Freitag, August 12, 2022

Leise flehen ihre Lieder

Culk-Sängerin Sophie Löw wird als Sophia Blenda zur Solistin. Jetzt erscheint ihr Debütalbum.

Über den Albumtitel „Die neue Heiterkeit“ wird relativ bald zu diskutieren sein. Schließlich kommt bereits der Eröffnungssong nicht frohgemut im engeren Sinn daher. Im Schwebezustand einer Art Dream-Pop-Meditation singt Sophia Blenda mit ihrer immer nach der einen Valiumtablette zu viel klingenden Stimme silbenverschluckend wie seit Peter Weibel bei Großtaten mit dem Hotel Morphila Orchester („Sex in der Stadt“, „Dead In The Head“) exakt niemand mehr: „Werden meine Tränen Farben bekennen können vor dir? / In deiner Gegenwart / Bin so offenbart, es ist so offenbar / Du siehst nicht, du siehst nichts / Die Transparenz ist zu transparent / Die Durchsicht ungesehen ob der fehlenden Weitsicht / Wo bleib ich, wo bleib ich nur . . .“

Im danach gereichten Schlüsselstück „Wie laut es war“ stellt sich die Sachlage allerdings auch nicht besser dar. Im Gegenteil: Zu einem verschleppt-verschlurften rhythmischen Unterbau aus dem Laptop und einem allgemeinen Setting zwischen klassischem Klavier- und modernem Kunstlied, also im Wesentlichen auch zwischen Franz Schubert (Leise flehen ihre Lieder . . .) und der an dieser Stelle als Einfluss unüberhörbaren heimischen Trauerfürstin Anja Plaschg alias Soap&Skin, zieht sich die Schlinge noch einmal enger.

Still-in-bed-Vortrag

Beklemmung, Unwohlsein, Atemnot. Es bleibt einem die Luft, allerdings auch die Spucke weg. Sophia Blenda ist 26 Jahre alt. Traurig ist sie sowieso. Und sie legt es passend zum später nachgereichten Bekenntnis „Manchmal verfalle ich der Dunkelheit“ hier auch recht drastisch an: „Still gelegte Feuer aus dritter Hand / Können Jahre besetzen / Sie drückt dich dicht an die Wand / Still befohlene Sätze aus zweitem Mund / Die niemand außer dir jemals zu hören bekommt / Stimmen, die nicht mehr untergehen / Und Schlingen, die nicht mehr aufgehen.“

Sophia Blenda wurde unter ihrem bürgerlichen Namen Sophie Löw als Sängerin der Wiener Band Culk und dabei als heimliche Hoffnungsträgerin der heimischen Szene bekannt. Bereits die Debütsingle „Begierde/Scham“ aus dem Jahr 2018 war eine musikalische Machtdemonstration auf den Spuren des immergrauen Post-Punk, der sich hier unter Federschaft der Frontfrau ein zeitgenössisch-feministisches Update erlaubte. Wobei die Sängerin mit der zwischen deutschem Theater und genuscheltem Out-of-bed-, nein Still-in-bed-Vortrag zerrissenen Stimme dem Matriarchat und #MeToo in den Texten viel Raum ließ, um abseits der Agitation sehr gerne aber auch einer Leidenschaft, die Leiden schafft, nachzuspüren. „Gedankengefesselt, gedankenentfesselnd / schweigt sie für ihn / Die Nicht-Worte schnüren sie zu bis obenhin / Sie ist so wunderschön verschwiegen / er kennt nur sich / Sie sieht ihn nicht an / Er will, dass sie muss / Sie tut es ohne zu sehen . . .“ So klang und klingt das auch bei Culk sehr gewinnend und mitunter ein wenig rätselhaft.

Warum Sophie Löw als Sophia Blenda jetzt zusätzlich den Solopfad einschlägt, ist vergleichsweise leicht erklärt. Erstens weil sie es kann. Und zweitens, weil bei aller hier immer auch hörbaren Verwandtschaft zumindest eine deutliche Abgrenzung dann doch stattfindet: Im Gegensatz zu den im Wesentlichen auf bewährter Basis von Gitarren, Bass und Schlagzeug holternden und polternden Songs ihrer Band hört man auf „Die neue Heiterkeit“ Kammerpop, der sich aus der Ruhe speist. Trotz aller Drastik und Dramatik im Inhalt bleibt der Ausdruck weitgehend dem Understatement verpflichtet. Dräuende Todesmarschrhythmen im Industrial-Remix, zu denen ein Exorzismus auf Gesangsbasis durchgeführt wird, sind anders als bei Kollegin Soap&Skin eher nicht zu erwarten. Dazu bevorzugt Sophia Blenda auch solo einen gewissen Minimalismus. Mit einer Spieldauer von gerade einmal 32 Minuten bewegt sich „Die neue Heiterkeit“ im Bereich der beiden bisher erschienenen Culk-Alben „Culk“ (2019) und „Zerstreuen über euch“ (2020).

Trost und Druckblass

Neben unterschwellig brodelnden Soundatmosphären, einem mitunter durchbrechenden Knarzen und Knirschen, mit Trauerflor bekränzten Klavierakkorden und milden Streicherbeigaben hört man bei „Fear Is An Empty Space“ aber auch ein gut im (Nach-)Hall der 1980er Jahre gebadetes Sprechstück sowie mit dem Song „Ties“ über akkurat-männliche Businesskleidung (mit dem schönen Satz „I feel like a unicorn wearing your I’m-a-successful-man-uniform“) vielleicht so etwas wie Sophia Blendas eigene Spielart von modernem R&B.

„Fun“ mit seinen offenbar durch die Clubtür pochenden Bässen ist eine Hymne auf die Nachtschwärmerei und den Tagediebstahl – sowie auf den Exzess als gutes altes Druckablassventil. Und „BH“, das diesfalls nicht nur für ein Kleidungsstück steht („Befangene Haltung in neu begriffener Haft / Befleckende Hemmung durch deine Augen“), vertieft Blendas Beschäftigung mit dem Themenkomplex Körper, Macht und Weiblichkeit.

Bevor der Schlussakkord mit dem Titelstück unter tröstlichen Vorzeichen steht, ist die Wandlung zur Liedermacherin spätestens aber mit der tatsächlich zum Heulen schönen Tränendrückerballade „Hysteria“ vollzogen. Die künstlerische Wucht, die sich dabei entfaltet, sie ist auf stilles Pathos gebaut.

„Die neue Heiterkeit“ von Sophia Blenda erscheint am 19.8. via Siluh/Pias/GoodToGo. Albumpräsentation am 17.9. im Wiener Volkstheater.

(Wiener Zeitung, 13./14.8.2022)

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