Royal Bangs im B72
Wenn es darum geht, die neueste Hype-Band aus London oder New York wie die Sau durchs globale Dorf zu treiben, fragt sich der geneigte Hörer mitunter: Warum? Wieso? Und: Hä??
Ähnliche Verwunderung gilt auch dem Konzert von Royal Bangs aus Knoxville, Tennessee, das am Sonntag in der kleinen Wiener Musikbar B72 allerdings unter umgekehrten Vorzeichen vonstatten geht. Schließlich lädt das Quintett, das mit Alben wie "We Breed Champions" aus 2006 sowie dem heuer veröffentlichten "Let It Beep" locker mittelgroße Hallen füllen können sollte, müsste, hier vor magerer Kulisse zum Privatissimum.
Das Blöde daran: Die Welt ist ungerecht und gemein! Das Tolle: Man darf den Musikern auf die Schulter klopfen und sie im herzlichen Zwiegespräch zu einer weiteren Zugabe nötigen. Bitte, danke – und noch ein Bier für’d Musi!
Live spielt die Band ihre ursprünglich gern ausfransenden sowie ab und zu von Radiohead’scher Kid-A-Elektronik umgarnten Songs, die mit hymnischen Melodiebögen etwa an die wunderbaren Broken Social Scene erinnern, ohne größere Umwege. Passend zur aktuellen Arbeit scheppert und klescht das Schlagzeug, während Bass und Gitarren sich um Funk bemühen. Sänger Ryan Schaefer zaubert nervös frickelnde wie bisweilen enervierende Dada-Sounds aus seinem Korg und bittet auf im Auditorium bereitstehenden Trommeln schließlich zum Freak-Out. Allerdings verschleiert sein Auftreten kaum, dass er das Gastspiel zwecks Abreise in eine der Band freundlicher gesinnte Stadt eher kurz halten möchte.
Nach 40 Minuten und Höhepunkten wie "War Bells", "Poison Control" oder "Cat Swallow" ist dann auch Schluss. Die Anwesenden sind begeistert und verabschieden sich einzeln von ihren Helden: Mehr privat, weniger fad!
(Wiener Zeitung, 1.12.2009)
Montag, November 30, 2009
Dann bleiben wir Helden
Die Pet Shop Boys und Depeche Mode geben Konzerte in Wien
Wien. Der Krise schlugen die Pet Shop Boys zuletzt in zweierlei Hinsicht ein Schnippchen. Mit ihrem programmatisch "Yes" betitelten und insgesamt zehnten Studioalbum hielt die britische Pop-Institution zum einen dem auch und vor allem im sogenannten Unterhaltungsbereich hoch im Kurs stehenden Rotstift, dessen Wortschatz derzeit bevorzugt zwischen "Nein" und "Brauch ma net" pendelt, einen ebenso starken wie Zuversicht ausstrahlenden Slogan entgegen.
Zum anderen gelang der Band nach eher halbgaren Arbeiten wie "Release" und dem im Zeichen von Trevor Horn und dessen opulent-orchestraler Verzierkunst stehenden "Fundamental" auch künstlerisch der Weg zurück ins Glück. Unter Regie von Brian Higgins und dessen Produktionsteam Xenomania setzte es mit "Love etc." nichts weniger als eine Götternummer, die auch an eines erinnerte: Wir haben es bei diesem ob seines offenen Bekenntnisses zu Pop als kommerzieller Spielform oft angefeindeten Duo mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun, der in einer Königsklasse namens "Song" einst außer Hits nur Hits entfleuchten.
Dabei muss man Neil Tennant und Chris Lowe als Dancefloor-Melancholiker bezeichnen, die bei aller hier auch zur Schau gestellten Disko-Orgiastik doch nie auf etwaige Neben- und Nachwirkungen vergessen. Siehe auch: Schädelweh und gebrochene Herzen!
Live kredenzt das Duo derzeit ein um neues Material erweitertes Best-Of-Programm – wie auch Depeche Mode, als deren Fans sich die Boys einst bekannten. Die Band um Mastermind Martin Gore sowie Frontmann und Neo-Songwriter Dave Gahan blickt nach bald drei Jahrzehnten im Geschäft auf eine außergewöhnliche Karriere zurück.
Nach Anfängen mit fiepsender Heim-Elektronik als New Romantics abgestempelt, emanzipierte sie sich später nicht nur mit diversen Hit-Singles, sondern vor allem über längst kanonisierte Gesamtkunstwerke wie "Black Celebration" oder "Violator" als nachhaltiger Einflussfaktor. Als solcher ist das Trio auch in seinem aktuellen Schaffen – zuletzt auf "Sounds Of The Universe" – noch relevant, wenngleich "Die Welt" richtig konstatierte: "Früher haben Depeche Mode den Hörer überwältigt, heute wird er überredet." Dennoch: Solche Bands werden heute nicht mehr gebaut. Zwei Termine, ein Manifest: Pop in Reinkultur.
(Wiener Zeitung, 1.12.2009)
Wien. Der Krise schlugen die Pet Shop Boys zuletzt in zweierlei Hinsicht ein Schnippchen. Mit ihrem programmatisch "Yes" betitelten und insgesamt zehnten Studioalbum hielt die britische Pop-Institution zum einen dem auch und vor allem im sogenannten Unterhaltungsbereich hoch im Kurs stehenden Rotstift, dessen Wortschatz derzeit bevorzugt zwischen "Nein" und "Brauch ma net" pendelt, einen ebenso starken wie Zuversicht ausstrahlenden Slogan entgegen.
Zum anderen gelang der Band nach eher halbgaren Arbeiten wie "Release" und dem im Zeichen von Trevor Horn und dessen opulent-orchestraler Verzierkunst stehenden "Fundamental" auch künstlerisch der Weg zurück ins Glück. Unter Regie von Brian Higgins und dessen Produktionsteam Xenomania setzte es mit "Love etc." nichts weniger als eine Götternummer, die auch an eines erinnerte: Wir haben es bei diesem ob seines offenen Bekenntnisses zu Pop als kommerzieller Spielform oft angefeindeten Duo mit einer Ausnahmeerscheinung zu tun, der in einer Königsklasse namens "Song" einst außer Hits nur Hits entfleuchten.
Dabei muss man Neil Tennant und Chris Lowe als Dancefloor-Melancholiker bezeichnen, die bei aller hier auch zur Schau gestellten Disko-Orgiastik doch nie auf etwaige Neben- und Nachwirkungen vergessen. Siehe auch: Schädelweh und gebrochene Herzen!
Live kredenzt das Duo derzeit ein um neues Material erweitertes Best-Of-Programm – wie auch Depeche Mode, als deren Fans sich die Boys einst bekannten. Die Band um Mastermind Martin Gore sowie Frontmann und Neo-Songwriter Dave Gahan blickt nach bald drei Jahrzehnten im Geschäft auf eine außergewöhnliche Karriere zurück.
Nach Anfängen mit fiepsender Heim-Elektronik als New Romantics abgestempelt, emanzipierte sie sich später nicht nur mit diversen Hit-Singles, sondern vor allem über längst kanonisierte Gesamtkunstwerke wie "Black Celebration" oder "Violator" als nachhaltiger Einflussfaktor. Als solcher ist das Trio auch in seinem aktuellen Schaffen – zuletzt auf "Sounds Of The Universe" – noch relevant, wenngleich "Die Welt" richtig konstatierte: "Früher haben Depeche Mode den Hörer überwältigt, heute wird er überredet." Dennoch: Solche Bands werden heute nicht mehr gebaut. Zwei Termine, ein Manifest: Pop in Reinkultur.
(Wiener Zeitung, 1.12.2009)
Donnerstag, November 26, 2009
Von Oberligisten und Underdogs
Kinder der 90er Jahre: Die britischen Bands Placebo und Cornershop gastieren in Wien
Wien. Als die britische Band Placebo 1998 ihr zweites Album veröffentlichte, war sie bereits auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angelangt. Auf "Without You I’m Nothing" verdichtete das Trio den Weltschmerz einer waidwunden Jugend ("Teenage Angst!") zu druckvollen Songs mit Ohrwurmcharakter und dunkelgrauen Düsterballaden. Passend zum gern aufflackernden Glam-Charakter der Musik, begeisterte Sänger Brian Molko als androgyne Diva mit handfesten Popstarqualitäten. Sprich: Nicht von ungefähr bekannte sich ein gewisser David Bowie als Fan. Der stand den Briten hinsichtlich "Sound and Vision" durchaus Pate und wurde für den titelgebenden Song auch als Gesangspartner vorstellig: Toll!
Ihrem Konzept bleibt die Band seither zwar überwiegend treu. Egal, ob sie den elektronischen Überbau ihrer Songs erweitert und mit HipHop kokettiert ("Black Market Music", 2000) oder sich bloß auf Gitarre, Bass und Schlagzeug konzentriert ("Meds", 2006). Allerdings: Die Dringlichkeit ihres Œuvres nahm zuletzt ab. Dass die Vorzeichen eventuell auf "Krise" stehen, untermauerte auch der Ausstieg des langjährigen Schlagzeugers Steve Hewitt nach persönlichen und kreativen Differenzen. Auf ihrem aktuellen Album "Battle For The Sun", das die Band am heutigen Freitag in Wien live vorstellen wird, erweisen sich Placebo als bestenfalls grundsolide. Grundsolide wie: Dienst nach Vorschrift und Malen nach Zahlen. Der Mangel an wirklich guten Songs soll dabei mit zu bersten drohender Melodramatik verschleiert werden – damit ist die Band endgültig in der Rockoberliga angelangt.
Das konnte man von Cornershop nie behaupten. Gleichermaßen ernsthaft betrieben wie mit humorvollen Texten und spinnerten Lo-Fi-Experimenten dem Schabernack nicht abgeneigt, fristeten die sympathischen britischen Underdogs mit indischen Wurzeln ein kommerziell freilich unbedanktes Nischendasein. Ihr bunter Stileintopf aus zerzausten Rock-Songs, HipHop- und Elektro-Studien samt Sample-Spielchen und indischer Tabla- und Sitar-Folklore sorgte erstmals wie einmalig mit dem 1997 erschienenen Album "When I Was Born For The 7th Time" für ein Mehr an Aufmerksamkeit. Das tolle, als Hommage an den indischen Sänger Asha Bhosle gedachte "Brimful Of Asha" wurde schließlich im Remix von Fatboy Slim zum Hit.
In ihrem ersten Album seit sieben Jahren, "Judy Sucks A Lemon For Breakfast", und dessen fröhlich beschwingten wie von reichlich Soul durchzogenen Songs findet man derzeit übrigens ein wirksames Mittel gegen etwaige Herbstdepressionen. – Be there!
Placebo: Wiener Stadthalle, 19.30 Uhr; Cornershop: Arena, 19 Uhr
(Wiener Zeitung, 27.11.2009)
Wien. Als die britische Band Placebo 1998 ihr zweites Album veröffentlichte, war sie bereits auf dem Höhepunkt ihres Schaffens angelangt. Auf "Without You I’m Nothing" verdichtete das Trio den Weltschmerz einer waidwunden Jugend ("Teenage Angst!") zu druckvollen Songs mit Ohrwurmcharakter und dunkelgrauen Düsterballaden. Passend zum gern aufflackernden Glam-Charakter der Musik, begeisterte Sänger Brian Molko als androgyne Diva mit handfesten Popstarqualitäten. Sprich: Nicht von ungefähr bekannte sich ein gewisser David Bowie als Fan. Der stand den Briten hinsichtlich "Sound and Vision" durchaus Pate und wurde für den titelgebenden Song auch als Gesangspartner vorstellig: Toll!
Ihrem Konzept bleibt die Band seither zwar überwiegend treu. Egal, ob sie den elektronischen Überbau ihrer Songs erweitert und mit HipHop kokettiert ("Black Market Music", 2000) oder sich bloß auf Gitarre, Bass und Schlagzeug konzentriert ("Meds", 2006). Allerdings: Die Dringlichkeit ihres Œuvres nahm zuletzt ab. Dass die Vorzeichen eventuell auf "Krise" stehen, untermauerte auch der Ausstieg des langjährigen Schlagzeugers Steve Hewitt nach persönlichen und kreativen Differenzen. Auf ihrem aktuellen Album "Battle For The Sun", das die Band am heutigen Freitag in Wien live vorstellen wird, erweisen sich Placebo als bestenfalls grundsolide. Grundsolide wie: Dienst nach Vorschrift und Malen nach Zahlen. Der Mangel an wirklich guten Songs soll dabei mit zu bersten drohender Melodramatik verschleiert werden – damit ist die Band endgültig in der Rockoberliga angelangt.
Das konnte man von Cornershop nie behaupten. Gleichermaßen ernsthaft betrieben wie mit humorvollen Texten und spinnerten Lo-Fi-Experimenten dem Schabernack nicht abgeneigt, fristeten die sympathischen britischen Underdogs mit indischen Wurzeln ein kommerziell freilich unbedanktes Nischendasein. Ihr bunter Stileintopf aus zerzausten Rock-Songs, HipHop- und Elektro-Studien samt Sample-Spielchen und indischer Tabla- und Sitar-Folklore sorgte erstmals wie einmalig mit dem 1997 erschienenen Album "When I Was Born For The 7th Time" für ein Mehr an Aufmerksamkeit. Das tolle, als Hommage an den indischen Sänger Asha Bhosle gedachte "Brimful Of Asha" wurde schließlich im Remix von Fatboy Slim zum Hit.
In ihrem ersten Album seit sieben Jahren, "Judy Sucks A Lemon For Breakfast", und dessen fröhlich beschwingten wie von reichlich Soul durchzogenen Songs findet man derzeit übrigens ein wirksames Mittel gegen etwaige Herbstdepressionen. – Be there!
Placebo: Wiener Stadthalle, 19.30 Uhr; Cornershop: Arena, 19 Uhr
(Wiener Zeitung, 27.11.2009)
Mittwoch, November 25, 2009
Freitag, November 20, 2009
Wilde Biester und heavy Soul
Das britische Quartett The Heavy wurde im Wiener WUK vorstellig: Funky!
Lange dauert es nicht, bis es um das Publikum geschehen ist. Genauer: Bereits bei Song Nummer eins herrscht rhythmisches Kopfnicken im Saal – wenn nicht gar schon das Tanzbein geschwungen wird. Die Band auf der Bühne heißt The Heavy, und sie hat den Groove.
Das Quartett aus der Gegend um Bath im Südwesten Großbritanniens hat mit Alben wie dem 2007 veröffentlichten Debüt "Great Vengeance And Furious Fire" sowie dem nun nachgeschobenen "The House That Dirt Built" auch einen entscheidenden Trumpf in der Tasche. Dem mehr als programmatischen Bandnamen zufolge ist die Musik über weite Strecken nichts weniger als "heavy" im besten Sinn.
Wir hören Rock 'n' Roll samt Jimmy-Page-Gedächtnisgitarren, erweitert um Soul, Blues, Voodoo-Funk und das Wissen der Band um Blaxploitation-Soundtracks. Das zeitigt wilde Biester, die es mitunter auch inhaltlich faustdick hinter den Ohren haben: "I saw her dancin' with the devil. And he was wearin' my suit!"
Dazwischen arbeitet sich die Band aber auch an feinem Neo-Soul ab. Mit diesem wärmt sie das Wiener WUK am Donnerstag gemütlich und, mangels Vorband, pünktlich zum Hauptabendprogramm erst einmal auf. Sänger Kelvin Swaby stellt seine Fähigkeiten als Entertainer bereits hier zur Schau und croont sich begnadet durch "Short Change Hero", eine Nummer, die so oder so ähnlich auch von Gnarls Barkley stammen könnte – ein Umstand, der auch für das zusätzlich an die wunderbaren Love um Arthur Lee erinnernde "Set Me Free" gilt. Zu "Sixteen" torkeln besoffene Tom-Waits-Gitarren über ein gottverlassenes Jahrmarktsgelände, ehe der flotte Vierer mit dem Big-Beat-Sound von "What You Want Me To Do?" beginnt, dem Saal ordentlich einzuheizen. "That Kind Of Man" oder "How Yo Like Me Now?" stammen aus derselben Liga und halten die Suppe schwer am Kochen.
Im Gepäck führt die Band außerdem ihre Mörderballade "Brukpocket's Lament", ehe der klassische Reggae von "Cause For Alarm" als stilistischer Ausrutscher in die herbalen Dunstkreise Jamaikas entführt. Heavy? Und wie!
(Wiener Zeitung, 21./22.11.2009)
Lange dauert es nicht, bis es um das Publikum geschehen ist. Genauer: Bereits bei Song Nummer eins herrscht rhythmisches Kopfnicken im Saal – wenn nicht gar schon das Tanzbein geschwungen wird. Die Band auf der Bühne heißt The Heavy, und sie hat den Groove.
Das Quartett aus der Gegend um Bath im Südwesten Großbritanniens hat mit Alben wie dem 2007 veröffentlichten Debüt "Great Vengeance And Furious Fire" sowie dem nun nachgeschobenen "The House That Dirt Built" auch einen entscheidenden Trumpf in der Tasche. Dem mehr als programmatischen Bandnamen zufolge ist die Musik über weite Strecken nichts weniger als "heavy" im besten Sinn.
Wir hören Rock 'n' Roll samt Jimmy-Page-Gedächtnisgitarren, erweitert um Soul, Blues, Voodoo-Funk und das Wissen der Band um Blaxploitation-Soundtracks. Das zeitigt wilde Biester, die es mitunter auch inhaltlich faustdick hinter den Ohren haben: "I saw her dancin' with the devil. And he was wearin' my suit!"
Dazwischen arbeitet sich die Band aber auch an feinem Neo-Soul ab. Mit diesem wärmt sie das Wiener WUK am Donnerstag gemütlich und, mangels Vorband, pünktlich zum Hauptabendprogramm erst einmal auf. Sänger Kelvin Swaby stellt seine Fähigkeiten als Entertainer bereits hier zur Schau und croont sich begnadet durch "Short Change Hero", eine Nummer, die so oder so ähnlich auch von Gnarls Barkley stammen könnte – ein Umstand, der auch für das zusätzlich an die wunderbaren Love um Arthur Lee erinnernde "Set Me Free" gilt. Zu "Sixteen" torkeln besoffene Tom-Waits-Gitarren über ein gottverlassenes Jahrmarktsgelände, ehe der flotte Vierer mit dem Big-Beat-Sound von "What You Want Me To Do?" beginnt, dem Saal ordentlich einzuheizen. "That Kind Of Man" oder "How Yo Like Me Now?" stammen aus derselben Liga und halten die Suppe schwer am Kochen.
Im Gepäck führt die Band außerdem ihre Mörderballade "Brukpocket's Lament", ehe der klassische Reggae von "Cause For Alarm" als stilistischer Ausrutscher in die herbalen Dunstkreise Jamaikas entführt. Heavy? Und wie!
(Wiener Zeitung, 21./22.11.2009)
Mittwoch, November 18, 2009
Reichlich Rambazamba
Portugal The Man im Wiener WUK
Indie-Rock-Bands gibt es wie Sand am Meer, und böse könnte man anmerken: Portugal The Man, 2004 in Alaska gegründet und heute in Portland ansässig, wären bloß eine weitere.
Zugute halten muss man dem Quartett um Sänger John Gourley aber, dass es mit zu den fleißigsten Vertretern seiner Zunft gehört. Ganze vier Alben hat die Band seit 2006 eingespielt, und weil die Zeit bekanntlich drängt, dazwischen die eine oder andere EP.
Vom frühen, elektronisch ausgebauten Indie-Rock entwickelten sich Portugal The Man zügig in Richtung eines mit Soul, Blues und Folk angereicherten Gitarrenentwurfs, der nicht zuletzt an Led Zeppelin erinnerte – und eingedenk Gourleys Singstimme auch an deren Neuzeit-Adapten, die wunderbaren White Stripes. Auf ihrer aktuellen Arbeit "The Satanic Satanist" reduzierte die Band diesen Ansatz auf leicht konsumierbares Liedgut im Drei-Minuten-Format.
Dem solchermaßen durchwachsenen Œuvre gewinnt das Quartett live, wie am Dienstag im Wiener WUK, dann aber ein Mehr an Dringlichkeit ab. Die Band, und das muss man freilich mögen, fuhrwerkt mit tüchtig Rambazamba wild herum und treibt das Konzert mit weit ausufernden, vielleicht selbstverliebten, aber immer klug eingesetzten Gitarrenpassagen samt Keyboard-Flirren in Richtung Prog-Irrsinn. Diesbezüglich seien vor allem "Church Mouth", mit dem die Band 2007, vorsichtig, aber immerhin, an die Kollegen von The Mars Volta erinnerte, "My Mind" oder "Chicago" hervorgehoben.
Dazwischen setzt es saubere FM4-Hits wie "The Sun" – und mit einer Coverversion von "Moonage Daydream" eine Hommage an David Bowies Ziggy-Stardust-Ära. Gute Sache!
(Wiener Zeitung, 19.11.2009)
Indie-Rock-Bands gibt es wie Sand am Meer, und böse könnte man anmerken: Portugal The Man, 2004 in Alaska gegründet und heute in Portland ansässig, wären bloß eine weitere.
Zugute halten muss man dem Quartett um Sänger John Gourley aber, dass es mit zu den fleißigsten Vertretern seiner Zunft gehört. Ganze vier Alben hat die Band seit 2006 eingespielt, und weil die Zeit bekanntlich drängt, dazwischen die eine oder andere EP.
Vom frühen, elektronisch ausgebauten Indie-Rock entwickelten sich Portugal The Man zügig in Richtung eines mit Soul, Blues und Folk angereicherten Gitarrenentwurfs, der nicht zuletzt an Led Zeppelin erinnerte – und eingedenk Gourleys Singstimme auch an deren Neuzeit-Adapten, die wunderbaren White Stripes. Auf ihrer aktuellen Arbeit "The Satanic Satanist" reduzierte die Band diesen Ansatz auf leicht konsumierbares Liedgut im Drei-Minuten-Format.
Dem solchermaßen durchwachsenen Œuvre gewinnt das Quartett live, wie am Dienstag im Wiener WUK, dann aber ein Mehr an Dringlichkeit ab. Die Band, und das muss man freilich mögen, fuhrwerkt mit tüchtig Rambazamba wild herum und treibt das Konzert mit weit ausufernden, vielleicht selbstverliebten, aber immer klug eingesetzten Gitarrenpassagen samt Keyboard-Flirren in Richtung Prog-Irrsinn. Diesbezüglich seien vor allem "Church Mouth", mit dem die Band 2007, vorsichtig, aber immerhin, an die Kollegen von The Mars Volta erinnerte, "My Mind" oder "Chicago" hervorgehoben.
Dazwischen setzt es saubere FM4-Hits wie "The Sun" – und mit einer Coverversion von "Moonage Daydream" eine Hommage an David Bowies Ziggy-Stardust-Ära. Gute Sache!
(Wiener Zeitung, 19.11.2009)
Dienstag, November 17, 2009
Grizzly Bear: Die Stoßseufzer ins Nichts
Montag, 16. November, 21 Uhr. Es herrscht Aufregung im Wiener WUK: Wann geht es los? Wann geht’s denn jetzt los? Kann ich noch eine Zigarette rauchen? Verdammt, Oida, ich muss noch aufs Klo!!
Spannung liegt in der Luft, und das zappelige Gerieren erprobter Konzertgänger unterstreicht es: Wir haben es heute mit einer neuen besten Band der Welt zu tun – und ich bin dabei! Grizzly wer? Grizzly Bär? Grizzly Bear, Oida, Brooklyn, New York!!
Das Quartett, dessen drittes Album "Veckatimest" heuer für gehöriges Rascheln im Blätterwald sorgte, setzt in seinem Schaffen auf eine üppige Mixtur aus verschachtelten Songs mit beigestelltem Elektro-Brutzeln und Orchesterarrangements, Folk und (Post-)Rock und bisweilen psychedelisch angehauchten Soundlandschaften. Wir hören klebrig-süße wie bevorzugt tagträumende Lieder, die so schön sind, dass es weh tut.
Alleinstellungsmerkmal: Hemmungslos angebrachte Chorknaben-Gesänge, die den Grundgedanken dieser Kunst mit Nachdruck unterstreichen – Klotzen statt kleckern. Verschütten, verschwenden. Geiz ist ungeil und Pop das neue Barock.
Im Rahmen eines mit 70 Minuten Spielzeit enttäuschend knapp bemessenen Konzertes, das auch unter dem Auftreten der Musiker als mit bestenfalls gekünstelter Emphase in ihre tod-todernste "Kopfmusik" verbissene, pardon, Schüchtis zu leiden hat, wird aber auch eines klar: Grizzly Bear sind derzeit als an ihrer Elaboriertheit feilende Jungforscher in der geschützten Laborsituation des Tonstudios besser aufgehoben als auf der Bühne.
Nicht, dass das Konzert ein Desaster wäre. Aber nach einem bemühten Beginn mit Songs wie "Southern Point", dem erhabenen "Cheerleader" oder "Fine For Now" samt angejazztem Beserlschlagzeug passiert bald nichts mehr. Nichts wie: Gähn! Spätestens nach "Two Weeks", dem Hit, der auch einem John Cale in seiner Phase um "Paris 1919" gut angestanden wäre, versandet das Konzert mit schnarchnasigen Versionen von "Colorado" oder "Foreground". Die Chöre bleiben Stoßseufzer ins Nichts. Prätentiös sind Grizzly Bear immer. Live sind sie komatös.
(Wiener Zeitung, 18.11.2009)
Spannung liegt in der Luft, und das zappelige Gerieren erprobter Konzertgänger unterstreicht es: Wir haben es heute mit einer neuen besten Band der Welt zu tun – und ich bin dabei! Grizzly wer? Grizzly Bär? Grizzly Bear, Oida, Brooklyn, New York!!
Das Quartett, dessen drittes Album "Veckatimest" heuer für gehöriges Rascheln im Blätterwald sorgte, setzt in seinem Schaffen auf eine üppige Mixtur aus verschachtelten Songs mit beigestelltem Elektro-Brutzeln und Orchesterarrangements, Folk und (Post-)Rock und bisweilen psychedelisch angehauchten Soundlandschaften. Wir hören klebrig-süße wie bevorzugt tagträumende Lieder, die so schön sind, dass es weh tut.
Alleinstellungsmerkmal: Hemmungslos angebrachte Chorknaben-Gesänge, die den Grundgedanken dieser Kunst mit Nachdruck unterstreichen – Klotzen statt kleckern. Verschütten, verschwenden. Geiz ist ungeil und Pop das neue Barock.
Im Rahmen eines mit 70 Minuten Spielzeit enttäuschend knapp bemessenen Konzertes, das auch unter dem Auftreten der Musiker als mit bestenfalls gekünstelter Emphase in ihre tod-todernste "Kopfmusik" verbissene, pardon, Schüchtis zu leiden hat, wird aber auch eines klar: Grizzly Bear sind derzeit als an ihrer Elaboriertheit feilende Jungforscher in der geschützten Laborsituation des Tonstudios besser aufgehoben als auf der Bühne.
Nicht, dass das Konzert ein Desaster wäre. Aber nach einem bemühten Beginn mit Songs wie "Southern Point", dem erhabenen "Cheerleader" oder "Fine For Now" samt angejazztem Beserlschlagzeug passiert bald nichts mehr. Nichts wie: Gähn! Spätestens nach "Two Weeks", dem Hit, der auch einem John Cale in seiner Phase um "Paris 1919" gut angestanden wäre, versandet das Konzert mit schnarchnasigen Versionen von "Colorado" oder "Foreground". Die Chöre bleiben Stoßseufzer ins Nichts. Prätentiös sind Grizzly Bear immer. Live sind sie komatös.
(Wiener Zeitung, 18.11.2009)
Niedere Instinkte
Die ostdeutsch-deutsche Brachialrock-Band Rammstein gastiert am Samstag in der Wiener Stadthalle
Wien. Aufgrund einer zuletzt vor allem auf versuchte Tabubrüche mit Liedern über sexuelle Gewalt, Inzest oder Kannibalismus fokussierten Diskussion über die Brachialrock-Band Rammstein sollte zur Erinnerung kurz noch einmal auf einen konkreten Sündenfall hingewiesen werden.
Wir haben es hier mit einer Band zu tun, die zur musikfernsehgerechten Illustration ihrer mit germanischer Gründlichkeit gewalzten Single "Stripped" 1998 auf Filmmaterial von Hitlers Haus- und Hofregisseuse Leni Riefenstahl zurückgriff. Stichwort: Olympische Sommerspiele, und: Seht, die deutschen Körper!
Um es auf den Punkt zu bringen: Die ostdeutsch-deutsche Band, die mit ihrem martialischen Gehabe sowie einem generell in Richtung strammer Marschierästhetik schielenden Auftreten den perfekten Soundtrack für deine liebste Wehrsport-, pardon, Paint-Ball-Übungstruppe lieferte, durfte hierzulande vor allem in der Region um Braunau über den begeisterten Zuspruch kruppstahlharter Jungmänner jubilieren.
Sänger Till Lindemann, der nicht nur grimmig gerollter "Rrrrrrrrrs" wegen so klingt, als hätte er eine Sprechblase aus der Feder von Walter Moers zu vertonen (Hörbeispiel eins: "Öch wöll!"), und seine Kollegen ruderten über den unambitionierten Beschwichtigungsversuch "Links 2-3-4" dann aber zurück – auch eingedenk einer abseits des Vaterlandes und vor allem in den USA kommerziell hervorragend ins Rollen geratenen Karriere. Es ging auf Alben wie "Mutter", "Reise Reise" oder "Rosenrot" um die bereits angesprochene Themenpalette und damit unter anderem auch um den Kannibalen von Rothenburg: "Heute treff ich einen Herrn/ Der hat mich zum Fressen gern/ Weiche Teile und auch harte/ Stehen auf der Speisekarte."
Zur Bewerbung ihres neuen und jüngst von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzten Studioalbums "Liebe ist für alle da" setzen Rammstein nun auf Porno. Das Video zur Single "Pussy" ist demnach nicht nur im Musikfernsehen, sondern vor allem auf einschlägigen Hardcore-Seiten im World Wide Web zu sehen. Neben Sadomasosex und Vergewaltigung vergreift sich die Band aber auch am Fall F. – Arbeitsmotto: Verbinde das Ungustiöse mit dem Niveaulosen. "Komm mit mir/ Komm auf mein Schloss/ Da wartet Spaß/ Im Tiefgeschoß."
Dumpf und stumpf. Am Samstag gastiert die Band in der restlos ausverkauften Stadthalle: Öch! Wöll! Nöcht!
(Wiener Zeitung, 18.11.2009)
Wien. Aufgrund einer zuletzt vor allem auf versuchte Tabubrüche mit Liedern über sexuelle Gewalt, Inzest oder Kannibalismus fokussierten Diskussion über die Brachialrock-Band Rammstein sollte zur Erinnerung kurz noch einmal auf einen konkreten Sündenfall hingewiesen werden.
Wir haben es hier mit einer Band zu tun, die zur musikfernsehgerechten Illustration ihrer mit germanischer Gründlichkeit gewalzten Single "Stripped" 1998 auf Filmmaterial von Hitlers Haus- und Hofregisseuse Leni Riefenstahl zurückgriff. Stichwort: Olympische Sommerspiele, und: Seht, die deutschen Körper!
Um es auf den Punkt zu bringen: Die ostdeutsch-deutsche Band, die mit ihrem martialischen Gehabe sowie einem generell in Richtung strammer Marschierästhetik schielenden Auftreten den perfekten Soundtrack für deine liebste Wehrsport-, pardon, Paint-Ball-Übungstruppe lieferte, durfte hierzulande vor allem in der Region um Braunau über den begeisterten Zuspruch kruppstahlharter Jungmänner jubilieren.
Sänger Till Lindemann, der nicht nur grimmig gerollter "Rrrrrrrrrs" wegen so klingt, als hätte er eine Sprechblase aus der Feder von Walter Moers zu vertonen (Hörbeispiel eins: "Öch wöll!"), und seine Kollegen ruderten über den unambitionierten Beschwichtigungsversuch "Links 2-3-4" dann aber zurück – auch eingedenk einer abseits des Vaterlandes und vor allem in den USA kommerziell hervorragend ins Rollen geratenen Karriere. Es ging auf Alben wie "Mutter", "Reise Reise" oder "Rosenrot" um die bereits angesprochene Themenpalette und damit unter anderem auch um den Kannibalen von Rothenburg: "Heute treff ich einen Herrn/ Der hat mich zum Fressen gern/ Weiche Teile und auch harte/ Stehen auf der Speisekarte."
Zur Bewerbung ihres neuen und jüngst von der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzten Studioalbums "Liebe ist für alle da" setzen Rammstein nun auf Porno. Das Video zur Single "Pussy" ist demnach nicht nur im Musikfernsehen, sondern vor allem auf einschlägigen Hardcore-Seiten im World Wide Web zu sehen. Neben Sadomasosex und Vergewaltigung vergreift sich die Band aber auch am Fall F. – Arbeitsmotto: Verbinde das Ungustiöse mit dem Niveaulosen. "Komm mit mir/ Komm auf mein Schloss/ Da wartet Spaß/ Im Tiefgeschoß."
Dumpf und stumpf. Am Samstag gastiert die Band in der restlos ausverkauften Stadthalle: Öch! Wöll! Nöcht!
(Wiener Zeitung, 18.11.2009)
Freitag, November 13, 2009
Ezra Furman & The Harpoons - Inside The Human Body
Den aus Chicago gebürtigen Songwriter Ezra Furman darf man nicht nur hierzulande als sträflichst unterschätzt und vernachlässigt bezeichnen. Dabei war es vermutlich gar nicht so gemeint, als der Jungmann auf seinem Debütalbum vor gut zwei Jahren Folgendes skandierte: "I Wanna Be Ignored!"
Das dürfte, sollte, nein, das muss sich nun ändern. Immerhin erweist sich der Musiker auf seinem Zweitling nicht länger als Talent – wir müssen schon jetzt von einem der großen Songwriter seiner Generation sprechen. Der wandelt zwischen folkinfiziertem Indie-Rock und ans Herz gehender Balladenkunst auf den Spuren von Neil Young ("If I Was A Baby") oder dem elektrisch verstärkten Bob Dylan – aber auch in Sachen Daniel Johnston hat Furman seinen Bachelor gemacht.
Wir hören oft schön geschrammelte, meist reduzierte und immer zeitlose Songperlen, die den Vorbildern unseres Helden locker das Wasser reichen können. Ein Stern geht auf – hoffentlich nicht länger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. (Schoenwetter/Hoanzl)
(Wiener Zeitung, 14./15.11.2009)
Das dürfte, sollte, nein, das muss sich nun ändern. Immerhin erweist sich der Musiker auf seinem Zweitling nicht länger als Talent – wir müssen schon jetzt von einem der großen Songwriter seiner Generation sprechen. Der wandelt zwischen folkinfiziertem Indie-Rock und ans Herz gehender Balladenkunst auf den Spuren von Neil Young ("If I Was A Baby") oder dem elektrisch verstärkten Bob Dylan – aber auch in Sachen Daniel Johnston hat Furman seinen Bachelor gemacht.
Wir hören oft schön geschrammelte, meist reduzierte und immer zeitlose Songperlen, die den Vorbildern unseres Helden locker das Wasser reichen können. Ein Stern geht auf – hoffentlich nicht länger unter Ausschluss der Öffentlichkeit. (Schoenwetter/Hoanzl)
(Wiener Zeitung, 14./15.11.2009)
Mittwoch, November 11, 2009
Punkpop mit Tankstopp
Ihr Humorverständnis definieren Green Day in der Wiener Stadthalle schon vor Konzertbeginn, indem sie einen überlebensgroßen Duracell-Hasen auf der Bühne so lange Bier saufen lassen, bis dieser ins Wanken gerät. Humor ist keine Deutungssache. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
Die Band, die Punk spätestens mit ihrem Album "Dookie" 1994 in den Mainstream überstellte, mag mit ihrer dem Amerika der Bush-Regierung geschuldeten Schlüsselarbeit "American Idiot" später zwar eine und wenn auch nur an der Oberfläche gehaltene Kritik an den Verhältnissen zwischen MTV-Formate wie die MILF-Belangssendung "Date My Mom" geschoben haben. Live geht es mit zünftig geprügeltem Punk-Pop dann aber um nichts mehr als Hüttengaudi für immer nie Erwachsene.
Das ist nicht unsympathisch, dank nicht bloß auf Massenkaraoke beschränkter Publikumsmiteinbeziehung allerdings bald enervierend. Siehe dazu: Heute casten wir uns eine Band aus Fans! Dabei gelingt der Formation ein wahres Kunststück. Immerhin reißt sie das nicht unbedingt für seine Begeisterungsfähigkeit bekannte Wiener Publikum vom ersten Ton an von den Sesseln, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Eine Reise durch die Bandgeschichte bedeutet neben Dreiminütern wie "Welcome To Paradise" und "Basket Case", Ska-Lastigerem wie "King For A Day" aber auch konventionelle Ö3-Balladen wie "Boulevard Of Broken Dreams". Dazwischen: Boing, bumm, tschack – und die Erkenntnis, dass die 90er Jahre auch gefühlterweise lange schon vorbei sind. Rest in pieces!
(Wiener Zeitung, 10.11.2009)
Die Band, die Punk spätestens mit ihrem Album "Dookie" 1994 in den Mainstream überstellte, mag mit ihrer dem Amerika der Bush-Regierung geschuldeten Schlüsselarbeit "American Idiot" später zwar eine und wenn auch nur an der Oberfläche gehaltene Kritik an den Verhältnissen zwischen MTV-Formate wie die MILF-Belangssendung "Date My Mom" geschoben haben. Live geht es mit zünftig geprügeltem Punk-Pop dann aber um nichts mehr als Hüttengaudi für immer nie Erwachsene.
Das ist nicht unsympathisch, dank nicht bloß auf Massenkaraoke beschränkter Publikumsmiteinbeziehung allerdings bald enervierend. Siehe dazu: Heute casten wir uns eine Band aus Fans! Dabei gelingt der Formation ein wahres Kunststück. Immerhin reißt sie das nicht unbedingt für seine Begeisterungsfähigkeit bekannte Wiener Publikum vom ersten Ton an von den Sesseln, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Eine Reise durch die Bandgeschichte bedeutet neben Dreiminütern wie "Welcome To Paradise" und "Basket Case", Ska-Lastigerem wie "King For A Day" aber auch konventionelle Ö3-Balladen wie "Boulevard Of Broken Dreams". Dazwischen: Boing, bumm, tschack – und die Erkenntnis, dass die 90er Jahre auch gefühlterweise lange schon vorbei sind. Rest in pieces!
(Wiener Zeitung, 10.11.2009)
Dienstag, November 03, 2009
Unlustige Zigaretten
Guter Geschmack bei schlechter Laune: Die Trip-Hop-Veteranen Massive Attack gefielen mit noch unveröffentlichten Songs im Wiener Gasometer.
Ihr Wien-Konzert begehen die britischen Trip-Hop-Miterfinder und -Erneuerer Massive Attack am Montagabend im ausverkauften Gasometer auch mit bisher unveröffentlichten Songs. Ein Wagnis? Denn Pop, und man darf diesen Umstand nicht unterschätzen, funktioniert nicht zuletzt als machina memoriae, als nostalgiebetriebene Erinnerungsmaschine. Stichwort: Hör mal Schatzi, sie spielen unser Lied! Oder: Verdammt, das war das Lied von mir und meiner Ex. Herr Ober, noch einmal dasselbe und ein Viertel Slibowitz dazu, aber pronto!
Mit verschlurft desperaten sowie betont kühlen und nicht nur insofern latent entmenschlichten Songs, die den Blues haben, ohne sich explizit auf den Blues zu beziehen, hebeln Massive Attack dieses Funktionsprinzip aber ohnehin aus. Zum einen. Zum anderen gibt es gegen die Kraft dieser zwischen den Nebeln von Avalon und dem Industriesmog Bristols alles andere als lustwandelnden Grooves weder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer noch Neuroleptika.
Danke, schlecht!
Bereits nach dem metallischen Zittern von "Bulletproof Love", dessen hallverhangener Drum-Sound in der Tradition von Portisheads genialer Comeback-Single "Machine Gun" steht, dem hart stampfenden "Heartcliffe Star" und dem von Horace Andys vibrierendem Timbre in Richtung Gänsehaut getriebenen "16 Seeter" geht es dem Publikum also ganz hervorragend, sprich: schlecht bis sehr schlecht. Passend zur bekifften Psychedelik von Songs wie "Angel", "Risingson", "Mezzanine" oder "Inertia Creeps" stammen die Rauchschwaden im Raum schon lange von unlustigen Zigaretten. Um diese und andere Berauschungsmittel geht es auch auf der LED-Wand im Hintergrund, auf der sich das Böse der Welt zur Themenschau des Grauens versammelt. Krise, Krieg, Terror und Paris Hilton stehen auf der Agenda. Unterhaltung kommt nicht zwangsläufig von Spaß. Im Zweifelsfall kann, darf, muss Kunst auch Wehtun können. Massive Attack lieben und leben diesen Ansatz.
Eingedenk der von Martina Topley-Bird gehauchten Edelballade "Babel" sowie dem Wahnsinn endgültig Tür und Tor öffnenden "Marakesh" sorgt dieser Abend aber zumindest in einer Hinsicht für Hoffnung: Nach "100th Window", dem bereits sechs Jahre alten und kontrovers diskutierten Quasi-Soloalbum von Mastermind Robert "3D" Del Naja sowie der aktuellen und durchaus halbgaren "Splitting The Atom Ep" scheint die Band mit einem neuen, für den Frühling kommenden Jahres angekündigten Album wieder zu Hoch- und Höchstform aufzulaufen. Beatfestspiele, surrende Brachialelektronik, ausufernde Gitarren-Echos. Wir hören Lieder, die es mit heute neu arrangierten Hits wie "Teardrop" oder dem live bereits etwas abgenützten "Unfinished Sympathy" locker aufnehmen können.
"Take a walk, taste the rest? No, take a rest". Wunschloses Unglück, auch auf dem Heimweg durch die Nebel von Simmering.
(Wiener Zeitung, 4.11.2009)
Ihr Wien-Konzert begehen die britischen Trip-Hop-Miterfinder und -Erneuerer Massive Attack am Montagabend im ausverkauften Gasometer auch mit bisher unveröffentlichten Songs. Ein Wagnis? Denn Pop, und man darf diesen Umstand nicht unterschätzen, funktioniert nicht zuletzt als machina memoriae, als nostalgiebetriebene Erinnerungsmaschine. Stichwort: Hör mal Schatzi, sie spielen unser Lied! Oder: Verdammt, das war das Lied von mir und meiner Ex. Herr Ober, noch einmal dasselbe und ein Viertel Slibowitz dazu, aber pronto!
Mit verschlurft desperaten sowie betont kühlen und nicht nur insofern latent entmenschlichten Songs, die den Blues haben, ohne sich explizit auf den Blues zu beziehen, hebeln Massive Attack dieses Funktionsprinzip aber ohnehin aus. Zum einen. Zum anderen gibt es gegen die Kraft dieser zwischen den Nebeln von Avalon und dem Industriesmog Bristols alles andere als lustwandelnden Grooves weder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer noch Neuroleptika.
Danke, schlecht!
Bereits nach dem metallischen Zittern von "Bulletproof Love", dessen hallverhangener Drum-Sound in der Tradition von Portisheads genialer Comeback-Single "Machine Gun" steht, dem hart stampfenden "Heartcliffe Star" und dem von Horace Andys vibrierendem Timbre in Richtung Gänsehaut getriebenen "16 Seeter" geht es dem Publikum also ganz hervorragend, sprich: schlecht bis sehr schlecht. Passend zur bekifften Psychedelik von Songs wie "Angel", "Risingson", "Mezzanine" oder "Inertia Creeps" stammen die Rauchschwaden im Raum schon lange von unlustigen Zigaretten. Um diese und andere Berauschungsmittel geht es auch auf der LED-Wand im Hintergrund, auf der sich das Böse der Welt zur Themenschau des Grauens versammelt. Krise, Krieg, Terror und Paris Hilton stehen auf der Agenda. Unterhaltung kommt nicht zwangsläufig von Spaß. Im Zweifelsfall kann, darf, muss Kunst auch Wehtun können. Massive Attack lieben und leben diesen Ansatz.
Eingedenk der von Martina Topley-Bird gehauchten Edelballade "Babel" sowie dem Wahnsinn endgültig Tür und Tor öffnenden "Marakesh" sorgt dieser Abend aber zumindest in einer Hinsicht für Hoffnung: Nach "100th Window", dem bereits sechs Jahre alten und kontrovers diskutierten Quasi-Soloalbum von Mastermind Robert "3D" Del Naja sowie der aktuellen und durchaus halbgaren "Splitting The Atom Ep" scheint die Band mit einem neuen, für den Frühling kommenden Jahres angekündigten Album wieder zu Hoch- und Höchstform aufzulaufen. Beatfestspiele, surrende Brachialelektronik, ausufernde Gitarren-Echos. Wir hören Lieder, die es mit heute neu arrangierten Hits wie "Teardrop" oder dem live bereits etwas abgenützten "Unfinished Sympathy" locker aufnehmen können.
"Take a walk, taste the rest? No, take a rest". Wunschloses Unglück, auch auf dem Heimweg durch die Nebel von Simmering.
(Wiener Zeitung, 4.11.2009)
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