Wien. Anfang der 80er Jahre stand der Weltschmerz hoch im Kurs – zumindest musikalisch. Das Erbe der nach dem Tod von Ian Curtis aufgelösten Post-Punk-Heroen Joy Division klang nach, und Bands wie The Cure wurden mit düster-romantischem Habitus zur Projektionsfläche einer zerrütteten Jugend. Die Gothic-Kultur war geboren, Mutters Schminktopf wurde beschlagnahmt, an schwarzer Kleidung aus Latex und Leder führte kein Weg mehr vorbei. Die Sehnsucht nach dem Jenseits mag groß gewesen sein – aber auch das Leid an der Welt hatte seinen Reiz: Masochismus! Süßer Schmerz.
Diesem klimatischen Nährboden entwuchs auch die Karriere von Anne Clark. Die 1960 in London geborene Musikerin thematisierte zwischenmenschliche Kälte oder die Verlorenheit des Individuums in großstädtischen Ballungszentren an der Schnittstelle zwischen Dark Wave, New Wave und Experiment: "Love is a dangerous game to play with. A battle where only one side wins. A toy that is so easily broken."
Im Gegensatz zu ihrer kommerziell erfolgreicheren, überwiegend männlichen Kollegenschaft, schrieb Clark vor allem auf ihrem Debütalbum "The Sitting Room" aus 1982 keine Songs; mit Samplern, Effektgeräten, hallverhangenem Klavier und Keyboardstreichern kreierte sie atmosphärische Soundscapes und Stimmungen mit melancholischer Sogwirkung. Und sie verweigerte jede Form des Singens zu Gunsten eines gesprochenen, distanziert-kühlen Vortrags ihrer Texte mit schwerem Cockney-Akzent.
Über die Jahre strukturierte Clark ihren Sound und band markant repetitive Synthie-Spuren in ihr Werk ein. Ihre bekanntesten Nummern, "Sleeper In Metropolis" und "Our Dark- ness" zeugen davon.
Nach "To Love And Be Loved" aus 1995 zog sich die Britin weitestgehend aus dem Musikbusiness zurück. Einer mit Remix-Projekten, Live-Alben und der Vertonung von Gedichten Rainer Maria Rilkes übertauchten, kreativen Durststrecke folgte mit "The Smallest Acts Of Kindness" heuer die erste Arbeit mit Eigenkompositionen seit 13 Jahren. Darauf geben sich akustische Songs mit Folk-Einschlag, retroschicker Synthie-Pop und blubbernde Beats die Klinke in die Hand. Aber auch Ausflüge in Richtung Funk und schwer verdaulichen Pomp zwischen Brutalo-Techno und Trance sind erlaubt. Bevor Clark am 27. Februar im Wiener WUK gastiert, kann man sie – und ihre sechsköpfige Live-Band – bereits jetzt in Vorarlberg erleben: Am Freitag im Dornbirner Spielboden.
(Wiener Zeitung, 10.12.2008)
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