Über Freund H., den Krawallschläfer, und einen berühmten historischen Schnarchbären. Kolumne im "extra".
„Seh’ die Bäume hinter Bäumen, / Wie sie schnell vorüber rücken / Und die Klippen, die sich bücken, / Und die langen Felsennasen, / Wie sie schnarchen, wie sie blasen!“ Meinetwegen hätte sich Johann Wolfgang von Goethe angesichts seiner in „Faust I“ verdichteten dritten Harzreise im September 1784 ja nicht anstellen müssen wie eine etwas übersensibel, also angefressen auf allfällige Geräusche reagierende Diva, die vergessen hat, Ohropax und/oder Valium in die Reiseapotheke zu packen. Aber natürlich konnte der Mann noch nicht meinen Freund H. als Vergleichswert heranziehen, der mich unlängst bei einer gemeinsamen italienischen Reise anlässlich eines runden Geburtstages mit einer mir bisher nicht bekannten Angewohnheit überraschte.
„CHRRR-FFFFF! CHRRR-FFFFF!“ Du meine Güte! Freund H. klingt im Schlaf wie ein alter Traktor, der nicht anspringt – wobei der Bauer bei aller Aussichtslosigkeit trotzdem nicht und nicht aufgeben will. Im Gegensatz zu den von unserem Dichterfürsten recht fantasievoll geschilderten, aber tatsächlich existierenden Schnarcherklippen in Sachsen-Anhalt, die ihre volle Geräuschkulisse nur bei Südostwind entfalten, neigt Freund H. leider nicht zur Teilzeit-Schlafapnoe. Nein, er rüsselt, säbelt und sägt so lange durch, bis draußen endlich wieder der Berufsverkehr einsetzt. Musik in meinen Ohren! Der laut Guinness-Buch der Rekorde bisherige Höchstwert von 93 Dezibel im Fachbereich Rhonchopathie dürfte durch Freund H. jedenfalls ernsthaft gefährdet sein. Wir sprechen vom Lautstärkepegel einer Motorsäge in wenigen Metern Entfernung.
„CHRRR-FFFFF! CHRRR-FFFFF!“ Bereits um 23:45 Uhr in der ersten von zwei sehr langen Nächten habe ich das Internet nach Trost und Rat durchforstet. Beinahe wäre ich auf der Website des Schnarchmuseums in Alfeld fündig geworden. Leider aber hatte ich nicht zufällig wie Dionysos meinen Thyrsosstab mit dabei, an den ich einen Pinienzapfen hätte befestigen können, um wie einst der Gott des Weines seine Gespielinnen anzuweisen, den notorischen Schnarchbären im Bedarfsfall damit zu wecken. Also habe ich Freund H. einfach so die eine oder andere Tachtel verabreicht. Im Herzen bin ich natürlich weiterhin Pazifist.
In Tirol wandelt ein Mediziner derzeit übrigens auf den Spuren eines bereits im Jahr 2006 erfolgreichen Forschungsteams aus der Schweiz, das Krawallschläfer ausgerechnet mit Didgeridoospielen besänftigt hat. Bevor wir jetzt aber über diverse andere akustische Zumutungen zu diskutieren beginnen, zu denen, bevorzugt in Fußgängerzonen, neben Panflötensolos und verstrahlten Hangklängen auch das dumpf im Obertonbereich wummernde Alphorn der Aborigines gehört, mache ich mich lieber wieder ans Buchen. Zwei Einzelzimmer auf unterschiedlichen Stockwerken in zwei jeweils am anderen Ortsende gelegenen Hotels sind auch eine Lösung. Gute Nacht!
(Wiener Zeitung, 11./12.6.2022)

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