Ihr Humorverständnis definieren Green Day in der Wiener Stadthalle schon vor Konzertbeginn, indem sie einen überlebensgroßen Duracell-Hasen auf der Bühne so lange Bier saufen lassen, bis dieser ins Wanken gerät. Humor ist keine Deutungssache. Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
Die Band, die Punk spätestens mit ihrem Album "Dookie" 1994 in den Mainstream überstellte, mag mit ihrer dem Amerika der Bush-Regierung geschuldeten Schlüsselarbeit "American Idiot" später zwar eine und wenn auch nur an der Oberfläche gehaltene Kritik an den Verhältnissen zwischen MTV-Formate wie die MILF-Belangssendung "Date My Mom" geschoben haben. Live geht es mit zünftig geprügeltem Punk-Pop dann aber um nichts mehr als Hüttengaudi für immer nie Erwachsene.
Das ist nicht unsympathisch, dank nicht bloß auf Massenkaraoke beschränkter Publikumsmiteinbeziehung allerdings bald enervierend. Siehe dazu: Heute casten wir uns eine Band aus Fans! Dabei gelingt der Formation ein wahres Kunststück. Immerhin reißt sie das nicht unbedingt für seine Begeisterungsfähigkeit bekannte Wiener Publikum vom ersten Ton an von den Sesseln, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Eine Reise durch die Bandgeschichte bedeutet neben Dreiminütern wie "Welcome To Paradise" und "Basket Case", Ska-Lastigerem wie "King For A Day" aber auch konventionelle Ö3-Balladen wie "Boulevard Of Broken Dreams". Dazwischen: Boing, bumm, tschack – und die Erkenntnis, dass die 90er Jahre auch gefühlterweise lange schon vorbei sind. Rest in pieces!
(Wiener Zeitung, 10.11.2009)
Mittwoch, November 11, 2009
Dienstag, November 03, 2009
Unlustige Zigaretten
Guter Geschmack bei schlechter Laune: Die Trip-Hop-Veteranen Massive Attack gefielen mit noch unveröffentlichten Songs im Wiener Gasometer.
Ihr Wien-Konzert begehen die britischen Trip-Hop-Miterfinder und -Erneuerer Massive Attack am Montagabend im ausverkauften Gasometer auch mit bisher unveröffentlichten Songs. Ein Wagnis? Denn Pop, und man darf diesen Umstand nicht unterschätzen, funktioniert nicht zuletzt als machina memoriae, als nostalgiebetriebene Erinnerungsmaschine. Stichwort: Hör mal Schatzi, sie spielen unser Lied! Oder: Verdammt, das war das Lied von mir und meiner Ex. Herr Ober, noch einmal dasselbe und ein Viertel Slibowitz dazu, aber pronto!
Mit verschlurft desperaten sowie betont kühlen und nicht nur insofern latent entmenschlichten Songs, die den Blues haben, ohne sich explizit auf den Blues zu beziehen, hebeln Massive Attack dieses Funktionsprinzip aber ohnehin aus. Zum einen. Zum anderen gibt es gegen die Kraft dieser zwischen den Nebeln von Avalon und dem Industriesmog Bristols alles andere als lustwandelnden Grooves weder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer noch Neuroleptika.
Danke, schlecht!
Bereits nach dem metallischen Zittern von "Bulletproof Love", dessen hallverhangener Drum-Sound in der Tradition von Portisheads genialer Comeback-Single "Machine Gun" steht, dem hart stampfenden "Heartcliffe Star" und dem von Horace Andys vibrierendem Timbre in Richtung Gänsehaut getriebenen "16 Seeter" geht es dem Publikum also ganz hervorragend, sprich: schlecht bis sehr schlecht. Passend zur bekifften Psychedelik von Songs wie "Angel", "Risingson", "Mezzanine" oder "Inertia Creeps" stammen die Rauchschwaden im Raum schon lange von unlustigen Zigaretten. Um diese und andere Berauschungsmittel geht es auch auf der LED-Wand im Hintergrund, auf der sich das Böse der Welt zur Themenschau des Grauens versammelt. Krise, Krieg, Terror und Paris Hilton stehen auf der Agenda. Unterhaltung kommt nicht zwangsläufig von Spaß. Im Zweifelsfall kann, darf, muss Kunst auch Wehtun können. Massive Attack lieben und leben diesen Ansatz.
Eingedenk der von Martina Topley-Bird gehauchten Edelballade "Babel" sowie dem Wahnsinn endgültig Tür und Tor öffnenden "Marakesh" sorgt dieser Abend aber zumindest in einer Hinsicht für Hoffnung: Nach "100th Window", dem bereits sechs Jahre alten und kontrovers diskutierten Quasi-Soloalbum von Mastermind Robert "3D" Del Naja sowie der aktuellen und durchaus halbgaren "Splitting The Atom Ep" scheint die Band mit einem neuen, für den Frühling kommenden Jahres angekündigten Album wieder zu Hoch- und Höchstform aufzulaufen. Beatfestspiele, surrende Brachialelektronik, ausufernde Gitarren-Echos. Wir hören Lieder, die es mit heute neu arrangierten Hits wie "Teardrop" oder dem live bereits etwas abgenützten "Unfinished Sympathy" locker aufnehmen können.
"Take a walk, taste the rest? No, take a rest". Wunschloses Unglück, auch auf dem Heimweg durch die Nebel von Simmering.
(Wiener Zeitung, 4.11.2009)
Ihr Wien-Konzert begehen die britischen Trip-Hop-Miterfinder und -Erneuerer Massive Attack am Montagabend im ausverkauften Gasometer auch mit bisher unveröffentlichten Songs. Ein Wagnis? Denn Pop, und man darf diesen Umstand nicht unterschätzen, funktioniert nicht zuletzt als machina memoriae, als nostalgiebetriebene Erinnerungsmaschine. Stichwort: Hör mal Schatzi, sie spielen unser Lied! Oder: Verdammt, das war das Lied von mir und meiner Ex. Herr Ober, noch einmal dasselbe und ein Viertel Slibowitz dazu, aber pronto!
Mit verschlurft desperaten sowie betont kühlen und nicht nur insofern latent entmenschlichten Songs, die den Blues haben, ohne sich explizit auf den Blues zu beziehen, hebeln Massive Attack dieses Funktionsprinzip aber ohnehin aus. Zum einen. Zum anderen gibt es gegen die Kraft dieser zwischen den Nebeln von Avalon und dem Industriesmog Bristols alles andere als lustwandelnden Grooves weder Serotonin-Wiederaufnahmehemmer noch Neuroleptika.
Danke, schlecht!
Bereits nach dem metallischen Zittern von "Bulletproof Love", dessen hallverhangener Drum-Sound in der Tradition von Portisheads genialer Comeback-Single "Machine Gun" steht, dem hart stampfenden "Heartcliffe Star" und dem von Horace Andys vibrierendem Timbre in Richtung Gänsehaut getriebenen "16 Seeter" geht es dem Publikum also ganz hervorragend, sprich: schlecht bis sehr schlecht. Passend zur bekifften Psychedelik von Songs wie "Angel", "Risingson", "Mezzanine" oder "Inertia Creeps" stammen die Rauchschwaden im Raum schon lange von unlustigen Zigaretten. Um diese und andere Berauschungsmittel geht es auch auf der LED-Wand im Hintergrund, auf der sich das Böse der Welt zur Themenschau des Grauens versammelt. Krise, Krieg, Terror und Paris Hilton stehen auf der Agenda. Unterhaltung kommt nicht zwangsläufig von Spaß. Im Zweifelsfall kann, darf, muss Kunst auch Wehtun können. Massive Attack lieben und leben diesen Ansatz.
Eingedenk der von Martina Topley-Bird gehauchten Edelballade "Babel" sowie dem Wahnsinn endgültig Tür und Tor öffnenden "Marakesh" sorgt dieser Abend aber zumindest in einer Hinsicht für Hoffnung: Nach "100th Window", dem bereits sechs Jahre alten und kontrovers diskutierten Quasi-Soloalbum von Mastermind Robert "3D" Del Naja sowie der aktuellen und durchaus halbgaren "Splitting The Atom Ep" scheint die Band mit einem neuen, für den Frühling kommenden Jahres angekündigten Album wieder zu Hoch- und Höchstform aufzulaufen. Beatfestspiele, surrende Brachialelektronik, ausufernde Gitarren-Echos. Wir hören Lieder, die es mit heute neu arrangierten Hits wie "Teardrop" oder dem live bereits etwas abgenützten "Unfinished Sympathy" locker aufnehmen können.
"Take a walk, taste the rest? No, take a rest". Wunschloses Unglück, auch auf dem Heimweg durch die Nebel von Simmering.
(Wiener Zeitung, 4.11.2009)
Donnerstag, Oktober 29, 2009
Hypnotischer Wüstenblues
Das malische Kollektiv Tinariwen gastiert in Wien.
Wien. Musik aus Mali erfreut sich nicht erst seit gestern auch im sogenannten Westen großer Beliebtheit. Mit dem 2006 verstorbenen und einst zum "König des Desert-Blues" geadelten Gitarristen Ali Farka Touré sowie dem an der Kora brillierenden Toumani Diabaté wird das künstlerische Schaffen des Landes schon lange geschätzt.
Aktuell reüssierende afrikanische Künstler mögen dabei auch von einem profitieren: Musik vom "schwarzen Kontinent" steht derzeit auch abseits der Weltmusik-Zirkel wieder hoch im Kurs. Selbst aus weißen Mittelstands-Zöglingen bestehende Indie-Bands wie Vampire Weekend berufen sich auf den guten, alten Afrobeat. Und Popgrößen wie Manu Chao bringen als Produzenten etwa das blinde malische Ehepaar Amadou & Mariam in die globalen Charts.
Das tolle, sich aus ehemaligen Freiheitskämpfern des saharauischen Tuareg-Volks zusammensetzende und im Rahmen des Festivals "Salam.Orient" nun in der Wiener Arena gastierende Kollektiv Tinariwen verbindet klassisch malische Musiken mit Rock-Elementen und Blues. Fasziniert von Jimi Hendrix, Santana oder Led Zeppelin, entwickelte die Band schon in den späten 1970er Jahren in ihrer nomadischen "Heimat" einen unverwechselbaren Sound, der seit 2002 auch vier international erhältliche Arbeiten zeitigte. Wir hören maximal im mittleren Tempobereich angesiedelte Songs, deren angenehmer Groove durch beständige Wiederholung von Wort und Musik in Richtung Mantra vorrückt. Das lässt sich mit sage und schreibe drei gleichzeitig eingesetzten Gitarren auch live ganz wunderbar an.
Gerne werden die Musiker übrigens als "Rolling Stones der Sahara" bezeichnet. Im Gegensatz zu den verhältnismäßig austauschbaren Texten der millionenschweren Rollsteine geht es bei Tinariwen aber um tatsächlich Existenzielles: Etwa darum, wie man in der schwerlich zu bewirtschaftenden Wüstengegend auch mit wenig bis sehr wenig durchs Leben kommt. Hören und lernen!
(Wiener Zeitung, 30.10.2009)
Wien. Musik aus Mali erfreut sich nicht erst seit gestern auch im sogenannten Westen großer Beliebtheit. Mit dem 2006 verstorbenen und einst zum "König des Desert-Blues" geadelten Gitarristen Ali Farka Touré sowie dem an der Kora brillierenden Toumani Diabaté wird das künstlerische Schaffen des Landes schon lange geschätzt.
Aktuell reüssierende afrikanische Künstler mögen dabei auch von einem profitieren: Musik vom "schwarzen Kontinent" steht derzeit auch abseits der Weltmusik-Zirkel wieder hoch im Kurs. Selbst aus weißen Mittelstands-Zöglingen bestehende Indie-Bands wie Vampire Weekend berufen sich auf den guten, alten Afrobeat. Und Popgrößen wie Manu Chao bringen als Produzenten etwa das blinde malische Ehepaar Amadou & Mariam in die globalen Charts.
Das tolle, sich aus ehemaligen Freiheitskämpfern des saharauischen Tuareg-Volks zusammensetzende und im Rahmen des Festivals "Salam.Orient" nun in der Wiener Arena gastierende Kollektiv Tinariwen verbindet klassisch malische Musiken mit Rock-Elementen und Blues. Fasziniert von Jimi Hendrix, Santana oder Led Zeppelin, entwickelte die Band schon in den späten 1970er Jahren in ihrer nomadischen "Heimat" einen unverwechselbaren Sound, der seit 2002 auch vier international erhältliche Arbeiten zeitigte. Wir hören maximal im mittleren Tempobereich angesiedelte Songs, deren angenehmer Groove durch beständige Wiederholung von Wort und Musik in Richtung Mantra vorrückt. Das lässt sich mit sage und schreibe drei gleichzeitig eingesetzten Gitarren auch live ganz wunderbar an.
Gerne werden die Musiker übrigens als "Rolling Stones der Sahara" bezeichnet. Im Gegensatz zu den verhältnismäßig austauschbaren Texten der millionenschweren Rollsteine geht es bei Tinariwen aber um tatsächlich Existenzielles: Etwa darum, wie man in der schwerlich zu bewirtschaftenden Wüstengegend auch mit wenig bis sehr wenig durchs Leben kommt. Hören und lernen!
(Wiener Zeitung, 30.10.2009)
Freitag, Oktober 23, 2009
Weil der Mensch ein Mensch ist
The More Or The Less: We, The People (Lindo/Hoanzl)
Warum die Verhältnisse sind, wie sie sind, erklärt der Salzburger Singer/Songwriter Tobias Pötzelsberger alias The More Or The Less frei nach Bert Brecht folgendermaßen: Weil der Mensch ein Mensch ist. Auf seinem erstaunlich ausgereiften Debütalbum "We, The People", das dieser Tage auf dem Wiener Kleinlabel Lindo erscheint und über Hoanzl national vertrieben wird, entwirft Pötzelsberger ein Stimmungsbild, dem es an großen Gefühlen nicht mangelt.
Der Grund dafür dürfte neben der grundsätzlichen Gemütslage des 26-Jährigen ("Immer melancholisch, nie depressiv") auch in seinem Brotberuf liegen. Schließlich verdingt sich der Sänger als Chronik-Journalist beim ORF. Ein Verkehrsunfall früh morgens, eine "Familientragödie" zu Mittag – das prägt. Stories written by life .
Ebenso wie seine "Geschichten", wie der Reporter zu sagen pflegt, findet Pötzelsberger das Rohmaterial seiner Songs auf der Straße. Flüchtige Begegnungen in einer immer schneller und gleichgültiger werdenden Welt; Zueinanderfinden und Abschied nehmen; aufgeben und weitermachen – es ist die Dialektik des Alltags, aus der The More Or The Less herzergreifend schöne wie berührende, sprich bevorzugt auf den sentimentalen Deppen in uns zielende Songs im Graubereich zwischen Folk und Pop formt.
Wenn die auf Dauer durchgehaltene Sanftmut im Vortrag auch den Verdacht aufkommen lassen mag, dass man es hier eventuell mit – Vorsicht! – "Mädchenmusik" zu tun haben könnte – egal.
Pötzelsberger, zu dessen ewigen Idolen die Beatles gehören – ein Umstand, der sich vor allem in der wohligen Harmoniesucht seiner Songs niederschlägt –, erinnert mit überwiegend auf seine Lagerfeuerklampfe konzentrierten Kompositionen, die von seufzenden Chören ebenso behübscht werden wie von Klaviermotiven, Streichern, Akkordeon oder den wärmenden Klängen eines Fender Rhodes, nicht zuletzt an die schaurig-traurige Liedkunst des viel zu früh verstorbenen US-Songwriters Elliott Smith. Album-Highlights wie "Ms Anderson" oder "I Let You Go" stammen aus dieser Ecke. Mit dem Refrain von "As Seen By The Things" rückt The More Or The Less, live übrigens eine mehrköpfige Band, vorsichtig in Richtung Neo-Folk. Das würde auch einem bärtigen Kauz wie Sam Beam alias Iron & Wine gut zu Gesicht stehen.
Dass Pötzelsbergers zweite private Obsession ausgerechnet den pöbelnden Gallagher-Brüdern gilt, kann man angesichts der introspektiven Schreibe seines Musiker-Ichs kaum glauben. Immerhin führt der Sänger gemeinsam mit einer Abordnung der Salzburger Freunde von The Seesaw die Oasis-Coverband "Wosis".
Davon ist bei The More Or The Less zum Glück nichts zu bemerken. Hymnische Gefühligkeit. Leise ist das neue Leise. Kurz: Hier findet die ohnehin in voller Blüte stehende Singer-Songwriter-Szene des Landes einen neuen, würdigen Vertreter.
(Wiener Zeitung. 24./25.10.2009)
Warum die Verhältnisse sind, wie sie sind, erklärt der Salzburger Singer/Songwriter Tobias Pötzelsberger alias The More Or The Less frei nach Bert Brecht folgendermaßen: Weil der Mensch ein Mensch ist. Auf seinem erstaunlich ausgereiften Debütalbum "We, The People", das dieser Tage auf dem Wiener Kleinlabel Lindo erscheint und über Hoanzl national vertrieben wird, entwirft Pötzelsberger ein Stimmungsbild, dem es an großen Gefühlen nicht mangelt.
Der Grund dafür dürfte neben der grundsätzlichen Gemütslage des 26-Jährigen ("Immer melancholisch, nie depressiv") auch in seinem Brotberuf liegen. Schließlich verdingt sich der Sänger als Chronik-Journalist beim ORF. Ein Verkehrsunfall früh morgens, eine "Familientragödie" zu Mittag – das prägt. Stories written by life .
Ebenso wie seine "Geschichten", wie der Reporter zu sagen pflegt, findet Pötzelsberger das Rohmaterial seiner Songs auf der Straße. Flüchtige Begegnungen in einer immer schneller und gleichgültiger werdenden Welt; Zueinanderfinden und Abschied nehmen; aufgeben und weitermachen – es ist die Dialektik des Alltags, aus der The More Or The Less herzergreifend schöne wie berührende, sprich bevorzugt auf den sentimentalen Deppen in uns zielende Songs im Graubereich zwischen Folk und Pop formt.
Wenn die auf Dauer durchgehaltene Sanftmut im Vortrag auch den Verdacht aufkommen lassen mag, dass man es hier eventuell mit – Vorsicht! – "Mädchenmusik" zu tun haben könnte – egal.
Pötzelsberger, zu dessen ewigen Idolen die Beatles gehören – ein Umstand, der sich vor allem in der wohligen Harmoniesucht seiner Songs niederschlägt –, erinnert mit überwiegend auf seine Lagerfeuerklampfe konzentrierten Kompositionen, die von seufzenden Chören ebenso behübscht werden wie von Klaviermotiven, Streichern, Akkordeon oder den wärmenden Klängen eines Fender Rhodes, nicht zuletzt an die schaurig-traurige Liedkunst des viel zu früh verstorbenen US-Songwriters Elliott Smith. Album-Highlights wie "Ms Anderson" oder "I Let You Go" stammen aus dieser Ecke. Mit dem Refrain von "As Seen By The Things" rückt The More Or The Less, live übrigens eine mehrköpfige Band, vorsichtig in Richtung Neo-Folk. Das würde auch einem bärtigen Kauz wie Sam Beam alias Iron & Wine gut zu Gesicht stehen.
Dass Pötzelsbergers zweite private Obsession ausgerechnet den pöbelnden Gallagher-Brüdern gilt, kann man angesichts der introspektiven Schreibe seines Musiker-Ichs kaum glauben. Immerhin führt der Sänger gemeinsam mit einer Abordnung der Salzburger Freunde von The Seesaw die Oasis-Coverband "Wosis".
Davon ist bei The More Or The Less zum Glück nichts zu bemerken. Hymnische Gefühligkeit. Leise ist das neue Leise. Kurz: Hier findet die ohnehin in voller Blüte stehende Singer-Songwriter-Szene des Landes einen neuen, würdigen Vertreter.
(Wiener Zeitung. 24./25.10.2009)
Donnerstag, Oktober 22, 2009
lieber leser!
gestern ist es passiert.
aus heiterem himmel ist sie mir eingefallen, die perfekte überschrift für einen artikel über die steirische indie-rock-band deines vertrauens. wie wird sie wohl lauten?
(trommelwirbel setzt ein. nervöses flüstern im auditorium. konkurrenzmedien und szenekenner diskutieren auf twitter rege über mögliche headlines. ein junger fm4-redakteur will "aus kreisen" erfahren haben, dass es sich um "lambeth muss langegg werden" handeln könnte. doch weit gefehlt, junger freund! die fanfare ertönt und endet mit einem vielsagenden "ta-dah, ta-dah", ehe der im weißen adidasanzug mit roten streifen moderierende michael ostrowski das kuvert öffnet, um das geheinmis zu offenbaren – freilich nicht, ohne sich zuvor noch staatsmännisch geräuspert zu haben. er öffnet und schließt den mund. dazwischen heißt es mit zitternder stimme:)
"steirisch blood, english heart!"
(jubel, standing ovations, noch mehr jubel. auf den rängen herzt und umarmt man einander. karl fluch vergießt tränen der rührung und zückt sein taschentuch. auf diesem im close-up der orf-kamera unter regie von fritz melchert klar zu erkennen: ein mit schwarzem zwirn liebevoll eingesticktes "kf". es erscheint das insert "die nachfolgenden sendungen verschieben sich um ca. 11 stunden")
aber: problem! ich erwache mit kopfweh und stelle sehr zu meinem bedauern fest, dass gerade keine steirische indie-rock-band zur hand ist, deren album besprochen, auf deren konzert hingewiesen werden will. ja malefiz!
und ehe diese, ich will es bescheiden formulieren, überschrift des jahres einem nicht ganz unwahrscheinlichen murauerrausch zum opfer fällt, noch bevor sie einem artikel aufgezwungen werden kann, soll sie hiermit in stein gemeißelt werden. in ewigkeit, amen.
ich wiederhole: "steirisch blood, english heart"! und solltest du, lieber leser, dieser überschrift an anderer stelle begegnen, so weißt du, wo sie gefladert wurde. und gnade gott dem, der die missetat beging.
aus heiterem himmel ist sie mir eingefallen, die perfekte überschrift für einen artikel über die steirische indie-rock-band deines vertrauens. wie wird sie wohl lauten?
(trommelwirbel setzt ein. nervöses flüstern im auditorium. konkurrenzmedien und szenekenner diskutieren auf twitter rege über mögliche headlines. ein junger fm4-redakteur will "aus kreisen" erfahren haben, dass es sich um "lambeth muss langegg werden" handeln könnte. doch weit gefehlt, junger freund! die fanfare ertönt und endet mit einem vielsagenden "ta-dah, ta-dah", ehe der im weißen adidasanzug mit roten streifen moderierende michael ostrowski das kuvert öffnet, um das geheinmis zu offenbaren – freilich nicht, ohne sich zuvor noch staatsmännisch geräuspert zu haben. er öffnet und schließt den mund. dazwischen heißt es mit zitternder stimme:)
"steirisch blood, english heart!"
(jubel, standing ovations, noch mehr jubel. auf den rängen herzt und umarmt man einander. karl fluch vergießt tränen der rührung und zückt sein taschentuch. auf diesem im close-up der orf-kamera unter regie von fritz melchert klar zu erkennen: ein mit schwarzem zwirn liebevoll eingesticktes "kf". es erscheint das insert "die nachfolgenden sendungen verschieben sich um ca. 11 stunden")
aber: problem! ich erwache mit kopfweh und stelle sehr zu meinem bedauern fest, dass gerade keine steirische indie-rock-band zur hand ist, deren album besprochen, auf deren konzert hingewiesen werden will. ja malefiz!
und ehe diese, ich will es bescheiden formulieren, überschrift des jahres einem nicht ganz unwahrscheinlichen murauerrausch zum opfer fällt, noch bevor sie einem artikel aufgezwungen werden kann, soll sie hiermit in stein gemeißelt werden. in ewigkeit, amen.
ich wiederhole: "steirisch blood, english heart"! und solltest du, lieber leser, dieser überschrift an anderer stelle begegnen, so weißt du, wo sie gefladert wurde. und gnade gott dem, der die missetat beging.
Dienstag, Oktober 20, 2009
Diskurs und Elektroknistern
Festival für zeitgenössische Musik, Kunst und politischen Diskurs: Das Grazer Elevate startet am Mittwoch
Dass sich Graz als Festivalstadt im grob unter dem Sammelbegriff "elektronische Musik" zusammengefassten Unterhaltungsbereich längst etabliert hat, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Mit dem bereits neun Mal ausgetragenen Spring-Festival, das die Murstadt Jahr für Jahr mit forschen Maschinenbeats aus dem Winterschlaf reißt, sowie dem im Herbst stattfindenden Elevate kann die steirische Landeshauptstadt gleich auf zwei derartige Veranstaltungsreihen verweisen.
Das im Wesentlichen um eine Leistungsschau elektronischer Musik und somit um nächtliche Partydekadenz bemühte Spring findet im heute seine fünfte Saison eröffnenden Elevate eine entscheidende Erweiterung: Neben DJ-Lines und Konzerten, deren Spektrum zwischen Minimal, Elektro, Techno, House, Dubsteb, Breakcore, und, und, und, von flotter Marschiermusik bis hin zu experimentellem Elektroknistern reicht, geht es dem Festival auch um den sogenannten Diskurs.
Der schlägt sich heuer in einer fordernden Reihe an Vorträgen, Diskussionen und Workshops nieder, die die Krisen der Zeit näher beleuchten wollen. Heimische und internationale Experten vertiefen sich dazu in die Themenbereiche Klima und Ökologie, Wirtschaft und Politik sowie Medien und Journalismus – zentrale Punkte sind folglich Klimawandel, Wirtschaftskrise, der Niedergang alteingesessener Mediensysteme sowie Web 2.0.
Das nicht minder reichhaltige Musikprogramm bringt neben alter Krautrock-Avantgarde in Form von Cluster oder den verstörenden Gänsehaut-Kompositionen von Carla Bozulichs Evangelista auch demnächst in deinem Land schwer angesagte Indie-Bands wie Micachu & The Shapes oder mit King Midas Sound das neue Projekt des Dancehall- und Grime-Helden Kevin Martin alias The Bug. Ein ganzer Abend widmet sich Steve Goodmans feinem Hyperdub-Label (Burial, Kode 9…), das als Keimzelle des Dubstep-Genres mehr als geschätzt wird. Zudem wird sich Goodman in einem Vortrag mit "Sonic Warfare" beschäftigen - der Sound als Waffe und mehr. Spannend!
(Wiener Zeitung, 21.10.2009)
Dass sich Graz als Festivalstadt im grob unter dem Sammelbegriff "elektronische Musik" zusammengefassten Unterhaltungsbereich längst etabliert hat, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Mit dem bereits neun Mal ausgetragenen Spring-Festival, das die Murstadt Jahr für Jahr mit forschen Maschinenbeats aus dem Winterschlaf reißt, sowie dem im Herbst stattfindenden Elevate kann die steirische Landeshauptstadt gleich auf zwei derartige Veranstaltungsreihen verweisen.
Das im Wesentlichen um eine Leistungsschau elektronischer Musik und somit um nächtliche Partydekadenz bemühte Spring findet im heute seine fünfte Saison eröffnenden Elevate eine entscheidende Erweiterung: Neben DJ-Lines und Konzerten, deren Spektrum zwischen Minimal, Elektro, Techno, House, Dubsteb, Breakcore, und, und, und, von flotter Marschiermusik bis hin zu experimentellem Elektroknistern reicht, geht es dem Festival auch um den sogenannten Diskurs.
Der schlägt sich heuer in einer fordernden Reihe an Vorträgen, Diskussionen und Workshops nieder, die die Krisen der Zeit näher beleuchten wollen. Heimische und internationale Experten vertiefen sich dazu in die Themenbereiche Klima und Ökologie, Wirtschaft und Politik sowie Medien und Journalismus – zentrale Punkte sind folglich Klimawandel, Wirtschaftskrise, der Niedergang alteingesessener Mediensysteme sowie Web 2.0.
Das nicht minder reichhaltige Musikprogramm bringt neben alter Krautrock-Avantgarde in Form von Cluster oder den verstörenden Gänsehaut-Kompositionen von Carla Bozulichs Evangelista auch demnächst in deinem Land schwer angesagte Indie-Bands wie Micachu & The Shapes oder mit King Midas Sound das neue Projekt des Dancehall- und Grime-Helden Kevin Martin alias The Bug. Ein ganzer Abend widmet sich Steve Goodmans feinem Hyperdub-Label (Burial, Kode 9…), das als Keimzelle des Dubstep-Genres mehr als geschätzt wird. Zudem wird sich Goodman in einem Vortrag mit "Sonic Warfare" beschäftigen - der Sound als Waffe und mehr. Spannend!
(Wiener Zeitung, 21.10.2009)
Freitag, Oktober 16, 2009
Traurigsein ist keine Kunst
Zwei Jahre nach dem Ende seiner Band Blumfeld veröffentlicht Jochen Distelmeyer sein Solodebüt "Heavy".
Das erste Lebenszeichen von Jochen Distelmeyer als Solokünstler muss man als Statement in zweierlei Hinsicht verstehen: Zum einen verkündete der ehemalige Sänger und Chefideologe der vor zwei Jahren aufgelösten Hamburger Diskursrockband Blumfeld mit dem im Juli auf seiner Webpräsenz veröffentlichten Song "Wohin mit dem Hass?" unmissverständlich die Rückkehr zum Rock’n’Roll. Nach programmatischem Feedback-Rauschen setzt die Gitarre hörbar wütend ein, ehe die Snare-Drum den Auftakt zum ältesten Beat der Rockgeschichte schlägt: Bumm-tschak, bumm-bumm-tschak! So laut und dringlich hat man Distelmeyer seit den Anfangstagen von Blumfeld in den frühen 1990er Jahren nicht mehr gehört – sieht man von einer letzten, für einen Song eingelegten Phase des Aufbegehrens einmal ab, die mit "Die Diktatur Der Angepassten" aber auch schon wieder acht Jahre zurückliegt.
Zum anderen treibt der heute 42-Jährige hier ein scheinbar listiges Spiel, was die Deutbarkeit der Lyrics anbelangt. Zwar darf man den Song in Zeiten der Krise und damit verbundener Diskussionen um das Auseinanderklaffen der sozialen Schere durchaus als gesellschafts-politisch motiviert betrachten: "Kennst du die Reichen und Mächtigen/ Lass ihre Wagen brennen/ Sie haben weder Respekt noch Angst vor uns/ Also wohin mit dem Hass?"
Neid, Hohn und Spott
Aber Distelmeyer lenkt das Augenmerk im Weiteren auch auf die eigene Vita, beziehungsweise die Rezeptionsgeschichte seiner musikalischen Vergangenheit. Schließlich wurde der Mann mit der Samtstimme zunächst als größte Hoffnung der deutschen Rockgeschichte seit Rio Reiser gefeiert, ehe Blumfeld mit "Old Nobody" 1999 die Weichen in Richtung Schlager stellten, um letztlich bei Boogie-Rhythmen und kinderliedartigen Abzählreimen zum Thema Tiere zu landen und den Apfelmann zu besingen. Die Damen und Herren vom Feuilleton waren nicht begeistert und zogen erzürnt über den verloren gegangen Sohn her.
Die Diskussion drehte sich um Verspießerungs-Tendenzen und den Rückzug ins Private, aber auch darum, wie viele beschwingte Dur-Akkorde Popmusik überhaupt zu vertragen imstande ist. Doris Knecht konstatierte im "profil": "Um es reflexionsschraubenfrei zu sagen: ‚Verbotene Früchte‘ ist nicht nur das schrecklichste Blumfeld-Album ever, es ist vielleicht das schrecklichste deutschsprachige Album überhaupt, das Gesamtwerk von Heintje, Modern Talking und den Wildecker Herzbuben eingeschlossen."
Das mag mitschwingen, wenn im Pressetext zum nun vorliegenden Debütalbum Distelmeyers die polarisierende Wirkung Blumfelds angesprochen wird, oder der Barde seine Stimme kokett so erhebt: "Wohin mit dem Hass/ All dem Hohn und Spott/ Dem Neid mit dem ihr mich betrachtet?/ Alles was ihr wisst ich bin nicht wie ihr/ Und so wird es immer sein!"
Für insgesamt vier neue Lieder hat Distelmeyer die musikalische Gangart wieder verschärft. Vor allem der wuchtig von den Saiten gerissene Übersong "Hinter Der Musik" sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen. Der Rest könnte zwar auch von den späteren Blumfeld stammen, tatsächlich aber gehört das gesamte Album mit zum Besten, das der Sänger in seiner bisherigen Karriere veröffentlicht hat.
Textlich wie gewohnt überwiegend lebensbejahend eingestellt und dem Positiven verpflichtet, hören wir neben dem zum Einstieg mutig ohne Instrumentalbegleitung gereichten Stück "Regen" von Produzent Andreas Herbig perfekt in Szene gesetzten Gitarrenpop, wie etwa "Bleiben Oder Gehen", mit dem Distelmeyer seine exzellenten Qualitäten als Songwriter einmal mehr unterstreicht. Etwas, das ihm auch mit der Singleauskopplung "Lass Uns Liebe Sein" gelingt, einem mit Ehrfurcht gebietender Grandezza gefertigten Pop-Schlager, der selbst dem grimmigsten Misanthropen ein Lächeln ins Gesicht und Tanzbewegungen in den Restkörper zaubert. Und uns solchermaßen dazu bewegt, nicht mehr vorhanden geglaubte Glückshormone in rauen Mengen auszuschütten.
Dass manchem Skeptiker die eine oder andere Textzeile auch diesmal wieder schwer zusetzen wird – geschenkt: "Und ich, ich bin am Ziel/ Weiß was ich will und brauch nicht viel / Ich seh zu wie die Kinder spielen/ Und über uns den Zeppelin/ Ein Elephant als Luftballon/ Ich leb dafür und leb davon/ Am Ende ist es nur ein Song/ Und ich flieg davon/ Zu dir" .
Alle anderen sollten dank Liedern wie "Nur Mit Dir" oder "Jenfeld Mädchen", die sich in typischer Distelmeyer-Manier als Soundtrack für die gefühlsduselige Pralinenwerbung bestens eigneten, mehr als glücklich sein: Merci, dass es dich gibt!
Jochen Distelmeyer: Heavy. (Columbia/Sony)
(Wiener Zeitung, 17./18.10.2009)
Das erste Lebenszeichen von Jochen Distelmeyer als Solokünstler muss man als Statement in zweierlei Hinsicht verstehen: Zum einen verkündete der ehemalige Sänger und Chefideologe der vor zwei Jahren aufgelösten Hamburger Diskursrockband Blumfeld mit dem im Juli auf seiner Webpräsenz veröffentlichten Song "Wohin mit dem Hass?" unmissverständlich die Rückkehr zum Rock’n’Roll. Nach programmatischem Feedback-Rauschen setzt die Gitarre hörbar wütend ein, ehe die Snare-Drum den Auftakt zum ältesten Beat der Rockgeschichte schlägt: Bumm-tschak, bumm-bumm-tschak! So laut und dringlich hat man Distelmeyer seit den Anfangstagen von Blumfeld in den frühen 1990er Jahren nicht mehr gehört – sieht man von einer letzten, für einen Song eingelegten Phase des Aufbegehrens einmal ab, die mit "Die Diktatur Der Angepassten" aber auch schon wieder acht Jahre zurückliegt.
Zum anderen treibt der heute 42-Jährige hier ein scheinbar listiges Spiel, was die Deutbarkeit der Lyrics anbelangt. Zwar darf man den Song in Zeiten der Krise und damit verbundener Diskussionen um das Auseinanderklaffen der sozialen Schere durchaus als gesellschafts-politisch motiviert betrachten: "Kennst du die Reichen und Mächtigen/ Lass ihre Wagen brennen/ Sie haben weder Respekt noch Angst vor uns/ Also wohin mit dem Hass?"
Neid, Hohn und Spott
Aber Distelmeyer lenkt das Augenmerk im Weiteren auch auf die eigene Vita, beziehungsweise die Rezeptionsgeschichte seiner musikalischen Vergangenheit. Schließlich wurde der Mann mit der Samtstimme zunächst als größte Hoffnung der deutschen Rockgeschichte seit Rio Reiser gefeiert, ehe Blumfeld mit "Old Nobody" 1999 die Weichen in Richtung Schlager stellten, um letztlich bei Boogie-Rhythmen und kinderliedartigen Abzählreimen zum Thema Tiere zu landen und den Apfelmann zu besingen. Die Damen und Herren vom Feuilleton waren nicht begeistert und zogen erzürnt über den verloren gegangen Sohn her.
Die Diskussion drehte sich um Verspießerungs-Tendenzen und den Rückzug ins Private, aber auch darum, wie viele beschwingte Dur-Akkorde Popmusik überhaupt zu vertragen imstande ist. Doris Knecht konstatierte im "profil": "Um es reflexionsschraubenfrei zu sagen: ‚Verbotene Früchte‘ ist nicht nur das schrecklichste Blumfeld-Album ever, es ist vielleicht das schrecklichste deutschsprachige Album überhaupt, das Gesamtwerk von Heintje, Modern Talking und den Wildecker Herzbuben eingeschlossen."
Das mag mitschwingen, wenn im Pressetext zum nun vorliegenden Debütalbum Distelmeyers die polarisierende Wirkung Blumfelds angesprochen wird, oder der Barde seine Stimme kokett so erhebt: "Wohin mit dem Hass/ All dem Hohn und Spott/ Dem Neid mit dem ihr mich betrachtet?/ Alles was ihr wisst ich bin nicht wie ihr/ Und so wird es immer sein!"
Für insgesamt vier neue Lieder hat Distelmeyer die musikalische Gangart wieder verschärft. Vor allem der wuchtig von den Saiten gerissene Übersong "Hinter Der Musik" sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen. Der Rest könnte zwar auch von den späteren Blumfeld stammen, tatsächlich aber gehört das gesamte Album mit zum Besten, das der Sänger in seiner bisherigen Karriere veröffentlicht hat.
Textlich wie gewohnt überwiegend lebensbejahend eingestellt und dem Positiven verpflichtet, hören wir neben dem zum Einstieg mutig ohne Instrumentalbegleitung gereichten Stück "Regen" von Produzent Andreas Herbig perfekt in Szene gesetzten Gitarrenpop, wie etwa "Bleiben Oder Gehen", mit dem Distelmeyer seine exzellenten Qualitäten als Songwriter einmal mehr unterstreicht. Etwas, das ihm auch mit der Singleauskopplung "Lass Uns Liebe Sein" gelingt, einem mit Ehrfurcht gebietender Grandezza gefertigten Pop-Schlager, der selbst dem grimmigsten Misanthropen ein Lächeln ins Gesicht und Tanzbewegungen in den Restkörper zaubert. Und uns solchermaßen dazu bewegt, nicht mehr vorhanden geglaubte Glückshormone in rauen Mengen auszuschütten.
Dass manchem Skeptiker die eine oder andere Textzeile auch diesmal wieder schwer zusetzen wird – geschenkt: "Und ich, ich bin am Ziel/ Weiß was ich will und brauch nicht viel / Ich seh zu wie die Kinder spielen/ Und über uns den Zeppelin/ Ein Elephant als Luftballon/ Ich leb dafür und leb davon/ Am Ende ist es nur ein Song/ Und ich flieg davon/ Zu dir" .
Alle anderen sollten dank Liedern wie "Nur Mit Dir" oder "Jenfeld Mädchen", die sich in typischer Distelmeyer-Manier als Soundtrack für die gefühlsduselige Pralinenwerbung bestens eigneten, mehr als glücklich sein: Merci, dass es dich gibt!
Jochen Distelmeyer: Heavy. (Columbia/Sony)
(Wiener Zeitung, 17./18.10.2009)
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