Freitag, August 28, 2009

Mediengruppe Telekommander: Einer Muss In Führung Gehen

Mit ihrem 2004 erschienenen Debütalbum "Die Ganze Kraft Einer Kultur" steckte die deutsch-österreichische Zweimann-Unternehmung Mediengruppe Telekommander ihr Territorium ab: Hip-Hop sollte auf Elektronik treffen, Krawallgitarren auf Laptop-Beats, der Oberflächenglanz von Pop auf Punk-Inhalte. In hysterischem Sprechgesang widmeten sich Gerald Mandl und Florian Zwietnig den Feldern Medien-, Konsum- und Gesellschaftskritik, ohne dabei im Bierernst zu versinken. Schließlich versah das Duo seine nicht zuletzt aus dem Blödsprech der Werbebranche geschöpften Parolen mit ironischen Brüchen und reichlich Augenzwinkern, um den Diskurs auch solchermaßen wieder auf den Dancefloor zurück zu bringen.

Nach zwei Alben auf Daniel Millers renommiertem Mute-Label veröffentlichen die Wahl-Berliner ihren dritten Streich nun auf dem deutschen Kleinlabel Staatsakt. Dabei mögen die Texte von "Einer Muss In Führung Gehen" mitunter mehr Deutungsspielraum lassen, als man das von den Vorgängeralben in Erinnerung hat. Dazwischen aber geht es in gewohnter Manier um unsere sogenannte Ellbogengesellschaft, oder, wie in "Es Gibt Immer Was Zu Tun", um persönliche Krisenbewältigung, die – frei nach Peter Sloterdijk – vor allem in der Erkenntnis mündet: Du musst dein Leben ändern!

Ergänzt um ein echtes Schlagzeug, wird das Album von tanzbaren Beats und mächtigen Grooves durchzogen. Diesbezüglich seien vor allem die Clubrocker "Endlosrille" und "Notausgang" erwähnt. "L’Esprit Nouveau" bringt Funk samt Post-Punk-Bass, und beim Titelsong sowie dem beschleunigten Eineinhalbminüter "Fressnapf" wird die Stromgitarre unsanft ins Spiel gebracht. Mit bisweilen enervierenden Hooklines ("Über Alles", "Runterkommen") will es uns dieses Album zwar nicht einfach machen. Aber nach zwei, drei Hördurchgängen knallt es dann doch. Hoch die Daumen!
(Staatsakt/ Rough Trade)

(Wiener Zeitung, 28./29.8.2009)

Samstag, August 22, 2009

Der traurigste Wolf schließt die Tür

- Das Frequency-Festival brachte Radiohead erstmals nach Österreich

Was man am FM4-Frequency-Festival heuer gelernt hat? Erstens: Es gibt tatsächlich Gruppierungen junger Menschen, die sich für ein Radiohead-Konzert mit dem Grölen der oberösterreichischen Landeshymne einstimmen. "Hoamatland, han di so gern!" Franz Stelzhamer, Prost! Zweitens: Treffen im Shuttlebus deutsche und österreichische Festivalbesucher aufeinander, muss es zwangsläufig zu (historischen) Schuldzuweisungen kommen. Es fallen Namen wie Hitler und Tokio Hotel. Auch Cordoba steht auf der Agenda.

Drittens: Bringt das FM4-Frequency Festival, das mit Bands wie Editors, The Prodigy oder Mando Diao überwiegend auf Publikumslieblinge setzt, derer man in den letzten Jahren öfter ansichtig wurde als Teilen der eigenen Verwandtschaft – Hallo, Mama! –, noch nie oder lange nicht mehr in Österreich vorstellig gewordene Ausnahmekünstler wie Radiohead oder Grace Jones auf die Bühne, muss irgendwo der Hund begraben sein. Und tatsächlich werden diese beiden unbedingten Gründe für einen Besuch am Freitag gleichzeitig auftreten. Au weia!

Man sucht die Veranstaltung an diesem vom Line-up her zwingendsten Spieltag dennoch auf und stolpert über ein Gelände, das zwar im besten Fall den Charme eines kasachischen Militärflughafens besitzt, seine Rolle aber funktional erfüllt. Wir haben es mit dem erweiterten Umfeld des VAZ St. Pölten zu tun, auf das das Festival nach sieben Saisonen am Salzburgring heuer übersiedelte.

Vor hitzebedingt noch schütterer Publikumskulisse tritt hier der US-amerikanische Politaktivist Jello Biafra auf; gereicht wird überzeugend vorgetragener Punk der alten Schule mit linkspolitischem Mehrwert. Jarvis Cocker gefällt später zwar als sympathische Bühnenfigur. Dass er mit jüngst dem Rockismus anheim gefallenen Songs ("Angela", "Homewrecker") nicht an die Grandezza seiner Ex-Band Pulp herankommt, kann der Auftritt aber nicht verschleiern. Es entschädigt in Tradition von Barry White stehender Disco-Soul ("You're In My Eyes") sowie die auch nicht unbeseelte Ballade "I Never Said I Was Deep". Hier übertaucht unser Held eine auch dem Kreativschaffen übergestülpte Mitlebenskrise mit dem Schalk im Nacken. Stichwort: Garstiger Altherrenhumor zum Themenkomplex Beischlaf mit benötigt werden wollenden Busenkumpeln.

Über ein schnell wieder vergessenes Konzert des mit Dance-Pop für die Saison aufwartenden Youtube-Stars Little Boots und mit einem druckvollen Set von Bloc Party, deren Indie-Rock mit New-Wave-Breitseiten zuletzt zu einer experimentelleren Formensprache fand, steuert der Abend auf seinen Höhepunkt zu. Die Erwartungen an das Österreich-Debüt von Radiohead sind groß, und sie werden nicht etwa nur erfüllt. Das ist auch deshalb kein leichtes Unterfangen, weil die Band mit als schwierig empfundener Musik als Fremdkörper im Line-up gilt und solchermaßen nicht das Gros der Festivalbesucher hinter sich hat. Wir hören Lieder, die sich – oft in Abwesenheit herkömmlicher Songstrukturen – zwischen Angst, Agonie und Begräbnisstimmung bewegen.

Zur Erinnerung: Nach Anfängen im Alternative Rock mit einem im Weiteren ausgeklammerten Welthit ("Creep") und über die um Elektronik erweiterte Arbeit "OK Computer" definierten sich Radiohead mit "Kid A" pünktlich zum Millenium grundlegend neu. Die Gitarren wurden zugunsten von Laptop-Gefrickel hintangestellt, Radiohead drängten in die Avantgarde. Nachfolgewerke wie "Hail To The Thief" oder das aktuelle und heute fast zur Gänze gegebene "In Rainbows" zementierten Radioheads Ruf, eine beste Band der Welt zu sein. Die ist State of the Art und spielt als unangefochtene Tabellenführerin längst in ihrer eigenen Liga.

Live erleben wir ein mit stilvoller Lichtshow und Videozuspielungen umrahmtes Konzert als über weite Strecken nichts weniger als atemberaubendes Gesamtkunstwerk. Immer wieder heult Thom Yorke als traurigster Wolf unter Wölfen den Mond so innig an, dass es dem Publikum in schwärmerischem Stellvertretungs-Weltschmerz zwangsläufig das Herz zerreißt: "Street Spirit", "Pyramid Song". Es geht auch darum, es sich in verwüsteten Seelenlandschaften unbequem einzurichten. "Don't get any big ideas/ they ain't gonna happen" heißt es hier, oder: "We are all accidents/ waiting to happen".

Wie weit sich die Band von ihren Anfängen entfernt hat, erklärt eine Gegenüberstellung der frühen Ballade "Nice Dream" und der mantrisch blubbernden Minimalelektronik von "The Gloaming", die um bekifft-paranoiden TripHop Bescheid weiß und zur Geisterstunde in transsylvanische Schlosskerker bittet. Die Progrock-Gitarre wird zu "Paranoid Android" geschwungen, ehe mit "Idioteque" schließlich der unvorstellbarste Elektro-Beat erklingt, der je ins Werk einer Rockband einfloss. In "Karma Police", einem Hit aus Zeiten, in denen Radiohead noch Hits schrieben, findet der Abend das wahrscheinlich größte Zugeständnis an das Publikum, das mit den wabernden Soundschlieren von "Everything In Its Right Place" in die pechschwarze Nacht entlassen wird. Ein unfassbares, ein ungreifbares, ein wunderbares Ereignis.
(Wiener Zeitung)

Donnerstag, August 13, 2009

Konstante im Wandel

- Das Frequency-Festival findet in der neunten Saison erstmals in St. Pölten statt: Knapp 90 Acts gastieren von 20. bis 22. August im Green Park.
- Mit dabei: Radiohead, Grace Jones, Jarvis Cocker, Marc Almond, Little Boots.


Wien/St. Pölten. "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht – es geht voran!" Was die verdiente Düsseldorfer Band Fehlfarben einst formulierte, scheint derzeit auch auf das FM4-Frequency-Festival zuzutreffen. Schließlich sorgt diese mittlerweile als Institution im heimischen Festivalgeschehen zu bezeichnende musikalische wie auch anderweitige (Bier, Bier, Bier!) Sommersause heuer für den größten Bruch ihrer Geschichte.

Zur Erinnerung: Nach einem ersten Testlauf, der im Sommer 2001 in der Wiener Arena über die Bühne ging, residierte das Festival seit 2002 auf dem Salzburgring, also etwas außerhalb der traditionell eher als Festspielstadt im Bereich der Hochkultur bekannten Domcity.

Über die Jahre verfestigte das von Harry Jenner und dessen Unternehmungen Musicnet und Novamusic veranstaltete Großereignis seine Stellung mit Auftritten von Künstlern wie Sonic Youth, Metallica, Oasis, R.E.M. oder – erstmals hierzulande – Morrissey. Die Tücken des Geländes – fernab der Stadt auf Hügeln gelegen – waren bald als sympathische Macken akzeptiert, und auch der obligatorische Schnürlregen sowie der aus diesem resultierende Gatsch wurden über die Jahre zu vertrauten Bekannten: Hello again!

Dass das Festival in seiner neunten Saison nun erstmals im sogenannten Green Park St. Pölten ausgetragen wird, erklären die Veranstalter mit der Möglichkeit, hier "umweltbewusster und kostengünstiger zu produzieren", wodurch auch der Ticketpreis niedrig gehalten werden könne. Außerdem bekäme man durch den Umzug die Gelegenheit, "neue und innovativere Ideen zu verwirklichen". Diese manifestieren sich nun vor allem in der Zweiteilung des Geländes: So befindet sich auf dem Areal des bereits durch das Nuke-Festival bekannten VAZ der "Nightpark" mit drei Floors, die Tanzfreudigen ab 22 Uhr zur Verfügung stehen. Das folgerichtig als "Daypark" bezeichnete Hauptareal mit den beiden Freiluft-Bühnen wird mit einem Shuttle-Bus erreichbar sein. Dort befindet sich auch die auf britischen Gitarrensound spezialisierte "Weekender UK Stage" sowie die "Open Stage", auf der sich noch unbekannte, mittels Online-Abstimmung ermittelte Bands präsentieren dürfen.

Im üppigen regulären Line-Up verstehen sich zahlreiche Konzerte sattsam bekannter Publikumslieblinge zwar von selbst: Mando Diao, Editors, Thomas D, MIA., Kasabian oder The Prodigy gehören zu den üblichen Verdächtigen; als größter neuerer Hype wird Victoria Christina Hesketh alias Little Boots polierten Electro-Pop präsentieren.

Aber, und dass man das noch erleben darf: Das erste Österreich-Konzert der britischen Band Radiohead um Sänger Thom Yorke lässt sich ruhig eine Sensation nennen. Nicht von ungefähr gilt die Formation spätestens seit dem Jahr 2000, als sie mit ihrem bahnbrechenden Album "Kid A" mittels elaborierter Studioarbeit samt Laptop-Elektronik zu neuen Ufern aufbrach, als eine der einflussreichsten Gitarrenbands unserer Tage. Auch einem Wiedersehen mit Grace Jones, die ihr Comeback-Album "Hurricane" live mit einer atemberaubenden Show vorstellen soll, darf entgegengefiebert werden – Konzeptkunst galore!

Nicht verpassen sollte man weiters Port O’Brien und deren verträumt-melancholischen Folkrock, den ehemaligen Soft-Cell-Vorstand Marc Almond als gern in Richtung Kitsch kippende Bühnen-Diva sowie Ex-Pulp-Sänger Jarvis Cocker - auch wenn dieser mit seinem Solowerk bislang unter den Erwartungen blieb. http://www.frequency.at

(Wiener Zeitung, 6.8.2009)