Freitag, September 26, 2008

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wenn eine Band, die man einst über das semi-oppositionelle Universum seines bevorzugten Alternativjugendradiosenders kennenlernte, an der Spitze der Charts auftaucht und in der kommerziellen Oberliga der Rockmusik plötzlich als legitimer Anwärter auf die goldene U2-Gedenk-Medaille gilt, ist Skepsis angebracht. Weil: Hey, das war meine Band! Und jetzt kennt sie jeder.

Coldplay-Fans der ersten Stunde können ein Lied davon singen, auch wenn sich schon auf "Parachutes", dem Debüt des 1996 um Sänger Chris Martin in London formierten Quartetts abgezeichnet haben mag, dass hier ein neuer Hoffnungsträger für eine im Sterben liegende, also nach Umsatz lechzende Industrie heranreift. Die Mischung aus zärtlichem Stadionrock und rührseligen Balladen brachte der Band im Weiteren aber viel Häme ein. Sie galt als "not cool". Zu viel Larmoyanz! Klassische, auf die Tränendrüse drückende Mädchenmusik.

Diese macht sich in der bestens gefüllten Wiener Stadthalle etwa mit der von Martin am Klavier gegebenen Abschiedsballade "The Hardest Part" oder dem nach einem zarten Orgel-Intro gegen Ende hin ausbrechenden "Fix You" breit. Hier tropft das Pathos satt aus jedem Notenhals.

Vergessen wird aber gerne, dass Coldplay eine gute Handvoll tatsächlich makelloser Popsongs in die Welt gesetzt haben. Diese hagelt es nach dem stampfenden "Violet Hill" aus dem aktuellen, heute fast zur Gänze dargebotenen Album "Viva La Vida", das der große Brian Eno im Verbund mit Markus Dravs zur bisher facettenreichsten Arbeit der Formation schmiedete, gleich in Hülle und Fülle. Wir hören "Speed Of Sound" und "Clocks", die mit breit angelegten, harmoniesüchtigen Melodiebögen euphorisch auf ein von Beginn an schwer begeistertes Publikum einwirken. Das darf mitklatschen, sich in Karaoke üben und später ein Bad im Konfettiregen nehmen.

Abgesehen von einem Techno-Beat, der für eine neu überarbeitete Version von "God Put A Smile Upon Your Face" herhalten muss, bleibt alles wie gehabt: ohne Ecken und Kanten. Der Motor kommt nicht ins Stottern, nur Martin ver-singt sich gelegentlich, die Gitarre ist vom leicht vertrackten Rhythmus bei "Strawberry Swing" überfordert.

Mit Folkeinschlag und Mundharmonika wird schließlich auch auf den Sitzrängen am anderen Hallenende "The Scientist" und "Death Will Never Conquer" geschrammelt. Dass die heute gehörten Lieder vorwiegend um Verluste und den daraus resultierenden Schmerz kreisen, tut längst nichts mehr zur Sache. Ich, du, er sie, es – am Ende sind während dieser Sternstunde der Weltumarmung alle eine große Familie. Die spendet Trost, Coldplay letztlich auch: "Just because I’m losing / doesn’t mean I’m lost!" Die Hoffnung stirbt zuletzt.

(Wiener Zeitung, 26.9.2008)

Verdammt hart, die Beste zu sein

Wenn Madonna etwas macht, dann macht sie es vielleicht nicht immer richtig. Sie macht es aber bestimmt ordentlich und gründlich. Das war so, das ist so, das muss so sein.

Immerhin handelt es sich bei der 1958 im US-Staat Michigan als Madonna Louise Ciccone geborenen Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Kinderbuchautorin, vor allem aber Entertainerin und millionenschweren Trademark ihrer selbst um nichts weniger als die Queen Of Pop. Dieser Titel gebührt ihr spätestens seit ihrem Durchbruch mit dem Album "Like A Virgin" (1984) und Folgehits wie "Material Girl" oder "Into The Groove". Und immerhin eilte der heute 50-Jährigen von jeher der Ruf voraus, auch der Selbstbestätigung ihres gut, möglicherweise zu gut im Saft stehenden Egos wegen verbissen, verbohrt an einer Weltkarriere zu arbeiten, denn: Von nichts kommt nichts! Dieses Motto wird konsequent weitergeführt, wenn Madonna ihren Tourtross über den Globus schleift. Die Frau – die Ikone, der Star! – gibt keine Konzerte, sie gibt Shows. Sie gibt nicht alles, sie gibt mehr. Ein Superlativ ist letztlich nur, was von Madonna Zeit ihrer Karriere noch nicht überhöht wurde. There's no business like show business.

Bei Madonnas erstem Österreich-Konzert werden den gut 50.000 Besuchern auf der Wiener Donauinsel, neben eingestreuten Hits, vor allem Auszüge aus dem aktuellen Album "Hard Candy" geboten.

Heitere Nabelschau

Auf dieser CD hinkt die gerne als Trendsetterin bezeichnete Sängerin durch die berechnende Einbeziehung des US-Starproduzenten Timbaland und dessen Amalgam aus preschenden Hip-Hop- und RnB-Beats und der nötigen Prise Pop dem Zeitgeist jedoch behäbig hinterher. Missy Elliott, Nelly Furtado, Björk, sogar Duran Duran waren schneller.

Vor allem aber wird das Publikum Zeuge einer gehörigen Nabelschau, eines narzisstischen Tanzes durch strahlende Spiegelkammern. Gleich eingangs wird klargestellt, mit wem wir es zu tun haben: Madonna singt "Candyshop" vom Thron herab und lässt sich von einem den Lakaien gebenden Tanzmann die Stiefel putzen. Auf den Videowalls spielen krochabunte Visuals mit Keith Haring Rambazamba, wir sehen aber auch hier eines: Madonna als zwischen Unschuldslamm und frechem Gör changierendes New-Wave-Springinkerl, Madonna als Femme Fatale in Latex und Leder Anfang der 90er Jahre, Madonna als spirituelle Eso-Tante, Madonna als super trouper Disco-Queen. Stationen einer Karriere als großes Ich-bin-ich. Das von Kostümwechseln in vier Teile aufgespaltete Konzert bleibt musikalisch aber halbgar.

Zum einen liegt es daran, dass Madonna etwa mit der Schmalzballade "You Must Love Me" aus ihrer Musicalphase mit Evita und aktuellen Missverständnissen wie dem samt Steppeinlage dargebrachten "Spanish Lesson" wenig zwingende Songs vorführt. Zum anderen werden alte Klassiker in teils einfältigen Neuadaptionen recht lieblos behandelt. Wir hören "Like A Prayer" in einer Eurodance-Trash-Version, ein weicheres, also weniger druckvolles "Music" oder "Borderline", das sich sogar über feiste, in Richtung Stadionrock schielende Riffs traut. Ein Bratlgeiger hilft mit seinem sympathischen Gipsy-Trupp vom Balkan drunten schließlich bei "La Isla Bonita" aus.

Auf der Videowall bittet Justin Timberlake zur Ménage-à-deux für schlappe "4 Minutes". Dessen Bläsersamples führten zuvor schon durch "Vogue". Auch Britney Spears schaut via Video vorbei! Da sage noch einer, Madonnas Gitarrenspiel – Himmel, hilf! – wäre das Verzichtbarste an diesem Abend gewesen.

(Wiener Zeitung, 25.9.2008)