Nach 27-jähriger Pause kehren
die Dexys Midnight Runners als Dexys zurück: Mit den elf neuen Songs
präsentiert sich Mastermind Kevin Rowland in Höchstform.
Mit diesem Comeback war so nicht
mehr zu rechnen. Auch, wenn Kevin Rowland alle Jahre wieder Wasser auf die
Mühlen jener hartnäckigen Fanschar goss, die ihren Glauben an ein neues Album
niemals aufgeben wollte, sprach doch zu viel gegen eine tatsächliche Rückkehr
der Dexys Midnight Runners. Nach Rowlands persönlichen Problemen und einer
schweren Kokainabhängigkeit in den 1990er Jahren war es zuletzt sein
Perfektionswahn, an dem das Vorhaben zu scheitern drohte. Die genaue
Vorstellung, die der Mann mit der charismatischen Stimme von diesem Album hatte
und seine daraus resultierende Versagensangst trugen ihr Übriges dazu bei, dass
zwischen „Don’t Stand Me Down“, der dritten und bisher letzten Arbeit der Dexys
Midnight Runners, und dem nun als Dexys veröffentlichten „One Day I’m Going To
Soar“ stolze 27 Jahre liegen.
Emotionaler Celtic Soul
1978 in Birmingham gegründet, fiel
der ohne große Karriereambition betriebenen Band der Erfolg rasch in den Schoß.
Der seiner Wurzeln im Punk überdrüssige Rowland begann, New Wave und irische
Folklore mit sattem Soul zu unterfüttern. Unter Beigabe markanter Bläsersätze
als Celtic Soul definiert und von Rowlands Charakter als „emotional man“
zusätzlich befeuert, zeitigte diese ebenso ausdrucksstarke wie im Zeitalter des
aufkommenden Yuppie-Pop hochglaubwürdige Musik mit „Geno“, einer Hommage an den
US-amerikanischen R&B-Sänger Geno Washington, einen ersten Hit.
Während sich Rowlands Gespür für
die Mechanismen des Popbetriebes auch in seinem Umgang mit Styles und Images
veräußerte, erfanden sich die Dexys Midnight Runners nach Anfängen im Banden-Look
mit Album Nummer zwei – latent würdelos in zu weiten Latzhosen steckend – als
Lümmel vom Lande neu. Musikalisch korrespondierte diese Entscheidung auf
„Too-Rye-Ay“ mit der Einführung beschwingt-heiterer Bratlgeigen, die nicht nur
den bis heute größten Hit der Band charakterisieren: Das vom globalen
Formatradiomarkt zu Tode gespielte und bald mehr als Fluch denn als Segen
betrachtete „Come On Eileen“ kündet auch heute noch mehrmals täglich davon.
Rowland, der in Folge großen Druck verspürte und sich nicht nur mit
bandinternen Streitigkeiten als zunehmend schwierig erwies, ging schließlich in
Opposition. Dem Wunsch seiner Plattenfirma nach neuen Hits begegnete der Mann
mit den betont länglichen Songs von „Don’t Stand Me Down“ (1985), die teils von
Zwiegesprächen mit seinem Bassisten Pete Williams unterbrochen wurden. Das
Album floppte auch wegen Rowlands strikter Weigerung, eine Single auskoppeln zu
lassen, und besiegelte das vorläufige Ende der Dexys Midnight Runners ein
knappes Jahr später.
Alles wird gut
Rowland kämpfte fortan mit
Depressionen, seiner Suchtkrankheit und folglich mit finanziellen Problemen.
Ein erstes Solowerk erschien mit „The Wanderer“ 1988 quasi unter Ausschluss der
Öffentlichkeit, während das Coveralbum „My Beauty“ elf Jahre danach hinter die
Diskussion um die nun travestiegleiche Erscheinung des Sängers
zurücktreten musste.
Nach einer
Best-Of-Zusammenstellung mit zwei neuen Songs und einigen Live-Terminen mit
seiner alten Band im Jahr 2003 erweisen sich Rowlands seither geäußerte
Selbstzweifel und Bedenken hinsichtlich eines Comeback-Albums nun endlich als
unbegründet: „One Day I’m Going To Soar“, mit dem sich die Dexys weiter denn je
in klassische Soul-Gefilde vorwagen, ist ein großes Album mit einigen
überwältigenden Momenten geworden. Wir hören mit dem nach einem
melodramatischen Klavierintro sexuell schwer aufgeladenen „She Got A Wiggle“
schon jetzt den Song des Jahres, dem das vom zarten Soul eines Al Green
getragene „Nowhere Is Home“, das von Streicherschmelz umrahmte und sehnsuchtsvoll
gecroonte „I’m Thinking Of You“ oder die berührende, in Richtung Befreiung
verweisende Ballade „Lost“ um nichts nachstehen.
Inhaltlich legt es der heute
58-jährige Sänger über seinen Erfahrungsreichtum zwischen rückblickender
Lebensreflexion und einem Bekenntnis zur Liebe an, die hier dennoch kaum in
Erfüllung geht. Und er bekundet dem damit einhergehenden Schmerz zum Trotz
seinen Willen, nicht aufzugeben. Flucht und Resignation sind strengstens
verboten, weil am Ende doch noch alles gut werden kann, wie auch dieses Album
eindrucksvoll unter Beweis stellt. Die Verlorenheit in der Depression wird mit
der Unschuld der Kindheit konfrontiert, wobei Rowland das Zuhause im Nirgendwo
der (spießbürgerlichen) Sicherheit am Ende doch vorzieht: „I was born here
of an Irish family / But that in itself is not enough for me / Because
national identity won’t fulfill me“, wie es dabei auch so schön heißt. Und:
„I just gotta be myself / Take your Irish stereotype and shove it up
your arse!“ Mit von Stücken wie „Incapable Of Love“ musicalhaft in Szene
gesetzten Beziehungsstreitigkeiten beweisen die Dexys zwischendurch zudem
Humor, während auch die schweren Inhalte des Albums oft von
lebenszugewandt-beschwingter Musik kontrastiert werden.
Der Himmel hängt nicht nur bei
„I’m Thinking Of You“ voller Geigen. Der Protosound eines Barry White lädt mit
„I’m Always Going To Love You“ zum Liebemachen in die Federn. Und für
zusätzliche Spannung ist mit dramaturgischen Pausen im Sinne einer Gospelmesse
gesorgt.
In einer gerechteren Welt hätte
man Kevin Rowland und seine Dexys pünktlich zu diesem Sensations-Comeback für
das ohnehin gerne soullastig programmierte Jazz Fest Wien gebucht. So bleibt
einstweilen nur eine Konzertreise ins Ausland: sie wäre jeden Cent wert.
Dexys: One Day I’m Going To
Soar (Buback)
(Wiener Zeitung, 16./17.6.2012)

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