Dienstag, April 29, 2008

Plätschernde Freundlichkeiten

Ein perfektes Konzert beginnt mit seinem Höhepunkt – und wird von da an immer besser! So verlangt es der Rock ’n’ Roll. Von dieser Zauberformel will der belgischen Band Girls In Hawaii am Montagabend im Wiener Chelsea aber nur der erste Teil gelingen.

Das Sextett, dem es auf der kleinen Bühne im Gürtelbogen etwas eng wird – sind doch bis zu fünf Gitarren auf einmal im Einsatz! –, legt zwar mit seiner aktuellen Single los und lässt dieser schon in den ersten zwanzig Minuten das zwingendste Material seiner beiden Alben "From Here To There" aus dem Jahre 2004 und dem heuer nachgeschobenen "Plan Your Escape" folgen, verschießt hier also reichlich Pulver.

Wir hören zweifelsohne hymnische Momente eines ökonomisch entschlackten und zum Wackeln mit dem Knie einladenden Gitarrenpop der guten Sorte. Etwa mit dem durchaus prototypisch auf nebelschwadrigen Orgelklängen und einer hübschen, in Richtung Winterdepression schielenden Melodie errichteten "This Farm Will End Up In Fire" oder dem von klassischer Beach-Boys-Harmonik durchzogenen "Sun Of The Sons".

Der große Rest sind bei den Girls In Hawaii allerdings unspektakulär solide, sprich tendenziell verhaltensunauffällige Songs, denen es auch live an Dynamik fehlt.
Man muss vom großen Plätschern sprechen, das seinen Höhe-, also Tiefpunkt im Mittelteil mit "Couples On TV" als akustisch dargebotenes Wehklagen über das Schicksal geschundener Jungeltern und dem darauf folgenden, immerhin jetzt auch mit Glockenspiel behübschten "Colors" findet.

Hoch anzurechnen ist der Band, dass sie im Vergleich zu ihren überwiegend britischen Pendants auf Posen verzichtet, sich auf die Bühne stellt, als wäre sie gerade aufgestanden, sympathisch mit dem Publikum kommuniziert und sich für dessen heute ohnehin recht verhaltene Reaktionen auch noch freundlichst bedankt. Was musikalisch möglich gewesen wäre, zeigt gegen Ende eine beschwingte Version von "Bored" sowie das erstmals mit harten Stromgitarren zu elektronischen Beats auffahrende "Flavor": Beinahe wäre man jetzt doch noch aufgewacht!

(Wiener Zeitung, 30.4.2008)

Freitag, April 25, 2008

Lieder aus dem Tagebuch

Wien. „It Hurts Me So“, „She’s Mine But I’m Not Hers“, „The Girl I Love Is Gone“: Die Songtitel legen bereits nahe, dass hier jemand großes Gefühlskino betreibt. Seit seinem Debüt „Whiskey“ im Jahr 1996 und dessen stark vom Jazz her kommenden Songwriting, das mit Samples und Scratching Richtung Trip-Hop getrieben wurde, arbeitet der 1969 in Schweden geborene Musiker Jay-Jay Johanson auf der Baustelle beziehungsbedingter Tragödien zwischen Herzschmerz und Kummer. Wunschloses Unglück also, oder wie es in „Believe In Us“ so schön heißt: „It started quite badly. It only got worse!“

Keine Frage, dass das Motto des diesjährigen Donaufestivals Johanson gut zu Gesicht steht: Angst, Obsession, Beauty – die drei Schlagwörter scheinen essenziell für sein Œuvre. Überwindet Musik Ängste, ist Songwriting Therapie? Katharsis? Johanson: „Klar! Das trifft zweifelsohne auf meine ganze Arbeit zu. Meine Texte bestehen ja auch zu 90 Prozent aus Tagebucheintragungen. Der Rest sind Betrachtungen meiner Umwelt.“

Stilistisch bewies der Songwriter bisher durchaus Wankelmut. Ausgehend vom jazzigen Sound seiner ersten beiden Alben, entwickelte er mit seiner bis heute vielleicht besten Arbeit, „Poison“ aus 2000, eine Art Trip-Hop Noir. Zum stärksten und die Fans der ersten Stunde nicht schlecht vor den Kopf stoßenden Bruch kam es drei Jahre später mit „Antenna“, auf dem Johanson neben quasi-björk’schen Elektrobeats auch radiotauglichen Synthie-Pop darbot. Auf dem nachfolgenden „Rush“ wiederum kokettierte er mit tanzbarem French-House. Johanson: „Nach meinen ersten Alben wollte ich mich nicht mit einer stilistisch ähnlichen Arbeit wiederholen. Also ging ich nach Deutschland, um ‚Antenna‘ aufzunehmen, ‚Rush‘ entstand zwei Jahre später in Frankreich. Beide Alben waren für mich eher eine Art Nebenprojekt.“

Auf seinem im Vorjahr veröffentlichten und zwischen schmachtenden Popsongs wie „Rocks in Pockets“ und smooth Gejazztem wie „As Good As It Gets“ changierenden Longplayer „The Long Term Physical Effects Are Not Yet Known“ besann sich Johanson wieder seiner Ursprünge. „Das war der natürliche Nachfolger zu ‚Poison‘. Ich glaube, dass mein Songwriting in dieser Art Arrangements am besten funktioniert. Generell würde ich alles, was ich mache, als Singer-Songwriter-Material bezeichnen. Ich schreibe meine Lieder mit Feder und Papier, später entwickle ich sie am Klavier. Erst die Produktion bringt spezielle Einflüsse hervor – wie Psychedelia oder Avantgarde.“

Jay-Jay Johansons siebtes, noch titelloses Album ist bereits fertiggestellt und soll spätestens im September erscheinen.

(Wiener Zeitung, 26./27./28.4.2008)

Mittwoch, April 23, 2008

Kreatives Spinnertum mit Aussage

Das der sogenannten Subkultur verpflichtete Donaufestival geht in seine vierte Saison: Ab 24. April in Krems

Wien/Krems. "Angst, Obsession, Beauty" – so lautet das Motto des ab 24. April wie gewohnt in Krems stattfindenden Donaufestivals. Womit schon impliziert wäre, worum es dabei auch gehen wird: Die Verhandlung existenzieller Gefühls- und Erfahrungswelten, das Gewahrwerden und die Verdichtung lauernder Gefahren und unabdingbarer Abgründe mittels Performancekunst (siehe Artikel nebenan) und zeitgenössischer Popmusik.

Dass hier vor allem die Randbereiche Letzterer ausgelotet werden, ist Programm. Bereits zum vierten Mal kümmert sich das 2005 neu positionierte Festival unter Intendant Thomas Zierhofer-Kin um eine Sichtung subkultureller, im besten Fall avantgardistischer Popentwürfe zwischen kreativem Spinnertum und zwingender Aussage.

Dabei geht Konfrontation vor Affirmation: In Zeiten zunehmender Entwertung von Musik zwischen Formatradio- und Klingeltonirrsinn, auf Meterware setzender Großfestivals und eingedenk unserer durch auf den schnellen Konsum einzelner MP3-Files zielender Internetplattformen wie Myspace oder Last.fm nur mehr geringfügig strapazierbaren Aufmerksamkeit ein willkommen zu heißender Ansatz.

Im Programm des bis zum 3. Mai an sieben Spieltagen über die Bühne gehenden Festivals finden sich heuer zwar keine großen Namen. Eine Ausnahme wäre die gerne über den schwammigen Genrebegriff "Alternative Country" assoziierte US-amerikanische Musikerin Charlyn Marshall alias Cat Power gewesen, deren Konzert wegen Stimmbandproblemen allerdings kurzfristig abgesagt wurde (am 30. April sind stattdessen die US-Rocker The Melvins zu hören).

Dafür aber setzt es ein ausgewogenes Line-Up, das neben bereits lieb gewonnenen Bands wie den Hidden Cameras, Liars, Xiu Xiu, Tortoise, The Go! Team oder Die Goldenen Zitronen auch neu zu Entdeckendes mit sich bringt: Etwa die zum eifrigen Kopfnicken ladenden, explizit lesbischen Raps des aus Brooklyn stammenden Duos Bunny Rabbit, die verhaltenen, an der Wanderklampfe gegebenen Songs des New Yorker Singer/Songwriters Scott Matthew, den störrischen Noise-Rock von Aids Wolf oder den atmosphärischen Post-Rock von Apse.

Auf Seiten der elektronischen Klangkunst stellt Tim Hecker seine blubbernden Ambient-Sounds vor, der gebürtige Brasilianer Amon Tobin lässt im Zuge seiner von Jazz und HipHop inspirierten und mit reichlich Percussions abgerundeten Tracks organische Sounds auf knarzendes Elektro-Gefrickel treffen, die Grazer Musikerin Eva Jantschitsch alias Gustav gibt mit der Trachtenkapelle Dürnstein Eindrücke ihres im Mai erscheinenden Zweitlings, Fischerspooner haben ein DJ-Set vorbereitet.

Als unbedingter Höhepunkt gilt der Auftritt von Phosphorescent, die sich in durchaus trauermarschtauglichen Songs mit zuarbeitendem Akkordeon und schmachtenden Chorgesängen ebenso um Romantik wie die Kanalisierung von Männerschmerz bemühen, sowie das erste Österreichkonzert des schwedischen Crooners Jay-Jay Johanson, der sich auf einem Nährboden aus Trip-Hop, zart-bitterer Knusperelektronik und vom Jazz her kommenden Kompositionen bevorzugt zwischenmenschlichen Tragödien widmet. Siehe auch: "She’s mine – but I’m not hers!"

(Wiener Zeitung, 23.4.2008)

Dienstag, April 22, 2008

Akustik im Knödelregen

Mehr als 700.000 Einheiten – so viel hat José González von seinem 2003 veröffentlichten Debütalbum "Veneer" bis heute verkauft. Man muss sich das nicht nur vor dem Hintergrund gegenwärtiger Diskussionen um die Krise der Musikindustrie – Stichwort: permanent rückläufige Absatzzahlen – erst einmal vorstellen!

Auch angesichts der wenig marktschreierischen Musik des 29-Jährigen, die sich in doch recht introspektiven Liedern veräußerlicht und zumeist bloß auf akustische Gitarre und die sanft gehauchte Stimme unseres Helden beschränkt, muss man hier von einer tatsächlichen Ausnahme sprechen. Dafür wurde der aus Göteborg stammende Sohn argentinischer Einwanderer in seiner Heimat bereits mit Preisen überschüttet, ein Konzern für Unterhaltungselektronik verwendete seine Musik in einem Werbespot. Darin hagelte es bunte Gummibälle auf die Straßen von San Francisco! Und anschließend Knödel auf das Konto des Jungspunds. Man muss ja auch an die Altersvorsorge . . . nicht wahr?

Im ausverkauften Wiener Flex will die mit sanfter Klinge vorgetragene Zupfgitarrenkunst des Schweden am Montag dann aber leider nicht recht aufgehen. Das liegt zum einen daran, dass sich der Songwriter erst einmal gegen den ihm aus dem Publikum entgegenschlagenden Lärmpegel durchsetzen muss. Zum anderen verhindert die sonst eher auf saubartelnden Rock’n’Roll oder im Stroboskopgewitter abgefeuerte Unz-Unz-Beats der elektronischen Tanzmusik spezialisierte Location tatsächlich eine der Musik entsprechende Atmosphäre.

Sympathisch und nett

González selbst liefert während gut achtzig Minuten – alleine oder von einer zweiköpfigen Begleitband, die für Percussions sorgt, Backing-Vocals beisteuert und ab und an Keyboardsounds auftupft – zwar ein konzentriertes, sprich braves Konzert. Aber was auf Platte auch in den allerstillsten Momenten dringlich klingt, erscheint live eine Spur zu selbstverliebt und betulich.

So schön die Lieder auch sein mögen: Zwischen fortschreitender Konzertdauer und dem steigenden Wunsch nach einer Sitzgelegenheit besteht ein direkter Zusammenhang.
Erst gegen Ende sorgt "Down The Line" für etwas Bewegung, "Cycling Trivialities" für ein Mehr an – jetzt auch gefühlter – Gefühligkeit. Der Rest ist heute sympathisch und nett. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

(Wiener Zeitung, 23.4.2008)

Dienstag, April 15, 2008

Belehrungen vom Dichtersmann

Es gibt immer was zu tun: Die Einstürzenden Neubauten gefielen in Graz mit einer Sichtung ihres Spätwerks

Bezüglich der Einstürzenden Neubauten und deren gefinkelt als Konzerte getarnten Löt-, Schweiß- und Bohrfestspielen war in den 80er Jahren zunächst vor allem eines angebracht: Vorsicht! Wenn die Band daran ging, programmatische Titel wie "Hören mit Schmerzen", "Abfackeln!" oder "Kollaps" live ihrer Aussage entsprechend umzusetzen, war nämlich nicht nur der Tinnitus bloß einen Gehörsturz weit entfernt: Fiiiiiiiiiiep!

Dank dabei auch zum Einsatz gekommener Instrumente wie Kompressoren, Vorschlag- und Presslufthämmern, Schweißgeräten sowie jeder Menge Alteisens und eingedenk auf der Bühne gelegter Feuerstellen durfte auch dem Restkörper Angst und Bange werden. Wie Band-Vorstand Blixa Bargeld es gegenüber der "Welt" einmal formulierte: "Jede Narbe erinnert an ein Konzert".

Zwecks Street-Credibility dieses auf Anarchie und Dekonstruktion gebauten Œuvres schrieb Bargeld seine Texte im amphetaminbedingten Schlafentzugsdelirium und stellte die Koketterie mit dem Zerfall also auch am eigenen Körper zur Schau. Abfuckeln, oder: "Collapsing New People", wie es der verdiente Elektropop-Grenzwandler Frank Tovey alias Fad Gadget in seinem gleichnamigen Hit schön auf den Punkt brachte.

Struktur im Lärmgebilde

Über die Jahre brachte die Band Struktur in ihre Lärmgebilde, ehe sie sich spätestens mit "Ende Neu" aus 1996 auch für den klassischen Song öffnete. Das brachte zwar den Ausstieg des stilprägenden Schlagwerkers FM Einheit mit sich, der den Neubauten vorwarf, nicht mehr einzustürzen – Sakradi!

Damit waren aber auch die Weichen für das auf ruhigere Töne setzende Spätwerk der Band gestellt, das 2000 mit "Silence Is Sexy" begann, über "Perpetuum Mobile" aus 2004 zum im Vorjahr erschienenen "Alles Wieder Offen" führte und am Montagabend im Grazer Orpheum dann auch alleine kredenzt wird – also unter Aussparung alles davor Produziertem, weil: Es geht voran. Es muss!

Auf einer vom Eigenbauschlagwerk zwischen Metallstäben und Plastikrohren, Aluminiumspiralen und Wellblech dominierten Bühne hören wir eingangs mit "Die Wellen" ein auf ein Dauercrescendo basierendes Musikpoem, zu dem Bargeld – bereits mit 49 Jahren ein Verfechter der zum Bauchnabel hochgezogenen Anzughose! – sich als Dichtersmann gebärdet.

Das darf er auch, immerhin hat er aus Werbegründen schon einmal aus dem Produktkatalog eines Baumarktes gelesen! Später wird er im hübsch rumpelnden "Let’s Do It À Dada" den Dadaisten huldigen und uns alle über die wahre Bedeutung des Wortes "Dada" aufklären. Ja, danke auch!

Geht runter wie Honig

Seine ruhigsten – und vielleicht schönsten – Momente findet der Abend in "Sabrina", das sich mit zartem Trommelgetupfe, Alexander Hackes markanter Bassspur und den wie Honig runtergehenden, von Jochen Arbeits E-Gitarre gesponnenen Melodiebögen begnügt, "Nagorny Karabach" sowie dem ganz am Ende noch äußerst konzentriert vorgetragenen "Youme & Meyou".

Für viel Druck sorgen vorwärts stampfende Songs wie "Dead Friends (Around The Corner)", "Weil Weil Weil", "Die Befindlichkeit des Landes" oder das vergnügliche "Selbstportrait mit Kater", bei denen dann auch Rudi Moser am Schlagzeug und NU Unruh am Blech voll zulangen dürfen. Dazu stößt Bargeld sein markdurchdringendes Kreischen aus und legt uns allen noch einmal dar, wie Nick Cave das einst bezeichnete: Als den Klang einer Katze, die gerade stranguliert wird.

Die Gefahr bleibt heute aus, aber spannend bleibt es trotzdem! Ein feiner, ein würdiger Abend zwischen Laut und Luise, zwischen Dichtung und Wahrheit, Eleganz und Nonchalance.

(Wiener Zeitung, 16.4.2008)

Freitag, April 04, 2008

Weniger ist wieder mehr

Großer Rock’n’Roll, auf das Wesentliche reduziert: The Kills kommen nach Wien.

Wien. Alison "VV" Mosshart und Jamie "Hotel" Hince sind The Kills. Mit ihrem 2003 erschienenen, programmatisch "Keep On Your Mean Side" betitelten Debütalbum und dem darauf gebotenen, forsch polternden Rumpelsound mit heftigen Blues-Anleihen, machte die britisch-amerikanische Formation nicht nur den New Yorker Krawallhelden Yeah Yeah Yeahs schwer Konkurrenz. Sie sorgte auch dafür, dass sich das bis dahin hippste und beliebteste Mann-Frau-Duo von überhaupt, The White Stripes, warm anziehen musste.

Ästhetisch sorgt dieser Zweispänner unter besonderer Berücksichtigung eines auf Reduktion bedachten Minimalismus dafür, dass der sonst erst beim Komparativ ansetzende und selbst Superlative noch zu überhöhen wissende Rock ’n’ Roll wieder erfährt, dass weniger sehr wohl mehr sein kann. Das mag zwar in der zur Wirtschaftlichkeit zwingenden Bandbesetzung begründet liegen; freilich ist diese Beschränkung auf das Wesentliche aber auch stilgebendes Konzept, das seine Inspiration aus der Schule des Blues und dessen Tendenz zur Aussparung speist.

Nach einem ersten, wohlverdienten Hit mit "Fried My Little Brains" (Stampfrock mit Kuhglocke!) läutete die Band auf ihrem Zweitling, "No Wow" aus 2005, und der daraus augekoppelten Single "The Good Ones" ein, was auf dem unlängst veröffentlichten und am Samstag live im Wiener Flex vorzustellenden Meisterwerk "Midnight Boom" zur Perfektion gebracht wird: An Lässigkeit nicht zu überbietende Songs, die sich bisweilen der Verfahrensweisen elektronischer Clubmusik bedienen, ohne sich vom Rock zu entfernen; Songs, die unmittelbar und nachhaltig ins Ohr gehen, ohne mit der Brechstange ins Haus zu fallen.

Hedonistischer Geist auf den Punkt gebracht

Zwölf ausproduzierte, aber dennoch schön schludrig gehaltene Songs werden in knapp 34 Minuten abgeholzt, bisweilen sind sie sogar mit ursprünglich für die Entwicklung von Home-Demos vorgesehenen Drum-Sequencern eingespielt. Der Chartbreaker "U.R.A. Fever" bringt den derben Geist hedonistisch zugebrachter Ausgeh-Nächte gar binnen nur zwei Minuten und sechzehn Sekunden auf den Punkt. Er ist auf eine elektronisch verfremdete, sich in die Magengrube wuchtende Bassspur und bewusst billig anmutendes Handclapping gebaut.

Dazu passt die Optik des abgefuckt aufgebrezelten Duos: Zerzaust, verlebt, kaputt. O.K? K.O! Oder wie es auf "Cheap And Cheerful" so schön heißt: "I want you to be crazy/ ’Cause you’re stupid baby when you’re sane". Ein Pfichttermin!

(Wiener Zeitung, 5./6./7.4.2008)

Donnerstag, April 03, 2008

Brünftige Elche auf Speed

Mit Vollgas Richtung Unvernunft: Die schwedische Band The Hives in Wien

Die österreichische Ausnahmeband Naked Lunch brachte es 2006 auf den Punkt, indem sie auf ihrem Album "This Atom Heart Of Ours" konstatierte: "We don't need entertainment. We entertain ourselves!" Diese Weisheit gilt für die schwedische Band The Hives und deren am Mittwochabend im Wiener Gasometer zur Schau gestellten, eben gerade auf die kleine Kunst der großen Unterhaltung schielenden Rock 'n' Roll freilich nicht. Das Quintett, das sich ebenso wie seine Landsleute von Mando Diao gerne als bestes der Welt bezeichnet - Die Hölle, das sind die anderen! - baut spätestens seit seinem 1997 erschienenen, und, weil man als Jungspund das Blut nur ungern im Hirn hat, mit dem Porno-Blödsprech kokettierenden Debütalbum "Barely Legal" vor allem auf die Pole Schall und Rauch.

Man verstand sich als Reinkarnation klassischer Garage-Rock-Bands aus den 60er-Jahren und stylte sich samt frech stehengelassenem Oberlippenbart, Schmalzlocke und in schwarz-weiß gehaltenen Maßanzügen wie eine aus amerikanischen Teenie-Schmonzetten her bekannte Tanzkapelle für allfällige Abschlussbälle, also als old-fashioned Feschaks. Man entspann die Mär von einer Figur namens Randy Fitzsimmons, die die Band zueinander geführt haben und bis heute als deren Songwriter dienen soll. Man fand in Pelle Almqvist einen zur Massenanimation tauglichen Dampfplauderer, aus dem ein perfekter Alleinunterhalter hätte werden können, wäre er nicht den Hives beigetreten. Dessen Stimme ist es auch, die aus dem Richtung Tinitus und Ohrenkrebs weisenden Soundbrei im Gasometer hervorsticht und prägnant darlegt, warum seinem Namen der Adelstitel "Howlin" anhaftet.

Derb einfache Riffs

Man muss diese Truppe bei Gott nicht ernst nehmen. Weil Humor aber auch bedeutet, dass man trotzdem lacht, werden wir uns heute prächtig, also zu Tode amüsieren. Immerhin knüpfen Schlagzeug und Bass hier harte Bande; darüber legen John-Candy-Look-Alike Vigilante Carlstroem und Nicholaus Arson ebenso derbe wie derb einfache Riffs, die wir alle auch nachspielen könnten, ohne je einen Blick in Peter Burschs Gitarrenbuch für Anfänger riskiert zu haben.

In oft nur knappen, mit Bleifuß vorwärts preschenden Zweiminütern wie "Main Offender", dem die Halle aus dem Häuschen bringenden "Two-Timing Touch und Broken Bones" und einem zwischen Irish-Pub- und Bierzelt-Gegröle angesiedelten "Return The Favour" hören wir zwar etwa zwanzig Mal den gleichen Song. Der aber schreit immerhin "Gib ihm!". Und klingt, wie man sich brünftige Elche auf Speed oder ADS-Kinder im Espressodelirium vorstellt.

So viel Unvernunft muss man während einer knapp 75-minütigen Dauerbierdusche jedenfalls erst einmal unterbringen: "Vienna, bist du fertig?" Und wie!

(Wiener Zeitung, 4.4.2008)

Voll Pathos und Sehnsucht

Im Vergleich zu den schwärzeren Passagen auf "Dry Land", dem dritten und abermals von US-Alternative-Star Steve Albini produzierten Album des aus Minnesota stammenden – in Eigenbezeichnung – "Art-Rock"-Kollektivs A Whisper In The Noise, kann Radiohead-Schmerzensmann Thom Yorke schon einmal wie ein von Berufs wegen zum Scherz verpflichteter "Comedian" nach einer Überdosis Lachgas klingen.

Keine Frage: West Thordson, Sänger und Mastermind der in beständig wechselnder Besetzung und aktuell als Trio arbeitenden Aushängeschilder des deutschen Labels Exile On Mainstream Records, hält sich in Sachen Weltschmerz nur ungern zurück.

Vor allem verträumter Schönheit verpflichtete Reisen durch in die Breite gezogene Soundlandschaften zwischen Beserl-Schlagzeug und Jazzgitarren, melancholischen Klaviermelodien, greinenden Streichern und Sigur Ros’schen Seufzgesängen finden ihren Abschluss in der Endstation Sehnsucht: "True Love Will Find You in The End". Im Verbund mit den auf intensive Postrockstudien spezialisierten Labelkollegen von The Winchester Club sollte die Neigungsgruppe "Schwere See, mein Herz" hier bestens bedient sein.

A Whisper in the Noise
Konzerte: 2. April, Szene Wien; 3. April: Kapu Linz

(Wiener Zeitung, 2.4.2008)

Disco mit Mehrwert

Hecules And Love Affair - Hercules And Love Affair (DFA/EMI)

Wenn es 2008 darum gehen soll, den Disco-Sound der 70er Jahre zu revitalisieren, ist Skepsis angebracht. Stichwort: Haben wir denn gar nichts gelernt? Und: Sind wir nicht alle ein bisschen bluna ? Der 29-jährige, aus Denver gebürtige und heute in New York arbeitende DJ und Produzent Andrew Butler macht auf dem selbstbetitelten Debütalbum seines Projekts Hercules And Love Affair dann aber alles richtig. Mit darauf hochgehaltenem, ewig rotierendem Wummer-Bass, funky Trompetensoli, Streichereinsatz und Kuhglockengeläute mag sich das zwar tatsächlich als Ehrerweisung an die Generation Glockenhose verstehen. Nebenbei schlenkert Butler aber auch in Richtung House und errichtet atmosphärisch dichte sowie im Hier und Heute verortete Songs, wie das auf einer behutsam getupften Synthie-Spur erbaute "Easy".

Der britische Edelcrooner Antony Hegarty ("Antony And The Johnsons") gibt uns als Gastsänger auf fünf Liedern mit seiner zwischen sexueller Überreiztheit und dem Sound of Schmacht changierenden Götterstimme den Rest – und das im positiven Sinne! Zweifelsohne eine der stimmigsten Arbeiten des laufenden Jahres.

(Wiener Zeitung, 29./30./31.3.2008)

Bob Dylan: Säulenheiliger des Rock ’n’ Roll

Mit "Modern Times", seinem 32. Album, erklomm Bob Dylan 2006 nach drei Jahrzehnten wieder die Spitze der US-Charts. Im Jahr darauf ließ sich der 1941 in Minnesota als Robert Allen Zimmerman geborene Musiker erstmals remixen – Mark Ronsons Version des 40 Jahre alten Songs "Most Likely You Go Your Way" sollte den längst zum Säulenheiligen der Rockmusik gewordenen Songwriter auch der Generation FM4 näher bringen.

Zweifelsohne muss man von einem weiteren Frühling des heute 67-Jährigen sprechen, der unter Anlehnung an Vorbilder wie Woodie Guthrie oder Pete Seeger große Erfolge als Folksänger gefeiert hatte, ehe er sich 1965 dem Rock ’n’ Roll zuwandte – und dafür als "Judas" beschimpft wurde.

Über sein Privatleben breitete der vierfache Vater stets den Mantel des Schweigens. Sein Image ist das eines Schwierigen, seine Songtexte gelten als literarisch hochstehend. Im Juni kommt dieser neben Neil Young letzte noch aktive Rock-Großmeister wieder nach Österreich: "Play it fucking loud!"

(Wiener Zeitung, 26.3.2008)

Suche nach perfektem Song

Wien. Als postmodernem Schlagwort haftet dem Gedanken des "Anything goes" ein negativer Beigeschmack an. Schließlich sind Ideologien hinfällig, wenn alles möglich – und vielleicht sogar egal – ist. Gerade aber Pop wäre ohne auf bewussten Tabubruch setzende Grenzüberschreitungen nicht denkbar, die spannendsten Arbeiten entstehen nicht selten aus der Verwebung des Unverwebbaren.

Angesichts solcher Überlegungen und tatsächlich alles mit allem verbindender Künstler wie etwa dem Experimentalkollektiv Chrome Hoof, das Jazz und Death-Metal miteinander kombiniert, sind Scenario Rock aus Frankreich noch dezent, was stilistische Brückenschläge betrifft.

Wie sich die Band um Mehdi Pinson auf ihrem Debüt "Endless Season" (2004) wankelmütig an verschwitztem Dancefloor-Pop, lyrischem Rock und vom Punk her kommenden Gitarrenbrettern – nebst Soul-Einsprengseln und einer Portion Funk – abarbeitete, konnte sich jedenfalls hören lassen.

Für den erstaunlich homogen ausgefallenen Zweitling "Histrionics", der am Samstag ab 22 Uhr im Wiener Fluc vorgestellt wird, gilt dieses Motto aber kaum mehr. Ohne Effektgerät gespielte Gitarren und auf Melancholie gestimmte Klaviermotive, dezente elektronische Klangflächen sowie ab und an zuarbeitende Streichergruppen und Bläsersätze führen die Band auf ihrer Suche nach dem perfekten Song recht entschlossen durch klassische Popentwürfe. Und das hat große Klasse.

(Wiener Zeitung, 15./16./17.3.2008)