Sonntag, August 19, 2007

Tanzen im Schnürlregen

Donnerstag, 16. August 2007, abends am Salzburgring: Es ist bewölkt. Das Nass tropft vom Himmel. Und schon hält die Frisur nicht mehr! Die Wiese wird rutschig, und am Asphalt bilden sich Pfützen. Am Wegrand liegt Schlamm. Ein Mobilfunk-Konzern verteilt Regenschutz: Gratis, aber nicht umsonst. Es ist ungemütlich hier, hätte aber auch schlimmer kommen können. Kein Tornado fegt über das Gelände, allein der Salzburger Schnürlregen gibt uns Saures. Er ist ein Hund.

Als der zweite und vom Line-Up her bedeutendste Tag des "FM4-Frequency" am Nachmittag von The Ghosts eröffnet wird, ist der Regen noch ebenso fern wie die 40.000 Besucher, die sich wenig später über den Salzburgring schieben werden. Noch liegt die Jugend mit ihrem Kater im Bett und fühlt sich schlecht.

Tags zuvor wurde das Festival schließlich eröffnet, und die Party ging hier mächtig ab – den Ausfällen der US-Metalband Tool oder des ehemaligen Soundgarden-Vorstandes Chris Cornell zum Trotz, aber hey: Prominente Absagen ist man in dieser Region ja bereits gewöhnt.

Nach dem Konzert der nassforschen deutschen Indie-Rocker Fotos steht mit !!! ein erster Höhepunkt ins Haus. Die 1996 in Sacramento gegründete Band, die in ihren Songtiteln und Texten vor allem eine Vorliebe für reichlich Dada beweist, erarbeitet auf der kleinen Bühne zu siebt eine eklektizistische und dabei handgemachte Musik zwischen Club-Track und Live-Erlebnis: Mächtige Techno- und Housebeats werden im Verbund mit im Stakkato gerissenen Funk-Gitarren in ein Reich aus Dance- und Post-Punk überführt – mit äußerst tanzbaren Ergebnissen.

Gefolgt von den als Lieferanten möglicher Titelmelodien für amerikanische Krankenhausserien keinesfalls zu unterschätzenden Snow Patrol darf Mieze, hauptberuflich Sängerin der deutschen Band MIA, auf der großen Bühne wenig später ihrer Selbstinszenierung zwischen Gör und Unschuldslamm nachkommen. Auf Basis der neuen, sprich alten Welle und Deutschrock mit Hang zum Schlager singt die Dame mit den Engelsflügeln unter anderem über den "süßen Vogel Jugend". Die Menge frohlockt.

Dass Großfestivals mit vereinzelten Auftritten tatsächlicher Meister immer auch nach dem Motto "Perlen vor die Säue" funktionieren, beweist der Auftritt von The Good, The Bad & The Queen, der deutlich weniger Zuspruch erfährt. Die Band um Damon Albarn (Blur, Gorillaz) mag mit ihrem der melancholischen Huldigung West-Londons geschuldeten, ebenso gesetzten wie unaufdringlichen Sound zwar tatsächlich ein Fremdkörper im Festivalzirkus sein.

Aber das ist gut so. Es ist der Sound der Boheme, den der Stampf- und Humpelbass Paul Simonons, das bei aller Sanftheit stets virtuose Schlagzeugspiel Tony Allens und Albarns immer nach zwei Bieren zu viel klingende Stimme unterstützt von einem Streichquartett entfalten.

Für heavy Weltschmerz und einen düster-romantischen Blick auf die Welt sorgen gegen Ende die in geistiger Gefolgschaft alter Düstermänner wie etwa Joy Division stehenden Interpol, während Trent Reznor seinem lahmen Publikum eine auflegt: "It sucks for us! What a weird place!" Die Ärzte dürfen abschließend kalmieren. Betreff: Geiles Publikum. "Und so schön feucht!" Sonst noch was?

(Wiener Zeitung, 18./19.8.2007)

Eine Rampensau als Songwriter

Pop mag sich nach außen hin gern dada und nicht schlecht durchgeknallt geben. Eine gute Sache. Denn indem er Freiheit und Unabhängigkeit predigt, erfüllt er eine seiner vortrefflichsten Funktionen: Er lädt zur Flucht nach vorne und entführt für eine Weile aus dem Alltag.

In seinem innersten Kern beruht er aber selbst oft auf einem hohen Organisationsgrad und unumstößlichen Gesetzen. Im Falle der britischen Popgötter Depeche Mode bedeutete das etwa: Martin Gore schreibt die Lieder, Dave Gahan darf sie singen, Alan Wilder bastelt die Sounds und Andrew Fletcher klatscht dazu in die Hände. So ist das, so wird es sein, mia san mia und alles roger!

Dann stieg Wilder aus und wurde von wechselnden Produzenten ersetzt. Blöd zwar, aber machbar. Als sich Gahan während den von einer Schreibblockade Gores geprägten Aufnahmen zu "Exciter", dem 10. Studioalbum der Band, selbst kreativ – also als Songwriter – einbringen wollte, war die Überraschung ungleich größer.

Immerhin erwies sich der mit seiner Rolle als Rampensau bis dahin sichtlich zufriedene Sänger nach gut 21 Jahren im Geschäft als kreativer Spätzünder. Gahan wurde von den Arbeitskollegen in die Schranken gewiesen. Den daraus resultierenden Ärger übersetzte er in neuen Arbeitseifer, der zur Veröffentlichung seines ersten Soloalbums führte.

"Paper Monsters" war kein großer Wurf, legte aber den Grundstein für eine Solokarriere. Und legitimierte Gahan als Songwriter dreier Lieder auf dem im Vorjahr erschienenen Depeche-Mode-Album "Playing The Angel".

Seit vergangener Woche gibt es nun Informationen über seinen Ende Oktober erscheinenden Zweitling: "Hourglass" wird in einer Presseaussendung als deutlich elektronischer umschrieben. Ein Eindruck, den die privilegierten, also bereits in den Hörgenuss gekommenen Moderatoren eines Fanforums bestätigen. Dafür spricht auch, dass Gahan im Unterschied zu seinem Debüt diesmal nicht mit dem aus der Gitarrenecke stammenden Knox Chandler (u.a. Siouxsie & The Banshees) arbeitete, sondern auf alte und eher der Elektronik verpflichtete Bekannte aus dem DM-Lager setzte: Den österreichischen Tourschlagzeuger Christian Eigner sowie den Produzenten Andrew Philpott.

Gerüchte, wonach Depeche Mode selbst bereits ab kommenden Februar an neuem Material arbeiten wollen, sind zusätzlicher Balsam für die Fans der seit 1993 nur alle vier bis fünf Jahre veröffentlichenden Band. Only good news are good news!

(Wiener Zeitung, 16.8.2007)

Donnerstag, August 09, 2007

Die Pop-Festspiele am Salzburgring

- "FM4-Frequency-Festival" geht in die siebte Saison.
- Von 15. bis 17. August wird auf Abwechslung gesetzt.

Wien/Salzburg. Wenn ein Festival im Zeichen der Popkultur ausgerechnet unter der Woche ausgetragen wird, darf das als eher unüblich bezeichnet werden. Immerhin gilt gemeinhin das Wochenende als Königreich der Zerstreuung – vor allem jenem gern als "erwachsen" bezeichneten Teil der Bevölkerung, der fünf Tage die Woche mit dem Verdienen von reichlich Brötchen zubringt.

Derlei ist dem jungen Menschen fremd. Aufgrund einer ihm später zumindest als schöne Erinnerung an bessere Zeiten dienenden und derzeit wieder hoch im Kurs stehenden Dauerparty namens "Ferien" oder "vorlesungsfreie Zeit" müssen sich die Veranstalter des kommende Woche zwischen Mittwoch und Freitag stattfindenden FM4-Frequency-Festivals auch trotz des Austragungstermins keine Sorgen um die Besucherzahlen machen. Als Zielgruppe gelten hier schließlich die 14- bis 29-Jährigen – eine Bandbreite also von der Generation Moped bis hin zum SV Bummelstudium.

Nach seiner ersten Auflage in der Wiener Arena im Jahr 2001 findet das Frequency nun bereits zum sechsten Mal am Salzburgring statt. Als eines der zentralen heimischen Pop-Festivals wird es auch heuer wieder bis zu 40.000 Besucher pro Tag nach Hof bei Salzburg locken.

Große Namen

Dass die der letzten Großzählung zufolge von 3404 Seelen bewohnte Gemeinde im schönen Salzburgerland mit dem Hirschbergkopf über einen knappen Tausender verfügt und mit der Fuschler Ache, dem Nesselgrabenbach und derlei Gewässer mehr vortrefflich zur Sommerfrische lüde, ist dem Besucher zwar eher schnurz, aber das geht schon okay so. Er kommt ja schließlich der Kultur wegen.

Ein Blick auf das Line-Up zeigt, dass das Festival wie gewohnt auf Abwechslung setzt: Von allem etwas. Neben dem opulenten Supi-Rock von ". . . Trail Of Dead" stehen Konzerte des Berliner Neuzeit-Reggae-Kollektivs Seeed, der New-Rave-"Vorreiter" Klaxons, der Hamburger Indie-Heroen Tocotronic, der live eher bescheidenen Dandy Warhols oder der Elektro-Funker !!! am Programm.

Während man das erste Österreich-Konzert von Damon Albarns Projekt The Good, The Bad And The Queen mit Spannung erwarten darf, fehlt bei anderen großen Namen die Exklusivität: Tool konnte man hierzulande zuletzt vor acht Monaten erleben, die Nine Inch Nails gar erst im März dieses Jahres. Zur Abwechslung auch mal wieder auf einem Festival: Die Ärzte.

Insgesamt setzt es gut 60 Bands auf drei Bühnen – wobei die sogenannte "Open Stage" heuer neu dazukommt. Wie der Name bereits impliziert, wird hier bisher eher unbekannten Menschen mit Hang zur kreativen Selbstentblößung eine Auftrittsmöglichkeit geschaffen: "15 minutes of fame" also – oder so ähnlich.