Eine verkürzte Version des Instrumentalstücks "Radian" aus 2001 steckt das Feld gleich eingangs ab: Nach esoterischen Gesängen der Sorte "gestern, beim Tischerücken" und reichlich Harfe dürfen hier gleich drei Tastenmänner in die Vollen greifen. Zu einem verhalten aus den Fellen gewischten Rhythmus im Zeichen des Wohlfühl- und Frühstücksradios gesellt sich der sanft wärmende Klang des lässig jazzenden Fender Rhodes ebenso wie ein in Richtung Kitsch gerollter Soundteppich aus dick aufgetragenen Keyboard-Streichern und Flötenklängen. Abgestimmt mit ein paar Tönen aus der Wanderklampfe vom letzten Teneriffa-Urlaub kommt man hier schnell zu einer ersten, entscheidenden Erkenntnis: Die Welt ist schön! Man muss sie bloß durch die rosarote Brille betrachten.
Debüt "Moon Safari"
Es nimmt nicht wunder, dass Air um die aus Versailles stammenden Sound-Ästheten Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel gerne vorgehalten wird, Fahrstuhl-Musik, potentielle Soundtracks für Softpornos oder Berieselungs-Klänge für die Chill-Out-Lounge zu gestalten. Immerhin kam mit "Moon Safari" bereits das 1998 veröffentlichte Debütalbum des Duos im Fahrwasser einer Bewegung daher, die überwiegend elektronisch produzierte und vom Jazz her inspirierte Musik vor allem als Nebenbei-Behübschung entwerten wollte.
Breit angelegte wie üppig ausgeformte Arrangements zu Lasten aussagekräftiger Texte bedeuten zwar, dass die Form dabei weit über dem Inhalt steht. Wie nun auch das mit 75 Minuten eher knapp bemessene, kurzerhand vom Open-Air-Gelände in die große Halle der Wiener Arena verlegte Konzert des Duos untermauerte, wohnt all dem aber eine eigentümliche Tiefe inne.
Magie und Sehnsucht
Schönheit existiert bei Air nämlich nicht um ihrer selbst Willen. Sie wird zur Maxime erkoren und als ästhetisches Gesamtkonzept inszeniert. Auf Kosten möglicherweise spannender Ecken und Kanten kennt sie keine Makel – und darf nicht gebrochen werden. Was die Band nicht zuletzt aus ihrer experimentelleren, 2001 auf hohem Niveau gescheiterten Arbeit "10.000 Hz Legend" schmerzhaft lernen musste.
Auch wenn die maulfaule Band keine großen Geschichten erzählt, schöpft sie in der Arena vor einem mit Glühlämpchen errichteten Sternenhimmel aus einer Magie, die Sehnsucht heißt. Mit "Cherry Blossom Girl" hören wir etwa einen in Musik übersetzten feuchten Traum, in dem zu picksüßen 80er-Jahre-Synthesizern eine Amour Fou herbeigewünscht wird.
Mensch und Maschine
In bester Kenntnis des in der Populärkultur spätestens seit Kraftwerk thematisierten Spannungsverhältnisses zwischen Mensch und Maschine werden bei Air Herzensangelegenheiten aber auch durch bewusst unterkühlte Elemente konterkariert: So klingt Dunckels durch einen Vocoder geschickte Stimme ausgerechnet bei dem eher als Liebeslied zu verstehenden "Remember" nach einem singenden Spaceshuttle-Bord-Computer aus einschlägigen Science-Fiction-Filmen. Auch ich habe Gefühle!
Alte Gassenhauer im Zeichen eines latent durchgeknallten Space-Pop wie "Kelly Watch The Stars" oder "Sexy Boy" gefallen dem Publikum ebenso wie das mit schwer gesetzten Klavierakkorden veredelte "Napalm Love" oder das japanophile "Mer du Japon" aus dem heuer veröffentlichten Album "Pocket Symphony" – auch wenn das live alles genauso klingt wie auf Platte. Erst das final zum Sturm ansetzende "La Femme d’Argent" zeigt, was hier musikalisch möglich gewesen wäre: Tja.
Dass mit den Besuchern, wenn überhaupt, eher per "Bord-Computer" interagiert wird, versteht sich an diesem durchgestylten Abend jedenfalls von selbst: "A-r-e y-o-u r-e-a-d-y?" Aber immer doch!
(Wiener Zeitung, 24.7.2007)