2006 wurde Zach Condon angesichts seines Debütalbums unter dem Projektnamen Beirut nicht grundlos zum neuen Heiland des internationalen Pop erkoren: "Gulag Orkestar" gehörte – nicht nur aufgrund der Qualität seiner Songs – zu den zwingendsten Veröffentlichungen des Jahres.
Vor allem die Art, wie der damals erst 22-Jährige aus New Mexico quasi im Alleingang die Eindrücke einer Europareise zu einem (stark von der Folklore des Balkans beeinflussten) Popentwurf verschmolz – Condon verwendete Instrumente wie Akkordeon, Gitarre, Mandoline, Ukelele, Trompete oder Glockenspiel – sorgte für Aufsehen.
Hübsche, trotz schwer melancholischen Einschlags nie niederschmetternde Melodiebögen bildeten in Verbindung mit sehnsuchtsvollem Seufzgesang die Basis der ursprünglichen Solounternehmung, die Condon schließlich mit Band-Kollektiv auf die Bühne brachte. Nach der Veröffentlichung des nicht minder gelungenen Zweitlings, "The Flying Cup", auf dem der Amerikaner seinen frankophilen Anwandlungen freien Lauf ließ, legt Beirut nun erstmals seit 2007 neues Material vor.
Dabei ist "March Of The Zapotec" die Zusammenstellung zweier EPs, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einerseits spielt Condon mit einer 19-köpfigen Begräbniskapelle aus Mexiko, die wahlweise zackig trötet oder traurig aus den letzten Löchern pfeift. Andererseits erinnert er mit fünf von bewusst billiger Wohnzimmer-Elektronik getragenen LoFi-Songs an seine unter dem Künstlernamen "Realpeople" zugebrachten Jugendtage. Eine nette Sache!
(Wiener Zeitung)
Freitag, März 20, 2009
Freitag, März 06, 2009
Kein Heilkraut gegen Einsamkeit
Der schwedische Schmerzensmann Jay-Jay Johanson veröffentlicht mit "Self-Portrait" sein bisher schwierigstes Album.
Schon das Cover spricht Bände. Jay-Jay Johanson, der gleich selbst als Model für "Self-Portrait", sein mittlerweile siebentes Studioalbum posiert, fährt sich mit dem Handrücken an die Stirn und setzt als schlecht rasierter Schwerenöter mit Vorliebe für weit aufgeknöpfte Freizeithemden einen Blick auf, der keine Zweifel lässt. Ja, hier leidet jemand an den Verhältnissen. Und er stellt sich während eines ausgiebigen Bades im Selbstmitleid die entscheidende Frage: Warum geht es mir so dreckig? Warum geht es mir so schlecht?
Dergleichen ist für mit dem Œuvre des heute 39-Jährigen Vertraute nichts Neues, schließlich setzt der aus der schwedischen Kleinstadt Trollhättan gebürtige Musiker seit seinem Debütalbum "Whiskey" aus dem Jahr 1996 bevorzugt auf die Themen Verlustschmerz und Einsamkeit. Dagegen ist zwar bis heute kein Heilkraut gewachsen. Im Gegensatz zum Maronibrater von nebenan besitzen Künstler allerdings das Privileg, der Schmerzquelle durch ihre Arbeit den Garaus machen zu können, dürfen, müssen – Katharsis und so. Dass Johanson um Nämliche noch ringt, zeigt eine nicht enden wollende Songliste mit Titeln wie "It Hurts Me So", "The Girl I Love Is Gone", "She’s Mine But I’m Not Hers", "Alone Again", "Colder (I Want You No More)", "Suffering", "She Doesn’t Live Here Anymore", und, und, und.
In Zeiten der Hochkonjunktur des Wortes "Krise" wandelt sich die Welt aber auch für Johanson nicht zum Besseren. So bewegen sich die Texte auf "Self-Portrait" auf gewohntem Terrain, musikalisch setzt der Edel-Crooner aber noch eins drauf. Die zehn neuen Stücke, die auch für Johansons Verhältnisse ungemein introspektiv und zurückgenommen ausgefallen sind, vereinen sich zu seiner bisher schwierigsten Arbeit.
Nach den leicht angejazzten Songs seines Debüts, dem schweren TripHop auf "Poison", den gewöhnungsbedürftigen Ausflügen in Richtung Synthie-Pop, Blubber-Elektronik und French-House auf "Antenna" und "Rush" sowie dem Edelpop auf "The Long Term Physical Effects Are Not Yet Known", dominieren heute Beserlschlagzeug, schwer gesetzte Klavierakkorde in sattem Moll und wahlweise vorsichtig aufgetragene oder melodramatisch angelegte Streicherarrangements.
"Wonder Wonders", die erste Singleauskoppelung, darf als durchaus charakteristisch für das Klangbild des gesamten Albums bezeichnet werden, das nicht zuletzt mit traurig angehauchten Balladen für einsame Barhocker aufwartet.
Während man Johansons früheren Aufnahmen vorwerfen kann, sich mit etwas gar zu süßen Arrangements nahe am Kitsch zu bewegen, durchbricht der Schmerzensmann die tragische Schönheit seiner neuen Lieder unter Mithilfe von Magnus Frykberg (Schlagzeug), Erik Jansson (Klavier) sowie des amerikanischen Gitarristen Jeff Rian nun gekonnt mit Störgeräuschen ("My Mother’s Grave") und disharmonischen Spurenelementen.
Daneben glänzen die knapp einminütige Klavierminiatur "Liar", das Beziehungsgewalt thematisierende "Broken Nose" oder das kantige "Autumn Winter Spring", bei dem Johanson gleich eingangs fleht: "Oh please, can anybody help me?" Aber: Gegen diese Krise gibt es keine Konjunkturspritze.
Jay-Jay Johanson: Self-Portrait (EMI)
(Wiener Zeitung, 7./8.3.2009)
Schon das Cover spricht Bände. Jay-Jay Johanson, der gleich selbst als Model für "Self-Portrait", sein mittlerweile siebentes Studioalbum posiert, fährt sich mit dem Handrücken an die Stirn und setzt als schlecht rasierter Schwerenöter mit Vorliebe für weit aufgeknöpfte Freizeithemden einen Blick auf, der keine Zweifel lässt. Ja, hier leidet jemand an den Verhältnissen. Und er stellt sich während eines ausgiebigen Bades im Selbstmitleid die entscheidende Frage: Warum geht es mir so dreckig? Warum geht es mir so schlecht?
Dergleichen ist für mit dem Œuvre des heute 39-Jährigen Vertraute nichts Neues, schließlich setzt der aus der schwedischen Kleinstadt Trollhättan gebürtige Musiker seit seinem Debütalbum "Whiskey" aus dem Jahr 1996 bevorzugt auf die Themen Verlustschmerz und Einsamkeit. Dagegen ist zwar bis heute kein Heilkraut gewachsen. Im Gegensatz zum Maronibrater von nebenan besitzen Künstler allerdings das Privileg, der Schmerzquelle durch ihre Arbeit den Garaus machen zu können, dürfen, müssen – Katharsis und so. Dass Johanson um Nämliche noch ringt, zeigt eine nicht enden wollende Songliste mit Titeln wie "It Hurts Me So", "The Girl I Love Is Gone", "She’s Mine But I’m Not Hers", "Alone Again", "Colder (I Want You No More)", "Suffering", "She Doesn’t Live Here Anymore", und, und, und.
In Zeiten der Hochkonjunktur des Wortes "Krise" wandelt sich die Welt aber auch für Johanson nicht zum Besseren. So bewegen sich die Texte auf "Self-Portrait" auf gewohntem Terrain, musikalisch setzt der Edel-Crooner aber noch eins drauf. Die zehn neuen Stücke, die auch für Johansons Verhältnisse ungemein introspektiv und zurückgenommen ausgefallen sind, vereinen sich zu seiner bisher schwierigsten Arbeit.
Nach den leicht angejazzten Songs seines Debüts, dem schweren TripHop auf "Poison", den gewöhnungsbedürftigen Ausflügen in Richtung Synthie-Pop, Blubber-Elektronik und French-House auf "Antenna" und "Rush" sowie dem Edelpop auf "The Long Term Physical Effects Are Not Yet Known", dominieren heute Beserlschlagzeug, schwer gesetzte Klavierakkorde in sattem Moll und wahlweise vorsichtig aufgetragene oder melodramatisch angelegte Streicherarrangements.
"Wonder Wonders", die erste Singleauskoppelung, darf als durchaus charakteristisch für das Klangbild des gesamten Albums bezeichnet werden, das nicht zuletzt mit traurig angehauchten Balladen für einsame Barhocker aufwartet.
Während man Johansons früheren Aufnahmen vorwerfen kann, sich mit etwas gar zu süßen Arrangements nahe am Kitsch zu bewegen, durchbricht der Schmerzensmann die tragische Schönheit seiner neuen Lieder unter Mithilfe von Magnus Frykberg (Schlagzeug), Erik Jansson (Klavier) sowie des amerikanischen Gitarristen Jeff Rian nun gekonnt mit Störgeräuschen ("My Mother’s Grave") und disharmonischen Spurenelementen.
Daneben glänzen die knapp einminütige Klavierminiatur "Liar", das Beziehungsgewalt thematisierende "Broken Nose" oder das kantige "Autumn Winter Spring", bei dem Johanson gleich eingangs fleht: "Oh please, can anybody help me?" Aber: Gegen diese Krise gibt es keine Konjunkturspritze.
Jay-Jay Johanson: Self-Portrait (EMI)
(Wiener Zeitung, 7./8.3.2009)
Michael Jackson: Ein letztes Aufbäumen des einstigen "King"
Keine vier Minuten nahm sich Michael Jackson am Donnerstag Zeit, um in einer vor kreischenden Fans als – mindestens! – Ereignis des Jahres inszenierten Pressekonferenz zu bestätigen, was seit Tagen vermutet worden war: Der einst mit dem Adelstitel "King Of Pop" versehene Sänger gab sein Comeback bekannt.
Im Juli will der heute 50-Jährige zehn Konzerte in der 20.000 Besucher fassenden O2-Arena in London geben. Spekulationen, wonach es sich dabei um seinen Bühnenabschied handeln könnte, gab Jackson Raum, indem er von seinen "letzten Show-Auftritten in London" sprach und diese als "the final curtain call", also eine letzte Danksagung an sein Publikum bezeichnete. Folgerichtig stehen die Konzerte auch unter dem schicksalsträchtigen Titel "This is it". No future?
Nicht rehabilitierbar
Man muss vom wahrscheinlich letzten Aufbäumen eines Ex-Superstars sprechen, dessen tatsächlich beispiellose Karriere von einer Reihe an Skandalen und bizarren Entgleisungen nicht bloß überschattet wurde. Sie gilt, wie die Reputation der Person Michael Jackson, seit Jahren als nicht mehr rehabilitierbar.
Jacksons Neigung zum Größenwahn, sein zunehmend von Schönheitsoperationen entstelltes Äußeres, finanzielle Maßlosigkeit sowie zwei Prozesse wegen Verdachtes auf Kindesmissbrauch (ein Freispruch, eine außergerichtliche Einigung) und zweifelhafte Auftritte mit seinen eigenen Kindern: Das alles schwingt gewichtig mit, wenn die Rede ist von frühem Ruhm als Kinderstar mit der familieneigenen R’n’B-Unternehmung Jackson Five oder späteren Solo-Erfolgen. Bis heute gilt sein 60 Millionen Mal verkauftes Album "Thriller" als meistverkauftes der Popgeschichte.
Aufgrund des angeschlagenen Gesundheitszustandes des Sängers bleibt das Comeback aber bis zuletzt eine Zitterpartie. Britische Buchmacher melden eine Quote von fünf zu eins gegen ein solches. Zynismus ist auch in der Pop-Branche keine unbekannte Größe.
(Wiener Zeitung, 7.3.2009)
Im Juli will der heute 50-Jährige zehn Konzerte in der 20.000 Besucher fassenden O2-Arena in London geben. Spekulationen, wonach es sich dabei um seinen Bühnenabschied handeln könnte, gab Jackson Raum, indem er von seinen "letzten Show-Auftritten in London" sprach und diese als "the final curtain call", also eine letzte Danksagung an sein Publikum bezeichnete. Folgerichtig stehen die Konzerte auch unter dem schicksalsträchtigen Titel "This is it". No future?
Nicht rehabilitierbar
Man muss vom wahrscheinlich letzten Aufbäumen eines Ex-Superstars sprechen, dessen tatsächlich beispiellose Karriere von einer Reihe an Skandalen und bizarren Entgleisungen nicht bloß überschattet wurde. Sie gilt, wie die Reputation der Person Michael Jackson, seit Jahren als nicht mehr rehabilitierbar.
Jacksons Neigung zum Größenwahn, sein zunehmend von Schönheitsoperationen entstelltes Äußeres, finanzielle Maßlosigkeit sowie zwei Prozesse wegen Verdachtes auf Kindesmissbrauch (ein Freispruch, eine außergerichtliche Einigung) und zweifelhafte Auftritte mit seinen eigenen Kindern: Das alles schwingt gewichtig mit, wenn die Rede ist von frühem Ruhm als Kinderstar mit der familieneigenen R’n’B-Unternehmung Jackson Five oder späteren Solo-Erfolgen. Bis heute gilt sein 60 Millionen Mal verkauftes Album "Thriller" als meistverkauftes der Popgeschichte.
Aufgrund des angeschlagenen Gesundheitszustandes des Sängers bleibt das Comeback aber bis zuletzt eine Zitterpartie. Britische Buchmacher melden eine Quote von fünf zu eins gegen ein solches. Zynismus ist auch in der Pop-Branche keine unbekannte Größe.
(Wiener Zeitung, 7.3.2009)
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