Das mag nun sein, schließt aber aus, dass diese Dekade auch schlichtweg verdrängt wurde. Immerhin haben wir es hier nicht nur mit einer von Ronald Reagan und der Tschernobyl-Katastrophe geprägten Zeit zu tun. Auch die Popkultur hatte damals ihre liebe Not. Schlechter Geschmack und gute Laune, wer erinnert sich noch? Bananarama, Nena. Schulterpolster und Fönfrisuren. Michael J. Fox in "Das Geheimnis meines Erfolges". Alten Menschen stellt es bei diesbezüglichen Alpträumen noch heute die Grausbirn’ auf.
Schlechter Geschmack: Diesen transportierten auch Duran Duran mit ihren außer dem eigenen Hedonismus vor allem dem eigenen Hedonismus geschuldeten Musikvideos, "powered by MTV".
In Anzug, Krawatte und Segelschuhen wurde hier auf Pferden über Sandstrände geritten, auf Yachten Prosecco geschlürft. Und abseits der Bilder Marschierpulver gezogen.
In den Soundbänken der 80er
Schnee von gestern? Schließlich tönen schon vor Konzertbeginn heute angesagte Helden wie Justice und Hot Chip vom Band: Der Puls der Zeit, da kann man nichts machen. Duran Duran eröffnen das Konzert mit näher an The Knife als an Kajagoogoo angesiedelten Klangflächen, es folgen "The Valley" und "Red Carpet Massacre" – peitschend, tanzbar, dem Hier und Heute wie auch einer gewissen Nachdenklichkeit verpflichtet, kein schlechter Einstieg. Wenn man der Band auch vorwerfen muss, sich auf ihrem aktuellen Album durch Miteinbeziehung des Dreamteams Timberlake/Timbaland dem sogenannten Trend gar zu arg angebiedert zu haben, so wird man live zunächst recht ordentlich unterhalten. Auch – oder gerade – weil Simon Le Bon aussieht, als hätte er noch am gleichen Abend ein Bewerbungsgespräch für den Posten des BZÖ-Wahlkampfleiters. Die Frisur hält!
Erste Hits werden eingestreut: "Hungry Like The Wolf", "Planet Earth" und "The Reflex" verbreiten unterkühlten New-Wave-Charme, für die nötige Wärme sorgt nicht zu knapp kommender Funk. Tief in den Soundbänken der 80er wird erstmals bei "A View To A Kill" gegraben, James Bond lässt grüßen. Schnell wird "Save A Prayer" – nach wie vor ganz großer Pop – verpulvert, es geht ab ins Elektro-Set.
Hier wird nun endgültig die Bude gerockt. Die wasserstoffblondierten Herren machen einen auf Kraftwerk – wir sind die Roboter! – und schauen mit einer Coverversion von "Warm Leatherette" auch bei Daniel Miller alias The Normal vorbei. Danach geht’s bergab. Massenanimation, Massenkaraoke. Die Hits der 80er und 90er Jahre. Partykracher in Bierzeltstimmung. Andererseits: Wo würde das auch hinführen, wenn man selbst Duran Duran jetzt wieder gut fände?
(Wiener Zeitung, 15.7.2008)

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