Wien. Im Herbst 2008 liegt die Weltwirtschaft danieder. Die Konkurse US-amerikanischer Investmentbanken haben den Kapitalismus in eine Krise gestürzt, Wirtschaftsforscher ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Nicht nur die Anleger, ganze Märkte sind nervös. Die Rezession droht, Fiona Swarovski rät zum Anbau von Gemüse. Leute, wir müssen jetzt sparen! Denn: Geht’s der Wirtschaft schlecht, geht’s uns allen schlecht.
Peter Licht hat uns gewarnt. Schon 2006 konstatierte der in Köln ansässige Liedermacher und Autor auf seinem Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" zu schön geschrammeltem, mit Glockenspiel behübschtem Gitarrenpop hörbar ohne Wehmut den Niedergang unseres Wirtschaftssystems: "Hast du schon gehört, das ist das Ende. Das Ende vom Kapitalismus – jetzt isser endlich vorbei. Vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei! Weißt du noch, wir fuhren mit dem Sonnenwagen über das Firmament. Und wir pflückten das Zeug aus den Regalen aus den Läden. Und wir waren komplett! Weißt du noch, wir regelten unsre Dinge übers Geld."
Licht, der mit seinem 2001 auch im heimischen Jugendradio auf Heavy Rotation gelaufenen Lied "Sonnendeck" noch als Meinrad Jungblut einen veritablen Sommerhit gelandet hat, demonstriert seit jeher nicht nur seine Qualitäten als Songwriter mit erstaunlichem Gespür für melodieselige Arrangements. Der im Rahmen des Bachmannpreises 2007 für seinen Text "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" sowohl mit dem 3sat- als auch dem Publikumspreis ausgezeichnete Darsteller der Kunstfigur Peter Licht gefällt auch seiner pointierten Songtexte wegen.
Melancholie und Stadtflucht
Die können in Gestalt melancholisch angehauchter Alltagsbetrachtungen oder auch als im Kern ernst gemeinte, durch sprachlichen Witz aber ironisch gebrochene Verhandlungen ihres jeweiligen Themengegenstandes daherkommen. Siehe dazu Lieder wie "Ihr lieben 68er" ("Danke für alles – ihr dürft jetzt gehen. Aber bitte ruft uns nicht an!") oder die Prekariats-Hymne "Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt".
Nach auch musikalisch neckischen Anfängen im Bereich ungeschliffener Lo-Fi- und Wohnzimmerpop fragmente und zunehmend ernsthaft ausproduzierten und zuletzt auch deutlich rocklastigeren Arbeiten veröffentlichte Licht heuer mit "Melancholie & Gesellschaft" sein bisher introspektivstes Album. Darauf verbünden sich mit viel Hall veredelte Klaviermotive und zart angeschlagene Lagerfeuergitarren zu einem Manifest der inneren Einkehr in der ironiefreien Zone. Inhaltlich bringt Licht hier auch die bürgerliche – dem Bobo von heute verständliche – Sehnsucht des Städters nach der ländlichen Idylle mit ins Spiel. "Wär’ das nicht gut? Es ging uns dort besser!" Süßer Eskapismus.
Eine Kunstfigur ohne Gesicht
Live hören kann man den Mann, der ähnlich wie US-Starautor Thomas Pynchon oder Daft Punk, die Könige der französischen Unterhaltungselektronik, sein Gesicht der Öffentlichkeit konsequent vorenthält – beim Bachmannpreis etwa las er mit dem Rücken zum Publikum – demnächst im Wiener WUK. Da frohlockt der Endverbraucher!
(Wiener Zeitung, 8.10.2008)

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