Samstag, Juni 03, 2023

Das Licht geht aus

Auf der Suche nach letzten Worten – oder doch nicht – und: (m)ein Abschied als Glossist an dieser Stelle. Kolumne im "extra".

„Mehr Licht!“ – eigentlich wollte ich Ihnen ja nicht ausgerechnet mit Goethe kommen, allerdings bieten sich die berühmten letzten Worte des Dichterfürsten aus naheliegenden Gründen auch aus meiner persönlichen Perspektive an. Immerhin handelt es sich hierbei um einen Abschied: Das ist nach beinahe 18 Jahren ohne Pause mein letzter Beitrag für die „Wiener Zeitung“ an dieser Stelle.

Frei nach dem US-Rapper Ice-T wiederum habe ich derzeit nämlich 99 Probleme, glorreiche letzte Worte sind aber definitiv keines davon. Außerdem fehlt mir gerade auch ganz einfach die Zeit, mir selbst noch einen Sinnspruch auszudenken, mit dem ich diese Bühne verlasse. Aus fremder „Feder“ wiederum hätte sich vielleicht noch James Dean angeboten, dessen letzter Satz unmittelbar vor seinem Unfalltod „That guy’s gotta stop“ lautete. Nachtrag: „He’ll see us!“

Dafür habe ich in letzter Zeit zu meiner eigenen Stimmungsaufhellung und im Optimalfall auch zur Unterhaltung meiner Follower auf der bevorzugten Social-Media-Plattform meines Misstrauens bereits für den Kasperl im zweiten Bildungsweg geprobt und etwa an der Wortspielfront Postings wie „Ich bin jeder Art von Pasta farfallen“, „Herr Ober, dieser Salat ist mir zu manieriert“ oder „Wer Obers hasst, ist nichtsahnend“ abgesondert. Womit Sie jetzt auch meinen zweiten von insgesamt drei aktuellen Stimmungsaufhellern kennen: Sehr wahrscheinlich finden Sie mich, wenn ich mir nicht gerade schreibend einen Reim auf die Welt mache oder auf dem Fahrrad sitze, in der Küche zwischen Pfannen und Töpfen wieder. Aber auch dort gibt es traurige Tage. Ich koche dann etwa das schwärzeste Schwarz aller Zeiten in Form des Sepia-Risottos nach, mit dem Blixa Bargeld einst in den 1990er Jahren bei Alfred Biolek, selig, im Fernsehen zu sehen war.

Mitunter kommt bei meinen Postings aber auch der eine oder andere ernsthaftere Sinnspruch heraus. Sollte ich mich demnächst also anders als unlängst angekündigt doch nicht wie der Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos Roman „Die Liebesblödigkeit“ als freischaffender Apokalyptiker verdingen, könnte ich noch immer auf den freien Aphoristiker umschulen: „Der größte Luxus, den ich mir leiste, sind die Kommentare, die ich mir spare.“ Damit habe ich zwar ursprünglich die Lust daran gemeint, auf all die Dummheit da draußen nur mehr mit Ignoranz zu reagieren. Weil ich an dieser Stelle verstummen muss, werde ich anderswo jetzt aber erst recht nicht schweigen.

Gerne jedenfalls hätte ich Sie in dieser Ecke unserer jetzt also in die Geschichtsbücher eingehenden Tageszeitung weiterhin unterhalten – oder zumindest meinen Abschlussbeitrag etwas heller gestaltet. Fürs Erste und Letzte schließe ich hier aber stimmungstechnisch adäquat – mit dem guten alten Laternenlied: „Das Licht geht aus, wir gehen nach Haus, rabimmel, rabammel, rabumm.“ 

(Wiener Zeitung, 3./4.6.2023) 

Freitag, Juni 02, 2023

Der letzte Mann am Dancefloor

Jake Shears, Kopf der Scissor Sisters, kehrt mit seinem zweiten Soloalbum zurück in die Disco.

Ein Song des Albums heißt „Devil Came Down The Dance Floor“. Darin hat Jake Shears eine schicksalhafte Begegnung mit dem Gottseibeiuns höchstpersönlich. Der wohnt im Normalfall in der Gartenhütte von Keith Richards und darf höchstens in der Rauchpause kurz einmal ins Haus hinein. Oder er verschanzt sich in einer Schwulendisco in Brooklyn zwischen Dancefloor, Darkroom oder, notdürftig mit einem zu weit geschnittenen Trenchcoat verkleidet, in der öffentlichen Herrentoilette neben dem Notausgang. Crazy Ort! Geile Leute.

Ein Matrose auf Landgang

Dort ist auch Jake Shears zu Hause. Gute Güte, es ist wirklich verdammt schwer, sich diesen Mann nicht in einer waffenscheinpflichten Lack-, Leder- und Latex-Montur als New Yorker City Cop mit Freddie-Mercury-Gedenk-Schnauzbart vorzustellen, der sich nach Dienstschluss als Matrose auf Landgang verkleidet – oder die Dragqueen in Strapsen auf einem Fastnacktgschnas in der „Hetenhölle“ in Sankt Veit an der Glan zum Besten gibt. Die hüpft um Mitternacht aus einer Schwarzwälder Kirschtorte heraus, die jemand als Trojanisches Pferd mit Sahnebaiser mitgebracht hat. ÜBER-RASCH-UNG, ihr Schlampen!

Jetzt aber, endlich – endlich ist Tanzen angesagt. Tanzen ist nicht nur die beste Medizin, wenn es darum geht, sich die Lebensfreude zurück in den Alltag zu holen. Tanzen bietet auch bessere Erfolgsaussichten als Tinder und hilft dabei, nicht endgültig fett zu werden, wenn man sich gerade den sechsten Gin Tonic an der Budl bestellt. Gin Tonic ist neben Tanzen übrigens die zweitbeste Medizin. Aber was wollte ich gerade eigentlich sagen?

Ach ja. Jake Shears wurde ursprünglich als Sänger, Kopf und coole Socke der Scissor Sisters bekannt. Die weder jugendfreie noch heteronormative und entsprechend nach einer lesbischen Sexpraktik benannte Glamourband im Fachbereich Discodancing landete ab ihrem 2004 erschienenen selbstbetitelten Debütalbum eine Handvoll Hits, an die man sich auch noch heute erinnern könnte. Mit dem gemeinsam mit Elton John als persönlichem Haus- und Hofheiligen der Band geschriebenen „I Don’t Feel Like Dancin’“ als Visitenkarte wurde zwischen Disco, Pop und etwas Glamrock in erster Linie einmal hedonistisch auf die Pauke gehaut. Der Rest war dann ganz einfach eine etwas längere Party.

Dunkle Sonnenbrillen

Heiliger George Michael, bitte für uns: Nach der von den Scissor Sisters schließlich ab dem Jahr 2012 eingelegten Pause auf unbestimmte Zeit konnte man Jake Shears’ Solodebüt „Jake Shears“ (2018) als dezenten Abnabelungsversuch hören. Es folgten sein Broadwaydebüt, die Autobiografie „Boys Keep Swinging“ sowie zuletzt 2022 das mit James Graham und abermals mit Elton John geschriebene Musical „Tammy Faye“. Mit den zwölf Songs seines nun erstmals bei Mute Records veröffentlichten zweiten Soloalbums „Last Man Dancing“ kehrt der heute 44-Jährige nun aber im großen Stil in die Disco zurück. Selbstverständlich wird zur Feier des Tages auch die gute alte Kuhglocke wieder ausgepackt.

Neben Gastauftritten von Jane Fonda im Rahmen der akut Song-Contest-tauglichen Sci-Fi-Synthiepop-Hymne „Radio Eyes“ mit der aus Gründen wirklich äußerst bedrohlichen Zeile „You will be rebuilt and transformed“ sowie von Iggy Pop zum Abschluss im eklektischen „Diamonds Don’t Burn“ steht mit „Voices“ ein früher Höhepunkt im Duett mit Kylie Minogue auf dem Programm. Mitunter schickt sich Jake Shears dabei tatsächlich an, die Lücke zu füllen, die George Michael nach seinem zu frühen Tod hinterlassen hat. Und man ist deshalb auch eher bereit, ihm den einen oder anderen Schema-F-Song der Marke Disco nach Vorschrift oder die etwas billige „Dancing Queen“-Adaption zu verzeihen, als die das Titelstück des Albums daherkommt.

Nach den Gute-Laune-Songs der ersten Hälfte geht es in Hälfte zwei im fließenden Übergang eines DJ-Sets übrigens endgültig in Richtung Darkroom. Zu im Grenzland von Tech-House und Italo-Disco aus dem Orden des Giorgio Moroder pluckernden und tuckernden Stücken wie „8 Ball“ oder „Mess Of Me“ sind natürlich trotzdem dunkle Sonnenbrillen angesagt. Man könnte davor noch von der Discokugel oder den möglicherweise ganz falschen Nachtgefährten geblendet werden: „I am burning / You are the flame / I break a cold sweat / Forget my name.“

Musikalisch hat Jake Shears zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin schon allen Kummer und alle Sorgen vertrieben. Gute Sache, dringend nötig. Hot stuff!

(Wiener Zeitung, 3./4.6.2023)

Sonntag, Mai 28, 2023

Milchkaffee und (Baby-)Tränen

Die US-Band Sparks bündelt auf ihrem neuen Album „The Girl Is Crying in Her Latte“ sämtliche Kernkompetenzen.

Was man an dieser Band hat, erklärt gleich die aktuelle Single. Musikalisch als Echo ihrer Ursprünge im Glamrock angerichtet, berichten die Sparks in „Nothing Is As Good As They Say It Is“ aus der Innenperspektive der allerjüngsten Erdbewohner. Ergänzt um ein Musikvideo mit in erster Linie weinenden Babys, entsteht so ein Bild frühexistenzieller Verzweiflung. „All your standards must be so very low / This is not a place that I’d want to go / How can you exist in a place like this? / I surely can’t! Oh no!“ Von wegen „Holt mich hier raus“: Eigentlich möchte man wie aus dem Lehrbuch von Doktor Freud ja schnellstmöglich wieder zurück. Oder Hauptsache jedenfalls husch, husch woandershin.

Die Kunst der Überzeichnung

Nicht von ungefähr sieht man bereits auf dem Cover ihres neuen und mittlerweile 25. Studioalbums „The Girl Is Crying in Her Latte“ (Island/Universal Music) eine junge Frau mit zerronnener Mascara vor ihrem Milchkaffee sitzen. Die wird von den US-Brüdern Ron und Russell Mael auch im dazugehörigen Songtext ganz genau beobachtet. Ursachenforschung steht auf dem Programm: „Is it due to the rain / Or is she in some pain? / She looks physically fine / Guess it’s something benign.“

Weil existenzielle Verzweiflung vielleicht schon nach der Geburt eintreten kann, ganz sicher aber in späteren Jahren nicht unwahrscheinlicher wird, weinen am Ende des Songs im Wesentlichen aber alle in ihr Heißgetränk. Zu diesem Zeitpunkt scheint auch die Wurzel allen Übels gefunden: „I guess the world is to blame . . .“

Die seit ihrem 1971 erschienenen Debütalbum „Halfnelson“ unermüdlich produzierenden Sparks gelten als Chef-Ironiker eines schillernden Popuniversums zwischen den Stühlen. Mit oft schon auf dem Papier zum Schreien komischen Songs wie „Angst In My Pants“ oder „(Baby, Baby) Can I Invade Your Country?“ im Gepäck wird dabei auf die Kunst der Überzeichnung gesetzt. Nach theatralischen Artpop-Meisterwerken wie „Kimono My House“ mit dem Hit „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“ (1974) und der 1979 erfolgten Hinwendung zu Synthie-Pop und (Italo-)Disco des von Giorgio Moroder produzierten Albums „No. 1 in Heaven“ hat das Duo stilistisch wenig bis nichts ausgelassen.

Von von bis bis

Auf „The Girl Is Crying in Her Latte“ geht es frei nach Ernst Jandl jetzt ohnehin wieder von von bis bis. Neben einem Song über die Peek-a-boo-Frisur der 1973 verstorbenen Hollywoodschauspielerin Veronica Lake im modernen elektronischen Setting, einem als Hommage an die deutsche Elektro-Avantgarde arrangierten Loblied auf die Rolltreppe sowie einem Abstecher nach Nordkorea im Zeichen des Militärmarschs hört man etwa auch einen technoiden Lagebericht aus der Club-Warteschlange sowie ein Joint Venture aus Ballettmusik und Operettenrock.

Zur Hochform läuft die Band aber auf, wenn sie in „When You Leave“ Szenarien entwirft, was hinterrücks so alles passieren kann, wenn man kurz vor dem Abgang steht – um ihre Konsequenzen zu ziehen: „I’m gonna stay – just to annoy them / I’m gonna stay – just to piss them off!“ Die Sparks auf den Spuren Herbert Achternbuschs also: „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.“   

(Wiener Zeitung, 27./28.5.2023)  

Mittwoch, Mai 24, 2023

Meditationen in Endlichkeit

Der große US-Songwriter Paul Simon hat ein neues Album vorgelegt – es könnte sein letztes sein.

Das Wort Psalm geht auf das griechische Verb psallein zurück, das so etwas wie „die Saiten schlagen“ bedeutet. Seine Wurzeln aber liegen im hebräischen mizmor, das sich wiederum als „kantilierender Sprechgesang mit Saitenbegleitung“ übersetzt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat Paul Simon von Anfang an Psalmen geschrieben. Immerhin basieren bereits seine frühesten Songs aus den mittleren 1950er Jahren wie auch seine größten Hits aus Zeiten im Duo mit Art Garfunkel als Simon & Garfunkel im Wesentlichen auf einem: Zu dieser im weltlichen Sinn himmelwärts gerichteten Musik konnte man außer zwei harmonierenden Götterstimmen und ja, zart angeschlagenen oder gezupften Saiten schon immer die Englein singen hören.

Seine durch und durch menschlichen und menschelnden Songs aber, bei denen in Form etwa zum Heulen schöner Folkpop-Evergreens wie „The Sound Of Silence“, „The Boxer“ oder „Bridge Over Troubled Water“ individuelle Sorgen, Nöte und Sehnsüchte im Vordergrund standen, verzichteten auf religiöse und spirituelle Elemente ebenso wie auf die dem klassischen Psalm inhärente liturgische Funktion.

Über den Jordan

Insofern überrascht die Rückkehr des großen Sängers und Songwriters mit seinem neuen Album „Seven Psalms“ (Owl/Sony Legacy) dann doch ein wenig – wenngleich sich der mittlerweile 81-Jährige im Albumtrailer dann eh als ewiger Zweifler zu erkennen gibt, was die gute alte Gretchenfrage betrifft: „This whole piece is really an argument I’m having with myself about belief, or not.“ Der Verdacht einer „Ankunft in Gott“, die auf einem späten Erweckungsereignis seit seinem im Jahr 2018 erfolgten Bühnenabschied beruhen könnte, wird also im Handumdrehen zerschlagen.

Auf jeden Fall aber eröffnet der aus Newark gebürtige Sohn ungarisch-jüdischer Eltern mit seinem 15. Soloalbum ein neues Karrierekapitel, das womöglich sein letztes sein könnte. Wir hören Meditationen in Endlichkeit, die Vergleiche mit den finalen Alben von David Bowie („Blackstar“) und Leonard Cohen („You Want It Darker“) fast unumgänglich machen.

Im Gegensatz zu David Bowie setzt Paul Simon mit knapp 30 mitunter beiläufig gehaltenen Spielminuten aber nicht auf die große Form – und anders als bei Leonard Cohen gipfelt bei ihm nicht die lebenslange Beschäftigung eines jüdischen Zen-Buddhisten mit spiritueller Heilsuche im Bekenntnis, jetzt bereit für den Herrn zu sein. Auch wenn gleich der im Bewusstseinsstrom über den Jordan gleitende erste Song „The Lord“ und dessen wiederholtes Auftauchen als Adaption und Coda in Folgestücken wie dem als Ausreißer des Albums im Blues verwurzelten „My Professional Opinion“ anderes nahelegt.

Im Traum empfangen

Paul Simon hat die Idee für das Album eigenen Aussagen zufolge im Traum empfangen. Weitere Inspiration boten nächtliche Wachphasen in den Wochen darauf. Im Studio wurden die strikt akustisch gehaltenen und auf Simons Gesang und Gitarre fokussierten Songs schließlich um dezente Atmosphären ergänzt.

Während im Vordergrund Klangschalen, Gongs und fernöstliche Percussions als Echo seiner 1986 mit dem Bestseller „Graceland“ erfolgten Hinwendung zur sogenannten „Weltmusik“ metaphysische Noten verbreiten und auch der eine oder andere dräuende Drone seine Wirkung nicht verfehlt, besetzen Gäste wie der US-Trompeter Wynton Marsalis, das Londoner A-cappella-Oktett Voces8 sowie ein mit kaum mehr als einer Handvoll Akkorde präsentes Streichquartett maximal Statistenrollen. Woraus sich ein Album ergibt, das sich gegen Erwartungshaltungen und Brechstangen-Sentimentalität gleichermaßen stellt, um die Gänsehaut, auf die es mit seinen impressionistischen Skizzen nicht aus ist, mitunter doch zu erzeugen.

Selbstverständlich wollen wir uns noch viele weitere Alben von Paul Simon vorstellen und wünschen. Hoffnung darauf bietet das als Schwanengesang angerichtete „Seven Psalms“ aber nicht. Auch wenn der Himmel im gemeinsam mit Ehefrau Edie Brickell gesungenen Abschlusssong „Wait“ bereits als Garten Eden lockt, gegen den sich der irdische Schöpfer einiger der schönsten Folkpopsongs aller Zeiten da noch sträubt: „Wait / I’m not ready! I’m just packing my gear.“

(Wiener Zeitung, 25.5.2023) 

Dienstag, Mai 16, 2023

Unten ist das neue Oben

„Ein fragiles System“: Die österreichische Band Bipolar Feminin veröffentlicht das Debütalbum der Stunde.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit braucht es nicht nur für den Weg nach oben begleitende Maßnahmen. Abseits gewohnter Karriereschritte zwischen Einstieg, Umstieg und Aufstieg liegt die eigentliche Herausforderung ja eher im Gegenteil. Auch und gerade wer sich nach einer gefühlten Ewigkeit im Hamsterrad als geschlauchter Rest seiner selbst am absteigenden Ast befindet wie ein Fußballverein nach dem letzten verlorenen Kellerderby, muss sich zunächst einmal sammeln und orientieren. Aber wie?

Gepflegter verwahrlosen

Zum Glück biegt da gerade die österreichische Band Bipolar Feminin um die Ecke, um Neuankömmlinge nicht nur recht freundlich zu begrüßen. Nein, sie hat auch gleich den Leitfaden für das Kommende mit dabei: „Willkommen am Boden / Das heißt Party für dich!“ Es geht, kurz gesagt, darum, dass man jetzt ohnehin nichts mehr zu verlieren hat und sich deshalb am besten gleich in gepflegter Verwahrlosung üben kann. „Im Meer aus Tausenden Bierflaschen / Hab ich mich seit Tagen verirrt / Mit den Spinnen, die immer haschen / Schon über alles sinniert . . .“ Zwischen der Leistungsverweigerungshymne „Am Boden“ und der aktuellen Singleauskopplung „Tüchtig“ als Song gewordenem Abwehrkampf gegen die Selbstoptimierung geht es die Band dabei mitunter ironisch an. „Geh spazieren! Nimm ein Bad! Putz die Zähne! Iss Salat!“ Wobei Bipolar Feminin nicht zuletzt mit der persiflierten Lebensberatung hinter Songs wie „Struktur“ beinahe ein wenig an der eigenen Glaubwürdigkeit sägen.  

Für das im Jahr 2018 noch im oberösterreichischen Ebensee gegründete Quartett um Frontfrau Leni Ulrich zeigt die Karrierekurve aktuell steil nach oben. Für ihr am Freitag erscheinendes Debütalbum hat sich die Band dagegen entschieden, es sich nach erfolgtem Umzug nach Wien in der hiesigen Suppe gemütlich zu machen. „Ein fragiles System“ wird selbstbewusst gleich auf einem deutschen Label veröffentlicht. Mit der Hamburger Indie-Institution Buback Records im Rücken gehen auch Zeilen wie „Fick dich ins Knie / Elbphilharmonie“ gleich noch viel lustiger über die Lippen. Der dazugehörige Song „Herr Arne“ adressiert der Band zufolge als „ironiefreier Tribut“ mit dem Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank übrigens einen Helden aus Zeiten des Kinder- und Jugendzimmers. Allerdings: Wer braucht noch Tocotronic, wenn er jetzt auch Bipolar Feminin haben kann?

Eine Urgewalt mit Gitarre

Die mit ihren energetischen Live-Auftritten schnell zum Geheimtipp gewordene Band machte spätestens im Vorjahr mit ihrer ersten EP „Piccolo Family“ auf sich aufmerksam. Man hörte eine ordentliche Krawallwatsche für das Patriarchat in Form des Songs „Süß lächelnd“ sowie mit „Fett“ („Ich bin enorm“) ein selbstbestimmtes Loblied auf Körperpositivität und Eigenliebe. Dazu gab Leni Ulrich die Frontfrau gewordene Urgewalt mit umgeschnallter Gitarre. Stress möchte man mit ihr aber eher keinen bekommen. Revenge-Songs wie das giftige „Matrose“ („Auf dem Weg zur Party / An deinem Auto vorbei / Meine Schlüssel in meiner Hand . . .“) oder das mit Schaum vor dem Mund gegebene und im Eiltempo abgefertigte „Sie reden so laut“ künden davon.

Im klassischen Band-Setup mit Gitarren, Bass und Schlagzeug, aber ohne Schnickschnack in Szene gesetzt, schließen die zehn Songs von „Ein fragiles System“ Post-Punk-Nachwehen und klassischen 90er-Jahre-Schlurf-, Schluder- und Slackerrock mit gesteigerten Popsensibilitäten und gewinnenden Hooklines kurz. Sehr gerne belegen aus diversen Effektgeräten hochgezogene Soundwände außerdem einen an der School of Rock erworbenen Shoegazing-Master. Dazu geht es in Stücken wie „Wie es ist“ („Es ist wie es ist wie es bleibt“), „Mami“ oder der heiteren Kapitalismuskritik „Attraktive Produkte“ um Systemimmanenz – und systemimmanente Erniedrigung.

Zu Hochform laufen Bipolar Feminin übrigens auch am Ende ihrer Kräfte und mit bloßem Standgas auf. Was mit dem Song „Kreis“ gemeint ist, wird jeder nachvollziehen können, der für seine Welt geblutet hat – und jetzt ganz einfach vom System ausgespuckt wird: „Ich fühl so viel, ich lach so laut / Einiges hat sich angestaut / Und wenn ich weine, weine ich, bis ich nichts mehr seh / Ich zeichne den Kreis, in dem ich mich dreh.“ Hallo unten! Unten ist das neue Oben.

Live am 6. Juni im Wiener Fluc

(Wiener Zeitung, 17.5.2023) 

Donnerstag, Mai 11, 2023

Deine Disco braucht dich

Die britische Sängerin Alison Goldfrapp huldigt auf ihrem späten Solodebüt dem Dancefloor.

Einerseits kommt dieses Album auf gewisse Weise zur Unzeit. Immerhin zeigen sich die elf Songs von „The Love Invention“ (Skint/BMG Rights Management) von den Polykrisen unserer Zeit weder beeinflusst noch angekränkelt.

Andererseits sind schlechte Zeiten immer auch gute Zeiten, wenn es darum geht, all den Ballast einmal abzuschütteln und sich in Eskapismus zu üben. Warum nicht einmal das persönliche Druckablassventil des Vertrauens öffnen und die Sorgen Sorgen sein lassen? Vor allem die Nacht als ewiges Hauptabendprogramm im Bereich des Verdrängens und Kompensierens stellt hier immer schon ein paar gute Angebote.

Königin der Nacht

Move your ass and your mind will follow: Nicht zuletzt in den Clubs lockt etwa der Dancefloor als Versprechen damit, den Kopf endlich einmal auszuschalten und die Gehirnwindungen durchzulüften. Wer zu viel denkt, wird unleidlich. Den Rest erledigen dann die Bewegung, die aufgeladene Stimmung und das eine oder andere Mixgetränk. Ach ja. Drogen sind natürlich überbewertet, wenn der Körper bereits mit Endorphinen, Dopamin und Serotonin zur Stelle ist, um die Sache mit der Ekstase für uns zu regeln.

Auch die britische Sängerin Alison Goldfrapp will uns in ihrem zweiten Standbein als Königin der Nacht jetzt dabei helfen, die Euphorie im großen Stil wiederzuentdecken. Und sie bezieht sich dabei offenbar auf ein altes Motto von Kylie Minogue: „Your disco needs you!“ Zwar hat die Sängerin in dieser Hinsicht bereits mit ihrer Stammband Goldfrapp einiges an Vorarbeit geleistet. Neben Alben mit peitschendem Elektropop wie „Black Cherry“ (2003), „Supernature“ (2005) oder zuletzt dem ordentlich abgedunkelten „Silver Eye“ von 2017 hat es das arbeitsteilig und demokratisch geführte Duo um den Keyboarder und Produzenten Will Gregory stilistisch aber immer auch breiter angelegt.

Großtaten wie das eklektische Debütalbum „Felt Mountain“ (2000) mit Goldfrapp als jüngster Sensation auf Daniel Millers einflussreichem Label Mute Records und die teils orchestrierten Sperrstundenballaden von „Tales Of Us“ (2013) künden bis heute sehr einnehmend davon. Dass 2010 auf „Head First“ auch die käsigen Seiten der 1980er Jahre zwischen Olivia Newton-John und Abba in Angriff genommen wurden, hätte man in der Zwischenzeit eigentlich schon erfolgreich verdrängt, wäre Alison Goldfrapp zur Bewerbung von „The Love Invention“ mit in Richtung Step-Aerobic gehenden Musikvideos diesbezüglich nicht erneut äußerst ungeniert um die Ecke gebogen.

Streng nach Bauplan

Die heute 56-Jährige gibt dazu die auch stimmlich exakt gar nicht gealterte ewige Discosirene aus dem Orden des Giorgio Moroder („I Feel Love“). Die Euphorie auf dem Dancefloor muss immer auch die Absicht verfolgen, mit sexueller Ekstase einherzugehen. Zünftig zwischen Song und Track pendelnde Tanzangebote wie „So Hard So Hot“, „The Beat Divine“ und nicht zuletzt „Hotel“ als hemmungslose Aufforderung zum One-Night-Stand belegen es. Wer stattdessen den grauen Alltag bevorzugt: Am Montag geht es dann sowieso wieder ins Büro.

Alison Goldfrapp hat für Stücke wie „Digging Deeper Now“ und das programmatische „Fever“ mit dem deutschen DJ- und Produzenten-Duo Claptone und dessen britischem Kollegen Paul Woolford zusammengearbeitet und das Album mit Richard X und James Greenwood produziert. Neben den allgegenwärtigen House-Einflüssen wird nicht nur mit Vocoder-Gesängen und bei „Gatto Gelato“ bereits vom Titel her außerdem an einstige Pionierarbeiten im Fachbereich Italo-Disco erinnert. Dazwischen regiert mit „In Electric Blue“ aber auch hoffnungslos überzuckerter Elektropop, nach dem akutes Sodbrennen droht. Kann man einen Brand eigentlich auch mit Gin Tonic löschen?

Nicht zuletzt Róisín Murphy fällt einem übrigens als möglicher Einfluss dieser streng nach Bauplan arrangierten Stücke ein. Da steht Alison Goldfrapp aber schon wieder parat, um uns am Zerdenken zu hindern. Die Discokugel dreht sich. Geile Sache. Never stop!

(Wiener Zeitung, 12.5.2023)

Mittwoch, Mai 10, 2023

Leise flehen seine Lieder

Der deutsche Songwriter Jungstötter zieht auf seinem neuen Album „One Star“ alle Register.

Dies ist keine Musik, die man sich anhört, um den neuen Tag zu begrüßen. Dies ist Musik, die dem alten Tag Lebewohl sagt oder ihn irgendwann zwischen der Sperrstunde und dem Aufschlag zu Hause im Bett womöglich zum Teufel jagt. Er hat seine Schuldigkeit getan, er kann jetzt bitte gehen.

Wir sprechen von einer Zeit, die Menschen mit geregeltem Alltag und keinen Problemen gerne vermeiden. Es könnte das echte Leben dazwischenkommen und mit diversen Verlockungen und Gefahren intervenieren. Macht man dem Teufel einmal die Tür auf, setzt der bekanntlich gleich mit einem Bocksprung in den Vorraum über.

Schmerz und Überwindung

Fabian Altstötter wurde vor mittlerweile vier Jahren unter seinem schelmisch gewählten Künstlernamen Jungstötter bekannt. Allerdings endete die Sache mit dem Humor an dieser Stelle bereits wieder. Nach Wurzeln im Indiepop mit seiner in der deutschen Provinz gegründeten Band Sizarr und einem unerwarteten Zusammentreffen mit Deutsch-Rapper Casper und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten für den düsterromantischen Genre-Clash des Songs „Lang lebe der Tod“ (2017) ging die künstlerische Neuerfindung schließlich im Jahr 2019 mit dem Solodebüt „Love Is“ über die Bühne.

Gemeinsam mit Max Rieger von der Stuttgarter Band Die Nerven produziert und mit Musikern aus dem Jazzumfeld in Szene gesetzt, schlug da hörbar ein altes Herz in einem jungen Körper. Mit seinen aus der Zeit gefallenen und an großen Außenseitern, Individualisten und Grenzgängern des Pop zwischen Mark Hollis und Rustin Man von Talk Talk sowie auf jeden Fall Scott Walker und vielleicht ein wenig auch David Sylvian in ihren späten Jahren geschulten Samtballaden erwies sich der Mann dabei als Glücksfall – im Zeichen des Unglücks. Wie Göttersongs wie „Wound Wrapped In Song“ aber bereits vom Titel her nahelegten, ging und geht es bei Jungstötter mit waidwunder Stimme im großen Stil immer auch um den Schmerz und seine Überwindung.

Nach Übersiedlungen nach Berlin und schließlich nach Wien zu seiner zunächst musikalischen Partnerin und baldigen Lebensgefährtin Anja Plaschg alias Soap&Skin sowie nach einer veritablen Krise im Entstehungsprozess im Jahr 2021 liegt mit „One Star“ (Pias) jetzt endlich der Nachfolger vor. Leise flehen die Lieder Jungstötters darauf zwar weiterhin. Zu Streichern mit Trauerflor, in getragenem Tempo und mitunter im Trauermarschduktus fährt der 32-Jährige dabei aber alle Register auf.

Pochen und Pumpen

Weiter entfernt vom Orden des Nick Cave, der auf „Love Is“ mitunter noch recht deutlich regierte, und mit in den Hintergrund gerückten Gitarren wird heute konsequent an einer Art Kunstlied nach altem Vorbild und heutiger Prägung gefeilt. Zwischen Fender Rhodes, Klavier, Kontrabass, (Beserl-)Schlagzeug, gelegentlichen Bläserspitzen und nicht zuletzt fiebrigen Percussions hat man es einerseits mit moderner Kammermusik zu tun. Andererseits sorgt das Pochen und Pumpen von „Ribbons“ oder das elektronische Wabern von „Burdens“ für Querbezüge zu Trip-Hop und Filmmusik. David Lynch etwa sollte man unbedingt einmal mit der Musik von Jungstötter vertraut machen.

„Every way I move / All is full of you / The night hours and the days / Are spilling out your face“: Zwischendurch steckt natürlich auch wieder sehr viel Verlangen und Begehren in diesen Liedern. Anderswo klafft zu beinahe lichten Klängen mit dunklen Gedanken dafür die Text-Ton-Schere auf: „My fear is but a looting game / I was set to play / And if I had known what it would claim / I would have gone the other way.“

Zum Showdown steht Jungstötter dann mit ausgebreiteten Armen vor uns und wartet auf den titelgebenden Stern, der keinen Namen trägt. Händeringend wird da noch einmal um Erlösung gefleht: „Oh give me a star / Why don’t you let a star fall down onto me?“ Der Tragödie zweiter Teil ist damit formal also beendet. Das Drama aber geht weiter.

Live am Montag 15. Mai im Wiener Fluc.

(Wiener Zeitung, 11.5.2023)

Freitag, Mai 05, 2023

Das Einmaleins des Rührstücks

Der britische Popstar Ed Sheeran beendet seine Pentalogie der Grundrechnungsarten mit dem neuen Album „-“.

Dem Bullshitbingo der Plattenfirma zufolge handelt es sich um „Ed Sheerans persönlichstes Album“. Wie das in Anbetracht des bisherigen Werkkatalogs möglich sein soll, wäre jetzt allerdings interessant. Immerhin hat uns der 32-jährige Popsuperstar sein Herz mittlerweile so oft ausgeschüttet, dass wir ihn beinahe schon besser kennen als unseren alten Schulfreund Herbert.

Mit dem hat man seinerzeit die ganze Kindheit und Jugend samt allen Höhen und Tiefen erlebt und sitzt heute regelmäßig im Wirtshaus herum, um sich intensiv auszutauschen, indem man gehaltvoll über das Leben schweigt. Im grauen Alltag sind vor allem Männer dann zumeist ja doch etwas verschlossener als in einer dieser vor starken Emotionen und großen Gefühlen berstenden Fließband-Balladen, mit denen Ed Sheeran seinen Lebensunterhalt – und ein paar Zerquetschte mehr – verdient.

Es zieht sich

Mit „-“ (Warner Music) hat der britische Wuschelkopf soeben ein neues Album veröffentlicht, auf dem er hinsichtlich seiner eigentlichen Erfolgsformel noch einmal nachlegt. Wir hören das Einmaleins des Rührstücks, dessen titelgebendes Minus zumindest teils in die Irre führt: Für weniger ist dieses Album mit seinen 14 Songs schon auch recht viel, was man spätestens in der Mitte der 48 Spielminuten bemerkt, wenn es sich, du meine Güte, zu ziehen beginnt.

Dafür hat Ed Sheeran die Subtraktion ökonomisch mit dem Rotstift, sprich im Sinn der Gewinnmaximierung angelegt. Die bis zu neun Co-Produzenten und sechs Autoren pro Song des Vorgängeralbums „=“ von 2021 wurden eingespart, das Ganze geht mit Aaron Dessner von der jetzt ehemals coolen US-Band The National als Hauptkollaborationspartner ja auch wesentlich billiger. Nur für die erste Vorab-Single „Eyes Closed“ als Pop-Ausreißer wurde auf die Hilfe der schwedischen Hitbomben Max Martin und Shellback gesetzt, die den Song gemeinsam mit ihrem britischen Kollegen Fred Again produzierten.

Das im Unterhaltungsgewerbe – nur mehr ist mehr – gefürchtete Minus beendet damit die Pentalogie der Grundrechnungsarten, die Ed Sheeran mit seinem Debütalbum „+“ im Jahr 2011 begonnen hat. Wobei sich der Titel auf den ursprünglichen Plan bezieht, ein akustisches Album einzuspielen. Zehn Jahre lang hat der Songwriter eigenen Aussagen zufolge daran gefeilt, bevor ihn einschneidende Erlebnisse wie eine (mittlerweile überstandene) Tumorerkrankung seiner Frau und der Tod seines Freundes Jamal Edwards vom eigentlichen Konzept abrücken ließen.

Englisches Sauwetter

Entsprechend bedrückt und betrübt klingen die vorwiegend an Klavier und Lagerfeuergitarre angerichteten und von Streichern mit Trauerflor durchzogenen Songs dann auch. Zum ersten Mal in seiner Karriere hätte er kein Album aufnehmen wollen, das den Leuten da draußen gefällt, sondern aufrichtig darstellen soll, an welchem Punkt in seinem Leben er sich gerade befindet. Zumindest der erste Teil davon dürfte Ed Sheeran jetzt aber gründlich misslingen. Selbstverständlich wird auch „-“ wieder ein Hit.

„I suppose I’ll sink like a stone / If you leave me now, oh, the storms will roll“: Es braucht übrigens keinen Dr. Freud, um der Tagebuchpoesie des Albums analytisch beizukommen. Überall lauert bei diesen Herzschmerzsongs, die im Fußballstadion unseres Misstrauens schon demnächst wieder für einen Sternenhimmel voller Smartphones sorgen werden, die Gefahr eines Untergangs – während über der Küste ein Wetter aufzieht, der Regen in Strömen vom Himmel fällt, Schiffe in Seenot geraten oder Ed Sheeran beim Spazierengehen einfach nur nasse Füße bekommt. Wobei zumindest ein Mitgrund dafür recht trivial sein könnte. Der Mann hat Teile seines auf 200 Millionen Pfund geschätzten Vermögens ausgerechnet in ein Riesenanwesen in Suffolk gepumpt. Man hört dieser tristen Musik sehr wahrscheinlich also immer auch das englische Sauwetter an.

Für den Abschluss mit dem folkloristischen „The Hills Of Aberfeldy“ befindet man sich dann glücklicherweise aber ohnehin bereits in den schottischen Highlands, wo das Wetter zwar auch nicht erfreulicher ist, es dafür aber den besseren Whisky gibt. Zu diesem lässt es sich bekanntlich sehr gut über das Leben schweigen. Oder wie es Ed Sheeran formuliert: „The waves won’t break my boat.“ Meine Herren!

(Wiener Zeitung, 6./7.5.2023)

Mittwoch, Mai 03, 2023

The National: Trennungen, Verbrennungen

Die US-Band stagniert mit ihrem neuen Album „First Two Pages Of Frankenstein“ auf hohem Niveau.

Die Ausgangslage dürfte nicht nur für Psychoanalytiker von Interesse sein. Auch als gewöhnlicher Hörer der US-Band The National kommt man mitunter auf seine Kosten, wenn Sänger und Frontmann Matt Berninger wieder einmal zerknirscht aus dem Innersten eines Break-ups berichtet und dabei Texte zum Besten gibt, die ausgerechnet mit seiner Ehefrau Carin Besser entstanden sind – mit der er diversen Interviews zufolge aber eh in einer gesunden Beziehung lebt.

„You should take it / ’Cause I’m not gonna take it / I don’t want it! / I don’t care!“: Auf „First Two Pages Of Frankenstein“ (4AD/Beggars Group), dem neuen und mittlerweile neunten Album des 1999 gegründeten All-Male-Quintetts, zu dem die Frau Gemahlin offiziell also gar nicht gehört, geht es diesbezüglich spätestens bei Song Nummer zwei in die Vollen. In „Eucalyptus“ wird man unter diversen popkulturellen Querbezügen Ohrenzeuge davon, wie ein frisch gebackenes Ex-Couple gerade seinen Hausrat aufteilt.

Melancholie und Wehmut

Leider erinnert man sich ja oft nicht mehr so genau, wer was wann genau aus welchem Grund und für wen gekauft hat – und vielleicht will man den einen oder anderen Gegenstand oder ein an sich gutes Stück aus der Plattensammlung auch einfach nur loswerden, um damit die Erinnerung auszulöschen. Weißt du noch, der Scheißurlaub damals in Kroatien mit dem Mopedunfall und der desolaten Unterkunft neben der Tierkörperverwertung, Schahatz?

Womöglich hängt das Herz außerdem nicht an jeder Topfpflanze von der Schwiegermutter oder den Häkeldeckchen aus dem Nachlass der Oma. Und da haben wir noch gar nicht über die Laura-Ashley-Bettwäschen und das wirklich elendig biedere Meissner Kaffeegedeck von deiner Tante Gitti gesprochen! Mein Gott. Im Grunde sollte man pro Beziehung wesentlich öfter Schluss machen, um Platz in der Wohnung zu schaffen. Außerdem kann man damit auch noch Menschen erfreuen, die sich das alte Zeug mit der DNA fremder Leute freiwillig vom Flohmarkt nach Hause holen – bis auch die sich wieder trennen und der ewige Kreislauf der „Second“-Hand-Wirtschaft von vorn beginnt.

Aber Vorsicht! Gerade wird Matt Berninger wieder weich. Er erinnert sich in einer für Männer immer gefährlichen Mischung aus Melancholie, Wehmut, fortgeschrittener Uhrzeit und zwei, drei Litern Rotwein direkt aus der Flasche an die zukünftige Ex oder Doch-nicht-Ex, wie sie in seinem New-Order-T-Shirt aus alten Tagen herumsteht, um mit einem Bier in der Hand und der Katze im Arm beinahe so etwas wie die Vorlage für einen möglichen Ölschinken zu liefern. Song Nummer sechs („Alien“) bietet dann einen ersten Lösungsansatz, der am Ende aber auch nur eine kurze Verschnaufpause bedeutet: „I’ll go outside, cry, and come right back in.“ Wer kennt das nicht.

Schwierige Bedingungen

Kurz gesagt, das Album löst alles ein, was seine Eröffnungszeile bereits nahelegt: „Don’t make this any harder.“ Geschenkt, dass es natürlich trotzdem noch härter und schwieriger wird. Neben Sufjan Stevens für den einen oder anderen Stoßseufzer zum Auftakt haben The National diesmal folgerichtig auch zwei weibliche Gaststimmen an Bord geholt, um die Beziehungstroubles in Szene zu setzen. Wobei die Band weder Phoebe Bridgers (in programmatischen Songs wie „Your Mind Is Not Your Friend“ und „This Isn’t Helping“) noch Taylor Swift (die in der Mann-Frau-Ballade „The Alcott“ zumindest in einen mittelintensiven Dialog mit Berninger tritt) auch nur eine einzige Strophe überlässt. Was wiederum gut zur Tatsache passt, dass diesmal auch ein ganzes Orchester für kaum mehr als ein paar äußerst dezente Beigaben aus dem Hintergrund bezahlt wurde.

Entstanden ist das Album übrigens unter schwierigen Bedingungen – und es ist nicht die Wiedergeburt, als die es die Band nach schweren Depressionen Berningers und einer daraus resultierenden Schreibblockade verkaufen will. Stattdessen erlebt man The National, wie sie künstlerisch auf hohem Niveau stagnieren und vertraute Kernelemente etwas weniger zwingend als früher neu ordnen.

Der tatsächlich zum Heulen schöne Eröffnungssong „Once Upon A Poolside“ als stilles Albumhighlight in gedämpfter Klavierumrahmung verspricht diesmal also zu viel, wenngleich nur ein bisschen. „What was the worried thing you said to me? I thought we could make it through anything . . .“ Ding-dong! Da läuten aber auch schon die Möbelpacker an der Tür.

(Wiener Zeitung, 4.5.2023)

Samstag, April 29, 2023

Im Schimpf-Kurs

Wohlbefinden muss nicht durch Achtsamkeit entstehen. Auch negative Gefühle können helfen. Kolumne im „extra“.

Guten Tag! Fällt es auch Ihnen zurzeit schwer, im nassgrauen „Frühlingswetter“ auf positive Gedanken zu kommen, den Ärger des Alltags zu vergessen und ihn durch etwas mehr Leichtigkeit zu ersetzen? Dann vergessen Sie bitte alles, was Ihnen einschlägige Ratgeber dazu empfehlen, und verfolgen Sie einmal einen anderen Ansatz. Hören Sie zum Beispiel ganz einfach auf mich.

Bewegung an der derzeit sowieso fehlenden Sonne steigert ohnehin nur das Hautkrebsrisiko, sich Zeit zu nehmen wird allgemein überschätzt – und was es verdammt noch einmal bedeuten soll, „auf sich zu hören“, das weiß der Teufel.

Da geht mir gleich wieder das Geimpfte auf, wenn jemand mit der inneren Mitte des Maharishi Mahesh Yogi und der Ausgeglichenheit eines Zen-Buddhisten nach 30 Jahren in seinem Scheißkloster mit einem Gfries daherkommt, dass ich mir schon aus zehn Metern Entfernung denke, das kann ja wohl auch nicht die Lösung sein. Es fehlt dann eigentlich nur noch, dass mir jemand mit Reizwörtern wie „Hildegard von Bingen“ oder „Ayurveda“ kommt, und schon greife ich innerlich wieder zum Baseballschläger.

Entdecken Sie die heilende Kraft der Negativität, ziehen Sie einmal so richtig vom Leder. Hören Sie menschenfeindliche Metalmusik und checken Sie in einem Rage Room ein. Hacken Sie dort in einer Art gleichzeitig ausgeführter Urschreitherapie alle für Sie gegen gutes Geld bereitgestellten Gegenstände kurz und klein – und zünden Sie die Reste im Anschluss an, bevor Sie sie aus dem Fenster schmeißen, damit der Bus drüberfährt. Finden Sie Ihr persönliches Druckablassventil. Öffnen Sie es. Schimpfen Sie wie ein Rohrspatz. Fluchen Sie, als hätten Sie die letzten zehn Jahr am – oder im – Bau verbracht.

Wie bitte, was? Ja, selbstverständlich habe ich meine Tabletten genommen. Und wenn Sie schon mir nicht glauben, dann hören Sie wenigstens auf Gerhard Polt. Der bayerische Kabarettgott und Darsteller diverser Rabiat-Grantler auf der Bühne spricht sich derzeit für Fluchen als Schulfach aus. Fluchen reinigt und heilt. Sie müssen jemandem dafür ja nicht gleich die Pest an den Hals wünschen oder ihn wie der Autor des Buches „Eine menschliche Sau“ einst in einer Programmnummer aus dem Milieu der höheren Töchtersöhne „ogsoachte Brunzkachel“ nennen.

Den Lehrplan, den Polt schuldig blieb, arbeite ich übrigens gerade im zweiten Bildungsweg aus. Kurse wie „Creative cursing – von wegen Sautrottel“, „Vom Breznsoiza zum Sacklpicker – Deutsch-österreichische Niedertracht einst und heute“, „Den Feind adressieren – Auffindung der Achillesferse“ und „Theoretischer Hass – praktische Trockenübung vor dem Spiegel am Beispiel Robert De Niros in ,Taxi Driver‘“ sind aber jedenfalls schon in Planung.

Ich freue mich, Sie ab Wintersemester in einem der folgenden Module auch persönlich begrüßen und beschimpfen zu dürfen! 

(Wiener Zeitung, 29./30.4.2023) 

Freitag, April 28, 2023

Cyborg-Punk und Schmerz-Messen

Ab heute, Freitag, findet in Krems an zwei Wochenenden wieder das Donaufestival statt.

Geht es nach dem Donaufestival, ist das Anthropozän schon wieder vorbei. Das Zeitalter, in dem die Menschheit den geophysikalischen Haupteinfluss auf den Heimatplaneten, unsere schützenswerte Mutter Erde, ausübt, sei demnach bereits durch das Alienozän abgelöst. Zumindest beruft sich Festival-Intendant Thomas Edlinger auf den französischen Philosophen Fréderic Neyrat, der diese These vertritt – und leitet für den aktuellen Jahrgang der Kremser Veranstaltungsreihe daraus das Motto „Beyond Human“ ab. Auch der Mensch als solcher ist angesichts des Fortschritts neuer künstlicher Intelligenzen vielleicht ja schon demnächst überholt und schwebt dann irgendwo nur mehr als Upload aus längst vergangenen Zeiten durch den Äther.

„Internet der Tiere“

Alienation, ins Deutsche als Entfremdung übersetzt, war im Pop von jeher ein möglicher Ausdruck. Spätestens im Post-Punk wurde er in den zu Ende gehenden 1970er Jahren aber zum bestimmenden Gefühl. Isolation wider eine kalte, zunehmend als Bedrohung wahrgenommene (Außen-)Welt stand auf dem Programm. Das Alienozän ist diverse Evolutionsschritte weiter. „Es widmet sich den Begegnungen des Humanen mit dem Inhumanen und sympathisiert mit Aliens aus dem All und Exilant*innen auf unserem Planeten.“ Das Donaufestival verweist diesbezüglich auch auf das „Internet der Tiere“ und in Zeiten der Klimakrise nicht zuletzt auf „denkende Wälder“. Flüsse, Seen und Pflanzen, endlich auch als juristische Personen verstanden.

Ob das Sympathisieren mit der Tech-Revolution hingegen gelingen kann, muss erst entschieden werden. Dass einem die Welt fremd und undurchschaubar erscheint, ist längst keine Frage des Alters mehr. Der Weg zum humanoiden Hybrid führt immer auch durch ein Tal der Tränen, das Uncanny Valley heißt.

Das Donaufestival widmet sich diesen Ideen heuer wieder an zwei langen Wochenenden mit je drei Veranstaltungstagen. Wie gewohnt stellt ein dichtes Programm zwischen Kunst, Talks und Film sowie vor allem Performance die Hauptspielwiese dafür bereit. Aber auch das musikalische Line-up spiegelt die inhaltliche Großwetterlage – oder liefert zumindest den Soundtrack dafür.

Elegie und Katharsis

Heute, Freitag, geht es mit Godflesh los. Die 1988 in Birmingham gegründete Band rückt mit ihrem Industrial Metal gegen das Publikum vor: „Don’t hold me back, this is my own hell!“ Big Brave aus Montreal (aktuelles Album: „Nature Morte“) arbeiten zwischen Elegie, Katharsis und tiefergestimmten Gitarren, die britische Produzentin Petronn Sphene wiederum entführt in die Parallelwelt des queeren Cyborg-Punks. Am Samstag (29.4.) holen Silvia Tarozzi und Deborah Walker alte italienische Arbeiterinnenlieder ins Heute, das heimische Multitalent Lukas König bringt sein kollaboratives neues Projekt 1 Above Minus Underground zur Uraufführung und der mittlerweile in Berlin ansässige US-Rapper und Produzent Zebra Katz schickt mächtige Beats durch die Boxen. Zu Ende geht das erste Wochenende am Sonntag (30.4.) mit James Holden und den spirituellen Tönen seines programmatischen Albums „Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities“, der aus Singapur stammenden „Glitch Princess“ Yeule und ihrem postmodernen (Hyper-)Pop sowie dem ehemaligen syrischen Hochzeitssänger und nunmehrigen Donaufestival-Stammgast Omar Souleyman.

Starke Nerven sind am Freitag (5.5.) für die Schmerz-Messe der dänischen Produzentin und Sängerin Puce Mary gefragt, bevor die Britin Nwando Ebizie mit dem lebendigen Afrofuturismus ihres Albums „The Swan“ wieder das Licht aufdreht und ihre Landsfrau Debby Friday sich in Erinnerung an alte Lagerhallenraves im Stroboskopgewitter entfesselt.

Durch Mark und Bein geht es am Samstag (6.5.) mit der japanischen Grenzlandsängerin Hiromi Moritani alias Phew und der samt Kirchenorgel auffahrenden Traumatherapie der US-Musikerin Kristin Hayter alias Lingua Ignota: Musik als Ringkampf mit Dämonen.

Ruhiger fällt dann das Finale am Sonntag (7.5.) im Klangraum Krems in der ehemaligen Minoritenkirche aus. Als Hauptattraktion kann man dort die pakistanischstämmige Musikerin Arooj Aftab erleben, die vor zwei Jahren mit ihrer Trauermeditation „Vulture Prince“ überwältigte und sich auch am Donaufestival im Trio mit Vijay Iyer (Klavier) und Shahzad Ismaily (Bass) zwischen Jazz und Sufi-Mystik bewegt.

(Wiener Zeitung, 28.4.2023) 

Mittwoch, April 26, 2023

PJ Harvey ist wieder da

Die britische Songwriterin meldet sich mit ihrer neuen Single „A Child’s Question, August“ zurück.

Die treuesten Jünger PJ Harveys kennen den Text des Refrains natürlich schon. „Help me dunnick, drush or dove / Love me tender, tender love . . . “ Es handelt sich dabei um Zeilen aus dem im Vorjahr veröffentlichten Versroman „Orlam“, den die Sängerin und Songwriterin im Dialekt ihrer südwestenglischen Heimat Dorset geschrieben hat.

Mit „A Child’s Question, August“ als erster Vorabsingle hat die 53-Jährige soeben ihr mittlerweile zehntes Studioalbum angekündigt. Das gemeinsam mit ihren alten Vertrauten Flood und John Parish produzierte und in den Battery Studios in London aufgenommene „I Inside The Old Year Dying“ wird am 7. Juli via Partisan Records erscheinen und handelt Harvey zufolge „von der Suche, der Intensität der ersten Liebe und der Suche nach Bedeutung“. Die zwölf neuen Songs seien von Traurigkeit und Verlust geprägt, dabei aber liebevoll.

Rückkehr zur Innenschau

Nach ihren politisch wachen und sozial feinfühligen Alben „Let England Shake“ (2011) und zuletzt „The Hope Six Demolition Project“ (2016), an deren Sound das stoisch schreitende, von PJ Harveys Diskantgesang geprägte „A Child’s Question, August“ nun zwar noch einmal anknüpft, markiert der Song inhaltlich aber eine Rückkehr zur Innenschau. „Starling swarms will soon be lorn / Rooks tell stories ’cross the corn“: Mit seinen Staren, Krähen und Schwalben gleich in der ersten Strophe wird dazu auf herbstlich gestimmtes Nature Writing gesetzt, das sich auf dem Albumcover mit einem Ast darstellt. Ein totes Stück Holz als schöne Leich für Mutter Erde.

Steve Gullick wiederum, PJ Harveys Fachkraft in Sachen Stand- und Bewegtbild, stellt das dazugehörige Musikvideo frei nach den Bambis – „Nur ein Bild von dir, aus schönen Tagen“ – mit vergilbten Vintage-Fotos vom Flohmarkt sanft wehmütig unter das Zeichen des Rückblicks. Alles hat ein Ende. Aber die Erinnerung bleibt.

(Wiener Zeitung, 26.4.2023)

 

Samstag, April 22, 2023

„In erster Linie macht es Freude“

Das Wiener Indie-Label Noise Appeal Records feiert seinen 20. Geburtstag an drei Tagen im Chelsea.

Für September zeichnet sich Großes ab. Dann wird sich die österreichische Sängerin und Songwriterin Marilies Jagsch unter dem Alias MAIIJA neu erfinden. Mit der streicherumrahmten Kapitalismuskritik von „I Am Consumed“ sorgte ihre erste Single erst dieser Tage für Gänsehaut.

Das dazugehörige Debütalbum „I Am“ wird bei Noise Appeal Records erscheinen. Das in Wien ansässige Label wurde vor 20 Jahren gegründet – und feiert seinen runden Geburtstag ab kommenden Dienstag (25. April) an drei Tagen im Wiener Chelsea.

Musikarbeit im Indie-Bereich ist Arbeit aus Überzeugung und Leidenschaft. Doch wie viel Leiden ist damit verbunden? Label-Gründer Dominik Uhl zur „Wiener Zeitung“: „Kaum Leiden, wirklich. Auch wenn es Zeitpunkte gab, an denen ich hinwerfen wollte und sich die Frage gestellt hat: Warum zur Hölle mache ich das? Aber immer, wenn so ein Moment kam, ist etwas passiert, das wieder Schwung in die Sache gebracht hat.“

Raum in der Nische

Uhl nennt erste Gespräche mit Didi Bruckmayr, der auf Noise Appeal mit seinen Projekten Fuckhead und Wipeout vertreten ist, und eine Singles-Box von Hans Platzgumers Band H.P. Zinker als Beispiele. Platzgumer, der auch die Alben seiner Band Convertible bei Noise Appeal veröffentlicht, sei überhaupt ein Antrieb gewesen. „Da headbange ich 1996 im Grazer Teatro zu H.P. Zinker, und dann trinke ich viele Jahre später Bier mit dem Mann!“

Uhl führte das Label ursprünglich mit seiner Lebensgefährtin, danach allein und kurz mit dem heutigen Schmauswaberl-Betreiber Peter Balon. Seit 2015 ist Michael Marlovics an Bord, der seit drei Jahren Uhls gleichwertiger Geschäftspartner in einer für das Label gegründeten Gesellschaft ist, zu der mittlerweile auch ein Verlag und eine Kreativagentur gehören. „Seit damals geht es erster Linie ,bergauf‘ und die finanzielle Belastung geht nicht mehr auf die privaten Reserven. Daher ist es auch ein anderes, befreiteres Arbeiten. In erster Linie macht es also Freude.“

Den großen Markt hat man in Österreich natürlich nicht, dafür Raum in der Nische. Was war der größte kommerzielle Erfolg von Noise Appeal bisher? Uhl: „,Fallow Fields Of Hope‘ von Once Tasted Life. Das ist wohl die VÖ mit den am meisten verkauften physischen Tonträgern. Das müssen so an die 1.300 gewesen sein. Danach folgen Heckspoiler und Die Buben Im Pelz. Letztere waren mit ihrem letzten Album ,Geisterbahn‘ auch kurz davor, in die Album-Charts zu rutschen. Das wäre ein Spaß gewesen!“

Was war der Antrieb im Jahr 2003, es überhaupt zu versuchen? Uhl: „Die Sozialisierung. Meine damalige Lebensgefährtin und ich haben ja so eine klassische Hardcore-Punk-DIY-Schule durchlaufen. Ich habe seit Mitte der 1990er Jahre Konzerte veranstaltet, Fanzines und Musik gemacht. Der Antrieb war aber nicht, die eigenen Sachen zu veröffentlichen, sondern befreundete Bands aus dem Hardcore-/Punk-Umfeld. Mit der Zeit ist dann der musikalische Horizont immer größer geworden.“

Vier Buchstaben: Rock

Das Line-up des Geburtstagsfests spiegelt diesen Umstand mit so unterschiedlichen Acts aus dem eigenen Label-Roster wie Convertible, MAIIJA, Dun Field Three, Lausch, Baits, Scarabeusdream u. v. m. Was ist der kleinste gemeinsame Nenner? „Wir verwenden oft den Begriff ,Rock‘. Nicht weil jetzt alle Acts Rock im klassischen Sinn machen, aber irgendwie ist das für alle der Ausgangspunkt. Inklusive der diversen Subgenres sind diese vier Buchstaben der Kern der Sache.“

Worauf muss man als Labelbetreiber im Jahr 2023 besonders achten? „Es ist wichtig, offen für Neues zu sein. Und man muss den Tonträger heute als das behandeln, was er ist, nämlich ein Luxusartikel. Er ist keine Massenware mehr – zurzeit. Das heißt, Ton- und Pressqualität müssen passen, die Artworks schön sein, die Druckumsetzung muss stimmen. Schallplatten kosten den Konsumentinnen und Konsumenten viel Geld. Da muss man auch etwas bieten.“

Jetzt wird aber erst einmal gefeiert. Welche Beziehung hat das Label zum Veranstaltungsort seiner Dreitagesparty, dem Wiener Chelsea am Lerchenfelder Gürtel? „Das Chelsea hat uns immer unterstützt, wie übrigens auch das Rhiz zu Herbie-Molin-Zeiten. Als es die Sitzplatzkonzerte während der Pandemie gab, wurden wir vom Chelsea angerufen und gefragt, ob wir nicht diesen und jenen Act von uns bei ihnen spielen lassen können. Diese Art Support ist nicht selbstverständlich – und hat die Verbindung noch intensiviert.

(Wiener Zeitung, 22./23.4.2023)

Donnerstag, April 20, 2023

Heimlich tanzen mit Everything But The Girl

Die britische Band feiert ihr Comeback. „Fuse“ ist das erste Album des Duos nach 24 Jahren Veröffentlichungspause.

„And I miss you / Like the deserts miss the rain“: Einen Song wie „Missing“ schreibt man mit hoher Wahrscheinlichkeit entweder nie – oder mit viel Glück genau ein einziges Mal im Leben. Für die britische Band Everything But The Girl war es im Jahr 1994 so weit. Zeitgleich markierte ihr bis heute größter Hit auch den Wendepunkt ihrer Karriere.

Das Duo um Sängerin und Songwriterin Tracey Thorn und den Songwriter, Musiker und Produzenten Ben Watt formierte sich bereits im Jahr 1982. Nach einem Cover von Cole Porters „Night And Day“ als erster Single, dem 1984 erschienenen Debütalbum „Eden“ und Nachfolgearbeiten wie dem orchestrierten „Baby, The Stars Shine Bright“ von 1986 und dem Achtungserfolg „Idlewild“ zwei Jahre später wurde die Band einem losen Genre zugeordnet, das man damals „Sophisti-Pop“ nannte. Wobei neben den Jazz-affinen Settings Watts vor allem Tracey Thorns Stimme das Alleinstellungsmerkmal und der Herzschlag der Band war. Eine große, melancholische Stimme, die ihre Stärke nicht aus dem Nachdruck, sondern aus dem Understatement bezog.

Rückzug ins Private

Im Umfeld von Sade, mit der sich EBTG den Produzenten ihrer jeweiligen Debütalben (und das Studio) teilten, richtete es sich das Duo bewusst in der Nische ein. „Missing“ brachte neben dem finanziellen Segen dann auch den Druck, die Komfortzone zu verlassen. Zwei Jahre, nachdem Ben Watt beinahe an den Folgen einer Autoimmunerkrankung gestorben wäre, ließ sich die Band zum Glück nicht verbiegen, beschritt auf dem Album „Amplified Heart“ künstlerisch aber neue Wege.

Angefeuert durch den Erfolg von „Missing“ in der Remix-Version des New Yorker DJs Todd Terry, arbeiteten Everything But The Girl 1996 auf ihrem Bestseller „Walking Wounded“ sowie auf dem vorerst finalen Album „Temperamental“ zwischen Downtempo, Drum & Bass, House und Trip-Hop, was Thorn auch eine Rolle als Gastsängerin von Massive Attack einbrachte. Der gemeinsam entstandene Song „Protection“ etwa hat bis heute nichts an seiner Wirkung verloren.

1999 war dann Schluss. Watt und Thorn entschieden sich gegen die Doppelrolle aus „Popstars“ und frisch gebackenen Eltern gemeinsamer Zwillingstöchter – und für den Rückzug ins Private. Nach einer Auszeit kehrte Ben Watt zunächst als DJ zurück und wurde Club- und Labelbetreiber, ehe er ab 2014 auf drei Soloalben mit David Gilmour, Bernard Butler oder Marissa Nadler kollaborierte. Tracey Thorn überzeugte ab 2007 auf vier eigenen Alben, betätigte sich als Kolumnistin und berichtete in mittlerweile vier autobiografisch gehaltenen Büchern unter anderem über ihre Erfahrungen als Frau in der vor allem in den 1990er Jahren noch schwer männlich dominierten Musikindustrie.

Trost und Rat und Mut

Nach der Geburt eines Sohnes, einer späten Hochzeit im 28. Jahr ihrer Beziehung und sehr viel Bedenkzeit über ein mögliches Comeback knüpfen Everything But The Girl mit den zehn Songs ihres elften Albums „Fuse“ (Virgin Music) jetzt nahtlos dort an, wo sie 1999 aufgehört haben: Bereits die Auftaktsingle „Nothing Left To Lose“ präsentierte die Band vorsichtig modernisiert im gewohnten Spannungsfeld aus Popsong und Dancetrack.

„Kiss me while the world decays / Kiss me while the music plays“: Ein Breakbeat aus dem Drumcomputer und ein Zitterbass der Marke Dubstep konnten die gedämpfte Stimmung dabei nicht verleugnen. Wobei Tracey Thorn den Erzählungen aus den Leben einer popbegeisterten Generation der heute 60-Jährigen inklusive alltäglichem Ärger zwischen Mikroaggressionen von außen und dem inneren Gefühl, nicht (mehr) zu genügen, nicht nur bei nachdenklich-klaviergetragenen Stücken wie „When You Mess Up“ auch jede Menge Trost und Rat und Mut entgegensetzt. Ein bisschen weniger Strenge mit sich selbst sei demnach angebracht – und die Einstellung, zu jeder Uhrzeit ganz im Moment zu sein: „Run a red light / Forget the morning / This is tonight.“

Manchmal, wie im Abschlusssong „Karaoke“, sorgen dabei kleine Alltagsfluchten für Boomer-Freuden, wobei dann auch das Autorinnen-Ich von Tracey Thorn zur Hochform aufläuft. Und auch in „No One Knows We’re Dancing“ wird, mit heute dunklerer und tieferer, aber noch immer gewinnender Stimme, eine Stehparty am Sonntagnachmittag daheim hinter halb geschlossenen Jalousien und unter Beigabe von reichlich Gin Tonic sehr überzeugend geschildert.

Weitgehend minimalistisch produziert, mit einmaligem Rückgriff auf Autotune sowie einer Art Trap-Beat im Song „Time And Time Again“ als Zugeständnisse an den Zeitgeist, ist „Fuse“ kein Album, das mit der Tür ins Haus fällt, seine Qualitäten dafür aber umso nachhaltiger offenbart. Everything But The Girl sind wieder da – schön, dass sie wieder da sind.

(Wiener Zeitung, 21.4.2023)

Freitag, April 14, 2023

Metallica: Nur schlechte Zeiten sind gute Zeiten

Die US-Band bietet auf ihrem neuen Album wieder viel Raum für negative Gefühle.

Das Cover zeigt es schon: Da hat jemand das Gitterbett durchbrochen und den Rock ’n’ Roll für sich entdeckt, um am Ende gleich das ganze Kinderzimmer in Schutt und Asche zu legen. Weniger als alles ist nichts. Nichts ist das Gegenteil von leiwand und die Entsprechung von oasch. Es sei denn, man reißt selbst alles ein und hinterlässt der Nachwelt nur eines, nämlich ein herrlich trauriges Stück verbrannter Erde.

Ma, he: Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo . . . ein neues Metallica-Album her. Die US-Band muss einen Song nicht „St. Rache“, pardon, sie muss einen Song natürlich nicht wie einst im Jahr 2003 „St. Anger“ nennen, um dieses spezielle Gefühl zu vermitteln, dass es jetzt gleich ein paar Watschen setzt. Dafür reicht es schon, wenn sich Sänger James Hetfield und Schlagzeuger Lars Ulrich wieder einmal die Klaus-Kinski-Gedenkmedaille für grimmiges Dreinschauen abholen, sobald irgendwo in ihrer Nähe eine Kamera auftaucht. Du Sau! Super Sache. Wenn man etwas braucht, das einem die Ohren durchputzt und dabei ein Druckablassventil für negative Gefühle bereitstellt, ist man bei Metallica seit mittlerweile 40 Jahren genau richtig.

Durch die Dunkelheit

Die Welt ist böse, die Menschen sind schlecht. Sie mögen sich jetzt bitte schleichen. Die Hölle, die immer die anderen sind, das ist man aber natürlich immer auch selbst. Man muss nur einmal durch die Dunkelheit und dann tief genug in sich hineinschauen. Dort lauert der Abgrund: „Screaming Suicide“, „Sleepwalk My Life Away“, „You Must Burn!“ oder „If Darkness Had A Son“, so haben Metallica einige der Songs ihres jetzt vorliegenden neuen Albums „72 Seasons“ (Blackened/Universal Music) genannt, um ein paar sehr negative Gefühle schon einmal auf dem Papier festzuhalten. Sind sie dort erst einmal gelandet, ist man sie zwar auch noch nicht los, man fühlt sich in seiner Misere aber zumindest ein bisschen weniger allein, weil jetzt auch die anderen darunter leiden.

Nur schlechte Zeiten sind gute Zeiten: Konsequenterweise hat die Band das Artwork von „72 Seasons“ schwarz-gelb gehalten. Die Farben der dreieckigen Schilder, die sonst vor Atommüll, Giftstoffen, Starkstrom oder Quetschgefahr – und jetzt eben vor Metallica – warnen, passen zu den zwölf in aufmerksamkeitsökonomisch waghalsigen 77 Minuten und zehn Sekunden gereichten Songs wie die Faust aufs Auge – oder wie Thors Hammer auf den Schädel: Immerhin biegt Lars Ulrich in „Lux Aeterna“ gerade mit einer Doublebassdrumattacke um die Ecke, die ganze Flaktürme versetzen könnte. Es ist ein wenig, wie man sich den Urknall vorstellt, an dessen Ende allerdings nicht die Erde, sondern ein überdimensionales Festivalareal mit angeschlossenem Bierzelt steht. Dort tauchen, sobald es finster wird, zu den Klängen von Ennio Morricones „The Ecstasy Of Gold“ Metallica auf und jagen die Triebkontrolle zum Teufel.

Mit James Hetfield auf die Couch

Wo aber das ewige Licht leuchtet, ist es bekanntlich besonders finster. Und wer schneller lebt, ist früher tot: Insofern wird die Formel „Full speed or nothing“ in „Lux Aeterna“, dem mit seinen 3 Minuten und 22 Sekunden mit Abstand kürzesten Song des Albums, in Richtung „Gas, Vollgas – Metallica“ gesteigert. Autobiografisch ging das schon ein paar Mal gerade noch gut. Immerhin wird auf „72 Seasons“ mit Stücken wie „Too Far Gone?“ oder „Shadows Follow“ auch James Hetfields letzte Entziehungskur verdaut.

Nach Thrash-Metal-Meisterwerken wie „Master Of Puppets“ (1986), dem Durchbruch in den Mainstream mit dem selbstbetitelten schwarzen Album von 1991, künstlerischen Selbstfindungsproblemen in der Phase um das erwähnte Album „St. Anger“ und Irrwegen wie der Wedekind-Adaption „Lulu“ gemeinsam mit Grantscherm Lou Reed (2011) zeigt sich die Band dabei endlich wieder in Form. Zwischen Stakkatoriff-Salven, auslandenden Schwurbelsolos, zahlreichen Selbstreferenzen und einer hübschen Annäherung an Black Sabbath im Falle der Machtdemonstration „You Must Burn!“ werden selbstverständlich keine Gefangenen gemacht.

„Would you criticize, scrutinize, analyze my pain? Would you summarize, patronize, classify insane?“: Bevor James Hetfield zum Abschluss mit „Inamorata“ seine Scheidung nach 25 Ehejahren aufarbeitet und sich dabei ausgerechnet Lenny Kravitz mit „Are You Gonna Go My Way“ aus dem Unterbewusstsein schält (das Gitarrenriff!), legt sich der 59-Jährige in „Room Of Mirrors“ zur Selbstbespiegelung dann auch noch auf die Psycho-Couch. „So I stand here before you / You might judge, you might just bury me / Or you might set me free . . .“

Die Diagnose von Dr. Freud steht fürs Erste noch aus, der Metallica-Fan hingegen hat sein Urteil bereits mit einem gutturalen Ausdruck der Freude gefällt: „Arrgh!“

(Wiener Zeitung, 14.4.2023)

Donnerstag, April 13, 2023

Feist: Unsere Sorgen möchte sie haben

Die kanadische Songwriterin meldet sich mit ihrem neuen Album „Multitudes“ zurück

Der auf dem Cover mit Leslie Feist in mehrfacher Spiegelung übersetzte Albumtitel „Multitudes“ erinnert gleich einmal an Bob Dylan. Der aber hat sich mit der fast auf den Tag vor drei Jahren veröffentlichten zweiten Single aus seinem bisher letzten Studioalbum „Rough And Rowdy Ways“ selbst auf Walt Whitman bezogen. Der große US-Dichter des 19. Jahrhunderts nahm eine zentrale Überlegung Leslie Feists in der Ich-bezogenen Selfiegegenwart des Jahres 2023 bereits 1855 vorweg. In seinem „Song Of Myself“ heißt es: „Do I contradict myself? Very well then I contradict myself, (I am large, I contain multitudes.)“

Wie es um die „Vielheiten“ Leslie Feists bestellt ist oder ob uns die kanadische Songwriterin und Sängerin mit dem Albumtitel nur auf eine falsche Fährte führt, wäre jetzt natürlich interessant. Jedenfalls legt sie auf ihrem ersten Album seit sechs Jahren im Song „In Lightning“ gleich einmal mit einem vertonten Plüschgewitter los, in dem sich nicht nur diverse Loops um wuchtig geklöppelte Drums und himmelwärts fahrende Stoßseufzer vereinen. Das Ganze klingt dann auch noch so elektronisch wie seit seinerzeit in den Nullerjahren nicht mehr – und eindeutig expressiver als so gut wie alles auf dem verhuschten Vorgänger „Pleasure“.

Ins Spekulieren

Leider muss man auf „Multitudes“ (Universal Music) dann, unterbrochen von einer kurzen Kontrolle der Armbanduhr und dem einen oder anderen Sekundenschlaf, sehr lange warten, bis es musikalisch ein zweites und letztes Mal ähnlich nachdrücklich wird. Mit „Borrow Trouble“ wird erst für Song Nummer neun die Stromgitarre aufgedreht, während die im Hintergrund sägenden Bratschen John Cales diesbezügliche Vorarbeit mit The Velvet Underground aus den 1960er Jahren spiegeln. Das ist hübsch, anders als im Original aber natürlich in keiner Sekunde gefährlich. Dazu philosophiert die heute 47-Jährige darüber, dass sich unsere Probleme meistens noch vor dem Aufstehen einstellen, weil man bereits in unruhigen Träumen ins Spekulieren gerät. Nur das aus einer alten Versicherungswerbung geborgte Angebot, uns unsere Sorgen auch gleich abzunehmen, ist dann doch etwas übertrieben. Leslie Feist kennt unsere Probleme ja gar nicht. Zu ihrem Glück.

Die ursprünglich in der Punkszene Calgarys sozialisierte und seit ihrem Umzug nach Toronto mit dem kanadischen Indie-Kollektiv Broken Social Scene verbandelte Musikerin wurde solo im Jahr 2004 mit ihrem zweiten Album „Let It Die“ bekannt. Darauf wie auch auf dem Nachfolger „The Reminder“ von 2007 war zwischen Folk-Traditionen, Jazz-Beigaben, Chanson-Nachwehen und der nötigen Dosis Soulfulness bei gleichzeitig in die Auslage gestellten Popsensibilitäten gefällig für den kleinsten gemeinsamen Nenner gesorgt. Zwischen iPod-Werbung, Krankenhausserien und Hipster-Cafés war die Musik von Leslie Feist plötzlich überall.

Asche zu Asche

Nach dem esoterisch angehauchten Selbstfindungsalbum „Metals“ (2011) und dem erwähnten „Pleasure“ folgte eine Phase des Rückzugs. Leslie Feist wurde Mutter einer Adoptivtochter und entkam dem harten kanadischen Winter mit einer Immobilieninvestition im sonnigen Los Angeles. Im Jahr 2021 schließlich hatte die Sängerin den Tod ihres Vaters zu beklagen, was uns dazu führt, dass der Kreislauf des Lebens unüberhörbar auch die zwölf neuen Songs bestimmt: „I’ve never begun a forever before“, heißt es etwa im introspektiven „Forever Before“, „Some people are gone and the people who stay / Will eventually go in a matter of days“ im verzagten „Become The Earth“. Asche zu Asche, Staub zu Staub.

Manchmal werden die im Kern von akustischen Zupfgitarren und zartem Hauchgesang getragenen Stücke mit wie Wolken aufziehenden Streichern zu Songgemälden erweitert, manchmal entführen schwebend-meditative Klangsphären ins Zwischenreich. In Fortsetzung des mit „Metals“ begonnenen Nature Writings ist bei Songs wie „The Redwing“ aber auch für akustische Vogelbeobachtung gesorgt, während sich Feist bei Stücken wie „Love Who We Are Meant To“ ein Orchester für kaum mehr als den Schlussakkord leistet.

Dass zahlreiche Lieder bis hin zu „Song For Sad Friends“ als finalem Trostspender so reduziert ausfallen, hat natürlich auch einen Grund. Nicht wenige davon dürften ihre Wurzeln als Eigengebrauchs-Lullabies haben. „Everybody’s got their shit / But who’s got the guts to sit with it?“ Ob man danach aber gut schlafen kann? Zumindest als Erwachsener kommt man dabei ja erst recht wieder ins Grübeln.

(Wiener Zeitung, 14.4.2023)

Donnerstag, April 06, 2023

Ein Girl Crush als Musik

Die US-Supergroup Boygenius wird aktuell für ihr Debütalbum „The Record“ gefeiert.

Der Bandname ist natürlich ein Scherz. Selbstverständlich steckt hinter Boygenius weder ein „Bub“ noch ein Mann. Stattdessen setzt sich die Supergroup aus drei jungen Frauen zusammen, die entweder lesbisch, bi- oder pansexuell sind, die LGBTQIA+-Community von innen heraus unterstützen und den Mythos des sich kreativ abmühenden männlichen Großkünstlers in Angriff nehmen – um ihn durch ein Joint Venture im Zeichen weiblicher Kollaboration und Gemeinschaftlichkeit abzulösen.

Phoebe Bridgers, Julien Baker und Lucy Dacus fanden ab 2016 persönlich und zwei Jahre später auch kreativ und offiziell zueinander. Obwohl jede der zwischen 1994 und 1995 geborenen Sängerinnen und Songwriterinnen für sich bereits damals auf eine erfolgreiche Karriere im US-Indierock verweisen konnte, erwies sich die Chemie untereinander als zu gut, um sie nicht auch auf ein gemeinsames Musikprojekt zu übertragen. Es folgten eine erste, selbstbetitelte EP, eine Tour, diverse Soloalben – und Corona. Jetzt sind Boygenius wieder da und werden nicht nur von der US-Kritik als Band der Stunde gefeiert, die mit drei kreativ gleichberechtigten Role Models nicht zuletzt einee Zeitenwende symbolisieren soll: Die Schwanzfestspiele von seinerzeit sind jetzt Geschichte. Rock ’n’ Roll kann, soll, muss heute weiblich sein.

Ein Reenactment als Ansage

Nicht von ungefähr stellten Boygenius für die Titelseite des „Rolling Stone“ zur Vorabpromo ihres nun vorliegenden Debütalbums „The Record“ (Interscope/Universal Music) das ikonische Coverfoto Nirvanas aus dem Jahr 1994 nach: ein Reenactment als Ansage mit Anzug und Krawatte. Ein bisschen Angst darf man also bekommen, wenn man sich unter den zwölf in 42 Minuten gereichten Songs jenem nähert, der ausgerechnet den Titel „Leonard Cohen“ trägt. Glücklicherweise begehen Boygenius dabei aber kein Sakrileg und würdigen den Meister mit einem schelmischen Augenzwinkern, das ihm selbst gut gefallen hätte.

Nur zwei Wochen, nachdem sich auch Lana Del Rey auf ihrem aktuellen Album „Did You Know That There’s A Tunnel Under Ocean Blvd“ an der gleichen ikonischen Songzeile aus dem Song „Anthem“ von 1992 bedient hat, heißt es bei Boygenius ein bisschen frech, aber sehr treffend: „There’s a crack in everything, that’s how the light gets in / And I am not an old man having an existential crisis / At a Buddhist monastery writing horny poetry / But I agree.“ Es war nicht alles schlecht an alten weißen Männern: Immerhin wirft sich die Band bei „Cool About It“ auch vor Simon & Garfunkel in den Staub, wobei Paul Simon in den Albumcredits explizit auch als Inspiration ins Feld geführt wird. Für Indie-Gossip wiederum sorgt die Frage, wer mit dem zum Abschluss gereichten „Letter To An Old Poet“ und seinen Szenen einer toxischen Beziehung gemeint sein könnte. Ein Tipp wäre Ryan Adams, dem Phoebe Bridgers nach der Trennung in der „New York Times“ – wie sechs weitere Frauen auch – „emotionalen Missbrauch“ vorwarf.

Fest in Frauenhand

Am anderen Ende der Fahnenstange geht es zum Auftakt mit dem folklastigen A-cappella-Gesang von „Without You Without Them“ um Empathie und die Notwendigkeit, einander zuzuhören. Songs wie „True Blue“ (nicht der von Madonna!) oder das im Tonfall andächtige, mit akustischer Gitarre, zart aufgetragenen Klavierakkorden und herbstlich gestimmten Streichern arrangierte „We’re In Love“ beschwören die Freundschaft von Bridgers, Baker und Dacus zueinander – und kommen als Musik gewordener Girl Crush mit zart-zärtelndem Grundton daher.

Zwischen klassischem, an diversen Vorbildern aus den 1990er Jahren geschultem Indierock („$20“, „Satanist“), den erwähnten Folk-Anklängen und nicht zuletzt dem einnehmenden Harmoniegesang zu flächig-verträumten Stücken wie etwa „Emily I’m Sorry“ hört man schließlich bei „Not Strong Enough“ so etwas wie die Schlüsselzeile des Albums: „Always an angel / Never a God“ beschwört die im Popgeschäft lange gängige Geschlechterzuschreibung als Mantra.

Bleibt noch zu erwähnen, dass „The Record“ bis hin zur Musikvideoregie durch die Schauspielerin Kristen Stewart und Catherine Marks an den Studioreglern in allen Bereichen fest in Frauenhand ist. Hat sich an der Bühnenfront auch mittlerweile manches geändert, muss man nach weiblichen Fachkräften in Sachen Produktion und Tontechnik im klassischen Band-Setting nach wie vor mit der Lupe suchen.

(Wiener Zeitung, 7.4.2023)

Montag, April 03, 2023

Es ist der Sänger, nicht der Song

Marc Almond begeisterte zum Abschluss seiner Europatour live im Wiener Volkstheater.

Bis zu den Standing Ovations dauert es noch ein wenig, als es das Publikum gleich zu Konzertbeginn für einen Moment aus den Sesseln hebt. Schuld daran ist allerdings nicht, dass Marc Almond für den Abschluss einer kleinen Europatour am Sonntagabend im Wiener Volkstheater die Setlist noch einmal umgebaut hat und mit „The Stars We Are“ aus dem gleichnamigen Album von 1989 gleich einmal mit einem Hit loslegt.

Tatsächlich wird man schon bei den ersten Akkorden daran erinnert, dass man noch kurz davor in der Garderobe nur müde über die dort aufgelegten Gratis-Ohrstöpsel gelächelt hat. Donnerwetter! Jetzt aber gibt die von einem Gesangsduo unterstützte vierköpfige Band eine Lautstärke vor, die den handelsüblichen Pegel eines Sitzkonzertes in gediegenem Rahmen dann doch um ein paar Dezibel übersteigt.

Drama, Baby, Drama!

Marc Almond selbst erscheint mit Lesebrille und Schal, um einen seiner später noch selbstironisch vorgestellten „Magical Dances“ durchzuführen und mit ausladenden Armbewegungen an die alte Schule aus dem Milieu der großen Pop-Tragöden, Schlagerstars und Bühnendiven zu erinnern. Selbstverständlich hat man es diesbezüglich aber nur mit einer kleinen Aufwärmrunde zu tun. Die wegweisenden, Demut vortäuschenden, aber in Wirklichkeit „Ja, ich weiß“ in die Welt schreienden Gesten am Ende mit dem 65-Jährigen und einem wirklich sehr großen Strauß roter Rosen führen uns nostalgisch zurück in ein Zeitalter, in dem auf den Bühnen der Welt noch Pathos angesagt war. Drama, Baby, Drama! Marc Almond kennt sich da aus.

Der gebürtige Brite wurde als Sänger des ursprünglich kurzlebigen, aber nachhaltig Einfluss ausübenden und seit dem Vorjahr mit dem im Grundton depressiv gestimmten, dabei aber beglückenden Comeback-Album „Happiness Not Included“ erneut wiedervereinten Synthie-Pop-Duos Soft Cell weltberühmt, dessen größten Hit „Tainted Love“ man im Zugabenblock noch nahe am Original hören wird. Zwar hätte sich Almond bereits mit dieser im Jahr 1981 veröffentlichten Coverversion eines obskuren Northern-Soul-Songs und dem dazugehörigen, konzeptuell im ranzigen Grenzland zwischen Darkroom und Pornokino angesiedelten Album „Non-Stop Erotic Cabaret“ in die Pop-Geschichte eingeschrieben.

Neben dem ersten Soft-Cell-Ableger Marc And The Mambas, dessen Song „Black Heart“ aus dem von Almond einmal als „auf Vinyl gepresster Selbstmordversuch“ bezeichneten Album „Torment And Toreros“ von 1983 im Volkstheater zu einem ersten Konzerthöhepunkt wird, hat sich der Mann aber auch in eine rastlose Solokarriere gestürzt, in der zwischen Jacques-Brel-Interpretationen, russischer Folklore, vertonter Lyrik, blutenden Torch-Songs mit 60er-Jahre-Hintergrund und jeder Menge Orchester- und Dance-Pop jederzeit alles möglich war. Es ist der Sänger, nicht der Song: Dabei wie vor allem auch live erweist sich, dass Marc Almond als Meister zwischen den Stilen ohnehin längst sein eigenes Genre ist.

Zur Kenntlichkeit entstellt

Als „Greatest Hits“-Konzert angekündigt, bleiben mit Almonds ikonischer Neuinterpretation von Gene Pitneys „Something’s Gotten Hold Of My Heart“, altem Edel-Pop im Zeichen gebrochener Herzen wie „Tears Run Rings“ oder „A Lover Spurned“ (Tour-Premiere!) sowie natürlich „Bedsitter“, Soft Cells Studie über die innere Leere nach exzessiven Nächten in Clubs, die damals noch Discos hießen, zwar keine Wünsche offen. Davor, dazwischen und danach steht mit Balladen wie „Hollywood Forever“ aus dem bisher letzten regulären Soloalbum „Chaos And A Dancing Star“ von 2020, dem Durchhaltesong „Golden Light“ von dessen Appendix „Things We Lost“ aus dem Vorjahr sowie dem mit Kontrabass gegebenen Beserljazz des Rod-McKuen-Covers „Trashy“ aber auch Unbekannteres und Rezenteres auf dem Programm.

Ergreifend nicht zuletzt, wie Marc Almond zwischendurch den Barsänger kurz vor der Sperrstunde gibt und dabei ausgerechnet den bei einem Gipfeltreffen Soft Cells mit den Pet Shop Boys eingespielten Dancefloor-Banger „Purple Zone“ solo mit Klavierbegleitung zur Kenntlichkeit entstellt: „Let’s get out of this life / I’m afraid and alone / Paralyzed in the purple zone.“

Augen können trocken bleiben – sie müssen es aber nicht. „Say Hello, Wave Goodbye“, ein letztes Bad in der Menge, dann der Auszug als Entertainer zwischen Luftbussi und Rosenregen: ein Mann, ein Abend – ein Triumph. 

(Wiener Zeitung, 4.4.2023)

Samstag, April 01, 2023

Meditationen im Schmerz

Der 73-jährige US-Künstler und Musiker Lonnie Holley und sein bewegendes neues Album „Oh Me Oh My“.

Für ein beklemmendes Stück wie „Mount Meigs“ müssen alle Beteiligten sehr stark sein. Zu einem dräuenden Crescendo mit wuchtigem Schlagzeug, unwirtlichen Gitarren, etwas, das sich anhört wie ein permanentes Eindreschen auf einen Boxsack sowie Streichern mit Trauerflor erzählt Lonnie Holley darin über seine Zeit in der berüchtigten Alabama Industrial School For Negro Children. In der sogenannten „Besserungsanstalt“ für afroamerikanische Kinder und Jugendliche aus mittellosen Familien wurden früher reihenweise Seelen gebrochen.

Lonnie Holley berichtet über physischen wie psychischen Missbrauch, sexuelle Gewalt – und darüber, wie es sich als Straßenkind anfühlt, auch noch seine Würde zu verlieren. „Thinking that I was the most stupidest child that walked the earth (. . .) / They beat the curiosity out of me / They whooped it / They knocked it / They banged it / Slammed it / Damned it!“ Dazu dann wieder der „Boxsack“: Musik als Grenzerfahrung.

Ein Spätberufener

Lonnie Holley wurde am 10. Februar 1950 als siebentes von 27 Kindern in Birmingham, Alabama, im Südosten der USA geboren, als Vierjähriger von seiner Mutter für eine Flasche Whiskey verkauft und im Anschluss von Pflegefamilie zu Pflegefamilie und von Heim zu Heim weitergereicht. Neben seiner Zeit in Mount Meigs sind Jobs als Totengräber und Baumwollpflücker dokumentiert.

Zur bildenden Kunst kam Holley, als er 1979 Grabsteine für die bei einem Hausbrand ums Leben gekommenen Kinder seiner Schwester gestalten musste. Neben seinen Skulpturen aus Alltagsgegenständen und Müll fand er in den 1980er Jahren auch zur Malerei. Sein als Hauptwirkungsstätte genützter und der Öffentlichkeit zugänglicher Garten mit Tausenden Arbeiten wiederum fiel im Jahr 1997 dem Ausbau des Birmingham International Airport zum Opfer – nach einem Rechtsstreit zumindest gegen finanzielle Entschädigung. Auf europäischem Boden sind Lonnie Holleys Werke im Rahmen der Ausstellung „Souls Grown Deep Like The Rivers“ derzeit übrigens in der Royal Academy in London zu sehen.

Den Weg zur Musik fand Holley als Spätberufener erst im Jahr 2012. Sein in geringer Auflage veröffentlichtes Debütalbum „Just Before Music“ und der Nachfolger „Keeping A Record Of It“ im Folgejahr ließen das renommierte Independent-Label Jagjaguwar auf ihn aufmerksam werden. Mit diesem als neuem Partner gelang 2018 mit den zehn zwischen Spoken Word und Jazz mäandernden Stücken des Albums „MITH“ eine Art kleiner Durchbruch. Stücke wie „I’m A Suspect“, „I Snuck Off The Slave Ship“ und vor allem die nachdrückliche Free-Jazz-Litanei „I Woke Up In A Fucked-Up America“ spiegelten Holleys autobiografische Erfahrungen von seinerzeit vor dem Hintergrund des wiedererstarkten Rassismus in seiner Heimat – und darüber hinaus.

Nach der 2021 erschienenen Gemeinschaftsarbeit „Broken Mirror: A Selfie Reflection“ mit Matthew E. White hat der große Individualist nun Anfang März sein jüngstes Meisterwerk vorgelegt. Für „Oh Me Oh My“ erhielt der mittlerweile 73-Jährige mit der markanten Zitterstimme weitere prominente Unterstützung. Neben dem ansonsten mit Namen wie Taylor Swift, Snow Patrol oder Robbie Williams verbundenen Produzenten Jacknife Lee sind Gastimmen wie Michael Stipe (das Titelstück), Indie-Chorknabe Justin Vernon alias Bon Iver (für das tröstliche „Kindness Will Follow Your Tears“) oder Soundpoetin Moor Mother (im mit perkussivem Groove Naturnähe und Ahnengedenken vereinenden „Earth Will Be There“) zu erwähnen.

Friedliche Note

Gemeinsam mit diesen oder als Solist zwischen Erzählvortrag und hängeringendem Gesang wechseln Ambient-Meditationen im Schmerz mit autobiografischen Klageliedern und Song gewordenen Skulpturen, die auch Installationen sein könnten. Anders als man es aufgrund diverser von Lonnie Holley bereits in der Kindheit angesammelten Traumata und bei Stücken über Gewalt an entrechteten Erntehelfern („Better Get That Crop In Soon“) vermuten könnte, wird das Album aber zu keinem Zeugnis von Resignation oder Bitterkeit. Lebensweise und zutiefst empathisch in seinen Texten, verströmen Höhepunkte wie „If We Get Lost They Will Find Us“ gemeinsam mit der malischen Sängerin Rokia Koné stattdessen eine friedliche Note. Liebe wird aus Mut gemacht.

Zutiefst bewegt ist man aber auch nach Lonnie Holleys Brandrede für Gemeinschaftlichkeit im sphärischen „I Can’t Hush“ und nicht zuletzt nach dem bezeichnenden „None Of Us Have But A Little While“, bei dem die US-Songwriterin Sharon Van Etten als ätherische Engelsstimme aus dem Hintergrund ins Zwischenreich lockt. Den Trost, den Lonnie Holley dabei in der Endlichkeit findet und ohne Umwege auf die Hörerschaft überträgt, lässt einen tatsächlich sprachlos und überwältigt zurück. Gänsehaut pur.

(Wiener Zeitung, 1./2.4.2023)

Dienstag, März 28, 2023

Träume für den Moment, Abschiede für immer

Zum Tod von Georg „Mandy“ Oswald, der mit den Bambis ein Kapitel österreichische Schlager- und Popgeschichte geschrieben hat.

„Arrivederci war dein letztes Wort / Arrivederci und dann gingst du fort / Wann kommst du wieder, hab ich dich gefragt / Und deine Träne hat mir alles gesagt.“ Wo Schlager zur Kunst wird, basiert er immer auf zwei großen Ws: Neben der Wehmut, die emotionalen Tiefgang abseits der reinen Unterhaltung garantiert und Gefühle wie Verlustschmerz und Ängste in ein Umfeld setzt, in dem sonst verlässlich die Sonne scheint, müssen große Lieder des Genres Wahrhaftigkeit nicht nur vorspielen, sondern sie auch mit jedem Ton leben.

Steinerweichend

Nach Wahrhaftigkeit im Schlager muss man im Jahr 2023 mit der Lupe suchen, „Melancholie“ von den Bambis hingegen war so ein Lied, das sie vorlebte und mit sehr viel Wehmut verband: ein Lied der Sehnsucht, ein Lied voller Abschiedsschmerz vor allem, verkörpert durch den steinerweichenden wie steinerweichend zärtlichen Leidensgesang von Georg „Mandy“ Oswald, dargebracht mit zitternder Tremologitarre, angekränkeltem Basslauf und unterschwellig schmirgelnder Orgel.

1965 veröffentlicht, war „Melancholie“ inhaltlich im September angesetzt und somit herbstlich-depressiv an das Ende von etwas gelegt, das Mandy mit seinen Bambis auch in weiteren Stücken wie der Udo-Jürgens-Komposition „Sommertraum“ und „Es war nur eine Liebelei“ besang – um es mit seinem in die Länge gezogenen „Arrivederci“ zur Zeit des sich Bahn brechenden Massentourismus mit der kollektiven Sehnsucht nach dem (italienischen) Süden noch weiter aufzuladen. Träume sind Träume nur für den Moment, Abschiede hingegen sind Enden für immer: „Es war ein Sommertraum, wieder ein Sommertraum / Der mir die Blume gab / Die er mir wieder nahm . . .“

Historisch kamen die Bambis nach Ursprüngen als Tanzband mit (eingedeutschen) Coverversionen und Quartier in der „Tenne“ im ersten Wiener Gemeindebezirk zur rechten und falschen Zeit auf einmal: Schlager und Pop waren dabei, sich auszudifferenzieren und Antipoden zu werden, die Bambis aber lieferten großen Pop noch mit den Mitteln des Schlagers. An der 1958 gegründeten und von Conny Fuchsberger, Hannes Schlader und Peter Holzer komplettierten Band mussten die Beatles erst einmal vorbei, wenn sie mit den Singles aus ihren Alben „Help!“ und „Rubber Soul“ in die heimischen Charts einsteigen wollten. Bogen John Lennon, Paul McCartney und George Harrison mit „He’s a real nowhere man / Sitting in his nowhere land“ recht rätselhaft um die Ecke, war da bereits Mandy, der mit zum Heulen schönen Songs nahe am Publikum dafür sorgte, dass kein Auge trocken blieb: „Nur ein Bild von Dir, aus schönen Tagen / Zeigt mir heute noch, was einmal war / Doch das Bild von Dir, kann mir nicht sagen / Wie das Glück zerrann, das so schön begann.“

Für alle Zeiten

Bereits 1967 aus persönlichen Gründen aufgelöst, feierten die Bambis 1984 in der Wiener Stadthalle sowie 1986 und für einen letzten gemeinsamen Auftritt 1990 auf dem Wiener Donauinselfest lose Comebacks. Mandy blieb der Szene als gerne gesehener Gast auf diversen Schlagerfesten erhalten, begab sich im Jahr 1995 aber auch auf ungewohntes Terrain: Auf dem Album „In einem Haus das Liebe heißt“ der österreichischen Band Der Scheitel (Fritz Ostermayer, Christian Schachinger, Harald Waiglein . . .) hört man ihn als Gastsänger einer großen Coverversion von David Bowies Song „Heroes“ („Helden“) zu heulenden Pedal-Steel-Gitarren für immer und alle Zeiten.

Erst im Vorjahr hat Georg „Mandy“ Oswald seinen Bühnenabschied verkündet, jetzt ist er im 88. Lebensjahr in Wien verstorben.

(Wiener Zeitung, 29.3.2023)