Als der zweite und vom Line-Up her bedeutendste Tag des "FM4-Frequency" am Nachmittag von The Ghosts eröffnet wird, ist der Regen noch ebenso fern wie die 40.000 Besucher, die sich wenig später über den Salzburgring schieben werden. Noch liegt die Jugend mit ihrem Kater im Bett und fühlt sich schlecht.
Tags zuvor wurde das Festival schließlich eröffnet, und die Party ging hier mächtig ab – den Ausfällen der US-Metalband Tool oder des ehemaligen Soundgarden-Vorstandes Chris Cornell zum Trotz, aber hey: Prominente Absagen ist man in dieser Region ja bereits gewöhnt.
Nach dem Konzert der nassforschen deutschen Indie-Rocker Fotos steht mit !!! ein erster Höhepunkt ins Haus. Die 1996 in Sacramento gegründete Band, die in ihren Songtiteln und Texten vor allem eine Vorliebe für reichlich Dada beweist, erarbeitet auf der kleinen Bühne zu siebt eine eklektizistische und dabei handgemachte Musik zwischen Club-Track und Live-Erlebnis: Mächtige Techno- und Housebeats werden im Verbund mit im Stakkato gerissenen Funk-Gitarren in ein Reich aus Dance- und Post-Punk überführt – mit äußerst tanzbaren Ergebnissen.
Gefolgt von den als Lieferanten möglicher Titelmelodien für amerikanische Krankenhausserien keinesfalls zu unterschätzenden Snow Patrol darf Mieze, hauptberuflich Sängerin der deutschen Band MIA, auf der großen Bühne wenig später ihrer Selbstinszenierung zwischen Gör und Unschuldslamm nachkommen. Auf Basis der neuen, sprich alten Welle und Deutschrock mit Hang zum Schlager singt die Dame mit den Engelsflügeln unter anderem über den "süßen Vogel Jugend". Die Menge frohlockt.
Dass Großfestivals mit vereinzelten Auftritten tatsächlicher Meister immer auch nach dem Motto "Perlen vor die Säue" funktionieren, beweist der Auftritt von The Good, The Bad & The Queen, der deutlich weniger Zuspruch erfährt. Die Band um Damon Albarn (Blur, Gorillaz) mag mit ihrem der melancholischen Huldigung West-Londons geschuldeten, ebenso gesetzten wie unaufdringlichen Sound zwar tatsächlich ein Fremdkörper im Festivalzirkus sein.
Aber das ist gut so. Es ist der Sound der Boheme, den der Stampf- und Humpelbass Paul Simonons, das bei aller Sanftheit stets virtuose Schlagzeugspiel Tony Allens und Albarns immer nach zwei Bieren zu viel klingende Stimme unterstützt von einem Streichquartett entfalten.
Für heavy Weltschmerz und einen düster-romantischen Blick auf die Welt sorgen gegen Ende die in geistiger Gefolgschaft alter Düstermänner wie etwa Joy Division stehenden Interpol, während Trent Reznor seinem lahmen Publikum eine auflegt: "It sucks for us! What a weird place!" Die Ärzte dürfen abschließend kalmieren. Betreff: Geiles Publikum. "Und so schön feucht!" Sonst noch was?
(Wiener Zeitung, 18./19.8.2007)