Montag, Juli 23, 2007

Liebeslieder vom Bord-Computer

Schönheit als oberste Maxime: Das französische Duo Air gastierte in der großen Halle der Wiener Arena

Eine verkürzte Version des Instrumentalstücks "Radian" aus 2001 steckt das Feld gleich eingangs ab: Nach esoterischen Gesängen der Sorte "gestern, beim Tischerücken" und reichlich Harfe dürfen hier gleich drei Tastenmänner in die Vollen greifen. Zu einem verhalten aus den Fellen gewischten Rhythmus im Zeichen des Wohlfühl- und Frühstücksradios gesellt sich der sanft wärmende Klang des lässig jazzenden Fender Rhodes ebenso wie ein in Richtung Kitsch gerollter Soundteppich aus dick aufgetragenen Keyboard-Streichern und Flötenklängen. Abgestimmt mit ein paar Tönen aus der Wanderklampfe vom letzten Teneriffa-Urlaub kommt man hier schnell zu einer ersten, entscheidenden Erkenntnis: Die Welt ist schön! Man muss sie bloß durch die rosarote Brille betrachten.

Debüt "Moon Safari"

Es nimmt nicht wunder, dass Air um die aus Versailles stammenden Sound-Ästheten Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel gerne vorgehalten wird, Fahrstuhl-Musik, potentielle Soundtracks für Softpornos oder Berieselungs-Klänge für die Chill-Out-Lounge zu gestalten. Immerhin kam mit "Moon Safari" bereits das 1998 veröffentlichte Debütalbum des Duos im Fahrwasser einer Bewegung daher, die überwiegend elektronisch produzierte und vom Jazz her inspirierte Musik vor allem als Nebenbei-Behübschung entwerten wollte.

Breit angelegte wie üppig ausgeformte Arrangements zu Lasten aussagekräftiger Texte bedeuten zwar, dass die Form dabei weit über dem Inhalt steht. Wie nun auch das mit 75 Minuten eher knapp bemessene, kurzerhand vom Open-Air-Gelände in die große Halle der Wiener Arena verlegte Konzert des Duos untermauerte, wohnt all dem aber eine eigentümliche Tiefe inne.

Magie und Sehnsucht

Schönheit existiert bei Air nämlich nicht um ihrer selbst Willen. Sie wird zur Maxime erkoren und als ästhetisches Gesamtkonzept inszeniert. Auf Kosten möglicherweise spannender Ecken und Kanten kennt sie keine Makel – und darf nicht gebrochen werden. Was die Band nicht zuletzt aus ihrer experimentelleren, 2001 auf hohem Niveau gescheiterten Arbeit "10.000 Hz Legend" schmerzhaft lernen musste.

Auch wenn die maulfaule Band keine großen Geschichten erzählt, schöpft sie in der Arena vor einem mit Glühlämpchen errichteten Sternenhimmel aus einer Magie, die Sehnsucht heißt. Mit "Cherry Blossom Girl" hören wir etwa einen in Musik übersetzten feuchten Traum, in dem zu picksüßen 80er-Jahre-Synthesizern eine Amour Fou herbeigewünscht wird.

Mensch und Maschine

In bester Kenntnis des in der Populärkultur spätestens seit Kraftwerk thematisierten Spannungsverhältnisses zwischen Mensch und Maschine werden bei Air Herzensangelegenheiten aber auch durch bewusst unterkühlte Elemente konterkariert: So klingt Dunckels durch einen Vocoder geschickte Stimme ausgerechnet bei dem eher als Liebeslied zu verstehenden "Remember" nach einem singenden Spaceshuttle-Bord-Computer aus einschlägigen Science-Fiction-Filmen. Auch ich habe Gefühle!

Alte Gassenhauer im Zeichen eines latent durchgeknallten Space-Pop wie "Kelly Watch The Stars" oder "Sexy Boy" gefallen dem Publikum ebenso wie das mit schwer gesetzten Klavierakkorden veredelte "Napalm Love" oder das japanophile "Mer du Japon" aus dem heuer veröffentlichten Album "Pocket Symphony" – auch wenn das live alles genauso klingt wie auf Platte. Erst das final zum Sturm ansetzende "La Femme d’Argent" zeigt, was hier musikalisch möglich gewesen wäre: Tja.

Dass mit den Besuchern, wenn überhaupt, eher per "Bord-Computer" interagiert wird, versteht sich an diesem durchgestylten Abend jedenfalls von selbst: "A-r-e y-o-u r-e-a-d-y?" Aber immer doch!

(Wiener Zeitung, 24.7.2007)

Montag, Juli 16, 2007

Großmeister des Pop, Zeremonienmeister der Gefühle

George Michael triumphierte in Wien: Bei einem Konzert anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums

Herzschmerz, Kummer, Not, Stand, Jubel, Trubel, Sexy-Time! Sie haben es vielleicht schon bemerkt: Bei einem Konzert des britischen Pop-Barden George Michael ist es mit den Gefühlen immer so eine Sache. Ganz wie im echten Leben da draußen geben einander auch auf den Brettern einer Welt aus Schall und Rauch die Pole "ganz unten" wie "hoch droben" und "gut drauf" die Klinke in die Hand. Dumm zwar, aber hey: Gemeinsam schaffen wir das schon!

Tatsächlich darf dieses Wirrwarr der Emotionen aber genüsslich ausgekostet werden, wenn der 44-jährige Brite es als Zeremonienmeister zur Kunst erhebt: Wie kaum ein anderer Vertreter des Mainstream-Pop der edlen Sorte versteht es der Mann mit der Götterstimme seit seinen Anfängen mit der vor allem für klassischen Dandy- und Yuppiepop stehenden Band Wham!, alles, was "menschelt", in Lieder zu gießen. Zum einen hören wir mit "Jesus To A Child" oder "Careless Whisper" Paradebeispiele der Schmachtballade, die dem sentimentalen Trottel in uns schnell eine Träne ins Auge drückt – Katharsis frei Haus. Zum anderen geht es zu sexualisierten Sounds natürlich auch um die schönen Triebe, denen man, wie uns etwa das anständig groovende "Outside" lehrt, am Sofa, am Küchentisch oder doch am besten in freier Natur stöhnend freien Lauf lässt. Sublimierung heißt das Wort dafür, und davon setzt es reichlich.

Eine sich vom Dunkel der Hallendecke ins Publikum mäandernde Videowall liefert mit gnadenlos bunten Farbklecksen und eng mit dem Kitsch befreundetem Firlefanz wie einem strahlenden Erdbeerherz zusätzlich Stimuli. Auf dieser seltsam leeren, weil einzig auf unseren Helden zugeschnittenen Plattform, kann es sich der Sänger gemütlich einrichten. Erst weit hinten thront seine Begleitband auf einem dreistöckigen Gerüst – und heizt von dort aus sauber ein. Ein sechsköpfiger Backgroundchor der Neigungsgruppe Gospel-Messe unterstützt die zumeist auf einem Nährboden aus Soul und Funk erbauten Songs, über denen sich Michaels immer noch erhabene Stimme frei entfalten kann.

Neueres Material wie das auf einem treibenden House-Beat errichtete "Flawless" oder "An Easier Affair" fügt sich nahtlos in alte Hits wie "Faith", "Father Figure" und die Wham!-Klassiker "Edge Of Heaven" und "I’m Your Man". Die Party geht hier mächtig ab. Und Tony Blair sowie George W. Bush werden nicht nur als aufgeblasene Riesenpuppen schön respektlos durch den Kakao gezogen.

Die musikalische Souveränität und eine nicht zuletzt auf das Charisma der Pop-Ikone zurückzuführende Sexyness leisten während einer Konzertdauer von gut zwei Stunden wohltuend vor allem eines: Sie strafen all jene Lügen, die Hampelmänner wie Justin Timberlake aktuell als "King Of Pop" sehen wollen. Großer Pop ist anders. Wie im finalen "Freedom ’90" legt er dem Alltag den Strick um. Oder er hilft, ihn zumindest besser zu meistern: "Meine Kreditkarte kannst du haben. Aber mein Herz, das kriegst du nicht". Oh, Baby!

(Wiener Zeitung, 17.7.2007)

Herzenswärme in einer Affenhitze

Vor 35.000 Zusehern ging das Nuke-Festival in St. Pölten über die Bühne: Mit guten wie bösen Überraschungen

Das Gute am zweiten und letzten Tag des Nuke-Festivals in St. Pölten: Man muss auch während des Headliners nicht besonders weit von der Bühne entfernt stehen, um genug Platz für sich selbst zu haben.

Eingedenk der Tatsache, dass mit den pophistorisch nicht gerade unbedeutenden Beastie Boys hier nicht irgendwer auf der Bühne steht, darf man sich über die mit diesem Umstand einhergehende, eher an eine Sonntagsmatinee im Seniorenheim erinnernde Stimmung doch recht wundern. Nach knapp vierzig Minuten setzt eine beachtliche Publikumsabwanderung zur in der Halle befindlichen "Moon Stage" ein, wo das deutsche Hip-Hop-Kollektiv Freundeskreis auftritt. Spricht Bände, ist aber so.

Zum einen irritiert das samt "Mixmaster" Mike und Tastenmann Money Mark auftretende Trio mit einer Handvoll Instrumentaltracks im Zeichen eines nur vorsichtig groovenden Soul-Funk jenen Teil des Publikums, der die Beastie Boys von der Maturareise her noch als Soundtrack zum Sangria kennt. Zum anderen hätte man sich auch festivaltauglicheres Material wie "Shake Your Rump" oder "Brass Monkey" etwas druckvoller vorgestellt.

Auf Basis "fetter Beats" zu mehr oder weniger verqueren Samples und ordentlich Scratching hört man über weite Strecken ein und dasselbe Lied. Und wer vom Punk her kommende Bubendummheiten wie "Heart Attack Man" oder "Tough Guy" heute noch braucht – nun ja. Auch große Hits wie "Intergalactic" oder "Sabotage" können abschließend nicht darüber hinweg täuschen, dass man soeben den wahrscheinlich enttäuschendsten Headliner der letzten Jahre gesehen hat – auch trotz dessen immer noch grandioser Optik.

Generell steht der Samstag eher im Zeichen von "schwarzer Musik". Unter brütender Hitze spielt sich am späten Nachmittag etwa der aus der Elfenbeinküste gebürtige Alpha Blondy durch sein von gesellschaftspolitischen Texten durchzogenes Werk.

Passend zu relaxtem Reggae riecht es hier nicht schlecht nach Gras, wo man doch eigentlich auf Schotter steht. Die mit echten Instrumenten auf hausgemachten Hip-Hop setzenden Roots verlaufen sich live mitunter in etwas anstrengend virtuose Einschübe, während die Berliner Bardin Joy Denalane in der Halle zwar weichgespülten, aber dennoch nicht unsympathischen Soul präsentiert.

Neben dem obligatorischen Konzert von Wir Sind Helden und den gewohnt souveränen Lambchop bringt dieser Tag in Niederösterreich aber auch eine große Überraschung: Das blinde, aus Mali stammende Paar Amadou & Mariam sorgt nicht bloß für "das" Konzert des Tages – sondern für eines der beeindruckendsten Live-Erlebnisse seit langem.

Repetitiv treibende Gitarrenriffs mit starkem Bezug zum westlichen Rock’n’Roll verbinden sich unter Einfluss von Pop und Disco (!) mithilfe malischer Gesänge zu Mantras, deren Wirkung mit ekstatisch noch sehr verhalten umschrieben wäre. Hier hat sich die Welt umarmt – und einem heißen Tag ein Mehr an Herzenswärme abverlangt. Toll!

(Wiener Zeitung, 17.7.2007)

Donnerstag, Juli 12, 2007

Und nach uns die Sintflut!

Keine Frage: So jung wird man wohl länger nicht mehr zusammen kommen. Während sich in den ersten fünfzehn, zwanzig Reihen des Open-Air-Geländes in der Wiener Arena vor allem junge Menschen tummeln, denen die Matura noch bevorsteht, geht es auf der Bühne nicht viel älter zu. Nach der 70er-Jahre affinen und dabei überwiegend herbstlich gestimmten Vorband The Coral, die aus Musikern in ihren Mittzwanzigern besteht, ist auch bei den Arctic Monkeys das älteste Mitglied erst 22.

Das Alter schlägt sich bei dem im Gegensatz zu ihrem Support-Act deutlich weniger geschichtsbewussten und eher im Hier und Heute verorteten Quartett auch insofern nieder, als dass es ein eigentümliches Vorrecht der Jugend einfordert: Jenes, alles niederzureißen – wie sich das eben gehört. Mit ordentlich Donner, Kawumm und Padauz gilt es, einen gehörigen Überschuss an Energie, Kraft und Hormonen lautstark wie unbekümmert in Rockmusik zu übersetzen. Nach uns die Sintflut!

Dementsprechend wird auch begonnen: Matthew Helders erbaut mit seinem sich selbst und uns allen nichts schenkenden Schlagzeugspiel eine rhythmisierende Bahn, auf der Frontman Alex Turner und Jamie Cook mit nervösen Stakkatogitarren zum Sprint ansetzen, um diesen noch bis weit über die Ziellinie fortzuführen. "The View From The Afternoon" oder "Brianstorm" poltern am Anfang und untermauern, was diese Band in sich vereint: Den jugendlichen Esprit von Hard-Fi, die Clubtauglichkeit von The Gossip und die vom Punk her kommende Frechheit von Art Brut.

Nicht nur Hype

Dass die Arena mit mehr als 3000 Besuchern aus allen Nähten platzt und draußen ungewohnt viele Kartensuchende noch auf die Pirsch gehen, überrascht nicht. Immerhin lässt sich durch die Arctic Monkeys schön darlegen, dass sowohl Pop als auch Journalismus vor allem ohne eines nicht funktionieren: Den Hype. Aufgrund von im Internet zur Verfügung gestellten Songs wurde die Formation bereits vor Veröffentlichung ihres Debütalbums aus 2006 über den grünen Klee gelobt – und anschließend mit Superlativen in den Olymp geschrieben.

Unschwer erkennbar deutlich von den Libertines geprägte und fürs alternative Radio zurecht geschnittene Nettigkeiten wie "Mardy Bum" oder "Fluorescent Adolescent" sprechen eine andere Sprache.

Interessant werden die Arctic Monkeys dort, wo sie ihrem druckvollen Œuvre auf deutlich eigenständigerer Basis ein Mehr an Gefühligkeit abgewinnen – etwa bei den mit melancholisch schwebenden Gitarren veredelten Nummern "Do Me A Favour" oder "If You Were There, Beware", die auch live hervorstechen.
Der Rest ist auf Platte wie auch im Konzert gut. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

(Wiener Zeitung, 13.7.2007)

Edelpop in Reinkultur

- George Michael kommt nach Wien

Wien. Ein Besuch der Internetplattform Youtube sei all jenen ans Herz gelegt, die sich auf das, wie es heißt, aus "produktionstechnischen Gründen" vom Open-Air-Gelände auf der Wiener Donauinsel in die Stadthalle verlegte Konzert des britischen Pop-Superstars George Michael einstimmen wollen.

Bei der Sichtung diverser Mitschnitte seiner aktuellen "25 Live Tour" stößt man auch auf ein Konzert im Londoner Wembley-Stadion, bei dem der ursprünglich als Georgios Kyriacos Panayiotou geborene Sänger seinen Hit "Freedom 90" angesichts einer mit 100 Stunden Sozialdienst nur knapp entgangenen Haftstrafe wegen einer Autofahrt unter Drogeneinfluss so ankündigt: "Freiheit ist dieser Tage das wichtigste Wort. Lasst sie euch von niemandem rauben!"

Skandal und Soul

Der 1998 durch "Cruising" in einer öffentlichen Toilette zu seinem Coming-Out gebrachte und zuletzt seiner Vorliebe für lustige Zigaretten und damit verbundenen Skandalen wegen in der Yellow Press als Dauergast präsente Barde will mit seiner ersten Welttournee seit 15 Jahren nun auch wieder musikalisch auf sich aufmerksam machen. Zur Vermarktung eines weiteren Best-Of-Albums kommt der 44-Jährige ohne neues Material nun also auch nach Österreich.

Dabei wird er nicht nur sein mit fünf Studioalben quantitativ eher mageres, aber mit Soul und Funk angereichertem Pop der Sorte edler Mainstream auch heute noch gern gehörtes Solowerk abfeiern. Auch für Referenzen an Michaels Anfänge im Dandy-Pop seiner früheren Band Wham! ("Careless Whisper", "Club Tropicana") wird in Wien gesorgt sein: Sabber, schmacht, freu!


(Wiener Zeitung, 12.7.2007)

Montag, Juli 09, 2007

Kleinode des Spinnertums

- CocoRosie am Mittwoch in der Szene Wien

Wien.
Wer sich für schwer am Randbereich in Richtung Eigenbrötlerei und Spinnertum angesiedelten Pop der herzzerreißend schönen und vor allem sinnbetörenden Sorte erwärmen kann, bekommt hier zweifelsohne Großes geliefert: Seit 2004 schmiedet das aus den Schwestern Sierra und Bianca Casady bestehende US-amerikanische Duo CocoRosie eklektizistische - um ein vom Aussterben bedrohtes Wort zu gebrauchen - Kleinode der zeitgenössischen Popmusik.

Wattebauschige, somnambule Harfenklänge und tendenziell eher verstimmtes Piano paarten sich auf dem 2004 erschienenen Erstling "La Maison De Mon Rêve" etwa mit zart angeschlagenen akustischen Gitarren über spartanisch gehaltenen und bewusst dilettantisch angesetzten "Beats" zu einem auch aus Gospel, hauptsächlich aber aus "klassischem" Folk schöpfenden Konglomerat unterschiedlichster Stile.

Der unfertige Habitus oft nur fragmentarisch angerissener Songskizzen korrelierte dabei mit konsequent durchgezogener Lo-Fi-Ästhetik, sprich: Einem schön mieselsüchtigen Sound, der angeblich von Aufnahmesessions in der Badewanne einer Pariser Wohnung herrühren soll.

Der mit freundlicher Unterstützung des New Yorker Barden Antony – mit dem CocoRosie 2005 auch am Jazzfest Wien auf der Bühne standen – sowie Devendra Banhart entstandene Nachfolger "Noah’s Ark" baute auf dem Fundament weiter, ehe es auf der im April veröffentlichten "The Adventures Of Ghosthorse And Stillborn" zu einer gravierenden Zäsur kam.

Unter Führung der zwischen theatralischem und für Pop in ungewohnter Nähe zu bei Klassik-Diven abgeschautem Operngesang und kindlich quäkenden Vokalübungen vom Zuschnitt der genialischen Joanna Newsom changierenden Stimme Sierra Casadys öffnet sich das Duo hier erstmals deutlich vom Pop her kommenden Momenten: Das diesmal auch sauber ausproduzierte und mit elektronischen Beats der Sorte Trip Hop unterfütterte Album gibt sich zugänglicher - und ist zugleich das bisher stringenteste der Band. Uneingeschränkte Empfehlung!

(Wiener Zeitung, 10.7.2007)

Freitag, Juli 06, 2007

Feuchte Herrenstunden für Sitzpinkler

Nachdem man im offiziellen Metallica-Fanforum noch gelesen hat, dass es sich auch weitgereiste Fans am Nachmittag im Schweizerhaus bei reichlich Hopfentee gemütlich machen wollen, geht es im ÖBB Intercity nach Wien bereits vormittags ordentlich in die Vollen: Junge Männer diskutieren hier nicht nur über die musikalischen Heroen ihrer Jugend oder den Eurofighter-U-Ausschuss. Nach einigen mit Vodka hinuntergespülten Bieren setzt es auch lauthals durch den Wagon posaunte Bezeichnungen für Geschlechtsteile oder den einen oder anderen Laut aus der Magengrube.

Die Frauen hat man heute zu Hause gelassen, denn: Nichts eignet sich besser für einen Männerausflug als eine Reise zu einem Konzert der US-Metalband Metallica, und man darf die gesellschaftliche Bedeutung all dessen nicht unterschätzen. Handelt es sich dabei doch um einen Urlaub vom daheim längst zur Selbstverständlichkeit gewordenen Sitzpinklertum, der nur als letztes Aufbegehren einer in die Schranken gewiesenen Männlichkeit gedeutet werden kann. Die Folgen: In St. Pölten schafft man es noch torkelnd auf’s WC. Der Wiener Westbahnhof bedeutet dann aber in doppelter Hinsicht Endstation. Es ist 13.30 Uhr.

Wer vier Stunden später wieder stehen kann, muss am Rotundenplatz zunächst den deutschen Goth-Rock-Export Oomph! überstehen. Im Anschluss steht mit Heaven And Hell eine Truppe auf der Bühne, die mit ihrer Pionierarbeit in Sachen Heavy-Metal Bands wie Metallica den Weg ebnete. Die Band, unter der man im wesentlichen Black Sabbath, nur ohne Ozzy Osbourne, aber mit Ronnie James Dio meint, spielt sich durch ihre Klassiker des 70er-Jahre-Metal. Das Publikum weiß es nicht zu schätzen: "Wer is’n des?!?"

Schließlich also Metallica. Es ist ein gewohnter Triumphzug, der sich wie auch bei den letzten Österreich-Auftritten des Quartetts aus allen Hits seiner 26-jährigen Geschichte speist. Bei einer Setlist von "Seek & Destroy" über "Master Of Puppets" bis hin zu "The Memory Remains" darf Lars Ulrich vor 35.000 Besuchern das trommelnde Urvieh geben, während James Hetfield vorführt, dass er noch immer grimmige Fratzen schneiden kann. Robert Trujillo beeindruckt am Bass und Kirk Hammett schmettert ausschweifende Soli: Alles wie gehabt. Sowohl die noch immer aktuelle Arbeit "St. Anger" aus 2003 als auch Material aus dem angeblich Anfang 2008 zu veröffentlichenden neuen Album bleibt ausgespart.

Ein Problem: Alles rockt und macht Freude – nur kennt man es schon im Schlaf. Wie sagt der gut eingespritzte Fan? Nachschub, bitte!

(Wiener Zeitung, 7./8.7.2007)