeugen davon.

Etwas gespannter darf man dem tags darauf im Gasometer stattfindenden Konzert von Nelly Furtado entgegenblicken. Die als Arbeiterkind mit portugiesischen Wurzeln in Kanada aufgewachsene Songwriterin schuf auf "Whoa, Nelly!", ihrem Debüt aus 2000, nicht nur in seiner weltum armenden Leichtigkeit durchaus sympathischen Pop kommerzieller Prägung. Im Gegensatz zu den schmachtenden, im Zweifelsfall doch auf die Ankunft des Märchenprinzen wartenden Schnulzenköniginnen gefiel vor allem ihre Position als junge Unabhängige: "Ich bin wie ein Vogel . . ."

Mit Timbaland, dem Überproduzenten in Sachen zeitgenössischer "schwarzer Musik", setzt die 28-Jährige auf mit durchaus vom Gangsta-Rap her kommenden Beats und einem schwere Geschütze auffahrenden Elektro-Sound heute auf die Erotik der Clubkultur: Und das rockt so übel nicht!

(Wiener Zeitung, 1.3.2007)