Mittwoch, Dezember 17, 2008

Noch mehr Opium für das Volk

Ausstellung "Medium Religion": Das ZKM in Karlsruhe beleuchtet die medialen Aspekte des Glaubens

Zwei Kernaussagen bestimmen die Ausstellung "Medium Religion" im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Erstens: Religionen bedienen sich heute verstärkt der Massenmedien, um ihre Botschaft zu verkünden. Fernsehen und zunehmend auch das Internet als global gestalt- und abrufbare Plattform sind an die Stelle von Schrift und Buch getreten – schneller und einfacher gestalten sich etwa Herstellung, Reproduktion, Verbreitung und Speicherung von Videos. Dabei drängt der vormals im Privaten verhaftete Glauben über neue technische Kanäle offensiver in die Öffentlichkeit – und er schiebt sich solchermaßen zurück in das kollektive Bewusstsein.

Zweitens: Religionen stellen an sich eine Art Medium dar. Die Wiederholbarkeit des religiösen Rituals findet ihre gegenwärtige Entsprechung in der Reproduktion, die vom technischen Fortschritt ermöglicht wurde und den Massenmedien zugleich als Grundlage dient.

Die Schau – kuratiert von ZKM-Vorstand Peter Weibel und dem Philosophen Boris Groys – präsentiert 72 Exponate teils künstlerischen, teils dokumentarischen Charakters.
Quer durch die Weltreligionen und über einen Abstecher in sektiererische Gefilde – gezeigt wird Hollywood-Star Tom Cruise, wie er in einem internen Schulungsvideo der Church Of Scientology heiße Luft absondert – operieren nicht wenige Werke mit der Auflösung und Neuanordnung von Sinnzusammenhängen.

Peter Bogers legt in seiner Videoinstallation "The Secrets of the Most High" gesungene Korantexte über die Bildspur eines amerikanischen TV-Predigers. Wael Shawky lotet das Verhältnis von Religion und Kapitalismus mit einem Video aus, das ihn in der Ästhetik einer TV-Reportage beim Durchqueren eines Supermarktes begleitet. Allerdings: Anstelle eines Moderationstextes trägt der Künstler eine Sure des Koran vor.

Auch blasphemische Kommentare kommen nicht zu kurz. Sang-Kyoon Noh verweist mit seinen übergroßen "Twin Jesus Christs" im Glitzerkostüm auf den Tod des Originals im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Auf ein McDonald’s-Plakat setzt Alexander Kosolapov ebenso das Abbild Jesu Christi wie den Schriftzug "This is my body". "This is my blood" steht auf dem Coca-Cola-Plakat nebenan. Verknüpft wird die Ikonografie des Christentums mit dem Markenwahn der kapitalistischen "Wertewelt" zu einer humorvoll konsumkritischen Arbeit.

Ungleich provokanter agiert Michael Schuster, auf dessen Kruzifixen nicht Jesus, sondern Pattex-Dosen mit der Aufschrift "No More Nails" hängen. Die Monster, die religiöser Fundamentalismus gebiert, führen dokumentarische Arbeiten vor Augen: Gezeigt werden Videobotschaften palästinensischer Selbstmordattentäter, aufgenommen kurz vor ihrem ersten und letzten Einsatz, ebenso wie eine Kindersendung im TV-Kanal der Hamas, die schon den Jüngsten nur eines beibringt: den Hass auf Israel.


Wie spannungsgeladen die Verhandlung religiöser Inhalte mit den Mitteln der Kunst sein kann, zeigt die dokumentarische Nachbetrachtung von Gregor Schneiders Projekt "Cube": Der schwarze Kubus, der an das islamische Zentralheiligtum Kaaba erinnert, durfte nicht auf der Biennale 2005 gezeigt werden. Eine vor dem Hintergrund des "Karikaturenstreits" 2006 in Salzburg nicht realisierte Arbeit präsentiert nun "Medium Religion". Christoph Büchel legt 1000 Exemplare der arabischen (!) Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf" aus. Das Buch ist in den arabischen Ländern seit Jahren ein Bestseller.

(Wiener Zeitung, 18.12.2008)

Dienstag, Dezember 09, 2008

Der Weltschmerz von damals

Wien. Anfang der 80er Jahre stand der Weltschmerz hoch im Kurs – zumindest musikalisch. Das Erbe der nach dem Tod von Ian Curtis aufgelösten Post-Punk-Heroen Joy Division klang nach, und Bands wie The Cure wurden mit düster-romantischem Habitus zur Projektionsfläche einer zerrütteten Jugend. Die Gothic-Kultur war geboren, Mutters Schminktopf wurde beschlagnahmt, an schwarzer Kleidung aus Latex und Leder führte kein Weg mehr vorbei. Die Sehnsucht nach dem Jenseits mag groß gewesen sein – aber auch das Leid an der Welt hatte seinen Reiz: Masochismus! Süßer Schmerz.

Diesem klimatischen Nährboden entwuchs auch die Karriere von Anne Clark. Die 1960 in London geborene Musikerin thematisierte zwischenmenschliche Kälte oder die Verlorenheit des Individuums in großstädtischen Ballungszentren an der Schnittstelle zwischen Dark Wave, New Wave und Experiment: "Love is a dangerous game to play with. A battle where only one side wins. A toy that is so easily broken."

Im Gegensatz zu ihrer kommerziell erfolgreicheren, überwiegend männlichen Kollegenschaft, schrieb Clark vor allem auf ihrem Debütalbum "The Sitting Room" aus 1982 keine Songs; mit Samplern, Effektgeräten, hallverhangenem Klavier und Keyboardstreichern kreierte sie atmosphärische Soundscapes und Stimmungen mit melancholischer Sogwirkung. Und sie verweigerte jede Form des Singens zu Gunsten eines gesprochenen, distanziert-kühlen Vortrags ihrer Texte mit schwerem Cockney-Akzent.

Über die Jahre strukturierte Clark ihren Sound und band markant repetitive Synthie-Spuren in ihr Werk ein. Ihre bekanntesten Nummern, "Sleeper In Metropolis" und "Our Dark- ness" zeugen davon.

Nach "To Love And Be Loved" aus 1995 zog sich die Britin weitestgehend aus dem Musikbusiness zurück. Einer mit Remix-Projekten, Live-Alben und der Vertonung von Gedichten Rainer Maria Rilkes übertauchten, kreativen Durststrecke folgte mit "The Smallest Acts Of Kindness" heuer die erste Arbeit mit Eigenkompositionen seit 13 Jahren. Darauf geben sich akustische Songs mit Folk-Einschlag, retroschicker Synthie-Pop und blubbernde Beats die Klinke in die Hand. Aber auch Ausflüge in Richtung Funk und schwer verdaulichen Pomp zwischen Brutalo-Techno und Trance sind erlaubt. Bevor Clark am 27. Februar im Wiener WUK gastiert, kann man sie – und ihre sechsköpfige Live-Band – bereits jetzt in Vorarlberg erleben: Am Freitag im Dornbirner Spielboden.

(Wiener Zeitung, 10.12.2008)

Montag, Dezember 08, 2008

Der Klang zersägter Herzen

Wie er es mit den Erinnerungen hält, erklärt Stuart A. Staples so: "I keep them away from me. They won’t be what I want them to be.

Das ist nur richtig, immerhin changiert der 43-Jährige, dessen Bariton an Leidgenossen wie Ian Curtis oder Nick Cave erinnert, mit seiner Lonely Hearts Club Band "Tindersticks" zwischen sanfter Melancholie und schwerer Depression. Das Leben ist so einfach nicht. Probleme können, dürfen, müssen daher auch über das Vergessen bewältigt werden.

Den Herzschmerz alter Männer überführen die Tindersticks seit 1992 und aktuell mit ihrem siebten Album "The Hungry Saw", auf dessen programmatischem Cover sich eine Säge tief ins Innere eines Herzen schneidet, in nahe am Soul für einsame Barhocker gebaute Balladen.

Auch live, wie am Donnerstag in der gut gefüllten Arena, vertraut man auf ein zurückgenommenes Klangbild zwischen Beserlschlagzeug, verhuschten Jazzgitarren, Klavier und Fender Rhodes. Unterstützt wird die nunmehr als Trio aktive Band von Saxofon, Trompete und Cello, deren in Moll gehaltene Arrangements den Griff zum Taschentuch bedingen: So schön, so heul!

Als Dandys im Sonntagsanzug präsentieren Staples und Konsorten neue Lieder wie das elegische "Come Feel The Sun" oder das latent zuversichtliche "The Flicker Of A Little Girl". Und sie verhelfen alten Hadern wie dem mexikanischen Gringoblues "Her" oder dem zerrütteten "Drunk Tank" live zu neuem Glanz.

Liebe ist kälter als der Tod? Ja, natürlich. Allerdings: Welches Dilemma könnte je schönere Lieder zeitigen?
(Wiener Zeitung)