Freitag, Februar 27, 2009

Oasis: Dienst nach Vorschrift

Man muss sich Liam Gallagher als jemanden vorstellen, der nicht nur davon überzeugt ist, dicke Eier zu haben. Auch weiß der Sänger von Oasis schon immer, dass er, gemeinsam mit seinem Bruder Noel, nichts weniger bildet als die beste Band der Welt. Ein Blick in die Archive spricht diesbezüglich Bände.

Diese von der Aura absoluter Egomanie bestimmte Bühnenpräsenz mag sich zwar auch am Donnerstag in der mit 10 000 Besuchern gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Wiener Stadthalle über weite Strecken behaupten. Man muss das als Nachwirkung einer Zeit verstehen, in der die Working-Class-Boys aus Manchester durch zentrale Alben wie „Definitely Maybe“ und „(What’s The Story) Morning Glory?“ zu gefeierten Rockstars wurden, um sich im Folgenden die ganze Abbey Road ins Resthirn zu ziehen: Die Nase hoch! Dazwischen aber – und das hätte es früher nicht gegeben – setzt es zwei, drei gar nicht einmal unfreundliche Worte ans Publikum, und am Ende anerkennenden Applaus für die freundliche Reaktion des Nämlichen.

Das ist neu, der gesamte Rest des Abends bleibt sattsam bekannt: Oasis spielen die gleichen Songs wie bei all ihren aktuellen Konzerten, und das in der gleichen Reihefolge. Routine verpflichtet.

Und sie reihen nach dem einläutenden „Fuckin’ In The Bushes“ vom Band wie gewohnt Hit an Hit, Weltscheibe an Weltscheibe. Unterbrochen von einer guten Handvoll Songs aus ihrem aktuellen Album „Dig Out Your Soul“ – darunter das an frühere Großtaten anschließende „The Shock Of The Lightning“, das mit sanft psychedelischem Einschlag mächtig groovende „To Be Where There’s Life“ oder „I’m Outta Time“ aus dem Balladenfach – ergibt das eine namhafte Liste von „Cigarettes & Alcohol“, „Slide Away“, dem obligatorischen „Wonderwall“, „Roll With It“ bis hin zu „Songbird“, „Lyla“ oder „The Importance Of Being Idle“.

Gute Songs aber garantieren noch kein gutes Konzert. Ein bisschen mehr als lässig abgespulter Dienst nach Vorschrift hätte es schon sein dürfen. But don’t look back in anger!

(Wiener Zeitung, 28.2.2009)

Donnerstag, Februar 05, 2009

Entdecke den Bayern in dir

Spätestens seit seiner Sketch-Reihe "Fast wia im richtigen Leben", die der Bayerische Rundfunk ab 1979 ausstrahlte, gilt Gerhard Polt als genauer Beobachter, genialer Analytiker und schonungsloser "Aufblattler" der bayerischen Volksseele. Seine Figuren – vom in der Schickeria Monacos gut aufgehobenen Schnösel bis hin zum stramm rechten Stammtischfaschisten – mögen erst einmal reden, ohne etwas zu sagen. Bis – "und jetzt pass’ Obacht" –, die Meinung doch noch mit ihnen durchgeht: Sein "eindeutiges, klares Ja zum Nein zu Europa" bekundet Polts Hobby-Historiker, um sich anschließend in einen herrlich absurden Monolog über die europäische Geschichte zu stürzen, an dessen Ende eine Erkenntnis lauert: "Ich hab ja lange nicht gewusst, wie weit Geschichte zurückgeht!"

Zum am Samstag und Sonntag im ausverkauften Burgtheater gefeierten, 30. Bühnenjubiläum von Gerhard Polt und der Biermösl Blosn um die Brüder Hans, Michael und Christoph Well, hagelt es diese und andere, überwiegend bekannte Nummern im gewohnt grantigen Vortragsstil des heute 66-Jährigen auf Bairisch für Fortgeschrittene. Polt seziert als Bürgermeister von Bad Hausen sowohl den Blödsprech der Politik als jenen der Tourismusbranche und weiß als Bürgersfrau von einem "Culinaric Adventure Trip" zu den "Men- und Womeneaters" drunten in Australien zu erzählen, bei dem neben Termiten-Ravioli auch der eine oder andere Blauhelm auf dem Speiseplan steht. Menschenfleisch mag ja leicht nach Hendl schmecken, "oba i muass‘ ned jeden Tag hom".

Dazu kredenzt die Biermösl Blosn mit spielerischem Aberwitz und einer Lawine an Instrumenten bis hin zu Drehleier, Dudelsack oder einer zur Rhythmisierung gewetzten Sense rotzfreche Gstanzln und andere Abgesänge, wie etwa ein bayerisch-lateinisches Kirchenlied über die Weltwirtschaftskrise oder vertonte Bauernregeln der etwas anderen Art.

Danach: Entdecke den Bayern in dir! Schnell in d‘ Wirtschaft auf zehn Maß Bier! Weil, nach Gerhard Polt: "Wos soll i mir a Diabetes herfressen, wo i’s ma a hersaffa ko?"

(Wiener Zeitung, 3.2.2009)

Die Apokalypse hat Hochkonjunktur

Was ist, wenn nichts mehr ist? Niemand weiß es, aber: Die Idee der Apokalypse gebiert seit jeher Monster. Und sie beliefert die Welt der Kunst mit dem Bauholz für die Church Of Fear.

Von diesem nimmt nicht zuletzt das Hollywood-Kino gern und reichlich. An welchem Thema ließen sich Fortschritte in der Entwicklung von Special-Effects auch besser demonstrieren? Als fleißiger Arbeiter im Fach der Katastrophen- und Endzeitfilme wird diesbezüglich gerne Roland Emmerich genannt. Während der deutsche Regisseur in seinem Blockbuster "Independence Day" Mutter Erde noch mit Gefahren von Outer-Space konfrontierte, näherte er sich mit "The Day After Tomorrow" vor dem Hintergrund des Klimawandels – verhältnismäßig – realistischeren Szenarien an. Ein ähnliches Topos bildet auch die Grundlage für Emmerichs neuestes Filmprojekt, das derzeit mit John Cusack in der Hauptrolle realisiert wird. "2012" zieht das Ende des Maya-Kalenders in vier Jahren heran, um den Weltuntergang mit gewohnt drastischer Bilderflut neu zu zeichnen.

Subtiler arbeitete Michael Haneke, dessen Film "Wolfzeit" die Auswirkungen einer Katastrophe auf das (westliche) Gesellschaftsgefüge beleuchtete, ohne auch nur ein Bild der nämlichen zu zeichnen – oder darüber zu informieren, was hier vorgegangen sein mag. Eine Methode, auf die auch der US-amerikanische Schriftsteller Cormac McCarthy in seinem Roman "Die Straße" zurückgriff. Darin ziehen ein Vater und sein kleiner Sohn durch ein postapokalyptisches Amerika, auf dessen von Asche bedecktem Boden schon lange nichts mehr gedeiht. Die Infrastruktur liegt danieder, Kannibalismus hält Einzug. Die Leere einer aus den Fugen geratenen Welt unterstreicht McCarthy mit Ereignislosigkeit; Nahrungssuche und die Angst vor dem Winter bestimmen den Alltag. Die Spannung, die der Autor dabei aufrechterhält, ist erdrückend.

2008 wurde der Roman, für den McCarthy 2007 den Pulitzer-Preis erhielt, verfilmt – derzeit befindet sich der Streifen in Post-Produktion. Als Hauptdarsteller werden Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee aufgeführt. Regie führte John Hillcoat, den man vor allem als Gestalter von Musikvideos kennt. Als Spielfilmregisseur arbeitet Hillcoat regelmäßig mit Nick Cave zusammen, der auch diesmal den Soundtrack beisteuert. Das Budget blieb mit 30 Millionen US-Dollar bescheiden. Zum Vergleich: Emmerich stehen für "2012" kolportierte 200 Millionen zur Verfügung.

(Wiener Zeitung/Pausenfoyer. 8.1.2009)