Freitag, April 24, 2009

Thunderheist: Thunderheist

Mit "Jerk It", einem programmatisch von retroidem Synthie-Sound, eifrigen Raps und treibenden Gebrauchsbeats dominierten Dancefloor-Kracher, konnten MC Isis und Produzent Grahm Zilla alias Thunderheist bereits einen veritablen Hit verbuchen: Begeisterung in den Clubs zwischen London, Paris, New York und dem Wiener Praterstern!

Auf dem nun vorliegenden, angenehm bass- und groovelastigen Debütalbum unterstreicht das der Legende zufolge einst über Myspace ins Geschäft gekommene Mann-Frau-Unternehmen seine Kernkompetenz in Sachen Elektro-Rap und kokettiert punktuell mit Disco-Reminiszenzen. Derlei ist seit dem Siegeszug von Hercules & Love Affair im Vorjahr wieder erlaubt. Seine kanadische Herkunft hört man dem Duo übrigens nicht an. Das Ganze hätte so nämlich auch im New Yorker Hipster-Bezirk Williamsburg entstehen können.

(Wiener Zeitung, 25./26.4.2009)

Mittwoch, April 22, 2009

Roh, rau und laut

Das britisch-schwedische Jointventure Razorlight gefiel im Wiener Gasometer

Dass das Kreativpotenzial des Indie-Rock enden wollend ist, sollte nicht nur vermutet werden dürfen. Ein Hang zum "more of the same" fällt auf, man frägt sich: Ist das eine neue Band, die wie eine alte klingt? Oder ist es eine alte Band, die wie eine neue klingen will, die wie eine alte klingt? So weit, so gähn.

Doch bestätigen Ausnahmen die Regel, die auf den Namen Pete Doherty hören und zumindest können, wenn sie wollen. Ähnliches gilt auch für Johnny Borrell, der aus Dohertys Ex-Band The Libertines hervorging und als Mastermind des britisch-schwedischen Jointventures Razorlight nicht nur von der hypehaschenden britischen Fachpresse für das Debüt "Up All Night" über den grünen Klee gelobt wurde.

Versteckt hinter einem hysterisch-überkandidelten Klangbild mit punktuell lyrischeren Zwischenspielen, konnte man Borrells Songwriter-Qualitäten erkennen. Nach dem auf souligen Sixties-Pop fokussierten Zweitling ist die Band mit dem am Dienstag im Wiener Gasometer live erst im Zugabenteil vorgestellten "Slipway Fires" in der kommerziellen Pop-Oberliga angelangt.

Zu der Meinung, dass dies nichts Schlechtes bedeuten muss, verführen Razorlight mit der formatradiotauglichen Single "Wire To Wire", deren Gospel-Einschlag zu Recht für feuchte Augen sorgt. Chapeau! Anderes, wie das nach Oasis klingende "North London Trash" oder "Tabloid Lover", das mit seinem Fönfrisuren-Refrain an das Grauen der 80er Jahre erinnert, gilt es zu überstehen. Ansonsten: Was für ein Abend!

Roh, rau, präzise und laut werden Hymnen wie "Stumble And Fall" oder "Rip It Up" nach dem von Stop-and-Go-Dynamik getragenen Opener "Back To The Start" von den Saiten gerissen. Bald schweißgebadet derwischt Borrell über die Bühne. Nur Gitarrist Björn Ågren, der heute aussieht wie ein Rabauke aus der Fankurve des FC Chelsea, steht stoisch wie ein Pfosten im Stadion seines Lieblingsvereins auf der Bühne herum.
Zu elegant melodieseligen Hits wie "America", oder "Golden Touch" darf dann auch gekuschelt werden. Toll!

(Wiener Zeitung, 23.4.2009)

Freitag, April 17, 2009

Popsongs von Outta Space

Die britische Pop-Institution Depeche Mode übt sich auf ihrem zwölften Album in Retro-Futurismus. Das gelingt aber nur teilweise.

Wenn die britische Pop-Institution Depeche Mode im Mai ihre Welttournee startet, ist eines neu: Diesmal werden keine Mehrzweckhallen bespielt, sondern große Freiluft-Stadien. Das mag zunächst befremden. Immerhin werden diese Arenen mit Musik assoziiert, die auf den Namen "Schweinerock" hört und von älteren, nie erwachsen werden wollenden Männern mit Bierbauch und nackten Frauenkörpern am Oberarm zielgruppengerecht für ältere, nie erwachsen werden wollende Männer mit Bierbauch und nackten Frauenkörpern am Oberarm noch einmal gespielt wird wie damals, als alles noch gut war. Schön war die Zeit!

Dass nun auch Depeche Mode in ihre Stadion-Phase eintreten, ist zwar auch mit dem desolaten Zustand der Musikindustrie und deren Versuch zu erklären, rückläufige Umsätze aus dem Tonträgerverkauf über den boomenden Live-Sektor zu kompensieren. Andererseits argumentiert Andrew Fletcher, Gründungsmitglied und Keyboarder der Band, in aktuellen Interviews ebenso nüchtern wie selbstbewusst, dass Depeche Mode einfach noch immer relevant seien. Nach bald drei Jahrzehnten im Geschäft läuft es für die Band kommerziell tatsächlich besser denn je.

Wie aber sieht es künstlerisch aus? Schließlich erinnert man sich, das Trio zuletzt 1997 mit dem exzellenten Erwachsenen-Pop auf "Ultra" in Hochform, im aktuellen Jahrtausend hingegen schon zwei Mal als kriselndes Unternehmen wahrgenommen zu haben. Es sei hier nur kurz das Album "Exciter" (2001) erwähnt, das vor allem als gröbere Schreibblockade von Mastermind Martin Gore in Erinnerung bleiben wird – ganz unbeachtet der Messlatte, die seit dem düsteren "Black Celebration" aus 1986 und über die große Phase mit "Violator" (1990) oder dem Rock mit Gospel und Soul kurzschließenden "Songs of Faith and Devotion" (1993) natürlich sehr hoch lag. Und es sei darauf hingewiesen, dass Sänger Dave Gahan im Folgenden die lapidare Forderung stellte, nach 21 Jahren als bloße Rampensau auch selbst Songs beisteuern zu dürfen. Wäre man ihm nicht entgegengekommen, hätte das wohl das Ende der Band bedeutet. So aber präsentierten sich Depeche Mode mit "Playing The Angel" 2005 als friedvolle Vereinigung, die mit vergrößertem Kreativzentrum und unter Regie des britischen Produzenten Ben Hillier zum guten alten Analog-Synthesizer zurückfand.

Der steht auch auf dem nun vorliegenden Album, "Sounds Of The Universe", wieder hoch im Kurs. Gepaart mit Martin Gores Leidenschaft, über Ebay Gerätschaften zur Erzeugung seltsamer elektronischer Fiep-, Pieps- und Blubberklänge zu erwerben, wird die Arbeit von einem teilweise vielleicht etwas überstrapazierten Retro-Futurismus bestimmt. Organische Elemente werden nur in homöopathischen Dosen kredenzt, und Hillier hat es geschafft, der Band die einst so zentralen Streicher zu nehmen.
Nur punktuell und in zärtlicher Zurückhaltung betupft Gore seine Gitarre; seine schmachtenden Background-Vocals sind es auch, die den Songs eine soulige Wärme einhauchen. Dazu mausert sich Gahan als Songwriter. Sein stampfend-polterndes "Hole To Feed" sowie die sinnliche Sehnsuchtsballade "Come Back" gehören zu den besseren Momenten des Albums.

Man könnte es aber auch so sehen: Neben einem generellen Trend zur Durchschnittlichkeit fällt Gahans noch etwas bemühte Suche nach fundierten Songstrukturen nicht weiter ins Gewicht. Gores metallisches "Little Soul" ist der Stimmungslage des Albums zuträglich, bleibt aber belanglos. Anderswo mangelt es der Produktion an Tiefe. Zu lieblos klingt der Drum-Computer, der sich durch "Fragile Tension" zieht, zu unsubtil der Beginn von "Perfect", dessen erhabener Refrain schließlich die Grandezza alter Tage in Erinnerung ruft. Das gelingt sonst auch noch mit dem atmosphärischen Opener "In Chains", der klugen Vorab-Single "Wrong", deren aggressiver Sprechgesang sich auf einen ordentlich aufgepimpten Beat bettet, oder dem radiotauglicheren "In Sympathy".

Den vorsichtig positiven Einschlag des Albums verantwortet mit "Peace" eine Art spirituell aufgeladener Synthie-Pop von Outta Space, mit dem Martin Gore die Überwindung seiner Alkoholsucht verhandelt, um eine bessere Zukunft auf Mutter Erde zu beschwören. "Peace will come to me." Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Depeche Mode: Sounds Of The Universe (EMI)

(Wiener Zeitung, 18./19.4.2009)

Mittwoch, April 08, 2009

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Zum Donaufestival 2009

Wien/Krems. Was ist Wirklichkeit? Was ist wahr, echt oder authentisch? Die Antwort darauf mag heute schwieriger sein denn je. Schließlich ermöglicht es der technische Fortschritt nicht nur, Realitäten daheim am Laptop künstlich zu simulieren. Die Wirklichkeit – und in Wahrheit will sie es ja auch nicht anders – kann damit auch prächtig manipuliert werden.

Im Banalen löschen wir die Ex-Freundin mittels Photoshop vom letzten Familientreffen. Auf einer anderen Ebene versuchen Politik, PR oder Glaubensgemeinschaften, ihre persönlichen Realitäten an den Endverbraucher zu bringen. Nur ein Spiel?

Frei nach Karl Popper gibt es die eine Wahrheit nicht. Man kann nur versuchen, sich dieser asymptotisch anzunähern. In diesem gedanklichen Umfeld begeht das Donaufestival unter künstlerischer Leitung von Tomas Zierhofer-Kin von 22. April bis 2. Mai seine fünfte Saison. Unter dem Motto "Fake Reality" versteht sich die wie üblich in Krems abgehaltene Veranstaltungsreihe laut Programmheft heuer als Versuch, "auf die Unwirklichkeit der Wirklichkeit unserer Zeit zu reagieren". Das mag in der Performance- und Medienkunst durchaus funktionieren. In der Hauptachse des Festivals, die sich überwiegend den Randbereichen des Pop verschrieben hat, führt das übergeordnete Thema aber ins Leere; zu groß ist die Bandbreite der eingeladenen Bands, zu unterschiedlich deren künstlerische Ausrichtung.

Heruntergebrochen auf den Alltag eines Rockmusikers kann der Bezug noch am ehesten über die wunderbaren Spiritualized so erklärt werden: Manchmal weiß man nicht, ob man es mit einem LSD-Trip oder dem wirklichen Leben zu tun hat. Kaum jemand kennt dieses Problemfeld besser als Jason Pierce, der seine Kunst gerne zwischen Rock, Country, Gospel und Elektronik symphonisch zu einem großen Spektakel aufbläst. Immerhin geht auf den 43-jährigen US-Musiker diesbezüglich auch einer der besten Albumtitel aller Zeiten zurück: "Taking drugs to make music to take drugs to."

Im Unterschied zum Vorjahr kommen heuer auch große Namen nach Krems: Sonic Youth um das kunstbeflissene Ehepaar Kim Gordon und Thurston Moore werden sich als zentralste Avantgarde-Rockband der 80er Jahre nach dem für ihre Verhältnisse eher enttäuschenden Arena-Konzert im August 2007 noch einmal beweisen müssen. Volle Kraft voraus!Zudem gibt es ein Wiedersehen mit dem New Yorker Androgynen Antony Hegarty (Antony & The Johnsons) und dessen sehnsuchtsvollem Werk aus berührenden, kammermusikalisch verzierten Klavierballaden.

Die über das hippe New Yorker DFA-Label netten Synthie-Pop und reichlich Do-It-Yourself-Elektronik veröffentlichenden Yacht fallen ebenso ein wie Kevin Martins Projekt The Bug, das auf eine harte Spielart von Dub, Ragga, Grime oder Dancehall vertraut, oder Alexander Ridha alias Boys Noize mit hypernervöser Frickel- und Fiepselektronik.

Erstmals vorstellig wird mit Moderat eine Quasi-Supergroup aus Modeselektor und Apparat, während Stereolab an ihren frankophilen Hybrid-Pop erinnern. Dazu kommen DJ-Sets von Luke Vibert und Aphex Twin sowie heimische Konzertbeiträge von Laptop-Zauberer Fennesz und dem queeren Alleinunterhalter Patrick Weber alias Crazy Bitch In A Cave. Sie sehen schon: Das lohnert sich – wirklich!
(Wiener Zeitung, 9.4.2009)