Liebe ist... Ja bitte, was eigentlich? Am Dienstagabend in der Wiener Stadthalle möchte man meinen: ein Missverständnis, das auf James Blunt zurückgeht. Schließlich führt der vollkommen zu Recht als Schmusesänger verschrieene britische Songwriter im Rahmen seiner aktuellen Tournee kaum ein klassisches Liebeslied mit im Gepäck. Aber Vorsicht! Jeder dieser immer leicht angerührten und von Blunt mit viel Kunstleid zwischen verzweifelter Mimik und latent irrem Blick im grauen Sonntagsanzug dargebrachten Songs klingt zumindest wie ein solches.
Man braucht sich heute bei erstaunlicher Pärchendichte im Publikum also nicht weiter zu wundern, wenn ausgerechnet zu Trennungsballaden wie "Goodbye My Lover" oder dem auch ohne Happy End bleibenden "Same Mistake" den Emotionen nachgegeben und dem Boy- oder Girlfriend die Zunge in den Hals gesteckt wird. Mit James Blunt, da sind wir irgendwie.. zusammener. Trennung hin, Trennung her.
Blunt, der 2004 mit seinem Album "Back To Bedlam" vorstellig wurde und auf "All The Lost Souls" im Vorjahr sein Revier endgültig zwischen laschem Kuschelrock und schwer verdaulichen Schmalzballaden markierte, liefert bei seinem Wien-Auftritt ein wahres Kunststück: Der in seiner Bühnenpräsenz von jedwedem Charisma befreite liebste aller potenziellen Schwiegersöhne bringt seine schon auf Platte erschütternd flachgebügelten Hits wie "You’re Beautiful", "Wisemen", "1973" und allem voran "High" mit vierköpfiger Band live noch sanfter, noch lascher, noch larmoyanter zur Aufführung. Klingt unmöglich, ist aber so: "Ahuuuuu!"
Dem von Radio Trallala an möglichst unauffällige, fahrstuhltaugliche Hintergrundbeschallung gewöhnten Publikum ist das egal. Schließlich bekommt es in betont freundlichen Zwischenansagen von seinem Helden auch ordentlich Honig ums Maul geschmiert. Und schließlich dürfen auch die Fans am anderen Hallenende ihrem James ganz nahe sein! Auf einer dort aufgebauten Miniaturbühne entfremdet Blunt nun auch solo am Klavier das Großkonzert in Richtung eines Aftershow-Jams in der Hotelbar.
Neben dem an Kitsch nicht zu überbietenden "Shine On" gibt sich vor allem "No Bravery", in dem der 34-Jährige mit zugespieltem Videomaterial seine Erlebnisse als KFOR-Soldat im Kosovo aufarbeitet, besonders melodramatisch. Der Rest ist gemächlich im mittleren Tempobereich angesiedelter Pop-Rock wie "Breathe", "Out Of My Mind" oder "So Long, Jimmy". Ein aalglatter, biederer Abend. Eine Konzert gewordene Harmlosigkeit.
(Wiener Zeitung, 30.10.2008)

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