Die Schnellsten waren Massive Attack bekanntlich noch nie. Gerade einmal vier Alben und einen Soundtrack hat die Band Zeit ihrer mittlerweile zwanzigjähigen Karriere eingespielt, die Veröffentlichung der neuesten Arbeit wird gegenwärtig immer wieder hinausgeschoben – obwohl die unter dem Titel "Weather Underground" angekündigte Platte schon fast fertig wäre, wie Gründungsmitglied Robert Del Naja dem britischen "NME" erst vor einem Monat erzählte.
Es traf sich also gut, dass die wahrscheinlich prägendste britische Band der 90er Jahre – neben Portishead und Tricky gilt sie als Zentralfigur des Trip-Hop, einer düsteren Mischung aus Hip-Hop, Jazz, Soul, Dub und Elektronik – am Donnerstag ausgerechnet in der Welthauptstadt der Gemütlichkeit Halt machte, um dort ihre verschleppten Beats erklingen zu lassen.
Umgarnt von sattem Bühnennebel, der die Wirkung einer Musik unterstreichen sollte, die seit jeher Bilder von nasskalten Herbstlandschaften vor das geistige Auge ihrer Hörer zaubert, setzte die Band am Open-Air-Gelände der Wiener Arena nicht auf die Kraft des Vertrauten. Geboten wurden nur Auszüge aus dem anfänglichen "Blue Lines" sowie "Mezzanine" aus 1998, mit dem Massive Attack eine stilistische Neuausrichtung einläuteten, atmosphärische Soundscapes und hallverhangene Gitarren mit elektronischem Schlagzeug kombinierten.
Geprägt aber war der gemeinsame Auftritt mit Band und Weggefährten wie etwa Gastsänger Horace Andy oder der Trip-Hop-Sirene Stephanie Dosen von acht neuen Songs, anhand derer sich zwar noch kein klares Bild des kommenden Albums zeichnen lässt; nach dem sperrigen Vorgänger "100th Window" scheint es aber wieder organischer und etwas zugänglicher zu werden. Perkussive Rhythmen wie zuletzt bei dem als Zugabe gespielten "Karmacoma" aus 1994 ziehen sich durch "Dobro", das tolle, als Opener gegebene "All I Want" bringt zu pulsierendem Wummerbass auch den Soul wieder ins Spiel.
Dass sich die Stimmung dabei in Grenzen hielt, lag nicht an etwaigen Schwächen des Materials. Sondern ganz generell daran, dass auf Popkonzerten Bekanntes nicht nur besser ins Ohr geht, sondern auch auf die Kraft der Nostalgie bauen kann. So gerieten die Klassiker wie "Unfinished Sympathy", "Inertia Creeps" oder "Safe From Harm", bei dem die Band Zitate von Josef Stalin und Hermann Göring als textliche Mahnmale über den LED-Screen ausschickte, zum Triumph.
Dass ausgerechnet "Teardrop" etwas in den Sand gesetzt wurde, war da schon egal. Eine Bagatelle angesichts der Erhabenheit, die Massive Attack mit ihrer Ästhetik des Grooves hier immer noch ausstrahlten.
(Wiener Zeitung, 2./3./4.8.2008)

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