"Das eben geschieht den Menschen, die in einem Irrgarten hastig werden: Eben die Eile führt immer tiefer in die Irre." Wahre Worte, gelassen ausgesprochen von Seneca dem Jüngeren.
Lange vor Erfindung des Düsenjets, des Cern-Teilchenbeschleunigers oder des Technobeats als Motivationshilfe für gestresste Manager zum Workout am Laufband stellte sich der Dichter in stoischer Ruhe gegen Hast und Rastlosigkeit als Träger von Verzweiflung und Ratlosigkeit. Der Visionär nahm die herrschenden Verhältnisse bereits vorweg. Stichwort: Burnout. Stichwort: Speed kills!
Nicht nur das Lexikon der langen Weile gibt Rat. Hier aufgeführte Redewendungen wie "Was lange währt, wird endlich gut" oder "Gut Ding braucht Weile" harmonieren mit Überlebenstipps aus dem Maul von Balu, dem Bären, – "Probier’s mal mit Gemütlichkeit!" – ebenso wie mit der österreichischen Volksseele. Die sagt "longsom", "nur de Ruhe", oder in der Bundeshauptstadt "kaan Stress". Seneca und der gemeine Österreicher sind frei nach Boris Bukowski nicht "wie Kokain". Sie sind wie das Seidl zum Gulasch, wie das Viertel zum Schnaps.
Hier kommt nun Axl Rose ins Spiel, dessen Strizzi-Gang Guns N’ Roses in den 90er Jahren mit feistem Hard Rock der Sorte ja, eh! bekannt wurde und sich einem dem Klischee verpflichteten Lifestyle zufolge mit Jack Daniels, Dosenbier und Heroin recht ordentlich sedierte. Vermutlich hat man es dabei etwas übertrieben. Immerhin kündigt Rose, der die Band seit 1995 so konsequent umbesetzte, dass aus der Stammformation nur mehr er selbst übrig blieb, schon seit zehn Jahren ein neues Album an. Das heißt "Chinese Democracy" und ist so etwas wie ein Running Gag des Rock’n’Roll. Zwar wurden bei vereinzelten Konzerten schon neue Songs gespielt, auch Demoversionen derselben kursieren seit längerem im World Wide Web. Die immer wieder angekündigte, insgesamt sechste Arbeit von Guns N’ Roses wollte dann aber doch nie erscheinen.
Bestimmt, also wirklich! Wirklich wie: vielleicht. Alles ist möglich. Nix is fix. Zehn Jahre sind genug? Ein Prosit der Gemütlichkeit!
(Wiener Zeitung, 16.10.2008)

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