Coldplay-Fans der ersten Stunde können ein Lied davon singen, auch wenn sich schon auf "Parachutes", dem Debüt des 1996 um Sänger Chris Martin in London formierten Quartetts abgezeichnet haben mag, dass hier ein neuer Hoffnungsträger für eine im Sterben liegende, also nach Umsatz lechzende Industrie heranreift. Die Mischung aus zärtlichem Stadionrock und rührseligen Balladen brachte der Band im Weiteren aber viel Häme ein. Sie galt als "not cool". Zu viel Larmoyanz! Klassische, auf die Tränendrüse drückende Mädchenmusik.
Diese macht sich in der bestens gefüllten Wiener Stadthalle etwa mit der von Martin am Klavier gegebenen Abschiedsballade "The Hardest Part" oder dem nach einem zarten Orgel-Intro gegen Ende hin ausbrechenden "Fix You" breit. Hier tropft das Pathos satt aus jedem Notenhals.
Vergessen wird aber gerne, dass Coldplay eine gute Handvoll tatsächlich makelloser Popsongs in die Welt gesetzt haben. Diese hagelt es nach dem stampfenden "Violet Hill" aus dem aktuellen, heute fast zur Gänze dargebotenen Album "Viva La Vida", das der große Brian Eno im Verbund mit Markus Dravs zur bisher facettenreichsten Arbeit der Formation schmiedete, gleich in Hülle und Fülle. Wir hören "Speed Of Sound" und "Clocks", die mit breit angelegten, harmoniesüchtigen Melodiebögen euphorisch auf ein von Beginn an schwer begeistertes Publikum einwirken. Das darf mitklatschen, sich in Karaoke üben und später ein Bad im Konfettiregen nehmen.
Abgesehen von einem Techno-Beat, der für eine neu überarbeitete Version von "God Put A Smile Upon Your Face" herhalten muss, bleibt alles wie gehabt: ohne Ecken und Kanten. Der Motor kommt nicht ins Stottern, nur Martin ver-singt sich gelegentlich, die Gitarre ist vom leicht vertrackten Rhythmus bei "Strawberry Swing" überfordert.
Mit Folkeinschlag und Mundharmonika wird schließlich auch auf den Sitzrängen am anderen Hallenende "The Scientist" und "Death Will Never Conquer" geschrammelt. Dass die heute gehörten Lieder vorwiegend um Verluste und den daraus resultierenden Schmerz kreisen, tut längst nichts mehr zur Sache. Ich, du, er sie, es – am Ende sind während dieser Sternstunde der Weltumarmung alle eine große Familie. Die spendet Trost, Coldplay letztlich auch: "Just because I’m losing / doesn’t mean I’m lost!" Die Hoffnung stirbt zuletzt.
(Wiener Zeitung, 26.9.2008)