Sonntag, Juli 12, 2009

Morrissey: Sehnsucht, unerfüllt

Der britische Sänger Steven Patrick Morrissey begeisterte mit einem späten, ersten Wien-Konzert.

Sein erstes Wien-Konzert eröffnet Morrissey mit „This Charming Man“, einem Song seiner Ex-Band The Smiths – der vielleicht prägendsten Formation eines wie auch immer definierten Alternative Rock.

Doch wird bei aller Euphorie ob der Anwesenheit dieses Großmeisters schnell klar: Wer dem 50-Jährigen in seinem Soloschaffen die subtile Ader der Smiths – zu Unrecht – schon einst absprach, und seinem aktuellen Album „Years Of Refusal“ – durchaus zu Recht – unterstellt, mit satten E-Gitarren eher ins Rockistische abzudriften, der könnte mit diesem Konzert seine liebe Not haben.

Der neue Sound wird live nämlich auch so manchem Klassiker aufgezwungen. Anstelle der lyrisch verträumten Gitarre Johnny Marrs wird „This Charming Man“ von hart gesetzten Riffs bestimmt. Das muss man mögen.

Nichtsdestotrotz wird das Konzert im Gasometer, auch und vor allem der Bühnenpräsenz des Sängers wegen, zum erwarteten Triumph. Mit fünfköpfiger Band stellt der Mann mit der Götterstimme jenes Material in den Vordergrund, das seit seinem Comeback im Jahr 2004 entstanden ist. Wir hören Hits wie „Irish Blood, English Heart“ oder das als Zugabe euphorisch abgefeierte „First Of The Gang To Die“. „Life Is A Pigsty“ wird zu Donnergroll gegeben, Morrissey bemüht sich um Melodramatik. Neue Songs wie „Black Cloud“, das mit Mariachi-Trompete dargebrachte „When Last I Spoke To Carol“ oder „That’s How People Grow Up” reihen sich an große Smiths-Hadern wie „How Soon Is Now?“ oder „Ask“. Ausreißer in Richtung Rockabilly setzt es mit „The Loop“, verhaltener wird „Why Don’t You Find Out For Yourself“ samt akustischer Gitarre und Akkordeon gegeben.

Morrissey gelingt es, sein über bald drei Jahrzehnte gleich gebliebenes Kernthema nach wie vor glaubhaft zu verhandeln. Es geht um unerfüllte Sehnsüchte und deren Ausgeburten. Weltschmerz und Weltekel bestimmen sein Reich.
Am Ende lässt sich der Crooner von den Fans in den vorderen Reihen die Hände schütteln, gratulieren, lobpreisen. Morrissey ist zu Lebzeiten eine Legende. Und er weiß es.

(Wiener Zeitung)

Mittwoch, Juli 01, 2009

Die Gesichter der O.

Die Yeah Yeah Yeahs gastierten mit ihrem aktuellen Album in Wien

Was wäre Freund Rock’n’ Roll ohne ausgestellte Lässigkeit? Ohne Hang zu großen Gesten, ohne Glamour und Pose? Nicht erst dieser Tage muss die Antwort lauten: Nicht nichts, aber zumindest weniger.

Zwar hat sich Pop schon immer auch über Äußerlichkeiten definiert. Eine beständig an der Perfektionierung des Starsystems arbeitende Industrie, der Marketingetats zunehmend wichtig wurden, schraubte die Spirale diesbezüglich aber noch einmal in die Höhe. Brands, Images, Trademarks. Auch ich bin eine Ikone! Und sei es nur für 15 Minuten.

Die Ideengeschichte der Postmoderne brachte in diesem Zusammenhang einiges in Bewegung. Stichwort: David Bowie, das Pop-Chamäleon. Madonna, die Stilhopperin. Wer wechselt sein Image am schnellsten? Dass ausgerechnet die Yeah Yeah Yeahs in diesen Chor einstimmten, mag manchen aber doch überrascht haben. Schließlich liegen die Wurzeln des Trios in einem Fach, das Oberflächenglanz zu Gunsten von Inhalten einst aus Prinzip hintanstellte.

Wüster Garagensound, punkartig, ungeschliffen, laut. Nach dem glatteren Zweitling "Show Your Bones" ist die Band mit ihrem aktuellen Album "It’s Blitz", das am Dienstag auf dem bestens gefüllten Open-Air-Gelände der Wiener Arena mit einem durchwachsenen Konzert vorgestellt wurde, plötzlich in der Disco gelandet. Vintage-Synthesizer entführen auf den Dancefloor. Dort wartet der bestmögliche aller fatalen Späße. Es geht um die Anliegen junger Menschen zwischen Party und Balz-Tanz: "Off with your head/ Dance till you’re dead/ Heads will roll/ On the floor!!"

Dabei gefallen die Yeah Yeah Yeahs immer wieder. Mindestens eine Handvoll guter Songs geht sich pro Album aus. Live drängt sich aber vor allem eine Frage in den Vordergrund: Wofür steht diese Band eigentlich?

Die Formation um Frontfrau Karen O. untergräbt die Erwartungshaltung neuer Fans im ersten Konzertdrittel mit älteren Songs, denen es nicht an roher Drastik mangelt. Boing, bumm, tschack. Aaaaah! Mit "Human Fly" wird auch ein Cover der geschätzten Psychobilly-Band The Cramps geboten. Karen O., die knapp bemessene Stoffreste am Körper trägt und Schabernack mit ihrem Kopftuch treibt, schreit, kreischt und stöhnt. Sie geht auf die Knie und steckt sich das Mikrofon in den Mund. Wir erleben eine quietschfidele Tanzmaus als begnadete Bühnenfigur. Dass sie in den Gesangspassagen gern einen guten Halbton neben dem Ziel landet, fällt da auch nicht weiter ins Gewicht.

Wenig später schon wird es zu den wabernden Synthie-Sounds von "Skeletons" brutal handzahm und lieblich. Der Spannungsbogen der Aufnahme wird live nicht erreicht, das Lied beginnt, verharrt und endet im Nirgendwo. Eine akustische Version von "Maps" stößt in eine ähnliche Richtung und erklärt, warum Nick Zinner die Stromgitarre näher ist als die akustische. Dazwischen tanzt man durch die Disco. "Zero", "Heads Will Roll" – die zwei erhabenen Songs des neuen Albums – und das an New-Wave-Zeiten gemahnende "Soft Shock" funktionieren an diesem Abend dann auch am besten.

Am Ende steht aber wieder der Anfang. "Date With The Night". Sex, Drugs, Rock’n’Roll. Kawumm, padauz, aaaah! Eh, aber wie jetzt?

(Wiener Zeitung, 2.7.2009)