Donnerstag, November 27, 2008

Der Gospel für die Gegenwart

TV On The Radio sind State of the Art. Punkt. Und sie sind gegenwärtig so etwas wie eine beste Band der Welt. Das vom New Yorker Hipsterbezirk Williamsburg aus operierende Quintett, dessen kreativer Kern aus Sänger Tunde Adebimpe, Gitarrist Kyp Malone und dem auch für den Sound von Kollegen wie den Yeah Yeah Yeahs oder zuletzt Scarlett Johansson verantwortlichen Produzenten David Sitek besteht, liefert seit 2004 verlässlich gute Alben.

Vom Debüt "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes" über "Return To Cookie Mountain" bis zur aktuellen Arbeit "Dear Science" übt sich der Fünfer dabei an einem Eklektizismus, der seinesgleichen sucht. Klassischer Rock’n’Roll, New Wave, heiliger Maschinenlärm und Black Music zwischen Soul, Blues, Funk und Jazz verbünden sich mit unterschiedlichen Spielarten der Unterhaltungselektronik und Doo Wop zu einer Art Gospel der Jetzt-Zeit.

Zurück zum Ursprung

"Anything goes" meint hier nicht postmoderne Beliebigkeit, sondern einen lustvollen Brückenschlag zwischen den Stilen, bei dem die Klugheit der Avantgarde auf das Gefühl von großem Pop trifft. Nicht umsonst zählt sich auch ein gewisser David Bowie zu den Fans dieser Band.

Live mag sich am Mittwoch in der ausverkauften Arena ein kurzer Irritations-Moment einstellen. Immerhin wird nach "Young Liars" spätestens bei einer beschleunigten Version von "The Wrong Way" ganz ohne jazzy Bläsersätze klar: Der Abend führt weg vom artifiziellen Moment und hin zum Ursprung. Rock’n’Roll! Der erfährt zwar ein Mehr an Funk und Soul, er verzichtet live aber auf die elaborierten Arrangements, die TV On The Radio zu den Innovatoren des zeitgenössischen Pop werden ließen. Nur zwischendurch fiepst, piepst und zwitschert es aus dem Synthesizer.

Das funktioniert bei seit jeher gröberem Material wie "Wolf Like Me", dem mit donnernden Drums auffahrenden "Shout Me Out" oder "Red Dress", das an die Talking Heads erinnert, auf Anhieb prächtig. Aber auch zentrale Nummern wie "Dancing Choose" oder das nun als funky Post-Punk gegebene "Golden Age" nehmen daran keinen Schaden. Ein Gefühl der Dringlichkeit vermittelt dazu Adebimpes Sprechgesang: vor allem bei Stücken wie "Dirtywhirl" oder dem zornigeren "DLZ".

Schon nach einer knappen Stunde geht es in den Zugabenblock, in dem sich das hastige "Staring At The Sun" ebenso wiederfindet wie das in Richtung Afro-Beat schielende "Let The Devil In". Dabei darf die Vorband an den Rasseln aushelfen und sich im spielerischen Freakout gegen eine düstere Vorahnung stemmen: "When the chariot arrives, you’d best enjoy the ride. ’Cause when we get to heaven’s gate we’re not getting inside".

(Wiener Zeitung, 28.11.2008)

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