Vielleicht schreibe ich anstatt dieser Glosse in Zukunft ein Buch. Kolumne im "extra".
Am 29. Oktober 1786 mag Johann Wolfgang von Goethe auf seiner „Italienischen Reise“ in Rom eingetroffen und dort an der Porta del Popolo aus der Kutsche gestiegen sein, nachdem er auf der Fahrt das Land der Zitronen bewundert hatte: „Verona, Vicenz, Padua, Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flüchtig und Florenz kaum gesehen. Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so groß, (. . .) daß (. . .) ich mich nur drei Stunden in Florenz aufhielt. Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben beruhigt.“ Und er geriet in der Ewigen Stadt auch fürderhin entsprechend ins Schwärmen: „Wie moralisch heilsam ist mir es dann auch, unter einem ganz sinnlichen Volke zu leben, über das so viel Redens und Schreibens ist . . .“
Ja, von mir aus. Aber reden wir jetzt lieber darüber, wie ich einmal mit dem Postbus von Ried im Innkreis über Ottenbach bei Tumeltsham und Haag am Hausruck nach Geboltskirchen gefahren bin, um den Blick auf das Land der Mostbirnen zu richten. Das Verlangen, Geboltskirchen zu sehen, war der Sehnsucht Goethes nach Rom wohl nicht ebenbürtig, auf jeden Fall befand auch ich mich unter dem „Volke“, das sich auf seine sehr eigene Weise als sinnlich erwies.
– Griass di, Sepp!
– Hons, jo, griass di!
–
A Foahrkortn, bittsche.
–
Do, bittsche.
–
Dongdasche.
–
Sche trucka is heit wieda, goi? Und mir rinnt da Schwitz hintn obi.
–
Jo, wos glaubst.
–
Und oiwei ho is drawig. Dawei warat i gestan nu a so vü gern huckabliem beim
Bratl in da Rei . . . Heit mua i wieda enta hoam, wei ma d’Geli scho aufn Rauna
woat.
–
Wost net sogst. Donn dua mas sche griassn, d’Geli, goi? I mua aussi. Pfiati God!
– Dongdasche. Pfiati.
Zeit blieb genug, um den Zauber der vorbeiziehenden Landschaft zu genießen, die Lagerhäuser, die Silos, die Golf GTIs, diverse Kirchen und ebenso viele Kirchenwirte, von denen ich einen besuchte. „Nun aber zu Milderung des künstlerischen Ernstes ein heiteres Abenteuer. Ich bemerkte wohl, daß mehrere deutsche Künstler, zu Tischbein als Bekannte tretend, mich beobachteten und sodann hin und wider gingen.“ Doch wem sagt der Dichterfürst etwas über heitere Abenteuer? So viele Leute den Kirchenwirt verlassen wollten, nachdem ich mich vorgestellt hatte („Ich bin aus Wien“), waren zuvor gar nicht in der Gaststube gewesen.
„Anderer Orten muß man das Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon (. . .) überfüllt.“ Ob der schwärmende Goethe über das Hausruckviertel ähnlich geurteilt hätte, man weiß es nicht, 200 Jahre später sah Thomas Bernhard in der Region jedenfalls nur noch Nazis: „Eine Hochburg des Nationalsozialismus, gleichzeitig eine Hochburg des Katholizismus“, wie es dazu im Roman „Auslöschung“ heißt.
Vielleicht schreibe ich anstatt dieser Glosse in Zukunft ein Buch. Für die „Österreichische Reise“ habe ich etwa die Kapitel „Von Meidling nach Mödling“ und „New York, Paris, Unterstinkenbrunn“ bereits fertig.
(Wiener Zeitung, 29./30.10.2022)

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