Freitag, Juni 15, 2012

Resignieren verboten!

Nach 27-jähriger Pause kehren die Dexys Midnight Runners als Dexys zurück: Mit den elf neuen Songs präsentiert sich Mastermind Kevin Rowland in Höchstform.

Mit diesem Comeback war so nicht mehr zu rechnen. Auch, wenn Kevin Rowland alle Jahre wieder Wasser auf die Mühlen jener hartnäckigen Fanschar goss, die ihren Glauben an ein neues Album niemals aufgeben wollte, sprach doch zu viel gegen eine tatsächliche Rückkehr der Dexys Midnight Runners. Nach Rowlands persönlichen Problemen und einer schweren Kokainabhängigkeit in den 1990er Jahren war es zuletzt sein Perfektionswahn, an dem das Vorhaben zu scheitern drohte. Die genaue Vorstellung, die der Mann mit der charismatischen Stimme von diesem Album hatte und seine daraus resultierende Versagensangst trugen ihr Übriges dazu bei, dass zwischen „Don’t Stand Me Down“, der dritten und bisher letzten Arbeit der Dexys Midnight Runners, und dem nun als Dexys veröffentlichten „One Day I’m Going To Soar“ stolze 27 Jahre liegen.

Emotionaler Celtic Soul

1978 in Birmingham gegründet, fiel der ohne große Karriereambition betriebenen Band der Erfolg rasch in den Schoß. Der seiner Wurzeln im Punk überdrüssige Rowland begann, New Wave und irische Folklore mit sattem Soul zu unterfüttern. Unter Beigabe markanter Bläsersätze als Celtic Soul definiert und von Rowlands Charakter als „emotional man“ zusätzlich befeuert, zeitigte diese ebenso ausdrucksstarke wie im Zeitalter des aufkommenden Yuppie-Pop hochglaubwürdige Musik mit „Geno“, einer Hommage an den US-amerikanischen R&B-Sänger Geno Washington, einen ersten Hit. 

Während sich Rowlands Gespür für die Mechanismen des Popbetriebes auch in seinem Umgang mit Styles und Images veräußerte, erfanden sich die Dexys Midnight Runners nach Anfängen im Banden-Look mit Album Nummer zwei – latent würdelos in zu weiten Latzhosen steckend – als Lümmel vom Lande neu. Musikalisch korrespondierte diese Entscheidung auf „Too-Rye-Ay“ mit der Einführung beschwingt-heiterer Bratlgeigen, die nicht nur den bis heute größten Hit der Band charakterisieren: Das vom globalen Formatradiomarkt zu Tode gespielte und bald mehr als Fluch denn als Segen betrachtete „Come On Eileen“ kündet auch heute noch mehrmals täglich davon. Rowland, der in Folge großen Druck verspürte und sich nicht nur mit bandinternen Streitigkeiten als zunehmend schwierig erwies, ging schließlich in Opposition. Dem Wunsch seiner Plattenfirma nach neuen Hits begegnete der Mann mit den betont länglichen Songs von „Don’t Stand Me Down“ (1985), die teils von Zwiegesprächen mit seinem Bassisten Pete Williams unterbrochen wurden. Das Album floppte auch wegen Rowlands strikter Weigerung, eine Single auskoppeln zu lassen, und besiegelte das vorläufige Ende der Dexys Midnight Runners ein knappes Jahr später.

Alles wird gut 

Rowland kämpfte fortan mit Depressionen, seiner Suchtkrankheit und folglich mit finanziellen Problemen. Ein erstes Solowerk erschien mit „The Wanderer“ 1988 quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, während das Coveralbum „My Beauty“ elf Jahre danach hinter die Diskussion um die nun travestiegleiche  Erscheinung des Sängers zurücktreten musste.

Nach einer Best-Of-Zusammenstellung mit zwei neuen Songs und einigen Live-Terminen mit seiner alten Band im Jahr 2003 erweisen sich Rowlands seither geäußerte Selbstzweifel und Bedenken hinsichtlich eines Comeback-Albums nun endlich als unbegründet: „One Day I’m Going To Soar“, mit dem sich die Dexys weiter denn je in klassische Soul-Gefilde vorwagen, ist ein großes Album mit einigen überwältigenden Momenten geworden. Wir hören mit dem nach einem melodramatischen Klavierintro sexuell schwer aufgeladenen „She Got A Wiggle“ schon jetzt den Song des Jahres, dem das vom zarten Soul eines Al Green getragene „Nowhere Is Home“, das von Streicherschmelz umrahmte und sehnsuchtsvoll gecroonte „I’m Thinking Of You“ oder die berührende, in Richtung Befreiung verweisende Ballade „Lost“ um nichts nachstehen.

Inhaltlich legt es der heute 58-jährige Sänger über seinen Erfahrungsreichtum zwischen rückblickender Lebensreflexion und einem Bekenntnis zur Liebe an, die hier dennoch kaum in Erfüllung geht. Und er bekundet dem damit einhergehenden Schmerz zum Trotz seinen Willen, nicht aufzugeben. Flucht und Resignation sind strengstens verboten, weil am Ende doch noch alles gut werden kann, wie auch dieses Album eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die Verlorenheit in der Depression wird mit der Unschuld der Kindheit konfrontiert, wobei Rowland das Zuhause im Nirgendwo der (spießbürgerlichen) Sicherheit am Ende doch vorzieht: „I was born here of an Irish family / But that in itself is not enough  for me / Because national identity won’t fulfill me“, wie es dabei auch so schön heißt. Und: „I just gotta be myself  / Take your Irish stereotype and shove it up your arse!“ Mit von Stücken wie „Incapable Of Love“ musicalhaft in Szene gesetzten Beziehungsstreitigkeiten beweisen die Dexys zwischendurch zudem Humor, während auch die schweren Inhalte des Albums oft von lebenszugewandt-beschwingter Musik kontrastiert werden.

Der Himmel hängt nicht nur bei „I’m Thinking Of You“ voller Geigen. Der Protosound eines Barry White lädt mit „I’m Always Going To Love You“ zum Liebemachen in die Federn. Und für zusätzliche Spannung ist mit dramaturgischen Pausen im Sinne einer Gospelmesse gesorgt.
In einer gerechteren Welt hätte man Kevin Rowland und seine Dexys pünktlich zu diesem Sensations-Comeback für das ohnehin gerne soullastig programmierte Jazz Fest Wien gebucht. So bleibt einstweilen nur eine Konzertreise ins Ausland: sie wäre jeden Cent wert.

Dexys: One Day I’m Going To Soar (Buback) 

(Wiener Zeitung, 16./17.6.2012)

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