Freitag, Februar 29, 2008

Heilung aus dem Schminktopf

Wenn es der Jugend in den 80er Jahren besonders schlecht ging, griff sie zu den Platten von The Cure. Die Band, die es wie nur wenig andere verstand, ihr Leid an der Welt in düsterromantische Songs zu überführen, bestätigte ihr Publikum nicht nur in der Annahme, dass die Umstände da draußen tatsächlich zum Verzweifeln sind. In optimistischeren Momenten führte sie gegen alles Unglück auch ein Heilmittel ins Feld, das sie in der Liebe zu erkennen glaubte.

Das verwundert nicht, ist Robert Smith, Frontmann des 1976 gegründeten Quartetts, doch mit jener Frau verheiratet, die er bereits als 14-Jähriger kennengelernt hatte. Am Samstag hören wir im Gasometer dann auch den dieser gewidmeten "Lovesong", Smiths wahrscheinlich offenkundigstes Bekenntnis zur Zärtlichkeit; dass die Musik dazu trotz allem inhaltlichen Positiven bestenfalls bittersüß bleibt, ist Programm – ebenso wie das finstere Outfit der Band.

Ja, Smith sieht noch immer aus, als wäre er als Kind in Mutters Schminktopf gefallen, seine nicht minder kampfbemalten Kollegen an Gitarre und Bass tun es ihm gleich. Auch die Fans haben sich zur Feier des Tages in Latexhosen gezwängt und die Rüschenhemden noch extra aufbügeln lassen. Wir sehen es: The Cure und die Goth-Kultur sind nicht voneinander trennbar.

Nach dem zum Einstieg gegebenen Suffsong "Open" folgt "Fascination Street", das mit seiner markanten Bassspur, den verzerrten, aus den Saiten gezauberten Melodiebögen und Smiths schmachtender Stimme exemplarisch für das Werk der Band steht. Im Weiteren setzt es das retrodiskoide "The Walk", "Maybe Someday", "One Hundred Years" aus dem grandiosen "Pornography"-Album oder mit "Please Project" zumindest einen neuen Song. Dass The Cure live auf Synthesizer und Keyboard verzichten, lässt viel Platz für fein gesponnene Gitarrenarbeit; alleine "Lullaby" klingt auf diese Weise etwas entstellt.

Unter den Zugaben findet sich neben ganz frühem, noch näher am Punk angesiedeltem Material wie "Grinding Halt" auch der Über-Song "A Forest", der als zu erwartender Höhepunkt schön in die Länge gezogen wird, ehe der frenetisch bejubelte Abend mit einer zackigen Version von "Killing An Arab" nach drei Stunden zu Ende geht.

(Wiener Zeitung, 26.2.2008)

Alterswild statt altersmild

Neil Youngs Durchhaltevermögen ist bekannt. Immerhin hat der Mann bereits vier Jahrzehnte Rock ’n’ Roll überstanden – was eingedenk des damit oft einhergehenden, von Drogen, Alkohol und ähnlichen Vergnügungspotenzialen geprägten Lifestyles schon eine Leistung darstellt. Dazu kamen künstlerische Ausrutscher, die vor allem über den unbändigen Schaffensdrang des Kanadiers verstanden werden müssen, ebenso wie gesundheitliche Probleme zwischen epileptischen Anfällen und Bandscheibenvorfällen.

Bei seinem ersten Österreich-Konzert nach der Operation an einem lebensbedrohlichen Hirnaneurysma vor drei Jahren präsentierte sich der heute 62-Jährige am Freitag im Austria Center Vienna nun aber musikalisch wie auch körperlich in bester Form – und er verlangt sich während des dreistündigen Konzerts noch einmal alles ab.

Im anfänglichen Soloteil bietet Young – abwechselnd mit akustischer Gitarre, Banjo, Klavier, Keyboard und Mundharmonika – Streifzüge durch sein breites Œuvre aus Folk, Country und Rock nicht nur anhand von strikt auf die Tränendrüse drückenden Klassikern wie "Harvest", "Heart Of Gold", "Don’t Let It Bring You Down" oder der Musik gewordenen Weisheit "A Man Needs A Maid". Mit dem nie auf einem Album erschienenen "Love Art Blues" aus seiner depressivsten Phase um "On The Beach" aus 1974 sowie "Try" oder "Sad Movies" wird auch tief in der Raritätenkiste gegraben.

Im zweiten Konzertteil darf sich der Meister, jetzt auch von langgedienten Weggefährten unterstützt, unter Rückgriff auf forsche Hadern von "Mr. Soul" aus seiner Zeit mit Buffalo Springfield über "Hey Hey, My, My" bis hin zu "Rockin’ In The Free World" als alterswilder Saitengott aufspielen. Das mit übereifrigen Gitarrensoli weit ausufernde "No Hidden Path" wird nach gut zwanzig Minuten widerwillig doch noch beendet.

Nach Konzertschluss haben die Wiener Linien dann aber leider schon den Betrieb eingestellt: Long may you run!

(Wiener Zeitung, 26.2.2008)