Freitag, November 28, 2008

Das Feuer lodert schon

Wie äußert sich der Zorn Gottes? Man weiß es nicht. Und trotzdem: Leid, Schmerz und die Vorhölle mögen dabei eine gewisse Rolle spielen.

Niemand hat dieses Problemfeld eindringlicher vertont als David E. Edwards – anfangs mit 16 Horsepower, danach und aktuell als Woven Hand. Am Donnerstag im Wiener WUK liefert der Enkel eines Wanderpredigers wie gewohnt nichts weniger als ein Konzert des Jahres. Und er radikalisiert seinen auf Platte gern brodelnden, aber selten explodierenden Sound live an der roten Teufelsgitarre und mit seiner tatsächlich hervorragenden Band zu unerhörter Härte.

Furunkelnde Blues-Motive, Todes-Country, störrischer Endzeit-Rock’n’Roll. Unterbrochen von gefährlich aufflammendem Bassdröhnen, atmosphärischen Soundlandschaften oder kurzen Intermezzi an der Mandoline (etwa bei Bob Dylans "As I Went Out One Morning"), bitten Woven Hand nicht nur mit Songs aus der aktuellen Arbeit "Ten Stones" vehement zum Veitstanz: "Kicking Bird", "Beautiful Axe", "Not One Stone". Auch altes 16HP-Material wie das traurig-wütende "Splinters" oder "Horse Head Fiddle" darf nicht fehlen.

Nach triumphal brachialen Versionen von "Tin Finger" oder "Winter Shaker" sorgt "American Wheeze", live mit Bandoneon, als Über-Song aus alten Tagen für den würdigen Abschluss: "Come on, son/ bring your blade and your gun. And if I die by your hand/ I’ve gotta home in glory land." Aber: Auch die Hölle hat keine Sperrstunde. Das Feuer, es lodert schon.

(Wiener Zeitung, 29./30.11.2008)

Donnerstag, November 27, 2008

Der Gospel für die Gegenwart

TV On The Radio sind State of the Art. Punkt. Und sie sind gegenwärtig so etwas wie eine beste Band der Welt. Das vom New Yorker Hipsterbezirk Williamsburg aus operierende Quintett, dessen kreativer Kern aus Sänger Tunde Adebimpe, Gitarrist Kyp Malone und dem auch für den Sound von Kollegen wie den Yeah Yeah Yeahs oder zuletzt Scarlett Johansson verantwortlichen Produzenten David Sitek besteht, liefert seit 2004 verlässlich gute Alben.

Vom Debüt "Desperate Youth, Blood Thirsty Babes" über "Return To Cookie Mountain" bis zur aktuellen Arbeit "Dear Science" übt sich der Fünfer dabei an einem Eklektizismus, der seinesgleichen sucht. Klassischer Rock’n’Roll, New Wave, heiliger Maschinenlärm und Black Music zwischen Soul, Blues, Funk und Jazz verbünden sich mit unterschiedlichen Spielarten der Unterhaltungselektronik und Doo Wop zu einer Art Gospel der Jetzt-Zeit.

Zurück zum Ursprung

"Anything goes" meint hier nicht postmoderne Beliebigkeit, sondern einen lustvollen Brückenschlag zwischen den Stilen, bei dem die Klugheit der Avantgarde auf das Gefühl von großem Pop trifft. Nicht umsonst zählt sich auch ein gewisser David Bowie zu den Fans dieser Band.

Live mag sich am Mittwoch in der ausverkauften Arena ein kurzer Irritations-Moment einstellen. Immerhin wird nach "Young Liars" spätestens bei einer beschleunigten Version von "The Wrong Way" ganz ohne jazzy Bläsersätze klar: Der Abend führt weg vom artifiziellen Moment und hin zum Ursprung. Rock’n’Roll! Der erfährt zwar ein Mehr an Funk und Soul, er verzichtet live aber auf die elaborierten Arrangements, die TV On The Radio zu den Innovatoren des zeitgenössischen Pop werden ließen. Nur zwischendurch fiepst, piepst und zwitschert es aus dem Synthesizer.

Das funktioniert bei seit jeher gröberem Material wie "Wolf Like Me", dem mit donnernden Drums auffahrenden "Shout Me Out" oder "Red Dress", das an die Talking Heads erinnert, auf Anhieb prächtig. Aber auch zentrale Nummern wie "Dancing Choose" oder das nun als funky Post-Punk gegebene "Golden Age" nehmen daran keinen Schaden. Ein Gefühl der Dringlichkeit vermittelt dazu Adebimpes Sprechgesang: vor allem bei Stücken wie "Dirtywhirl" oder dem zornigeren "DLZ".

Schon nach einer knappen Stunde geht es in den Zugabenblock, in dem sich das hastige "Staring At The Sun" ebenso wiederfindet wie das in Richtung Afro-Beat schielende "Let The Devil In". Dabei darf die Vorband an den Rasseln aushelfen und sich im spielerischen Freakout gegen eine düstere Vorahnung stemmen: "When the chariot arrives, you’d best enjoy the ride. ’Cause when we get to heaven’s gate we’re not getting inside".

(Wiener Zeitung, 28.11.2008)

Dienstag, November 18, 2008

The Fall: Immer anders, immer gleich

Wien. Der 2004 verstorbene, legendäre britische Radio-DJ und Musikjournalist John Peel gehörte schon früh zu den Wegbegleitern und Fans der heute ehrwürdigen Post-Punk-Institution The Fall. Und Peel beschrieb die 1977 in Greater Manchester gegründete Band, deren Kopf und einzige Konstante der Sänger und Songwriter Mark E. Smith bis zum heutigen Tag bleiben sollte, einmal treffend so: "Sie sind immer anders. Sie sind immer gleich."

Konkret: Smith mag gemeinsam mit mehr als 30 ehemaligen Bandmitgliedern auf beachtlichen 27 (!) Studioalben stilistisch einiges ausprobiert haben. Vom grob geholzten, ungeschliffenen Post-Punk – Codename: vorwärts –, der ebenso atonal wie auch melodieselig ausfallen konnte und später auch schon einmal um übersteuerte Krawallelektronik erweitert wurde, ging es über Ausflüge in Richtung Funk, Blues und Rockabilly weiter in Richtung Culture-Clash.

Der führt auf "Imperial Wax Solvent", der aktuellen Arbeit der zurzeit als Quintett aktiven Band, vom eklektizistisch mit Kontrabass eingespielten "Alton Towers" hin zum gar nicht altersmilden und augenzwinkernd autobiografisch eingefärbten "50 Year Old Man" nur über den Umweg eines sturen Technobeats ("Taurig"): Alles ist möglich. Stillstand ist der Tod.

Allerdings blieben The Fall bei jeder Adaptierung ihres Sounds auch immer eindeutig und unverkennbar The Fall. Smiths enigmatische, schlecht gelaunt hingeraunzten Texte zeitigten zu gern schlampig gespielten E-Gitarren überwiegend treibende Songs, die vor allem auf die Kraft der Repetition vertrauten. Frei nach Attwenger: Es gibt Wiederholungen.

Dabei ist Smith, der heuer mit "Renegade: The Lives and Tales of Mark E. Smith" seine Memoiren veröffentlichte, als von kommerziellem Erfolg unbedankte, seit 30 Jahren kompromisslos arbeitende Rock-Zentralfigur, so etwas wie eine tatsächlich authentische Ausnahmeerscheinung in einer zunehmend angepassten Popkultur. Junge Menschen können hier noch etwas lernen! Live am Freitag im Rahmen der "faq"-Launchparty in der Wiener Arena.

(Wiener Zeitung, 19.11.2008)

Seelentröstung mit Skelett

Ein Skelett auf der Leinwand. Ausgerechnet! Und auf der Bühne davor ein Quartett, dessen Name kaum furchteinflößender sein könnte – bezieht er sich doch auf die Schattenseite der jüngeren Zeitgeschichte: Cold War Kids nennt sich die Band um Sänger Nathan Willett, die am Montag in der Wiener Arena gastierte.

Dass einem dabei und auch trotz der mit reichlich Unbilden hadernden Songtexte weder angst noch bange wurde, lag vor allem an einem: die Lieder dieses Trupps beziehen sich nicht selten auf den Seelentröster Soul und, stärker noch, den guten alten Blues. Der gebiert bekanntlich Hoffnung. Wehklagen bedeutet Befreiung. Als diesbezügliche Motivationshilfe heute wieder hoch im Kurs: Die Krise als Chance!

Nicht, dass wir es da mit reinem Soul oder Blues zu tun hätten, aber: Die Cold War Kids überführen ihr Wissen darum auf Arbeiten wie "Robbers & Cowards" und dem aktuellen "Loyalty To Loyalty" wie auch live zwar relativ unspektakulär, aber grundsolide in zeitlosen Rock’n’Roll.

Der fällt bei folklastigem Material wie "Every Valley Is Not A Lake" oder dem perkussiven "Welcome To The Occupation" gerne sperrig aus, lässt aber immer wieder auch Momente der Schönheit zu; kleine Hits wie "Hang Me Up To Dry" oder "Hospital Beds" kommen aus dieser Ecke. Näher an den White Stripes oder Led Zeppelin gestaltet sich das vorwärts rumpelnde "Mexican Dogs", zum zwischen gepflegtem Bar-Soul und besserem James-Bond-Titelsong changierenden "Every Man I Fall For" öffnet Willett sein gebrochenes Herz. Erfreulich unprätentiös!

(Wiener Zeitung, 19.11.2008)

Freitag, November 14, 2008

Tanz Baby! - Liebe

Dass dem Schlager einmal so etwas wie Substanz innewohnte, ist schon lange vergessen. Die Bambis! Wer erinnert sich noch? Heute ist das Genre bekanntlich bei der Starnacht im Montafon oder mit Bands wie Mia auch im Alternative Mainstream zu Hause. Letzte, geglückte Versuche, große Herzschmerzkunst aus dem gemeinhin Trivialen zu destillieren, datieren nun auch schon wieder ein Weilchen zurück. Es sei etwa an die Wiener Combo "Der Scheitel" um Fritz Ostermayer, Christian Schachinger oder Harald Waiglein erinnert.

Das burgenländische Duo Tanz Baby! versucht auf seinem Erstling nun Ähnliches. Zu billigen Casiosounds und den Klängen einer Bontempi-Orgel führt David Kleinl als schmachtender Crooner mit Rose in der Brusttasche – und gebrochenem Herzen darunter – durch die sehnsuchtsvolle Welt eines geschundenen Schwerenöters: "Ich hab geliebt die ganze Nacht. Und jede Frau in meinen Armen warst doch nur du!" Mariachi-Bläser fallen ein, das Akkordeon macht uns weinen. Sehnsucht nach Romantik als selbst erlittene Männertragödie.

(Wiener Zeitung, 15./16.11.2008)

Donnerstag, November 13, 2008

Fleet Foxes: Zwei PS Maximum

Wien. Ausgehend von einer auf Klischeestudien reduzierten Annäherung an den guten alten Rock ’n’ Roll, lässt auf die Herkunft der Fleet Foxes nur deren Kleidung schließen.

Grob karierte Flanellhemden und ein tendenziell der Verwahrlosung geschuldetes Erscheinungsbild – inklusive Pelzgoschn –, mögen manch einen an Seattle denken lassen. Die Heimatstadt des nun erstmals in Wien gastierenden Quintetts galt in den frühen 90er-Jahren als Epizentrum des Genres Grunge. Dessen Vertreter wie Tad oder Nirvana fanden im stadtansässigen Label Sub Pop ihre Heimat. Auf diesem veröffentlichten die Fleet Foxes heuer zwar ihr Debüt. Damit wären die Parallelen zu Grunge aber auch schon wieder erschöpft.

Musikalisch bewirtschaftet die vor zwei Jahren gegründete Band weniger grobe Äcker. Der Fünfer, der sich in der Tradition von Folk, Pop, Choralmusik oder barocker Psychedelik wähnt, wird eher im Umfeld des New Weird America angesiedelt oder über die kanadische Schule mit Bands wie etwa den Hidden Cameras rezipiert.

Als dominierendes Stilmittel wird dabei mit seufzenden Gruppengesängen geklotzt und nicht gekleckert. Wanderklampfen und vorsichtig angeschlagene Jazzgitarren verbrüdern sich mit Orgelakkorden und Flöten zu verführerischem Folk-Pop. Der klingt nicht verkopft, ist aber trotzdem sophisticated.

Assoziationen mit Filmmusiken sind erlaubt. Schließlich wird bei "White Winter Hymnal" unüberhörbar mit Ennio Morricone durch die Prärie geritten. Zwei PS Maximum! Angesichts großer Songs wie "Blue Ridge Mountains" und insgesamt 45 äußerst kurzweiliger Minuten eines der Alben des Jahres.

(Wiener Zeitung, 14.11.2008)

Liger: Crash Symbols

Um seine Einflüsse macht das Wiener Duo Liger, bestehend aus den Multiinstrumentalisten Dino Spiluttini und Gernot Scheithauer, auf seinem Debüt hörbar kein Geheimnis. Schließlich ist die darauf gebotene Mischung aus abwechselnd zittrig gehauchten oder verzweifelt in die Welt geschrienen Versen und spinnerten Eigenbausounds oft recht nahe an Jamie Stewarts obsessiv-abgründigen Arbeiten mit Xiu Xiu gebaut.

Das macht nun nichts, denn zum einen könnte man auf schlechtere Vorbilder zurückgreifen. Zum anderen haben wir es hier tatsächlich mit einer der gelungensten heimischen Arbeiten der letzten Jahre zu tun. Zärtliche Bläser, greinende Streicher, gediegenes Klavier, fiepsende Heimelektronik, niedliches Glockenspiel und vorsichtig aufbegehrende Gitarren thronen auf perkussiven Rhythmen oder elektronischen Beats. Die rumpeln, rasseln und quengeln. Harfen taumeln, Chöre seufzen. Dazu schickt Spiluttini seine Texte durch die Gefühlshölle amouröser Wirrnisse. "Is this the love you had wished for? A bleak and terrible disease." Toll!

(Wiener Zeitung, 31.10./1.11./2.11.08)