Sonntag, 24. Mai, 16 Uhr: Vati macht sich schick. Nach einer anstrengenden Woche im Büro und einem noch viel anstrengenderen Wochenende draußen im Guntramsdorfer Schrebergarten – die Wühlmäus’, das Unkraut, die Schwiegermutter… – legt er die alte Jeanstracht an und kampelt sich den Schnauzbart. Jetzt ist es endlich soweit! Er verabschiedet sich von Weib und Kind mit einem innigen „Seas“ und wird alsbald von seinen Strizzis in Empfang genommen. Vati öffnet das erste Dosenbier und rülpst zum Gaudium der geselligen Herrenrunde lautstark durch die Hofanlage. Die Hausbesorgerin keppelt, die Gruppe lacht. Dirty deeds done dirt cheap!
Mit der U2 geht es weiter in den Prater. Es werden schmutzige Männerwitze erzählt, während die Freunde aus alten Tagen die hiesige Hauptallee entlang flanieren. Vati öffnet sein drittes Bier und trinkt es hastig, denn gleich ist das Schweizerhaus erreicht! Dort steigt er auf Budweiser um, verleibt sich eine Stelze ein und bestellt sich dann ein Schnapserl zum Verdauen. Das ist gesund, das sagt auch der Hausarzt.
Um 20 Uhr trifft man im Happel ein. Nach einer lästigen längeren Weile in der Warteschlange ersteht Vati für zehn Eier blinkende Teufelshörner, die fortan sein Haupt verzieren, und am Merchandising-Stand ein Tour-T-Shirt für nochmals 35 Mäuse. Vati beschließt flott, seinem Zögling das Taschengeld zu streichen und schreitet solchermaßen erleichtert an die Bar. Das Bier wird dort in praktischen Ein-Liter-Bechern feilgeboten und ist besser eingeschenkt als in der Wirtschaft von vorhin. Vati ist glücklich und hüpft in freudiger Erwartung von Bein zu Bein, ehe es um Punkt neun losgeht. Und, sapperlot, wie!
Auf der Videowall im Hintergrund beobachten mehr als 50.000 Vatis und solche, die es noch werden wollen, ein charmant dämliches Animationsvideo, in dem der Beelzebub als sündiger Verführer nach drunten in die Hölle lädt. Feuer schnellt hoch, es sprühen die Funken. AC/DC beginnen mit einem neuen Lied, aber das ist egal, denn „Rock 'n' Roll Train“ klingt wie jedes Lied von AC/DC. Vati wird dasselbe Lied, leicht adaptiert und von wechselnden Soli umrahmt, heute noch etwa 20 weitere Male hören. AC/DC, dieses alte Bollwerk aus Sturheit und Unvernunft, sagt Vati zu sich selbst, und fühlt sich von seiner Lieblingskapelle bestätigt. Auch er selbst war immer ein recht sturer Hund und als solcher sowohl im Schrebergarten als auch im Büro gefürchtet.
Auch optisch ist alles beim Alten: Angus Young steckt noch immer in seiner Schuluniform, zumindest bis er sich dieser entledigt, um das restliche Konzert in einer Boxershort zu spielen – eine ganz und gar würdelose Angelegenheit, die heute eine gute Stunde dauert. Der Ton ist eingangs schlecht bis katastrophal, aber das wird etwas besser. Brian Johnson krächzt wie ein kastrierter Hahn, das wird leider nicht besser – aber es ist jetzt auch schon egal. Vati hört Lieder über den Rock 'n' Roll, Lieder über das Lotterleben, das mit diesem einhergeht und hier wiederum Lieder über die Tücken des männlichen Sexualtriebes; allesamt werden sie über auf derbe Riffs gebaute Kulturtechniken namens Hard-Rock oder Rock 'n' Roll und im Falle des zur Abwechslung deutlich gesetzteren Songs „The Jack“ auch über den Blues erzählt.
Nach knapp fünfzig Minuten erklingt „Hells Bells“. Vati und seine Freunde liegen einander in den Armen, Freudentränen versalzen ihr Bier. Jetzt gibt es kein Halten mehr! Außer Hits setzt es bald nur mehr Hits: „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“, „TNT“, „Thunderstruck“ „You Shook Me All Night Long“ oder „Back In Black”. Zu „Whole Lotta Rosie” wird eine Gummipuppe in Gestalt einer, sagen wir, bestens im Fleisch stehenden Trucker-Braut aufgeblasen. Auch hier: Eine ganz und gar würdelose Angelegenheit, ein großer Spaß für alle im Herzen jung Gebliebenen. Gnadenlos sinnloser und alleine schon deshalb großartiger Schabernack.
„Highway To Hell“ und „For Those About To Rock (We Salute You)" bedeuten das Grande Finale. Schade, aber auch Zeit. Vati ist glücklich, nur seine Ohren sind beleidigt. Seine Leber sowieso. Vatis Frau übrigens auch, aber noch weiß sie es nicht.
(Wiener Zeitung, Langfassung Online, 25.5.2009)
Montag, Mai 25, 2009
Freitag, Mai 15, 2009
Metallica: Zeigt her eure Narben
Wie es klingt, wenn man zu seinen Wurzeln im Dresch-, pardon, Thrash-Metal zurückkehrt, erklärt Metallica, die alte Tante aus dem harten Fach, am Donnerstag in der ausverkauften Wiener Stadthalle über einen Klassiker des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl in etwa so: Schtzngrmm, schtzngrmm, t-t-t-t, t-t-t-t, grmmmm!
Vom ersten Moment an – der lässt sich nach Ennio Morricones "The Ecstasy Of Gold" als traditionelles Intro vom Band im wuchtigen Siebenminüter "That Was Just Your Life" festmachen – legt Lars Ulrich mit präzise gedroschenen Rhythmen (s-c-h/tzngrmm, tzngrmm!) das Fundament, zu dem Gitarren und Bass mit heftigem Stakkatospiel wie Munition auf die Halle einhageln (t-t-t-t!). James Hetfield macht mit grantig grummelndem Sprechgesang (grmmmm!) böse Miene zum guten Spiel, ehe Kirk Hammett als Paganini an der Metal-Gitarre zu fingerbrecherischen Soli ansetzt, die die bärtigen Jungmänner im Publikum zu Hause auch gern nachspielen würden. Nur leider – schwierig!
Man hört es: Mit "Death Magnetic", dem aktuellen und heute auf einer in der Hallenmitte postierten Bühne live vorgestellten Album, das sich Metallica von Rick Rubin (Slayer, Johnny Cash, Shakira!) auf den Leib schneidern ließen, besinnt sich das Quartett wieder seiner Ursprünge. Nach Ausflügen in Richtung Hardrock, einer Kollaboration mit dem San Francisco Symphony Orchestra sowie der Comebackarbeit "St. Anger" aus 2003, auf der die Band mit einem Solo-Verbot für Kirk Hammett die strenge Regelkammer ihres Genres hinterging, sind nicht nur die Fans wieder zufrieden. Auch Metallica selbst scheinen Spaß am neuen, alten Sound zu haben, immerhin finden sich auf der Setlist gleich sechs aktuelle Songs.
Mit der Abrissbirne
Lieder wie "The End Of The Line" oder "All Nightmare Long" fallen nicht nur musikalisch mit der Abrissbirne ins Haus, sie künden als programmatische Ansagen auch von einer Welt ohne Hoffnung, von Albträumen ohne Erwachen. Und sie neigen als von Testosteronüberschuss geprägte Manifeste zu genuin männlicher Krisenbewältigung, die sich im inflationären Gebrauch von Wörtern wie "Sorrow", "Misery" oder "Suicide" veräußert. Nur "Broken Beat & Scarred" findet Trost in zweifelhaften Durchhalteparolen: "You rise, you fall, you’re down, then you rise again. What don’t kill you make you more strong." Und: "Show your scars!"
Als tatsächlich neues Element blitzen etwa zu "Cyanide" Funk-Riffs auf. Bei überwiegend schlechten Tonverhältnissen setzt es neben live zuletzt selten Gehörtem wie "Of Wolf And Man" oder "Jump In The Fire" auch eine brachiale Version von "Fight Fire With Fire" sowie gut abgehangene Hits von "One" über "Nothing Else Matters" bis hin zu "Enter Sandman" und "Seek & Destroy".
(Wiener Zeitung, 16./17.5.2009)
Vom ersten Moment an – der lässt sich nach Ennio Morricones "The Ecstasy Of Gold" als traditionelles Intro vom Band im wuchtigen Siebenminüter "That Was Just Your Life" festmachen – legt Lars Ulrich mit präzise gedroschenen Rhythmen (s-c-h/tzngrmm, tzngrmm!) das Fundament, zu dem Gitarren und Bass mit heftigem Stakkatospiel wie Munition auf die Halle einhageln (t-t-t-t!). James Hetfield macht mit grantig grummelndem Sprechgesang (grmmmm!) böse Miene zum guten Spiel, ehe Kirk Hammett als Paganini an der Metal-Gitarre zu fingerbrecherischen Soli ansetzt, die die bärtigen Jungmänner im Publikum zu Hause auch gern nachspielen würden. Nur leider – schwierig!
Man hört es: Mit "Death Magnetic", dem aktuellen und heute auf einer in der Hallenmitte postierten Bühne live vorgestellten Album, das sich Metallica von Rick Rubin (Slayer, Johnny Cash, Shakira!) auf den Leib schneidern ließen, besinnt sich das Quartett wieder seiner Ursprünge. Nach Ausflügen in Richtung Hardrock, einer Kollaboration mit dem San Francisco Symphony Orchestra sowie der Comebackarbeit "St. Anger" aus 2003, auf der die Band mit einem Solo-Verbot für Kirk Hammett die strenge Regelkammer ihres Genres hinterging, sind nicht nur die Fans wieder zufrieden. Auch Metallica selbst scheinen Spaß am neuen, alten Sound zu haben, immerhin finden sich auf der Setlist gleich sechs aktuelle Songs.
Mit der Abrissbirne
Lieder wie "The End Of The Line" oder "All Nightmare Long" fallen nicht nur musikalisch mit der Abrissbirne ins Haus, sie künden als programmatische Ansagen auch von einer Welt ohne Hoffnung, von Albträumen ohne Erwachen. Und sie neigen als von Testosteronüberschuss geprägte Manifeste zu genuin männlicher Krisenbewältigung, die sich im inflationären Gebrauch von Wörtern wie "Sorrow", "Misery" oder "Suicide" veräußert. Nur "Broken Beat & Scarred" findet Trost in zweifelhaften Durchhalteparolen: "You rise, you fall, you’re down, then you rise again. What don’t kill you make you more strong." Und: "Show your scars!"
Als tatsächlich neues Element blitzen etwa zu "Cyanide" Funk-Riffs auf. Bei überwiegend schlechten Tonverhältnissen setzt es neben live zuletzt selten Gehörtem wie "Of Wolf And Man" oder "Jump In The Fire" auch eine brachiale Version von "Fight Fire With Fire" sowie gut abgehangene Hits von "One" über "Nothing Else Matters" bis hin zu "Enter Sandman" und "Seek & Destroy".
(Wiener Zeitung, 16./17.5.2009)
Freitag, Mai 08, 2009
Gegen die Wand
Dass nicht weniger, sondern nur mehr auch wirklich mehr ist, weiß eine Band aus Texas: …And You Will Know Us By The Trail Of Dead um Jason Reece und Conrad Keely spielen auf mittlerweile sechs Alben epischen Breitwand-Rock mit Hang zu konzeptionellem Irrsinn und großer Geste.
Der Zugang zur Musik mag dabei ähnlich verkopft sein wie jener der latent artverwandten Kollegen von The Mars Volta. Das hört man dem kurz als TOD zu bezeichnenden Sextett aufgrund seiner Vorliebe für hymnische Melodiebögen allerdings nur selten an. Tatsächlich kann man mehr als nur zwei, drei Songs aus dem Gedächtnis heraus vor sich hersummen.
Live verzichten unsere Helden am Donnerstag im proppenvollen Wiener WUK auf elaborierte Studio-Arrangements zwischen Symphonieorchester und Chorgesängen auf den Spuren von Carl Orff, um einen Kreuzzug gegen die Region um Hammer, Amboss und Steigbügel durchzuführen. Krawall und Remmidemmi!
Sie setzen mit den Instrumentalminiaturen „Invocation“ und „Giants Causeway“ zum Sturm an und brettern im Anschluss mit „Far Pavilions“ aus dem aktuellen, live nur in homöopathischen Dosen verabreichten Album „The Century Of Self“ ungebremst gegen Wände, die sie bevorzugt selbst aufziehen: Wir hören dröhnende Walls Of Sounds, die Keely, Reece und Kevin Allen an den elektrischen Sechssaitern sowie Danny Wood am Bass mit Nachdruck ins Auditorium wuchten. Dazu lässt es die Band mit sage und schreibe zwei Drum-Sets auch im Rhythmussektor mächtig scheppern. Kurz: Kleckern klingt anders. Hier wird geklotzt und verschwendet, hier wird mit Einfällen und den Mitteln, diese umzusetzen, betont schlecht gewirtschaftet.
Einer im Konzertverlauf zunehmend gleichförmigen Lärmmasse entnehmen wir neben dem aus der mythologischen Ursuppe schöpfenden „Isis Unveiled“ auch älteres Material wie „Homage“, „It Was There That I Saw You“ oder „Caterwaul“. Melancholischer lässt sich etwa „Relative Ways“ an, ehe die „Bells Of Creation“ ihre Entsprechung etwas später im Ohrensausen finden. Rock 'n' Roll!
(Wiener Zeitung 9./10.5.2009)
Der Zugang zur Musik mag dabei ähnlich verkopft sein wie jener der latent artverwandten Kollegen von The Mars Volta. Das hört man dem kurz als TOD zu bezeichnenden Sextett aufgrund seiner Vorliebe für hymnische Melodiebögen allerdings nur selten an. Tatsächlich kann man mehr als nur zwei, drei Songs aus dem Gedächtnis heraus vor sich hersummen.
Live verzichten unsere Helden am Donnerstag im proppenvollen Wiener WUK auf elaborierte Studio-Arrangements zwischen Symphonieorchester und Chorgesängen auf den Spuren von Carl Orff, um einen Kreuzzug gegen die Region um Hammer, Amboss und Steigbügel durchzuführen. Krawall und Remmidemmi!
Sie setzen mit den Instrumentalminiaturen „Invocation“ und „Giants Causeway“ zum Sturm an und brettern im Anschluss mit „Far Pavilions“ aus dem aktuellen, live nur in homöopathischen Dosen verabreichten Album „The Century Of Self“ ungebremst gegen Wände, die sie bevorzugt selbst aufziehen: Wir hören dröhnende Walls Of Sounds, die Keely, Reece und Kevin Allen an den elektrischen Sechssaitern sowie Danny Wood am Bass mit Nachdruck ins Auditorium wuchten. Dazu lässt es die Band mit sage und schreibe zwei Drum-Sets auch im Rhythmussektor mächtig scheppern. Kurz: Kleckern klingt anders. Hier wird geklotzt und verschwendet, hier wird mit Einfällen und den Mitteln, diese umzusetzen, betont schlecht gewirtschaftet.
Einer im Konzertverlauf zunehmend gleichförmigen Lärmmasse entnehmen wir neben dem aus der mythologischen Ursuppe schöpfenden „Isis Unveiled“ auch älteres Material wie „Homage“, „It Was There That I Saw You“ oder „Caterwaul“. Melancholischer lässt sich etwa „Relative Ways“ an, ehe die „Bells Of Creation“ ihre Entsprechung etwas später im Ohrensausen finden. Rock 'n' Roll!
(Wiener Zeitung 9./10.5.2009)
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