Erinnerungen an alte Urlaubserlebnisse – und eine Vorahnung ihrer längst vergessenen Begleitumstände.
Das aus dem Gesamtkunstwerk von Gerhard Polt geborgte Resümee „Da fahren wir nicht mehr hin!“ anlässlich einer Weltreise (!) käme mir persönlich eher nicht über die Lippen. Erstens weil ich bisher keine Weltreise gemacht habe. Zweitens weil ich auch nicht vorhabe, auf Weltreise zu gehen. Und drittens weil ich entgegen meinem Ruf als Reisemuffel unter dem globetrottenden Teil meines persönlichen Umfelds noch für jede Reiseerfahrung dankbar war, die ich machen durfte. Sprich dürfen musste. Allein schon wegen . . . der Erfahrung.
Irgendeinen Sinn wird es beispielsweise sicher gehabt haben, als einmal mein Gepäck ohne mich nach New York geflogen ist, während ich in Washington, D.C. vor allem den gar nicht so beeindruckenden Dulles International Airport bewundern durfte. Selbstverständlich wurden nach einem völlig missglückten Anreisetag auch meine Entschädigungsgutscheine für das Hotelrestaurant und dessen Bar nicht akzeptiert: „Sir, no alcohol!“ (Die Rede ist von einem ohnehin nicht trinkbaren Bud Light.)
Und auch diverse Nahtoderfahrungen durch etwa einen griechischen Taxifahrer beim Ausleben seiner offenbar gescheiterten Erstkarriere in der Formel 1, in einer 18-sitzigen Propellermaschine aus einem vorvergangenen Jahrhundert vor dem Start in die Gewitterfront oder während eines ungefähr zehnminütigen Überholmanövers eines Sattelschleppers durch einen fußmaroden Fahrer in einem Bus mit geschätzten 30 PS – bergaufwärts in einer lang gezogenen Kurve im südostasiatischen Dschungel – fallen mir ein. Einmal ganz abgesehen von Nahtoderfahrungen wie Essengehen in London, Straßenüberquerungen in Neapel, einer Polterreise nach Mariazell oder einem Urlaub in Kärnten (mit der Tafel „Vom Blitz gespaltener Baum“ als Erlebnishighlight).
Zwei Jahre nach Ausbruch der Corona-Pandemie ist zwar die Sehnsucht nach der Ferne zurück. Mit ihr, gleich nach einem Wochenende der Reiseplanung, aber auch die Erinnerung daran, was mir in der Zwischenzeit sicher nicht gefehlt hat: Das Durchforsten diverser Buchungsplattformen, das Überprüfen zahlloser Hotelzimmer auf ihr Für und Wider, das sich mehrmals schon fix Entschiedenhaben und das wiederholte die Entscheidung Verwerfen, natürlich aus triftigen Gründen (entsetzliche Tapete, nicht vorhandenes Bügeleisen, du meine Güte, liegt da der Lurch unter dem Bett??) – sowie eine ferne Vorahnung der in der Zwischenzeit gut verdrängten Begleitumstände: Flughäfen und Flugzeuge als solche, genervte Passagiere an sich, „KIMBERLY, DU BIST JETZT RUHIG!“, kurzfristig verschobene oder abgesagte Flüge, Zwischenlandungen, zu heiß, zu kalt, zu nass, zu trocken, zu laut, zu schiach. Zu wäh!
Nein, liebe Freundinnen und Freunde, ich bin sicher kein Reisemuffel. Aber vielleicht fahre ich dort wirklich nicht mehr hin – wo auch immer es sich befindet.
(Wiener Zeitung, 26./27.2.2022)

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