Sonntag, April 15, 2007

Mit den Strizzis ist es ein rechter Krampf

Metropol: Niki List bringt seinen Film "Müllers Büro" auf die Bühne

Der stadtbekannte Schwerenöter Max Müller (Simon Hatzl) hat ein Problem: Als unterbeschäftigter Detektiv ist er zu dem gezwungen, was man heute gern eine prekäre Arbeit nennt. Kein Geld in der Tasche, kein Essen im Magen. Und dann noch das schwere Gemüt, wo man doch eigentlich ein harter Bursche ist. Früh morgens muss ein Whiskey her . . .

Im Vorzimmer sitzt mit Fräulein Schick (Stella Fürst) eine Wiener Version der Miss Moneypenny – scharf auf den Chef, der es dann doch lieber mit den wahren Schnitten treibt. Und so ist Fräulein Schick dann halt eine für Müllers besten Freund und Assistenten, den tollpatschigen Larry (Hubert Wolf). Als mit einer reichen Blondine (Elke Jochmann als Bettina Kant) schließlich der lang ersehnte Auftrag ins Büro tanzt, kann die Reise beginnen – nach unten, wo die Strizzis sind.

Der Rest ist aus Niki Lists in den 80er Jahren zum Erfolgsfilm gewordener Gangster-Persiflage hinlänglich bekannt. Das investigative Duo hurt sich durch Wien.

Erotik gesucht

Frei nach dem Motto "Irgendwas geht immer" soll versucht werden, dem von verfeindeten Gangsterbanden zu einem lebensgefährlichen Unterfangen umgemodelten Arbeitsalltag ein wenig Spaß abzuverlangen. Wenn’s halt so schön ist, bei den Huren!

Was im Film damals bisweilen prächtig funktionierte, verkommt heute im Metropol als Schmusical zu einem Trauerspiel aus Klamauk und Schabernack. Die seinerzeit tatsächlich gewagten Elemente ("Noch einen Joe, sonst sterbe ich!") münden in unsagbare Belanglosigkeiten, wie sie nur ein Musical herzustellen weiß.
Die bei aller im Film gelebter Spaßigkeit stets präsente Erotik – erinnere sich bitte einer an Maxi Sukopp! – kann man hier zwar suchen, nur finden wird man sie nicht. Und der einst als Stilmittel eingesetzten Überzeichnung wird noch eines drauf gesetzt: Endstation Laienbühne.

Erfolge aus der Vergangenheit bloß aufzuwärmen, kann kein Ausweg sein. Bis auf eine auch heute noch hin und wieder aktuelle Anspielung auf den Polizeiapparat bleiben wir im Gestern. Müller verabschiedet sich mit einem letzten Furz: Ein treffendes Sinnbild. Holladaro!

(Wiener Zeitung, 14.4.2007)

Dienstag, April 10, 2007

Ohne Schutz in den Wahnsinn

Das Donaufestival in Krems bietet der Subkultur auch mit der heurigen Ausgabe wieder eine breite Spielwiese.

Wien/Krems. Das Motto "ungeschützte Spiele" scheint tatsächlich gut gewählt. Mit seiner Fokussierung auf Performancekunst und im Underground verhaftete "Popmusik", die nicht nur das Herz, sondern vor allem auch den Kopf anspricht, liefert das Donaufestival sein Publikum nämlich bisweilen direkt an den Wahnsinn aus.

Kunst heißt in ihren Randbereichen schließlich, dass Kompromisse kategorisch ausgeschlossen werden müssen. Selten wird dies offenbarer als im Œuvre des heuer als große Überraschung nach Krems geholten britischen Quartetts Throbbing Gristle.

Dieses durfte nicht nur während seiner Bestandsjahre zwischen 1975 und 1981 als Avantgarde bezeichnet werden. Wie das Wiederhören ihrer Alben zeigt, haben die drastischen Klangbilder der eher als Künstlerkollektiv denn als "Band" einzustufenden Formation auch bis heute nichts an ihrer Wirkung verloren.

In Sprache gegossenes Grauen

Gekennzeichnet von einem Streben nach Dekonstruktion – auch im Sinne einer Lösung von als einengend empfundenen Strukturen – entstanden dabei über weite Strecken sowohl auf Melodien wie auch auf feste Rhythmen verzichtende Collagen auf Basis teutonischer Störgeräusche, über die Sänger Genesis-P-Orridge das in Wort gegossene Grauen stülpte. Man höre als Beispiel "Slug Bait" vom 1977 erschienenen Debütalbum "The Second Annual Report", das die brutale "Schlachtung" einer schwangeren Frau und deren Ehemanns thematisiert. Großes Unbehagen!

Neben dem verstörenden Konglomerat aus Musik und Text trugen aber vor allem die Performances, in denen Throbbing Gristle sowohl mit pornographischen Elementen als auch mit Bildmaterial aus der Zeit des Nationalsozialismus bewusst provozierten, dazu bei, dass das Kollektiv in Großbritannien zum öffentlichen Ärgernis wurde. Der Titel "Zerstörer der Gesellschaft", den ihm ein britischer Abgeordneter angedeihen ließ, wird von Fans auch heute noch verwendet.

Nach der in verschiedene Soloprojekte mündenden Trennung werden Throbbing Gristle am Donaufestival nun ihre erste Arbeit seit gut 25 Jahren präsentieren: Das Anfang April veröffentlichte "Part TwoThe Endless Not" transformiert die Avantgarde von Gestern ins Zeitalter der Laptop-Elektronik – mit teils beeindruckenden Ergebnissen.

Post-Punk-Legenden und junger Romantiker

Einen weiteren musikalischen Schwerpunkt bildet das Projekt des von Bands wie Current 93 oder auch dem Throbbing-Gristle-Ausläufer Psychic TV her bekannten David Tibet, im Rahmen dessen auch Bonnie Prince Billy auftreten wird. Der auch als Will Oldham veröffentlichende US-Amerikaner, der sich behutsam zwischen Country, Folk und seiner eigenen Vorstellung all dessen bewegt, galt nicht umsonst auch Johnny Cash als Muse ("I See A Darkness").

Auch dem Auftritt der Post-Punk-Legenden Gang Of Four darf eingedenk deren zackig-treibender Übersongs wie "Damaged Goods" bereits jetzt entgegen gefiebert werden. Und einen großen jungen Romantiker bringt das Festival mit Patrick Wolf, der mitunter kammermusikalische Arrangements mit schwerer Elektronik konfrontiert: Tolle Musik! Das alles und viel mehr – demnächst in Krems.

(Wiener Zeitung, 10.4.2007)

Dienstag, April 03, 2007

Wenn Misanthropen tanzen

- Die Scissor Sisters spielen am Samstag im Wiener Gasometer

Wien.
Wer die Hotspots der sogenannten Queer-Community oder zumindest die Wiener Regenbogen-Parade und den Life Ball auch von innen kennt, sollte sich bereits drei Dinge für sein Leben mitgenommen haben. Erstens: Nicht alles, was in einem Kleid steckt und große Brüste hat, muss eine Frau sein. Zweitens: Aber was soll's? Und drittens: Notizen machen! Immerhin kann in einer solchen Nacht erlernt werden, wie man sich mit viel Stil und wenig Anstand einmal ordentlich die Gurke gibt.

Neben dem derzeit hochgejubelten libanesischen Sänger Mika und dessen Wohlfühl-Pop liefern die in New York gegründeten Scissor Sisters den ebenso schillernden wie lebensbejahenden Soundtrack für ein solches Unterfangen. Das aus vier Männern und einer Frau bestehende "queere" Quintett schöpft seine Inspiration aus den Werken von Elton John, ABBA oder den Bee Gees – was zunächst durchaus berechtigte Skepsis aufziehen lassen darf.

Zumindest in Form der bisher ausgekoppelten Singles sowie einer Handvoll weiterer Songs der beiden Alben entsteht aber mit viel Glam und dem unwiderstehlichen Funk eines George Michael aufgeladene Musik, die selbst einem fußmaroden Misanthropen Leben in die Beine zaubern sollte. Probleme gibt es ohnehin. Sie sollen im nächsten Leben gewälzt werden – frühestens!

Ihren Referenzkosmos untermauert die Band, indem sie Motive altbekannter Hadern leicht abgewandelt einbaut: Man vergleiche das Intro zu "I Don’t Feel Like Dancin’" mit ABBAs "Mamma Mia". "She’s My Man" wiederum erinnert verdächtig an Elton Johns – offen gestanden – wunderbare Single "I’m Still Standing" aus 1983. Den Meister soll das nicht stören. Immerhin griff er der Band als Co-Songwriter zweier Lieder kräftig unter die Arme.

Als Einstimmung auf das Wien-Konzert sei nun der im Internet schnell gefundene Auftritt im Rahmen der Brit-Awards 07 empfohlen: Schwerelose Beine . . . Große Performance!

(Wiener Zeitung, 4.4.2007)