Dienstag, Januar 20, 2026

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Dieser Blog ist (und bleibt) grundsätzlich archiviert. Zu naheliegend war es, die Textsammlung im Sommer 2023 mit programmatischen Beiträgen wie „Abrissparty mit Steppdecke“ oder „Es ist vorbei – bye-bye!“ zu beenden. Anderswo ging die Arbeit im weitgehend gewohnten Duktus (allerdings mit Zug zum Essay und ohne die bisher gepflegten Schwerpunkte in den Formaten Rezension und Glosse) aber weiter.

An dieser Stelle daher ein kurzes Update für die Rubriken „Was seither geschah“ und „Was wurde eigentlich aus …?“ mit einer Auflistung der in den Jahren 2024 und 2025 entstandenen Beiträge für die mittlerweile eingestellte Kulturzeitschrift „Das Feuilleton“ (2024–2025). Einzelhefte können übrigens aus dem Archiv nachbestellt werden. Interessierte klicken dafür bitte auf diesen Link.

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Feuilleton Nr. 1: Startbuttons und Urschreie
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Davon wird nicht zuletzt im Pop ein ewiges Lied gesungen. Eine assoziative Rundschau zwischen absoluten Beginnern, Startbuttons und dem Urschrei des Rock ’n’ Roll.

Feuilleton Nr. 2: Alkopop und Whiskeyströme
Nicht nur im guten alten Rock ’n’ Roll gibt es keinen „Dry January“. Eine Zechtour durch die Unterhaltungsmusik als Gegenprogramm aus gegebenem Anlass.

Feuilleton Nr. 3: Der Jesus aus Tagada-Land
Geschmackssicherheit und musikalischer Tiefgang werden allgemein überschätzt: Mit seiner Band Scooter schreibt er seit 30 Jahren ein spezielles Kapitel deutscher Popgeschichte, jetzt feiert H. P. Baxxter seinen 60. Geburtstag.

Feuilleton Nr. 4: Sie sind unter uns
Aliens bevölkern das Popuniversum seit jeher. Eine kleine Raumreise anlässlich des neuen Albums der Einstürzenden Neubauten, „Rampen (apm: alien pop music)“.

Feuilleton Nr. 6: Winsel, kreisch, Gitarrensolo!
Vor 40 Jahren erschien „Purple Rain“ von Prince. Mit seinem sechsten Album wollte der „sexy Motherfucker“ endgültig zum globalen Popsuperstar werden – das gelang spielend.


Feuilleton Nr. 7: Träumen vom Meer ist zu wenig
Italien bestimmt nicht nur den deutschsprachigen Schlager als Sehnsuchtsort und Klischeebild. Doch manchmal ziehen auch im Land, wo die Zitronen blühen, Wolken auf.
 

Feuilleton Nr. 8: So long, Leonard
Am 21. September vor 90 Jahren wurde Leonard Cohen geboren. Ein kleines ABC auf den Spuren des großen Liedermachers, der heute im „Tower Of Song“ weiterlebt.

Feuilleton Nr. 10: Es lebe der Zentralfriedhof
Drah di ned um – da Pompfüneberer geht um! Der Tod ist im Austropop allgegenwärtig. Ein musikalischer Grabbesuch zwischen Endzeitstimmung und heiterer Himmelfahrt.

Feuilleton Nr. 12: Geschmacksfragen als weltliche Glaubenskriege
Menschen definieren sich stark darüber, was ihnen gefällt – und was nicht. Die Subjektivität der Vorlieben garantiert neben leidenschaftlichen Diskussionen auch ganz schön viel Streit.

Feuilleton Nr. 13: Babylon Hoamatland: Akrat, a Bunki!
„Bunki“, „Beng“ und „blohappad“: Ma, he! Warum man Deutsch verlernen muss, um Oberösterreichisch zu sprechen.

Feuilleton Nr. 14:
Grillen, bis die Rettung kommt
Alljährlich in der Sommersaison werden Männer, die nicht kochen können, im globalen Schrebergarten für das Verkohlen von Fleischteilen gefeiert. Ein Missverständnis.

Feuilleton Nr. 16: 
Die KI setzt jetzt auf Engtanz
Der enigmatische YouTuber marceve76 versetzt Albumklassiker der Pop- und Rockgeschichte mithilfe künstlicher Intelligenz zurück in die 1950er-Jahre. Das ist erschreckend und faszinierend zugleich.

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Womit wir wieder beim Anfang dieses Eintrages wären: „Dieser Blog ist (und bleibt) grundsätzlich archiviert.“ Ich bedanke mich für die Aufmerksamkeit und die Treue! 

(20.1.2026) 

Sonntag, März 09, 2025

Buch-Ankündigung: „Die Spitzmauskarawane“

Wir haben 111 Glossen über Alltag, Natur und sonstige Zumutungen zu einem Lesebuch kompiliert. „Die Spitzmauskarawane“ erscheint am 7. April 2025.

Aus dem Pressetext:

Im Juni 2023 ist die letzte Printausgabe der traditionsreichen »Wiener Zeitung« erschienen, und mit ihr zum letzten Mal ihre Beilage »Extra«. Fast vier Jahrzehnte war »Extra« die maßgebliche Wochenendbeilage unter den österreichischen Tageszeitungen, voll mit weltgewandten Essays, Besprechungen und Reflexionen von A wie Architektur bis Z wie Zeitgenossen. Ein wichtiger Bestandteil waren die Glossen, die von den zahlreichen Beiträger:innen in Form von Texten, Fotos und Cartoons auf feinsinnige wie originelle Weise aufs Papier gebracht wurden. Das Herausgebertrio Andreas Rauschal, Gerald Schmickl und Andreas Tesarik hat aus dem vielfältigen Kaleidoskop an pointierten, nachdenklichen und geistreichen Texten über die großen und kleinen Dinge des Lebens wie Bücher, Internet, Autos, Liebe, Geld, Klima und vieles mehr ein Best-of für diesen Band ausgewählt. 


Andreas Rauschal, Gerald Schmickl, Andreas Tesarik (Hg.): Die Spitzmauskarawne. 111 Glossen über Alltag, Natur und sonstige Zumutungen. E.T. 7. April 2025. Verlag Edition Atelier, 256 Seiten, 24 Euro. 

Klappenbroschur, mit zahlreichen Cartoons und Beiträgen von Wolfgang Ammer, David Axmann, René Freund, Stefanie Holzer, Walter Klier, Margit Krammer, Hans-Paul Nosko, Irene Prugger, Mario Rausch, Andreas Rauschal, Holger Rust, Hermann Schlösser, Gerald Schmickl, Andreas Wirthensohn, Franz Zauner.

Wir präsentieren unser Buch an folgenden Terminen (und freuen uns über reges Interesse):

09.04.2025: Wien, Presseclub Concordia
13.05.2025: Wien, Café Museum
23.05.2025: Scharnstein im Almtal, Kulturzentrum Schönau
27.05.2025: Innsbruck, Buchhandlung Liber Wiederin

Donnerstag, Juni 29, 2023

Es ist vorbei – bye-bye!

Abschiede regieren den modernen Popsong seit jeher. Jetzt singen wir unser letztes Lied.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei: Wird im Popsong Abschied genommen, hat das in erster Linie damit zu tun, dass aus jeder Boy-meets-girl-Geschichte irgendwann einmal eine Boy-loses-girl-Geschichte werden muss. Auch wenn es wahrscheinlich ist, dass man sich zuvor „glücklicherweise nur“ auseinanderliebt und wie der Ich-Erzähler in Elvis Presleys gleichnamigem Song von zu Hause ausziehen und im „Heartbreak Hotel“ einchecken muss, spielt letztlich auch das vor allem aus Hochzeitsfilmen bekannte Motto „Bis dass der Tod uns scheidet“ eine gewisse Rolle.

In seinem „Death Letter Blues“ kann etwa der 1902 in Riverton, Mississippi, geborene Delta-Blues-Musiker Son House ein Lied davon singen: „I got a letter this morning, how do you reckon it read? Say, ,Hurry, hurry! The gal you love is dead.‘“ So oder so: Herzen brechen, Tränen fallen. Zahllose Popsongs künden davon.

Wo es wehtut

Auseinandergehen ist schwer: Kein anderes Genre zielt diesbezüglich wirkmächtiger in die Herzen Dritter hinein und sorgt somit verlässlicher für ein emotionales Entlastungsgerinne. Auch stellvertretend lässt es sich bekanntlich gut leiden. Und man kann damit im Idealfall sogar Therapiekosten sparen. Die Anlage aufgedreht, eine gute Flasche Rotwein geköpft und das Schnäuztüchl bereitgelegt . . . Es sei denn, man geht zu oft dorthin, wo es wirklich wehtut. Sensible Gemüter seien etwa vor dem US-Songwriter Townes Van Zandt gewarnt, der einmal meinte: „Nicht alle meine Lieder sind traurig. Einige von ihnen sind auch hoffnungslos.“

Wie viele Swimmingpools mit Tränen gefüllt werden könnten, weil jemand, sagen wir, „Yesterday“ von den Beatles oder „Back To Black“ von Amy Winehouse gehört hat, ist nicht bekannt. Dass sich die Kunst etwas von der Scheidungsindustrie abschauen kann, ist aber spätestens anzunehmen, seit „Rumours“ von Fleetwood Mac aus dem Jahr 1977 mit seinen mehr als 40 Millionen verkauften Einheiten nicht nur als eines der erfolgreichsten Trennungsalben aller Zeiten gilt.

Mit Trauerflor

This is the end, beautiful friend: Ursprünglich als Break-up-Song angelegt, bald aber allumfassend endzeitlich gedeutet, kommt man im Themenfeld natürlich auch an „The End“ von den Doors nicht vorbei. Der im Jahr 1966 aufgenommene Song fiel in der Coverversion von Nico 1974 und somit drei Jahre nach dem Tod von Jim Morrison noch deutlich beklemmender aus. Das schwärzeste Schwarz aller Zeiten inklusive Trauerflor und keiner Hoffnung auf nichts mehr: „The end of laughter and soft lies / The end of nights we tried to die.“

Glücklicherweise gibt es mit „Closing Time“ von Leonard Cohen und „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“ von R.E.M. aber auch Lieder, die es schaffen, selbst der Apokalypse den Schrecken zu nehmen. Hier klingt sie nicht von ungefähr beinahe heiter. Schließlich fallen auch nicht alle Trennungslieder aus Sicht des Verlassenen geplagt-gequält aus, sondern berichten sowohl im Gockel-Rock von Led Zeppelin (mit ihrem „Babe I’m Gonna Leave You“-Cover) als auch im Kuchlradioschlager von Engelbert Humperdinck („Release Me“) aus der Gegenperspektive von der Notwendigkeit loszulassen. Eine konkretere Anleitung dahingehend ist wiederum mit „50 Ways To Leave Your Lover“ von Paul Simon verbrieft.

Was uns auch bereits zur Frage führt, wie man eigentlich abtreten sollte. Mit Whiskeyglas, Pathos und ergriffen von sich selbst wie Frank Sinatra, der „My Way“ singt? Niemals. Rührselig säuselnd wie Céline Dion mit „My Heart Will Go On“? Sicher nicht. Dann schon eher im Zeichen des gepflegten Revenge-Songs mit einem herzlichen „Fuck You“ wie CeeLo Green oder mit Scout Niblett und „Gun“, einem äußerst schlagkräftigen Beitrag zum Thema Vendetta. Peng!

In die Grube

Realbiografisch hat Popliebhabern mittlerweile der letzte aller Abschiede wiederholt ziemlich schwer zugesetzt. Mit dem Tod persönlicher Helden und Heldinnen von Prince über George Michael bis hin zu Tina Turner ging für viele auch die eigene Jugend dahin. Das öffentliche und im Werk bis zur Bahre aufgearbeitete Sterben von David Bowie und Leonard Cohen hat für Überwältigung, Respekt und tief empfundene Trauer gesorgt. Und weil der Nachruf das musikjournalistische Genre der Gegenwart und Zukunft ist, sollte man sich auch selbst daran erinnern, den Bestatter rechtzeitig über die gewünschte Begräbnissetlist zu informieren. Man will auf dem Weg in die Grube ja nicht ausgerechnet mit „Candle In The Wind“ von Elton John zwangsbeglückt werden.

„Fading / Falling / Melting / Sinking / Disappear“: Aktuell gehört übrigens „Vanishing“ von Circuit des Yeux zu den besten Songs, die jemals über das Ende, den Abschied und das Verschwinden geschrieben wurden. Verschwinden ist, das Wort sagt es schon, ein Prozess, der langsam erfolgt – zersetzend, qualvoll und hinterhältig. Ein Song über die Auslöschung einer ganzen Tageszeitungsredaktion muss noch geschrieben werden. Aber erinnern wir uns ganz am Ende auch an Bob Dylan in seiner christlichen Phase. „When you’re sad and when you’re lonely / And you haven’t got a friend / Just remember that death is not the end.“ In diesem Sinne!

(Wiener Zeitung, 30.6.2023)

Ende mit ohne Serviette

Ein Selbstporträt zum Abschluss, oder: Wer oder was ich im „extra“ der „Wiener Zeitung“ auch war.

Hallo! Mein Name ist Andreas Rauschal. Sie kennen mich vielleicht noch aus Artikeln wie „Tanz den HC Strache!“, „David Hasselhoff live: Ein Auto, eine Boje, ein Mann“ oder „Dieter Bohlen in Wien: Gar nicht so mega“, dem Text mit meinem persönlichen Klick-Rekord, den jedes jetzt angeblich für mehr Klicks sorgende Onlinemedium definitiv nicht übertreffen wird.

Bevor ich in Zukunft nicht vorhabe, mich wie der abgehalfterte B-Movie-Schauspieler Troy McClure aus den „Simpsons“, von dem ich mir den Einstieg in diesen Text ausgeborgt habe, als Testimonial mit viel Vergangenheit und keiner Zukunft im Privat- oder gar als Shopping-Animateur im Verkaufsfernsehen zu verdingen („Bestellen Sie die Antisept-Teflonpfanne jetzt und erhalten Sie diese hochwertige Edelstahl-Nudelzange von Eros Amore NUR MEHR HEUTE gratis dazu!“), möchte ich Ihnen noch schnell ein kleines Geheimnis verraten.

Ja, es stimmt. Sie haben mich im „extra“ der „Wiener Zeitung“ vielleicht als Kasperl vom Dienst auf der Glossenseite sowie im Feuilleton als Musikkritiker kennengelernt, der furchtlos dorthin ging, wo niemand sonst je freiwillig hingehen wollte (siehe oben). Vielleicht haben Sie mich zwischen den Zeilen auch dort erkannt, wo ich Texte aus fremder Feder eingerichtet, feingeschliffen, herausgeputzt oder verschlimmbessert habe (meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld!). Womöglich ist Ihr Blick im Impressum aber auch einfach nur auf meinen Namen gefallen und Sie haben sich dabei gedacht, was Sie sich in Zukunft erst recht denken werden: „Ah! Nie gehört.“

In meiner intern zentralsten Rolle bin ich Ihnen aber auf jeden Fall unbekannt. Dafür werde ich meiner „extra“-Führungsfachkraft und allfälligen mit akutem Kuchenhunger bei uns im Büro einfallenden Kolleginnen und Kollegen vor allem in einer Funktion fehlen. Immerhin habe ich mich in unserer Abteilung nicht eigens zum Serviettenbeauftragten hochgearbeitet, um auch noch als solcher in Vergessenheit zu geraten.

Die Serviette, die in Zukunft bei jeder Pause fehlen wird, das bin jetzt ich. Die Lücke, die mich ersetzt, ist ein Stoffbehelf, der nicht mehr existiert – woran man die Notwendigkeit alles Haptischen dann ja vielleicht doch noch erkennen könnte. Im Gegensatz zu Nichtigkeiten wie, sagen wir, einer Tageszeitung lassen sich die wirklich wesentlichen Dinge ja nicht so einfach digital transformieren.

Erst wenn die letzte Serviette . . . werdet ihr merken . . .  dass man … Aber entschuldigen Sie mich jetzt! Gerade spazieren die Kollegen mit etwas herein, das mir nach Guglhupf ausschaut.

(Wiener Zeitung, extra spezial, 30.6.2023)

Mittwoch, Juni 28, 2023

Seelenmesse im Holz

Die britische Songwriterin PJ Harvey ist wieder da. Kommende Woche erscheint ihr neues Album.

„So look behind and look before / At life a-knocking at death’s door / So look before and look behind / At life and death all intertwined“: Ein zentrales Thema des Albums wird bereits zum Auftakt mit dem von PJ Harvey im Kirchenlied- und Trauermarschduktus gegebenen Song „Prayer At The Gate“ vorweggenommen. Immerhin ist auf dem Cover ihres kommende Woche erscheinenden neuen und mittlerweile zehnten Studioalbums „I Inside The Old Year Dying“ (Partisan Records/Pias/Rough Trade) nicht von ungefähr ein totes Stück Holz abgebildet. Der karge Ast auf leichentuchweißem Hintergrund steht nicht nur für die Schutzbedürftigkeit von Mutter Natur und den für ein im Hochsommer veröffentlichtes Album eher überraschend ins Visier genommenen Übergang der Jahreszeiten in die Herbst-Winter-Saison. Er steht sinnbildlich auch für den langsamen Abschied – und das Ende von allem.

An der Schwelle

Nach der Tour zu ihrem Vorgängeralbum „The Hope Six Demolition Project“ von 2016 ist die heute 53-jährige Britin in ein existenzielles Loch gefallen. Das ewige Hamsterrad aus Albumproduktion und Ochsentour hat PJ Harvey müde gemacht. Nach knapp dreißig Dienstjahren kam der Sängerin und Songwriterin zwischenzeitlich sogar die Idee, sich beruflich neu zu orientieren. Man kennt das – im Regelfall aber als aufgedrängtes Gedankenspiel, das an die Substanz geht und den Schlaf raubt. Es hieß einatmen und ausatmen. Nachdenken und sich sammeln. Und schließlich weitermachen: Am Ende ist PJ Harvey dann doch wieder in einem Londoner Studio gelandet, um mit Unterstützung ihrer alten Weggefährten und kreativen Soulbrothers John Parish und Mark Ellis alias Flood zu machen, was sie am besten kann.

Nach ihrer im Jahr 2011 mit dem Album „Let England Shake“ eingeläuteten politischen Phase regiert auf „I Inside The Old Year Dying“ nun wieder die Innenschau. Wobei die zwölf in knapp 40 Spielminuten gereichten Songs vor allem das Dazwischen fokussieren: Neben den erwähnten Jahreszeiten und der Schwelle zwischen Leben und Tod geht es nicht zuletzt um den Graubereich zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein – und mit Erinnerungssplittern dorthin, wo man aus Erwachsenenperspektive erneut an die Kindheit denkt. Die liegt jetzt auch schon wieder ein wenig zurück und verschwimmt mitunter wie ein etwas seltsamer Traum vor dem geistigen Auge. Man weiß es zwar noch ganz genau – aber ob es auch wirklich so war?

Mut zur Lücke

Die Autoharp als zentrales Instrument von „Let England Shake“ und die in den Vordergrund gestellten Bläser von „The Hope Six Demolition Project“ bleiben diesmal auf dem Dachboden verstaut. Den messerscharfen Blues von seinerzeit hat PJ Harvey gegen einen verästelten Folkrock mit feinen Zweigen getauscht. Nach dreiwöchiger Schreibarbeit wurden die Stücke schließlich im Studio improvisiert und überwiegend live eingespielt. Nicht immer fallen die Ergebnisse dabei so atmosphärisch dicht aus wie in Miniaturen wie dem keine drei Minuten dauernden „August“, zu dem man am besten nichts macht außer sich an einem heißen Sommertag in die Wiese zu legen und den Wolken beim Vorbeiziehen zuzusehen.

Oft hört man den Songs das Dazwischen auch in ihrem Mut zur Lücke an. Spröde und teils spartanisch angelegt, fallen sie nicht unbedingt mit der Tür ins Haus. Auf Standout-Tracks und Gänsehautmomente, die sich zwischendurch natürlich trotzdem einstellen, scheint PJ Harvey diesmal nicht aus gewesen zu sein. Stattdessen funktioniert das Album vor allem als in sich geschlossene Einheit.

Das Ende

„March wull sarch, Eäpril wull try / Mäy u’ll tell if you’ll live or die“: Als Schwesternstück zu ihrem im Vorjahr vorgelegten Versroman „Orlam“ im Dialekt ihrer südwestenglischen Heimatregion Dorset geschrieben und eingesungen, übersetzt die Musik dabei, was man sich an den Texten bisweilen erarbeiten muss. An biblischen Motiven jedenfalls herrscht kein Mangel, während es über „Lwonesome Tonight“ (sic!) als Gottsuche mit Elvis oder „All Souls“ als Seelenmesse im Holz schließlich in die zweite Hälfte des Albums geht, in der PJ Harvey doch noch zu alter Stärke aufläuft. Erwähnt sei etwa das knochentrockene „A Child’s Question, July“ im Duett mit John Parish oder die händeringende Folk-Litanei „I Inside The Old I Dying“, bei der nicht von ungefähr das letzte Geläut vom Kirchturm her schallt. PJ Harvey erwartet den Erlöser – und geht zum Schluss als Geist unter Geistern um.

Über „A Noiseless Noise“ kreisen dann schon die Fliegen. Die Absenz bricht sich Bahn, ein Leerraum entsteht. Es stinkt zum Himmel: „Go home now love, leave your wandering“: Das ist der letzte Satz des Albums. Und dies ist das Ende.

(Wiener Zeitung, 29.6.2023)

Donnerstag, Juni 22, 2023

Abrissparty mit Steppdecke

Die deutsche Band Deichkind begann ihre „Neues vom Dauerzustand Tour“ live in der Wiener Stadthalle.

Wenn du glaubst, es geht nicht mehr – und das ist jetzt in erster Linie quantitativ gemeint –, kommt von irgendwo ein überdimensioniertes Bierfass daher. In dem hat sich die deutsche Band Deichkind verschanzt und lässt sich darin einmal quer durch die Wiener Stadthalle rollen. Prost! Lange, nachdem das Konzert zum Auftakt der „Neues vom Dauerzustand Tour“ am Mittwoch vor 10.000 Fans mit „99 Bierkanister“ eröffnet wurde und noch bevor zur Umdichtung der „Internationalen“ im Zeichen des Trinkspruchs („Hört ihr die Signale? Die Saufsignale?“) Freibier durch Schläuche an das Publikum ausgeschenkt wird, befindet man sich schließlich auf dem Höhepunkt eines an quantitativen Höhepunkten reichhaltigen Abends.

Wummern und bummern

Mit Deichkind als Schattentänzern hinter dem Bühnenvorhang und später wie ein bereits in den frühen 1920er Jahren von der russischen Künstlerin Marie Vassilieff erfundenes Tanzperformancekollektiv als Lumpenproletariat mit Leuchttetraeder werden live in Wien jedenfalls keine Gefangenen gemacht. Tatsächlich geht die Stimmung bereits bei den ersten Songs durch die Decke wie sonst nur auf einer durchschnittlichen Maturareise beim Sprung in den Pool, der eigens für die jungen Gäste mit Sangria befüllt wurde.

Leider geil: Mit dem mächtig wummernden und bummernden „So ne’ Musik“ als Türöffner („Die Show kann jetzt beginnen, und alle nur so yeah!“) und dem doppelbödigen „Geradeaus“ über das Problem mit dem Vorankommen im Leben, für das Deichkind die sehr schöne Zeile „Wer nicht walkt, der nicht gewinnt“ eingefallen ist, wird spätestens bei Song Nummer vier auch inszenatorisch voll auf die Kacke gehaut – wie man dazu in Berlin sagen würde. Immerhin beobachtet man bei „Auch im Bentley wird geweint“ MC Kryptic Joe dabei, wie er auf einer überlebensgroßen Luxushandtasche Rodeo reitet und tüchtig mit Goldkette und dicker Hose aufgerüstet den deutschen Gangstarap fickt: „Ich hab’ Klopapier von Gucci / Schneid’ Delfine in mein Sushi.“ Das ist würdig und recht.

Weil heute alles schnell gehen muss, ist man mit einer kurzen Grundsatzrede zugunsten der Letzten Generation dann aber schon wieder anderswo. Deichkind widmen sich dem Thema Nachhaltigkeit und unserem Heimatplaneten, der bekanntlich am Abgrund steht: „Alle Straßen sind geteert / Gelsenkirchen liegt am Meer / In Grönland wachsen Palmen / Alle Groschen sind gefallen.“ Aber: „In der Natur / Da verknackst du dir den Fuß / In der Natur / Da versagt dein Survivalbuch / In der Natur / Da hilft keiner, wenn du rufst / Du hast lange nicht geduscht / Und das hier so nicht gebucht.“ Der moderne Großstadtmensch mag sich zwar grundsätzlich mit Mutter Erde solidarisch zeigen – weit weg vom Beton als Exilant ohne Smartphone in der Hand ist er aber auch ganz schnell dem Verderben ausgesetzt. Mit „Die Welt ist fertig“ und „In der Natur“ eröffnen Deichkind die Abrissparty für eine aus den Fugen geratene Welt, der sich auch das aktuelle Album „Neues vom Dauerzustand“ verschrieben hat. Bereits auf dessen Cover sieht man eine kerzengerade Straßenlaterne in der buchstäblich verrückten Landschaft stehen – oder ist es doch umgekehrt?

Kippend im Späti

Themen wie Schieflagen betrachtet die im Kern aus den MCs Kryptik Joe und Porky sowie Zeremonienmeister La Perla alias DJ Phono bestehende Band, die im Verlauf des Abends noch um eine ganze B-Mannschaft an Ersatz-Deichkindern anwachsen wird, aber auch aus einer ganz anderen Perspektive. Schließlich steht Kryptik Joe irgendwann nicht von ungefähr mit einem gigantischen Rucksack auf der Bühne, der auf ihm lasten dürfte wie das echte Leben auf uns. Kipppunkte gehen bei Deichkind bekanntlich auch auf Druckbetankung im Späti sowie „Richtig gutes Zeug“ als die an dieser Stelle besungene chemische Unterlage zurück. Die playback abgerufene Elektronik beginnt jetzt, wie Hexenwerk zu blubbern – und Trockeneisnebel steigt auf. Dazu trägt Kryptic Joe ausgerechnet am bisher heißesten Tag des Jahres seine alte Daunensteppdecke und versteckt die Pupillen hinter einer gletschertauglich verdunkelten Bergsteigerbrille. Nur dass es in diesem Zustand ohnehin keinen Zentimeter vorwärts geht – von bergauf ganz zu schweigen. „Ich bin so gaga im Roof / Mir hängt die Birne im Sud.“ Aber das wird schon wieder.

Deichkind pendeln schon immer zwischen den Polen – und loten dabei mit voller Absicht Extreme wie Diskurs und Ballermann sowie das Grenzland dazwischen aus. Nach kritischen Liedern über das Erwerbsarbeitsmilieu wie „Arbeit nervt“ und „Bück dich hoch“ steht live also etwa auch eine Rollschuheinlage mit Stringtanga oder ein weiteres Bad in der Menge mit dem Schlauchboot auf dem Programm. Am unvermeidlichen Ende nach zwei Stunden mit „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“ sieht die Bühne dann ohnehin aus wie auf einem sehr schrägen Trip – oder nach einem völlig eskalierten Kindergeburtstag. Sogar ein aufgeblasenes Scheißhaufen-Emoji ist diesmal dabei und winkt uns zum Abschied. Richtig gutes Zeug, aber auch: Vorsicht mit den Drogen, Kinder!

(Wiener Zeitung, 23.6.2023)

Samstag, Juni 17, 2023

Räume und Träume, Schäume

Der britische Musiker Archy Marshall alias King Krule und sein neues Album „Space Heavy“.

Millionen von Pendlern kennen das vermutlich. Wenn man frühmorgens im Zug sitzt und dort noch nicht arbeiten will, kommt man entweder ins Spekulieren. Oder man macht für ein schnelles Nickerchen noch einmal die Augen zu, wobei erst recht die Gefahr besteht, dass einem die Gedanken nur so um die Ohren fliegen.

Das ist zwischen Mödling und Meidling nicht anders als zwischen Liverpool und London. Dort war zur Entstehungszeit seines jetzt vorliegenden neuen Albums „Space Heavy“ (XL/Beggars Group) Archy Marshall alias King Krule unterwegs. Bei dem Mann weiß man grundsätzlich ja nie so genau, ob er gerade vor sich hindämmert oder doch in einer Art Wachzustand Musik macht, die klingt, als würde ein nasser Sack in Zeitlupe umfallen, um danach erschöpft in den Seilen zu hängen.

Unendliche Weiten

Du liebe Güte! Jetzt bin ich schon wieder eingeschlafen und habe meinen Ausstieg in Meidling verpasst. Was uns aber auch schon zu den diversen Aspekten des Raums als solchem bringt, die King Krule mit seinen 15 neuesten Songs und Songskizzen mitunter verhandelt. Ob der Wiener Hauptbahnhof überhaupt ein Raum oder doch nur ein Zustand ist, wäre etwa zu klären. King Krule selbst geht gleich zum Auftakt aber etwas ganz anderes durch den Kopf. Und er widerlegt dabei Aristoteles und dessen Überlegungen zur räumlichen Begrenztheit mit einem Synthesizer, der lieber bei „Stark Trek“ vorbeischaut: Der Weltraum – unendliche Weiten!

Diese wurden von King Krule bereits auf seinem im Jahr 2013 erschienenen Debütalbum „6 Feet Beneath The Moon“ durchforstet. Sie bekamen es dabei allerdings auch mit der Enge im Betongrau des sozialen Brennpunkts zu tun, in dem Träume viel zu oft nichts als Schäume sind.

Bekannt wurde der heute 28-Jährige als der Mann, der den BBC-Sound-of-Poll des Jahrgangs 2013 auf Kosten der kalifornischen Haim-Schwestern dann doch nicht gewann. Dafür erwies sich der Popentwurf des aus London gebürtigen Sängers, Songwriters, Gitarristen und Produzenten im Weiteren als ungleich origineller. Immerhin wurden hier recht gegensätzliche Elemente aus Jazz, Post-Punk, Hip-Hop und Heimelektronik vereint und zwischen Ruhepuls und großem Septakkord als kleine Nachtmusik angerichtet.

„I’m waiting for the night to fall, when everything is bearable“: Frei nach Depeche Mode fand und findet auch King Krule seine persönliche Komfortzone in jenen Stunden, in denen das Licht höchstens aus künstlichen Quellen stammt und bei einem Blick durch das Fenster der Bar hinaus mit dem Blinken der großstädtischen Hauptverkehrsadern verschwimmt.

Nachtfahrt mit Saxofon

Auf der Suche nach innerem Frieden gleiten ausgehend von der wahlweise clean oder mit Flangereffekt gespielten Gitarre jetzt auch neue Stücke wie das zärtlich gestimmte „Flimsier“ mit seinem verschleppten Beserlschlagzeug oder das verwaschene „Seagirl“ als vertonter Aktmalkurs mit Meerjungfrau an uns vorbei. Manchmal, wie im spröde tänzelnden „Pink Shell“ zum Thema Beziehungsstress, bei „Hamburgerphobia“ und seinem vertonten inneren Kabelbrand oder im Titelstück „Space Heavy“ mit King Krules bärbeißig erhobener Stimme, muss die Dämonenzähmung aber auch kurz einmal für ein reinigendes Donnerwetter pausieren. Zwischen der einen oder anderen Nachtfahrt mit Saxofon fällt die geballte Ereignislosigkeit von Songs wie „If Only It Was Warmth“ als Gegenstück zur allgegenwärtigen Reizüberflutung im Wechselspiel dafür bald aber umso nachhaltiger aus.

Dass der Ringkampf der Pole manchmal auch in ein und derselben Nummer über die Bühne geht, ist wiederum am Beispiel der Singleauskopplung „Seaforth“ zu überprüfen. Die bleibt im Tonfall friedlich, während King Krule mit seiner vierjährigen Tochter am Strand sitzt und dem brennenden Heimatplaneten dabei zusieht, wie er in den Abgrund stürzt.

Danach zieht das rauschende Meer mit seinen Wellen den Sandplatz ab. Der verschwimmende Gesang der Möwen klingt dazu wie blanker Hohn im Ohr. Hallo, Sie, guten Morgen! Aussteigen, bitte. Endstation!

(Wiener Zeitung, 16./17.6.2023)

Donnerstag, Juni 15, 2023

Leben, Tod und Auferstehung

Josh Homme und seine Queens Of The Stone Age und ihr schnörkelloses neues Album „In Times New Roman . . .“.

Gute Stimmung im eigentlichen Sinn kommt gleich eingangs eher keine auf: „I don’t give up, I give in / There ain’t nothing to win / (. . . ) We’re all caught in the middle and useless.“ Und sie wird auch im Anschluss nicht überhandnehmen, bevor Josh Homme eine Dreiviertelstunde später im Finale mit dem Song „Straight Jacket Fitting“ aus Boomersicht das langsame, aber unausweichliche Ende seiner kleinen, heilen, steilen Welt beklagt.

Passenderweise geht im Musikvideo zum Song „Carnavoyeur“ der Gevatter Tod mit der Sense spazieren. Ein Ensemble aus Skeletten setzt dazu einen Schwanengesang choreografisch in Szene. Die bei den Queens Of The Stone Age ohnehin immer allgegenwärtigen Totenschädel laden zum Leichenschmaus. Bald schon fällt der letzte Vorhang. Was danach kommt, weiß der Teufel.

Launige Zombie-Party

Ausgerechnet die als neunter von zehn Songs gereichte Vorabsingle mit dem Titel „Emotion Sickness“ schafft es dann aber, der Endzeitstimmung doch noch ihr Gutes abzutrotzen. Als Ausreißer auf „In Times New Roman . . .“ (Matador), dem am Freitag erscheinenden neuen und mittlerweile achten Album der 1996 gegründeten US-Band, wird aller Missmut dabei unter Zuhilfenahme der guten alten Text-Ton-Schere in einen luftigen Refrain überführt, bei dem die Sonne nicht nur wieder aufgeht, sondern bereits mitten am Himmel steht – obwohl Josh Homme da über ein Baby singt, das ihm abgepascht ist.

Ein erheblicher Teil des auf Themen wie Verlust, Betrug und Tod fokussierten Albums könnte also realbiografisch beeinflusst sein. Immerhin befindet sich der heute 50-Jährige nicht nur inmitten eines unschönen (Sorgerechts-)Streits mit seiner Ex-Frau Brody Dalle. Auch erzählte der seit Komplikationen im Rahmen einer Knie-Operation im Jahr 2010 von gesundheitlichen Problemen geschüttelte Sänger, Gitarrist und Songwriter erst dieser Tage von einer angeblich bereits überstandenen und nicht näher spezifizierten Krebserkrankung im Vorjahr. Neben den Auswirkungen der Pandemie auf dem ersten Album seiner Band seit dem Jahr 2017 in Songs wie der launigen Zombie-Party von „What The Peephole Say“ mit Josh Homme als frisch gebackenem Freund des sich durch das Album ziehenden Wortspiels („I don’t care what the people know / The world is gonna end in a month or so“) dürften Zeilen wie „We live, we die, we fail, we rise“ also ganz konkret auch der eigenen körperlichen Verfasstheit – und dem Tod alter Freunde und Weggefährten wie Mark Lanegan und Taylor Hawkins – geschuldet sein.

Im Negativraum

Nachdem Josh Homme als Keith Richards seiner Generation über lange Zeit auch selbst massiven Raubbau am eigenen Körper betrieben hat, wie nicht zuletzt sein guter alter „Feel Good Hit Of The Summer“ („Nicotine, Valium, Vicodin, Marijuana, Ecstasy and Alcohol – C-c-c-cocaine!“) untermauerte, ist derzeit angeblich aber eine Phase der Läuterung angebrochen. Zumindest eigenen Aussagen zufolge hat sich der Mann zuletzt ein Beispiel an Iggy Pop, mit dem er 2016 auf dem gemeinsamen Album „Post Pop Depression“ kollaborierte, und dessen Überlebensweg in die Substanzlosigkeit genommen.

Davon abgesehen markiert „In Times New Roman . . .“ nach dem bereits erstaunlich nachdenklichen QOTSA-Album „...Like Clockwork“ (2013) mit seinem überraschenden Gastauftritt von Sir Elton John und dem zuletzt von Mark Ronson in Richtung Dancefloor gebrachten „Villains“ (2017) jetzt jedenfalls eine gewisse Rückkehr. Von der Band selbst etwa auch in Rick Rubins Shangri-La-Studios in Malibu produziert, kündet bereits der Dreifachschlag aus „Obscenery“, „Paper Machete“ und „Negative Space“ zu Beginn davon.

Wir hören eine Wiederbesinnung auf den schnörkellosen, direkten und kraftvollen Protosound von seinerzeit, der es allerdings auch mit sich bringt, dass einem zahlreiche der nach wie vor von unwiderstehlichen Stop-and-go-Grooves geprägten Songs doch recht vertraut vorkommen. Gegen das heute fehlende Hitfeuerwerk wiederum und die von Josh Homme mit einem weiteren Wortspiel besungene „Atmosfear“ kann man sich notfalls ja auch mit „Emotion Sickness“ in Dauerschleife helfen. Hier kommt die Sonne! 

(Wiener Zeitung, 16.6.2023) 

Samstag, Juni 03, 2023

Das Licht geht aus

Auf der Suche nach letzten Worten – oder doch nicht – und: (m)ein Abschied als Glossist an dieser Stelle. Kolumne im "extra".

„Mehr Licht!“ – eigentlich wollte ich Ihnen ja nicht ausgerechnet mit Goethe kommen, allerdings bieten sich die berühmten letzten Worte des Dichterfürsten aus naheliegenden Gründen auch aus meiner persönlichen Perspektive an. Immerhin handelt es sich hierbei um einen Abschied: Das ist nach beinahe 18 Jahren ohne Pause mein letzter Beitrag für die „Wiener Zeitung“ an dieser Stelle.

Frei nach dem US-Rapper Ice-T wiederum habe ich derzeit nämlich 99 Probleme, glorreiche letzte Worte sind aber definitiv keines davon. Außerdem fehlt mir gerade auch ganz einfach die Zeit, mir selbst noch einen Sinnspruch auszudenken, mit dem ich diese Bühne verlasse. Aus fremder „Feder“ wiederum hätte sich vielleicht noch James Dean angeboten, dessen letzter Satz unmittelbar vor seinem Unfalltod „That guy’s gotta stop“ lautete. Nachtrag: „He’ll see us!“

Dafür habe ich in letzter Zeit zu meiner eigenen Stimmungsaufhellung und im Optimalfall auch zur Unterhaltung meiner Follower auf der bevorzugten Social-Media-Plattform meines Misstrauens bereits für den Kasperl im zweiten Bildungsweg geprobt und etwa an der Wortspielfront Postings wie „Ich bin jeder Art von Pasta farfallen“, „Herr Ober, dieser Salat ist mir zu manieriert“ oder „Wer Obers hasst, ist nichtsahnend“ abgesondert. Womit Sie jetzt auch meinen zweiten von insgesamt drei aktuellen Stimmungsaufhellern kennen: Sehr wahrscheinlich finden Sie mich, wenn ich mir nicht gerade schreibend einen Reim auf die Welt mache oder auf dem Fahrrad sitze, in der Küche zwischen Pfannen und Töpfen wieder. Aber auch dort gibt es traurige Tage. Ich koche dann etwa das schwärzeste Schwarz aller Zeiten in Form des Sepia-Risottos nach, mit dem Blixa Bargeld einst in den 1990er Jahren bei Alfred Biolek, selig, im Fernsehen zu sehen war.

Mitunter kommt bei meinen Postings aber auch der eine oder andere ernsthaftere Sinnspruch heraus. Sollte ich mich demnächst also anders als unlängst angekündigt doch nicht wie der Ich-Erzähler in Wilhelm Genazinos Roman „Die Liebesblödigkeit“ als freischaffender Apokalyptiker verdingen, könnte ich noch immer auf den freien Aphoristiker umschulen: „Der größte Luxus, den ich mir leiste, sind die Kommentare, die ich mir spare.“ Damit habe ich zwar ursprünglich die Lust daran gemeint, auf all die Dummheit da draußen nur mehr mit Ignoranz zu reagieren. Weil ich an dieser Stelle verstummen muss, werde ich anderswo jetzt aber erst recht nicht schweigen.

Gerne jedenfalls hätte ich Sie in dieser Ecke unserer jetzt also in die Geschichtsbücher eingehenden Tageszeitung weiterhin unterhalten – oder zumindest meinen Abschlussbeitrag etwas heller gestaltet. Fürs Erste und Letzte schließe ich hier aber stimmungstechnisch adäquat – mit dem guten alten Laternenlied: „Das Licht geht aus, wir gehen nach Haus, rabimmel, rabammel, rabumm.“ 

(Wiener Zeitung, 3./4.6.2023) 

Freitag, Juni 02, 2023

Der letzte Mann am Dancefloor

Jake Shears, Kopf der Scissor Sisters, kehrt mit seinem zweiten Soloalbum zurück in die Disco.

Ein Song des Albums heißt „Devil Came Down The Dance Floor“. Darin hat Jake Shears eine schicksalhafte Begegnung mit dem Gottseibeiuns höchstpersönlich. Der wohnt im Normalfall in der Gartenhütte von Keith Richards und darf höchstens in der Rauchpause kurz einmal ins Haus hinein. Oder er verschanzt sich in einer Schwulendisco in Brooklyn zwischen Dancefloor, Darkroom oder, notdürftig mit einem zu weit geschnittenen Trenchcoat verkleidet, in der öffentlichen Herrentoilette neben dem Notausgang. Crazy Ort! Geile Leute.

Ein Matrose auf Landgang

Dort ist auch Jake Shears zu Hause. Gute Güte, es ist wirklich verdammt schwer, sich diesen Mann nicht in einer waffenscheinpflichten Lack-, Leder- und Latex-Montur als New Yorker City Cop mit Freddie-Mercury-Gedenk-Schnauzbart vorzustellen, der sich nach Dienstschluss als Matrose auf Landgang verkleidet – oder die Dragqueen in Strapsen auf einem Fastnacktgschnas in der „Hetenhölle“ in Sankt Veit an der Glan zum Besten gibt. Die hüpft um Mitternacht aus einer Schwarzwälder Kirschtorte heraus, die jemand als Trojanisches Pferd mit Sahnebaiser mitgebracht hat. ÜBER-RASCH-UNG, ihr Schlampen!

Jetzt aber, endlich – endlich ist Tanzen angesagt. Tanzen ist nicht nur die beste Medizin, wenn es darum geht, sich die Lebensfreude zurück in den Alltag zu holen. Tanzen bietet auch bessere Erfolgsaussichten als Tinder und hilft dabei, nicht endgültig fett zu werden, wenn man sich gerade den sechsten Gin Tonic an der Budl bestellt. Gin Tonic ist neben Tanzen übrigens die zweitbeste Medizin. Aber was wollte ich gerade eigentlich sagen?

Ach ja. Jake Shears wurde ursprünglich als Sänger, Kopf und coole Socke der Scissor Sisters bekannt. Die weder jugendfreie noch heteronormative und entsprechend nach einer lesbischen Sexpraktik benannte Glamourband im Fachbereich Discodancing landete ab ihrem 2004 erschienenen selbstbetitelten Debütalbum eine Handvoll Hits, an die man sich auch noch heute erinnern könnte. Mit dem gemeinsam mit Elton John als persönlichem Haus- und Hofheiligen der Band geschriebenen „I Don’t Feel Like Dancin’“ als Visitenkarte wurde zwischen Disco, Pop und etwas Glamrock in erster Linie einmal hedonistisch auf die Pauke gehaut. Der Rest war dann ganz einfach eine etwas längere Party.

Dunkle Sonnenbrillen

Heiliger George Michael, bitte für uns: Nach der von den Scissor Sisters schließlich ab dem Jahr 2012 eingelegten Pause auf unbestimmte Zeit konnte man Jake Shears’ Solodebüt „Jake Shears“ (2018) als dezenten Abnabelungsversuch hören. Es folgten sein Broadwaydebüt, die Autobiografie „Boys Keep Swinging“ sowie zuletzt 2022 das mit James Graham und abermals mit Elton John geschriebene Musical „Tammy Faye“. Mit den zwölf Songs seines nun erstmals bei Mute Records veröffentlichten zweiten Soloalbums „Last Man Dancing“ kehrt der heute 44-Jährige nun aber im großen Stil in die Disco zurück. Selbstverständlich wird zur Feier des Tages auch die gute alte Kuhglocke wieder ausgepackt.

Neben Gastauftritten von Jane Fonda im Rahmen der akut Song-Contest-tauglichen Sci-Fi-Synthiepop-Hymne „Radio Eyes“ mit der aus Gründen wirklich äußerst bedrohlichen Zeile „You will be rebuilt and transformed“ sowie von Iggy Pop zum Abschluss im eklektischen „Diamonds Don’t Burn“ steht mit „Voices“ ein früher Höhepunkt im Duett mit Kylie Minogue auf dem Programm. Mitunter schickt sich Jake Shears dabei tatsächlich an, die Lücke zu füllen, die George Michael nach seinem zu frühen Tod hinterlassen hat. Und man ist deshalb auch eher bereit, ihm den einen oder anderen Schema-F-Song der Marke Disco nach Vorschrift oder die etwas billige „Dancing Queen“-Adaption zu verzeihen, als die das Titelstück des Albums daherkommt.

Nach den Gute-Laune-Songs der ersten Hälfte geht es in Hälfte zwei im fließenden Übergang eines DJ-Sets übrigens endgültig in Richtung Darkroom. Zu im Grenzland von Tech-House und Italo-Disco aus dem Orden des Giorgio Moroder pluckernden und tuckernden Stücken wie „8 Ball“ oder „Mess Of Me“ sind natürlich trotzdem dunkle Sonnenbrillen angesagt. Man könnte davor noch von der Discokugel oder den möglicherweise ganz falschen Nachtgefährten geblendet werden: „I am burning / You are the flame / I break a cold sweat / Forget my name.“

Musikalisch hat Jake Shears zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin schon allen Kummer und alle Sorgen vertrieben. Gute Sache, dringend nötig. Hot stuff!

(Wiener Zeitung, 3./4.6.2023)

Sonntag, Mai 28, 2023

Milchkaffee und (Baby-)Tränen

Die US-Band Sparks bündelt auf ihrem neuen Album „The Girl Is Crying in Her Latte“ sämtliche Kernkompetenzen.

Was man an dieser Band hat, erklärt gleich die aktuelle Single. Musikalisch als Echo ihrer Ursprünge im Glamrock angerichtet, berichten die Sparks in „Nothing Is As Good As They Say It Is“ aus der Innenperspektive der allerjüngsten Erdbewohner. Ergänzt um ein Musikvideo mit in erster Linie weinenden Babys, entsteht so ein Bild frühexistenzieller Verzweiflung. „All your standards must be so very low / This is not a place that I’d want to go / How can you exist in a place like this? / I surely can’t! Oh no!“ Von wegen „Holt mich hier raus“: Eigentlich möchte man wie aus dem Lehrbuch von Doktor Freud ja schnellstmöglich wieder zurück. Oder Hauptsache jedenfalls husch, husch woandershin.

Die Kunst der Überzeichnung

Nicht von ungefähr sieht man bereits auf dem Cover ihres neuen und mittlerweile 25. Studioalbums „The Girl Is Crying in Her Latte“ (Island/Universal Music) eine junge Frau mit zerronnener Mascara vor ihrem Milchkaffee sitzen. Die wird von den US-Brüdern Ron und Russell Mael auch im dazugehörigen Songtext ganz genau beobachtet. Ursachenforschung steht auf dem Programm: „Is it due to the rain / Or is she in some pain? / She looks physically fine / Guess it’s something benign.“

Weil existenzielle Verzweiflung vielleicht schon nach der Geburt eintreten kann, ganz sicher aber in späteren Jahren nicht unwahrscheinlicher wird, weinen am Ende des Songs im Wesentlichen aber alle in ihr Heißgetränk. Zu diesem Zeitpunkt scheint auch die Wurzel allen Übels gefunden: „I guess the world is to blame . . .“

Die seit ihrem 1971 erschienenen Debütalbum „Halfnelson“ unermüdlich produzierenden Sparks gelten als Chef-Ironiker eines schillernden Popuniversums zwischen den Stühlen. Mit oft schon auf dem Papier zum Schreien komischen Songs wie „Angst In My Pants“ oder „(Baby, Baby) Can I Invade Your Country?“ im Gepäck wird dabei auf die Kunst der Überzeichnung gesetzt. Nach theatralischen Artpop-Meisterwerken wie „Kimono My House“ mit dem Hit „This Town Ain’t Big Enough For Both Of Us“ (1974) und der 1979 erfolgten Hinwendung zu Synthie-Pop und (Italo-)Disco des von Giorgio Moroder produzierten Albums „No. 1 in Heaven“ hat das Duo stilistisch wenig bis nichts ausgelassen.

Von von bis bis

Auf „The Girl Is Crying in Her Latte“ geht es frei nach Ernst Jandl jetzt ohnehin wieder von von bis bis. Neben einem Song über die Peek-a-boo-Frisur der 1973 verstorbenen Hollywoodschauspielerin Veronica Lake im modernen elektronischen Setting, einem als Hommage an die deutsche Elektro-Avantgarde arrangierten Loblied auf die Rolltreppe sowie einem Abstecher nach Nordkorea im Zeichen des Militärmarschs hört man etwa auch einen technoiden Lagebericht aus der Club-Warteschlange sowie ein Joint Venture aus Ballettmusik und Operettenrock.

Zur Hochform läuft die Band aber auf, wenn sie in „When You Leave“ Szenarien entwirft, was hinterrücks so alles passieren kann, wenn man kurz vor dem Abgang steht – um ihre Konsequenzen zu ziehen: „I’m gonna stay – just to annoy them / I’m gonna stay – just to piss them off!“ Die Sparks auf den Spuren Herbert Achternbuschs also: „Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.“   

(Wiener Zeitung, 27./28.5.2023)  

Mittwoch, Mai 24, 2023

Meditationen in Endlichkeit

Der große US-Songwriter Paul Simon hat ein neues Album vorgelegt – es könnte sein letztes sein.

Das Wort Psalm geht auf das griechische Verb psallein zurück, das so etwas wie „die Saiten schlagen“ bedeutet. Seine Wurzeln aber liegen im hebräischen mizmor, das sich wiederum als „kantilierender Sprechgesang mit Saitenbegleitung“ übersetzt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, hat Paul Simon von Anfang an Psalmen geschrieben. Immerhin basieren bereits seine frühesten Songs aus den mittleren 1950er Jahren wie auch seine größten Hits aus Zeiten im Duo mit Art Garfunkel als Simon & Garfunkel im Wesentlichen auf einem: Zu dieser im weltlichen Sinn himmelwärts gerichteten Musik konnte man außer zwei harmonierenden Götterstimmen und ja, zart angeschlagenen oder gezupften Saiten schon immer die Englein singen hören.

Seine durch und durch menschlichen und menschelnden Songs aber, bei denen in Form etwa zum Heulen schöner Folkpop-Evergreens wie „The Sound Of Silence“, „The Boxer“ oder „Bridge Over Troubled Water“ individuelle Sorgen, Nöte und Sehnsüchte im Vordergrund standen, verzichteten auf religiöse und spirituelle Elemente ebenso wie auf die dem klassischen Psalm inhärente liturgische Funktion.

Über den Jordan

Insofern überrascht die Rückkehr des großen Sängers und Songwriters mit seinem neuen Album „Seven Psalms“ (Owl/Sony Legacy) dann doch ein wenig – wenngleich sich der mittlerweile 81-Jährige im Albumtrailer dann eh als ewiger Zweifler zu erkennen gibt, was die gute alte Gretchenfrage betrifft: „This whole piece is really an argument I’m having with myself about belief, or not.“ Der Verdacht einer „Ankunft in Gott“, die auf einem späten Erweckungsereignis seit seinem im Jahr 2018 erfolgten Bühnenabschied beruhen könnte, wird also im Handumdrehen zerschlagen.

Auf jeden Fall aber eröffnet der aus Newark gebürtige Sohn ungarisch-jüdischer Eltern mit seinem 15. Soloalbum ein neues Karrierekapitel, das womöglich sein letztes sein könnte. Wir hören Meditationen in Endlichkeit, die Vergleiche mit den finalen Alben von David Bowie („Blackstar“) und Leonard Cohen („You Want It Darker“) fast unumgänglich machen.

Im Gegensatz zu David Bowie setzt Paul Simon mit knapp 30 mitunter beiläufig gehaltenen Spielminuten aber nicht auf die große Form – und anders als bei Leonard Cohen gipfelt bei ihm nicht die lebenslange Beschäftigung eines jüdischen Zen-Buddhisten mit spiritueller Heilsuche im Bekenntnis, jetzt bereit für den Herrn zu sein. Auch wenn gleich der im Bewusstseinsstrom über den Jordan gleitende erste Song „The Lord“ und dessen wiederholtes Auftauchen als Adaption und Coda in Folgestücken wie dem als Ausreißer des Albums im Blues verwurzelten „My Professional Opinion“ anderes nahelegt.

Im Traum empfangen

Paul Simon hat die Idee für das Album eigenen Aussagen zufolge im Traum empfangen. Weitere Inspiration boten nächtliche Wachphasen in den Wochen darauf. Im Studio wurden die strikt akustisch gehaltenen und auf Simons Gesang und Gitarre fokussierten Songs schließlich um dezente Atmosphären ergänzt.

Während im Vordergrund Klangschalen, Gongs und fernöstliche Percussions als Echo seiner 1986 mit dem Bestseller „Graceland“ erfolgten Hinwendung zur sogenannten „Weltmusik“ metaphysische Noten verbreiten und auch der eine oder andere dräuende Drone seine Wirkung nicht verfehlt, besetzen Gäste wie der US-Trompeter Wynton Marsalis, das Londoner A-cappella-Oktett Voces8 sowie ein mit kaum mehr als einer Handvoll Akkorde präsentes Streichquartett maximal Statistenrollen. Woraus sich ein Album ergibt, das sich gegen Erwartungshaltungen und Brechstangen-Sentimentalität gleichermaßen stellt, um die Gänsehaut, auf die es mit seinen impressionistischen Skizzen nicht aus ist, mitunter doch zu erzeugen.

Selbstverständlich wollen wir uns noch viele weitere Alben von Paul Simon vorstellen und wünschen. Hoffnung darauf bietet das als Schwanengesang angerichtete „Seven Psalms“ aber nicht. Auch wenn der Himmel im gemeinsam mit Ehefrau Edie Brickell gesungenen Abschlusssong „Wait“ bereits als Garten Eden lockt, gegen den sich der irdische Schöpfer einiger der schönsten Folkpopsongs aller Zeiten da noch sträubt: „Wait / I’m not ready! I’m just packing my gear.“

(Wiener Zeitung, 25.5.2023) 

Dienstag, Mai 16, 2023

Unten ist das neue Oben

„Ein fragiles System“: Die österreichische Band Bipolar Feminin veröffentlicht das Debütalbum der Stunde.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit braucht es nicht nur für den Weg nach oben begleitende Maßnahmen. Abseits gewohnter Karriereschritte zwischen Einstieg, Umstieg und Aufstieg liegt die eigentliche Herausforderung ja eher im Gegenteil. Auch und gerade wer sich nach einer gefühlten Ewigkeit im Hamsterrad als geschlauchter Rest seiner selbst am absteigenden Ast befindet wie ein Fußballverein nach dem letzten verlorenen Kellerderby, muss sich zunächst einmal sammeln und orientieren. Aber wie?

Gepflegter verwahrlosen

Zum Glück biegt da gerade die österreichische Band Bipolar Feminin um die Ecke, um Neuankömmlinge nicht nur recht freundlich zu begrüßen. Nein, sie hat auch gleich den Leitfaden für das Kommende mit dabei: „Willkommen am Boden / Das heißt Party für dich!“ Es geht, kurz gesagt, darum, dass man jetzt ohnehin nichts mehr zu verlieren hat und sich deshalb am besten gleich in gepflegter Verwahrlosung üben kann. „Im Meer aus Tausenden Bierflaschen / Hab ich mich seit Tagen verirrt / Mit den Spinnen, die immer haschen / Schon über alles sinniert . . .“ Zwischen der Leistungsverweigerungshymne „Am Boden“ und der aktuellen Singleauskopplung „Tüchtig“ als Song gewordenem Abwehrkampf gegen die Selbstoptimierung geht es die Band dabei mitunter ironisch an. „Geh spazieren! Nimm ein Bad! Putz die Zähne! Iss Salat!“ Wobei Bipolar Feminin nicht zuletzt mit der persiflierten Lebensberatung hinter Songs wie „Struktur“ beinahe ein wenig an der eigenen Glaubwürdigkeit sägen.  

Für das im Jahr 2018 noch im oberösterreichischen Ebensee gegründete Quartett um Frontfrau Leni Ulrich zeigt die Karrierekurve aktuell steil nach oben. Für ihr am Freitag erscheinendes Debütalbum hat sich die Band dagegen entschieden, es sich nach erfolgtem Umzug nach Wien in der hiesigen Suppe gemütlich zu machen. „Ein fragiles System“ wird selbstbewusst gleich auf einem deutschen Label veröffentlicht. Mit der Hamburger Indie-Institution Buback Records im Rücken gehen auch Zeilen wie „Fick dich ins Knie / Elbphilharmonie“ gleich noch viel lustiger über die Lippen. Der dazugehörige Song „Herr Arne“ adressiert der Band zufolge als „ironiefreier Tribut“ mit dem Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank übrigens einen Helden aus Zeiten des Kinder- und Jugendzimmers. Allerdings: Wer braucht noch Tocotronic, wenn er jetzt auch Bipolar Feminin haben kann?

Eine Urgewalt mit Gitarre

Die mit ihren energetischen Live-Auftritten schnell zum Geheimtipp gewordene Band machte spätestens im Vorjahr mit ihrer ersten EP „Piccolo Family“ auf sich aufmerksam. Man hörte eine ordentliche Krawallwatsche für das Patriarchat in Form des Songs „Süß lächelnd“ sowie mit „Fett“ („Ich bin enorm“) ein selbstbestimmtes Loblied auf Körperpositivität und Eigenliebe. Dazu gab Leni Ulrich die Frontfrau gewordene Urgewalt mit umgeschnallter Gitarre. Stress möchte man mit ihr aber eher keinen bekommen. Revenge-Songs wie das giftige „Matrose“ („Auf dem Weg zur Party / An deinem Auto vorbei / Meine Schlüssel in meiner Hand . . .“) oder das mit Schaum vor dem Mund gegebene und im Eiltempo abgefertigte „Sie reden so laut“ künden davon.

Im klassischen Band-Setup mit Gitarren, Bass und Schlagzeug, aber ohne Schnickschnack in Szene gesetzt, schließen die zehn Songs von „Ein fragiles System“ Post-Punk-Nachwehen und klassischen 90er-Jahre-Schlurf-, Schluder- und Slackerrock mit gesteigerten Popsensibilitäten und gewinnenden Hooklines kurz. Sehr gerne belegen aus diversen Effektgeräten hochgezogene Soundwände außerdem einen an der School of Rock erworbenen Shoegazing-Master. Dazu geht es in Stücken wie „Wie es ist“ („Es ist wie es ist wie es bleibt“), „Mami“ oder der heiteren Kapitalismuskritik „Attraktive Produkte“ um Systemimmanenz – und systemimmanente Erniedrigung.

Zu Hochform laufen Bipolar Feminin übrigens auch am Ende ihrer Kräfte und mit bloßem Standgas auf. Was mit dem Song „Kreis“ gemeint ist, wird jeder nachvollziehen können, der für seine Welt geblutet hat – und jetzt ganz einfach vom System ausgespuckt wird: „Ich fühl so viel, ich lach so laut / Einiges hat sich angestaut / Und wenn ich weine, weine ich, bis ich nichts mehr seh / Ich zeichne den Kreis, in dem ich mich dreh.“ Hallo unten! Unten ist das neue Oben.

Live am 6. Juni im Wiener Fluc

(Wiener Zeitung, 17.5.2023) 

Donnerstag, Mai 11, 2023

Deine Disco braucht dich

Die britische Sängerin Alison Goldfrapp huldigt auf ihrem späten Solodebüt dem Dancefloor.

Einerseits kommt dieses Album auf gewisse Weise zur Unzeit. Immerhin zeigen sich die elf Songs von „The Love Invention“ (Skint/BMG Rights Management) von den Polykrisen unserer Zeit weder beeinflusst noch angekränkelt.

Andererseits sind schlechte Zeiten immer auch gute Zeiten, wenn es darum geht, all den Ballast einmal abzuschütteln und sich in Eskapismus zu üben. Warum nicht einmal das persönliche Druckablassventil des Vertrauens öffnen und die Sorgen Sorgen sein lassen? Vor allem die Nacht als ewiges Hauptabendprogramm im Bereich des Verdrängens und Kompensierens stellt hier immer schon ein paar gute Angebote.

Königin der Nacht

Move your ass and your mind will follow: Nicht zuletzt in den Clubs lockt etwa der Dancefloor als Versprechen damit, den Kopf endlich einmal auszuschalten und die Gehirnwindungen durchzulüften. Wer zu viel denkt, wird unleidlich. Den Rest erledigen dann die Bewegung, die aufgeladene Stimmung und das eine oder andere Mixgetränk. Ach ja. Drogen sind natürlich überbewertet, wenn der Körper bereits mit Endorphinen, Dopamin und Serotonin zur Stelle ist, um die Sache mit der Ekstase für uns zu regeln.

Auch die britische Sängerin Alison Goldfrapp will uns in ihrem zweiten Standbein als Königin der Nacht jetzt dabei helfen, die Euphorie im großen Stil wiederzuentdecken. Und sie bezieht sich dabei offenbar auf ein altes Motto von Kylie Minogue: „Your disco needs you!“ Zwar hat die Sängerin in dieser Hinsicht bereits mit ihrer Stammband Goldfrapp einiges an Vorarbeit geleistet. Neben Alben mit peitschendem Elektropop wie „Black Cherry“ (2003), „Supernature“ (2005) oder zuletzt dem ordentlich abgedunkelten „Silver Eye“ von 2017 hat es das arbeitsteilig und demokratisch geführte Duo um den Keyboarder und Produzenten Will Gregory stilistisch aber immer auch breiter angelegt.

Großtaten wie das eklektische Debütalbum „Felt Mountain“ (2000) mit Goldfrapp als jüngster Sensation auf Daniel Millers einflussreichem Label Mute Records und die teils orchestrierten Sperrstundenballaden von „Tales Of Us“ (2013) künden bis heute sehr einnehmend davon. Dass 2010 auf „Head First“ auch die käsigen Seiten der 1980er Jahre zwischen Olivia Newton-John und Abba in Angriff genommen wurden, hätte man in der Zwischenzeit eigentlich schon erfolgreich verdrängt, wäre Alison Goldfrapp zur Bewerbung von „The Love Invention“ mit in Richtung Step-Aerobic gehenden Musikvideos diesbezüglich nicht erneut äußerst ungeniert um die Ecke gebogen.

Streng nach Bauplan

Die heute 56-Jährige gibt dazu die auch stimmlich exakt gar nicht gealterte ewige Discosirene aus dem Orden des Giorgio Moroder („I Feel Love“). Die Euphorie auf dem Dancefloor muss immer auch die Absicht verfolgen, mit sexueller Ekstase einherzugehen. Zünftig zwischen Song und Track pendelnde Tanzangebote wie „So Hard So Hot“, „The Beat Divine“ und nicht zuletzt „Hotel“ als hemmungslose Aufforderung zum One-Night-Stand belegen es. Wer stattdessen den grauen Alltag bevorzugt: Am Montag geht es dann sowieso wieder ins Büro.

Alison Goldfrapp hat für Stücke wie „Digging Deeper Now“ und das programmatische „Fever“ mit dem deutschen DJ- und Produzenten-Duo Claptone und dessen britischem Kollegen Paul Woolford zusammengearbeitet und das Album mit Richard X und James Greenwood produziert. Neben den allgegenwärtigen House-Einflüssen wird nicht nur mit Vocoder-Gesängen und bei „Gatto Gelato“ bereits vom Titel her außerdem an einstige Pionierarbeiten im Fachbereich Italo-Disco erinnert. Dazwischen regiert mit „In Electric Blue“ aber auch hoffnungslos überzuckerter Elektropop, nach dem akutes Sodbrennen droht. Kann man einen Brand eigentlich auch mit Gin Tonic löschen?

Nicht zuletzt Róisín Murphy fällt einem übrigens als möglicher Einfluss dieser streng nach Bauplan arrangierten Stücke ein. Da steht Alison Goldfrapp aber schon wieder parat, um uns am Zerdenken zu hindern. Die Discokugel dreht sich. Geile Sache. Never stop!

(Wiener Zeitung, 12.5.2023)

Mittwoch, Mai 10, 2023

Leise flehen seine Lieder

Der deutsche Songwriter Jungstötter zieht auf seinem neuen Album „One Star“ alle Register.

Dies ist keine Musik, die man sich anhört, um den neuen Tag zu begrüßen. Dies ist Musik, die dem alten Tag Lebewohl sagt oder ihn irgendwann zwischen der Sperrstunde und dem Aufschlag zu Hause im Bett womöglich zum Teufel jagt. Er hat seine Schuldigkeit getan, er kann jetzt bitte gehen.

Wir sprechen von einer Zeit, die Menschen mit geregeltem Alltag und keinen Problemen gerne vermeiden. Es könnte das echte Leben dazwischenkommen und mit diversen Verlockungen und Gefahren intervenieren. Macht man dem Teufel einmal die Tür auf, setzt der bekanntlich gleich mit einem Bocksprung in den Vorraum über.

Schmerz und Überwindung

Fabian Altstötter wurde vor mittlerweile vier Jahren unter seinem schelmisch gewählten Künstlernamen Jungstötter bekannt. Allerdings endete die Sache mit dem Humor an dieser Stelle bereits wieder. Nach Wurzeln im Indiepop mit seiner in der deutschen Provinz gegründeten Band Sizarr und einem unerwarteten Zusammentreffen mit Deutsch-Rapper Casper und Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten für den düsterromantischen Genre-Clash des Songs „Lang lebe der Tod“ (2017) ging die künstlerische Neuerfindung schließlich im Jahr 2019 mit dem Solodebüt „Love Is“ über die Bühne.

Gemeinsam mit Max Rieger von der Stuttgarter Band Die Nerven produziert und mit Musikern aus dem Jazzumfeld in Szene gesetzt, schlug da hörbar ein altes Herz in einem jungen Körper. Mit seinen aus der Zeit gefallenen und an großen Außenseitern, Individualisten und Grenzgängern des Pop zwischen Mark Hollis und Rustin Man von Talk Talk sowie auf jeden Fall Scott Walker und vielleicht ein wenig auch David Sylvian in ihren späten Jahren geschulten Samtballaden erwies sich der Mann dabei als Glücksfall – im Zeichen des Unglücks. Wie Göttersongs wie „Wound Wrapped In Song“ aber bereits vom Titel her nahelegten, ging und geht es bei Jungstötter mit waidwunder Stimme im großen Stil immer auch um den Schmerz und seine Überwindung.

Nach Übersiedlungen nach Berlin und schließlich nach Wien zu seiner zunächst musikalischen Partnerin und baldigen Lebensgefährtin Anja Plaschg alias Soap&Skin sowie nach einer veritablen Krise im Entstehungsprozess im Jahr 2021 liegt mit „One Star“ (Pias) jetzt endlich der Nachfolger vor. Leise flehen die Lieder Jungstötters darauf zwar weiterhin. Zu Streichern mit Trauerflor, in getragenem Tempo und mitunter im Trauermarschduktus fährt der 32-Jährige dabei aber alle Register auf.

Pochen und Pumpen

Weiter entfernt vom Orden des Nick Cave, der auf „Love Is“ mitunter noch recht deutlich regierte, und mit in den Hintergrund gerückten Gitarren wird heute konsequent an einer Art Kunstlied nach altem Vorbild und heutiger Prägung gefeilt. Zwischen Fender Rhodes, Klavier, Kontrabass, (Beserl-)Schlagzeug, gelegentlichen Bläserspitzen und nicht zuletzt fiebrigen Percussions hat man es einerseits mit moderner Kammermusik zu tun. Andererseits sorgt das Pochen und Pumpen von „Ribbons“ oder das elektronische Wabern von „Burdens“ für Querbezüge zu Trip-Hop und Filmmusik. David Lynch etwa sollte man unbedingt einmal mit der Musik von Jungstötter vertraut machen.

„Every way I move / All is full of you / The night hours and the days / Are spilling out your face“: Zwischendurch steckt natürlich auch wieder sehr viel Verlangen und Begehren in diesen Liedern. Anderswo klafft zu beinahe lichten Klängen mit dunklen Gedanken dafür die Text-Ton-Schere auf: „My fear is but a looting game / I was set to play / And if I had known what it would claim / I would have gone the other way.“

Zum Showdown steht Jungstötter dann mit ausgebreiteten Armen vor uns und wartet auf den titelgebenden Stern, der keinen Namen trägt. Händeringend wird da noch einmal um Erlösung gefleht: „Oh give me a star / Why don’t you let a star fall down onto me?“ Der Tragödie zweiter Teil ist damit formal also beendet. Das Drama aber geht weiter.

Live am Montag 15. Mai im Wiener Fluc.

(Wiener Zeitung, 11.5.2023)

Freitag, Mai 05, 2023

Das Einmaleins des Rührstücks

Der britische Popstar Ed Sheeran beendet seine Pentalogie der Grundrechnungsarten mit dem neuen Album „-“.

Dem Bullshitbingo der Plattenfirma zufolge handelt es sich um „Ed Sheerans persönlichstes Album“. Wie das in Anbetracht des bisherigen Werkkatalogs möglich sein soll, wäre jetzt allerdings interessant. Immerhin hat uns der 32-jährige Popsuperstar sein Herz mittlerweile so oft ausgeschüttet, dass wir ihn beinahe schon besser kennen als unseren alten Schulfreund Herbert.

Mit dem hat man seinerzeit die ganze Kindheit und Jugend samt allen Höhen und Tiefen erlebt und sitzt heute regelmäßig im Wirtshaus herum, um sich intensiv auszutauschen, indem man gehaltvoll über das Leben schweigt. Im grauen Alltag sind vor allem Männer dann zumeist ja doch etwas verschlossener als in einer dieser vor starken Emotionen und großen Gefühlen berstenden Fließband-Balladen, mit denen Ed Sheeran seinen Lebensunterhalt – und ein paar Zerquetschte mehr – verdient.

Es zieht sich

Mit „-“ (Warner Music) hat der britische Wuschelkopf soeben ein neues Album veröffentlicht, auf dem er hinsichtlich seiner eigentlichen Erfolgsformel noch einmal nachlegt. Wir hören das Einmaleins des Rührstücks, dessen titelgebendes Minus zumindest teils in die Irre führt: Für weniger ist dieses Album mit seinen 14 Songs schon auch recht viel, was man spätestens in der Mitte der 48 Spielminuten bemerkt, wenn es sich, du meine Güte, zu ziehen beginnt.

Dafür hat Ed Sheeran die Subtraktion ökonomisch mit dem Rotstift, sprich im Sinn der Gewinnmaximierung angelegt. Die bis zu neun Co-Produzenten und sechs Autoren pro Song des Vorgängeralbums „=“ von 2021 wurden eingespart, das Ganze geht mit Aaron Dessner von der jetzt ehemals coolen US-Band The National als Hauptkollaborationspartner ja auch wesentlich billiger. Nur für die erste Vorab-Single „Eyes Closed“ als Pop-Ausreißer wurde auf die Hilfe der schwedischen Hitbomben Max Martin und Shellback gesetzt, die den Song gemeinsam mit ihrem britischen Kollegen Fred Again produzierten.

Das im Unterhaltungsgewerbe – nur mehr ist mehr – gefürchtete Minus beendet damit die Pentalogie der Grundrechnungsarten, die Ed Sheeran mit seinem Debütalbum „+“ im Jahr 2011 begonnen hat. Wobei sich der Titel auf den ursprünglichen Plan bezieht, ein akustisches Album einzuspielen. Zehn Jahre lang hat der Songwriter eigenen Aussagen zufolge daran gefeilt, bevor ihn einschneidende Erlebnisse wie eine (mittlerweile überstandene) Tumorerkrankung seiner Frau und der Tod seines Freundes Jamal Edwards vom eigentlichen Konzept abrücken ließen.

Englisches Sauwetter

Entsprechend bedrückt und betrübt klingen die vorwiegend an Klavier und Lagerfeuergitarre angerichteten und von Streichern mit Trauerflor durchzogenen Songs dann auch. Zum ersten Mal in seiner Karriere hätte er kein Album aufnehmen wollen, das den Leuten da draußen gefällt, sondern aufrichtig darstellen soll, an welchem Punkt in seinem Leben er sich gerade befindet. Zumindest der erste Teil davon dürfte Ed Sheeran jetzt aber gründlich misslingen. Selbstverständlich wird auch „-“ wieder ein Hit.

„I suppose I’ll sink like a stone / If you leave me now, oh, the storms will roll“: Es braucht übrigens keinen Dr. Freud, um der Tagebuchpoesie des Albums analytisch beizukommen. Überall lauert bei diesen Herzschmerzsongs, die im Fußballstadion unseres Misstrauens schon demnächst wieder für einen Sternenhimmel voller Smartphones sorgen werden, die Gefahr eines Untergangs – während über der Küste ein Wetter aufzieht, der Regen in Strömen vom Himmel fällt, Schiffe in Seenot geraten oder Ed Sheeran beim Spazierengehen einfach nur nasse Füße bekommt. Wobei zumindest ein Mitgrund dafür recht trivial sein könnte. Der Mann hat Teile seines auf 200 Millionen Pfund geschätzten Vermögens ausgerechnet in ein Riesenanwesen in Suffolk gepumpt. Man hört dieser tristen Musik sehr wahrscheinlich also immer auch das englische Sauwetter an.

Für den Abschluss mit dem folkloristischen „The Hills Of Aberfeldy“ befindet man sich dann glücklicherweise aber ohnehin bereits in den schottischen Highlands, wo das Wetter zwar auch nicht erfreulicher ist, es dafür aber den besseren Whisky gibt. Zu diesem lässt es sich bekanntlich sehr gut über das Leben schweigen. Oder wie es Ed Sheeran formuliert: „The waves won’t break my boat.“ Meine Herren!

(Wiener Zeitung, 6./7.5.2023)

Mittwoch, Mai 03, 2023

The National: Trennungen, Verbrennungen

Die US-Band stagniert mit ihrem neuen Album „First Two Pages Of Frankenstein“ auf hohem Niveau.

Die Ausgangslage dürfte nicht nur für Psychoanalytiker von Interesse sein. Auch als gewöhnlicher Hörer der US-Band The National kommt man mitunter auf seine Kosten, wenn Sänger und Frontmann Matt Berninger wieder einmal zerknirscht aus dem Innersten eines Break-ups berichtet und dabei Texte zum Besten gibt, die ausgerechnet mit seiner Ehefrau Carin Besser entstanden sind – mit der er diversen Interviews zufolge aber eh in einer gesunden Beziehung lebt.

„You should take it / ’Cause I’m not gonna take it / I don’t want it! / I don’t care!“: Auf „First Two Pages Of Frankenstein“ (4AD/Beggars Group), dem neuen und mittlerweile neunten Album des 1999 gegründeten All-Male-Quintetts, zu dem die Frau Gemahlin offiziell also gar nicht gehört, geht es diesbezüglich spätestens bei Song Nummer zwei in die Vollen. In „Eucalyptus“ wird man unter diversen popkulturellen Querbezügen Ohrenzeuge davon, wie ein frisch gebackenes Ex-Couple gerade seinen Hausrat aufteilt.

Melancholie und Wehmut

Leider erinnert man sich ja oft nicht mehr so genau, wer was wann genau aus welchem Grund und für wen gekauft hat – und vielleicht will man den einen oder anderen Gegenstand oder ein an sich gutes Stück aus der Plattensammlung auch einfach nur loswerden, um damit die Erinnerung auszulöschen. Weißt du noch, der Scheißurlaub damals in Kroatien mit dem Mopedunfall und der desolaten Unterkunft neben der Tierkörperverwertung, Schahatz?

Womöglich hängt das Herz außerdem nicht an jeder Topfpflanze von der Schwiegermutter oder den Häkeldeckchen aus dem Nachlass der Oma. Und da haben wir noch gar nicht über die Laura-Ashley-Bettwäschen und das wirklich elendig biedere Meissner Kaffeegedeck von deiner Tante Gitti gesprochen! Mein Gott. Im Grunde sollte man pro Beziehung wesentlich öfter Schluss machen, um Platz in der Wohnung zu schaffen. Außerdem kann man damit auch noch Menschen erfreuen, die sich das alte Zeug mit der DNA fremder Leute freiwillig vom Flohmarkt nach Hause holen – bis auch die sich wieder trennen und der ewige Kreislauf der „Second“-Hand-Wirtschaft von vorn beginnt.

Aber Vorsicht! Gerade wird Matt Berninger wieder weich. Er erinnert sich in einer für Männer immer gefährlichen Mischung aus Melancholie, Wehmut, fortgeschrittener Uhrzeit und zwei, drei Litern Rotwein direkt aus der Flasche an die zukünftige Ex oder Doch-nicht-Ex, wie sie in seinem New-Order-T-Shirt aus alten Tagen herumsteht, um mit einem Bier in der Hand und der Katze im Arm beinahe so etwas wie die Vorlage für einen möglichen Ölschinken zu liefern. Song Nummer sechs („Alien“) bietet dann einen ersten Lösungsansatz, der am Ende aber auch nur eine kurze Verschnaufpause bedeutet: „I’ll go outside, cry, and come right back in.“ Wer kennt das nicht.

Schwierige Bedingungen

Kurz gesagt, das Album löst alles ein, was seine Eröffnungszeile bereits nahelegt: „Don’t make this any harder.“ Geschenkt, dass es natürlich trotzdem noch härter und schwieriger wird. Neben Sufjan Stevens für den einen oder anderen Stoßseufzer zum Auftakt haben The National diesmal folgerichtig auch zwei weibliche Gaststimmen an Bord geholt, um die Beziehungstroubles in Szene zu setzen. Wobei die Band weder Phoebe Bridgers (in programmatischen Songs wie „Your Mind Is Not Your Friend“ und „This Isn’t Helping“) noch Taylor Swift (die in der Mann-Frau-Ballade „The Alcott“ zumindest in einen mittelintensiven Dialog mit Berninger tritt) auch nur eine einzige Strophe überlässt. Was wiederum gut zur Tatsache passt, dass diesmal auch ein ganzes Orchester für kaum mehr als ein paar äußerst dezente Beigaben aus dem Hintergrund bezahlt wurde.

Entstanden ist das Album übrigens unter schwierigen Bedingungen – und es ist nicht die Wiedergeburt, als die es die Band nach schweren Depressionen Berningers und einer daraus resultierenden Schreibblockade verkaufen will. Stattdessen erlebt man The National, wie sie künstlerisch auf hohem Niveau stagnieren und vertraute Kernelemente etwas weniger zwingend als früher neu ordnen.

Der tatsächlich zum Heulen schöne Eröffnungssong „Once Upon A Poolside“ als stilles Albumhighlight in gedämpfter Klavierumrahmung verspricht diesmal also zu viel, wenngleich nur ein bisschen. „What was the worried thing you said to me? I thought we could make it through anything . . .“ Ding-dong! Da läuten aber auch schon die Möbelpacker an der Tür.

(Wiener Zeitung, 4.5.2023)

Samstag, April 29, 2023

Im Schimpf-Kurs

Wohlbefinden muss nicht durch Achtsamkeit entstehen. Auch negative Gefühle können helfen. Kolumne im „extra“.

Guten Tag! Fällt es auch Ihnen zurzeit schwer, im nassgrauen „Frühlingswetter“ auf positive Gedanken zu kommen, den Ärger des Alltags zu vergessen und ihn durch etwas mehr Leichtigkeit zu ersetzen? Dann vergessen Sie bitte alles, was Ihnen einschlägige Ratgeber dazu empfehlen, und verfolgen Sie einmal einen anderen Ansatz. Hören Sie zum Beispiel ganz einfach auf mich.

Bewegung an der derzeit sowieso fehlenden Sonne steigert ohnehin nur das Hautkrebsrisiko, sich Zeit zu nehmen wird allgemein überschätzt – und was es verdammt noch einmal bedeuten soll, „auf sich zu hören“, das weiß der Teufel.

Da geht mir gleich wieder das Geimpfte auf, wenn jemand mit der inneren Mitte des Maharishi Mahesh Yogi und der Ausgeglichenheit eines Zen-Buddhisten nach 30 Jahren in seinem Scheißkloster mit einem Gfries daherkommt, dass ich mir schon aus zehn Metern Entfernung denke, das kann ja wohl auch nicht die Lösung sein. Es fehlt dann eigentlich nur noch, dass mir jemand mit Reizwörtern wie „Hildegard von Bingen“ oder „Ayurveda“ kommt, und schon greife ich innerlich wieder zum Baseballschläger.

Entdecken Sie die heilende Kraft der Negativität, ziehen Sie einmal so richtig vom Leder. Hören Sie menschenfeindliche Metalmusik und checken Sie in einem Rage Room ein. Hacken Sie dort in einer Art gleichzeitig ausgeführter Urschreitherapie alle für Sie gegen gutes Geld bereitgestellten Gegenstände kurz und klein – und zünden Sie die Reste im Anschluss an, bevor Sie sie aus dem Fenster schmeißen, damit der Bus drüberfährt. Finden Sie Ihr persönliches Druckablassventil. Öffnen Sie es. Schimpfen Sie wie ein Rohrspatz. Fluchen Sie, als hätten Sie die letzten zehn Jahr am – oder im – Bau verbracht.

Wie bitte, was? Ja, selbstverständlich habe ich meine Tabletten genommen. Und wenn Sie schon mir nicht glauben, dann hören Sie wenigstens auf Gerhard Polt. Der bayerische Kabarettgott und Darsteller diverser Rabiat-Grantler auf der Bühne spricht sich derzeit für Fluchen als Schulfach aus. Fluchen reinigt und heilt. Sie müssen jemandem dafür ja nicht gleich die Pest an den Hals wünschen oder ihn wie der Autor des Buches „Eine menschliche Sau“ einst in einer Programmnummer aus dem Milieu der höheren Töchtersöhne „ogsoachte Brunzkachel“ nennen.

Den Lehrplan, den Polt schuldig blieb, arbeite ich übrigens gerade im zweiten Bildungsweg aus. Kurse wie „Creative cursing – von wegen Sautrottel“, „Vom Breznsoiza zum Sacklpicker – Deutsch-österreichische Niedertracht einst und heute“, „Den Feind adressieren – Auffindung der Achillesferse“ und „Theoretischer Hass – praktische Trockenübung vor dem Spiegel am Beispiel Robert De Niros in ,Taxi Driver‘“ sind aber jedenfalls schon in Planung.

Ich freue mich, Sie ab Wintersemester in einem der folgenden Module auch persönlich begrüßen und beschimpfen zu dürfen! 

(Wiener Zeitung, 29./30.4.2023) 

Freitag, April 28, 2023

Cyborg-Punk und Schmerz-Messen

Ab heute, Freitag, findet in Krems an zwei Wochenenden wieder das Donaufestival statt.

Geht es nach dem Donaufestival, ist das Anthropozän schon wieder vorbei. Das Zeitalter, in dem die Menschheit den geophysikalischen Haupteinfluss auf den Heimatplaneten, unsere schützenswerte Mutter Erde, ausübt, sei demnach bereits durch das Alienozän abgelöst. Zumindest beruft sich Festival-Intendant Thomas Edlinger auf den französischen Philosophen Fréderic Neyrat, der diese These vertritt – und leitet für den aktuellen Jahrgang der Kremser Veranstaltungsreihe daraus das Motto „Beyond Human“ ab. Auch der Mensch als solcher ist angesichts des Fortschritts neuer künstlicher Intelligenzen vielleicht ja schon demnächst überholt und schwebt dann irgendwo nur mehr als Upload aus längst vergangenen Zeiten durch den Äther.

„Internet der Tiere“

Alienation, ins Deutsche als Entfremdung übersetzt, war im Pop von jeher ein möglicher Ausdruck. Spätestens im Post-Punk wurde er in den zu Ende gehenden 1970er Jahren aber zum bestimmenden Gefühl. Isolation wider eine kalte, zunehmend als Bedrohung wahrgenommene (Außen-)Welt stand auf dem Programm. Das Alienozän ist diverse Evolutionsschritte weiter. „Es widmet sich den Begegnungen des Humanen mit dem Inhumanen und sympathisiert mit Aliens aus dem All und Exilant*innen auf unserem Planeten.“ Das Donaufestival verweist diesbezüglich auch auf das „Internet der Tiere“ und in Zeiten der Klimakrise nicht zuletzt auf „denkende Wälder“. Flüsse, Seen und Pflanzen, endlich auch als juristische Personen verstanden.

Ob das Sympathisieren mit der Tech-Revolution hingegen gelingen kann, muss erst entschieden werden. Dass einem die Welt fremd und undurchschaubar erscheint, ist längst keine Frage des Alters mehr. Der Weg zum humanoiden Hybrid führt immer auch durch ein Tal der Tränen, das Uncanny Valley heißt.

Das Donaufestival widmet sich diesen Ideen heuer wieder an zwei langen Wochenenden mit je drei Veranstaltungstagen. Wie gewohnt stellt ein dichtes Programm zwischen Kunst, Talks und Film sowie vor allem Performance die Hauptspielwiese dafür bereit. Aber auch das musikalische Line-up spiegelt die inhaltliche Großwetterlage – oder liefert zumindest den Soundtrack dafür.

Elegie und Katharsis

Heute, Freitag, geht es mit Godflesh los. Die 1988 in Birmingham gegründete Band rückt mit ihrem Industrial Metal gegen das Publikum vor: „Don’t hold me back, this is my own hell!“ Big Brave aus Montreal (aktuelles Album: „Nature Morte“) arbeiten zwischen Elegie, Katharsis und tiefergestimmten Gitarren, die britische Produzentin Petronn Sphene wiederum entführt in die Parallelwelt des queeren Cyborg-Punks. Am Samstag (29.4.) holen Silvia Tarozzi und Deborah Walker alte italienische Arbeiterinnenlieder ins Heute, das heimische Multitalent Lukas König bringt sein kollaboratives neues Projekt 1 Above Minus Underground zur Uraufführung und der mittlerweile in Berlin ansässige US-Rapper und Produzent Zebra Katz schickt mächtige Beats durch die Boxen. Zu Ende geht das erste Wochenende am Sonntag (30.4.) mit James Holden und den spirituellen Tönen seines programmatischen Albums „Imagine This Is A High Dimensional Space Of All Possibilities“, der aus Singapur stammenden „Glitch Princess“ Yeule und ihrem postmodernen (Hyper-)Pop sowie dem ehemaligen syrischen Hochzeitssänger und nunmehrigen Donaufestival-Stammgast Omar Souleyman.

Starke Nerven sind am Freitag (5.5.) für die Schmerz-Messe der dänischen Produzentin und Sängerin Puce Mary gefragt, bevor die Britin Nwando Ebizie mit dem lebendigen Afrofuturismus ihres Albums „The Swan“ wieder das Licht aufdreht und ihre Landsfrau Debby Friday sich in Erinnerung an alte Lagerhallenraves im Stroboskopgewitter entfesselt.

Durch Mark und Bein geht es am Samstag (6.5.) mit der japanischen Grenzlandsängerin Hiromi Moritani alias Phew und der samt Kirchenorgel auffahrenden Traumatherapie der US-Musikerin Kristin Hayter alias Lingua Ignota: Musik als Ringkampf mit Dämonen.

Ruhiger fällt dann das Finale am Sonntag (7.5.) im Klangraum Krems in der ehemaligen Minoritenkirche aus. Als Hauptattraktion kann man dort die pakistanischstämmige Musikerin Arooj Aftab erleben, die vor zwei Jahren mit ihrer Trauermeditation „Vulture Prince“ überwältigte und sich auch am Donaufestival im Trio mit Vijay Iyer (Klavier) und Shahzad Ismaily (Bass) zwischen Jazz und Sufi-Mystik bewegt.

(Wiener Zeitung, 28.4.2023) 

Mittwoch, April 26, 2023

PJ Harvey ist wieder da

Die britische Songwriterin meldet sich mit ihrer neuen Single „A Child’s Question, August“ zurück.

Die treuesten Jünger PJ Harveys kennen den Text des Refrains natürlich schon. „Help me dunnick, drush or dove / Love me tender, tender love . . . “ Es handelt sich dabei um Zeilen aus dem im Vorjahr veröffentlichten Versroman „Orlam“, den die Sängerin und Songwriterin im Dialekt ihrer südwestenglischen Heimat Dorset geschrieben hat.

Mit „A Child’s Question, August“ als erster Vorabsingle hat die 53-Jährige soeben ihr mittlerweile zehntes Studioalbum angekündigt. Das gemeinsam mit ihren alten Vertrauten Flood und John Parish produzierte und in den Battery Studios in London aufgenommene „I Inside The Old Year Dying“ wird am 7. Juli via Partisan Records erscheinen und handelt Harvey zufolge „von der Suche, der Intensität der ersten Liebe und der Suche nach Bedeutung“. Die zwölf neuen Songs seien von Traurigkeit und Verlust geprägt, dabei aber liebevoll.

Rückkehr zur Innenschau

Nach ihren politisch wachen und sozial feinfühligen Alben „Let England Shake“ (2011) und zuletzt „The Hope Six Demolition Project“ (2016), an deren Sound das stoisch schreitende, von PJ Harveys Diskantgesang geprägte „A Child’s Question, August“ nun zwar noch einmal anknüpft, markiert der Song inhaltlich aber eine Rückkehr zur Innenschau. „Starling swarms will soon be lorn / Rooks tell stories ’cross the corn“: Mit seinen Staren, Krähen und Schwalben gleich in der ersten Strophe wird dazu auf herbstlich gestimmtes Nature Writing gesetzt, das sich auf dem Albumcover mit einem Ast darstellt. Ein totes Stück Holz als schöne Leich für Mutter Erde.

Steve Gullick wiederum, PJ Harveys Fachkraft in Sachen Stand- und Bewegtbild, stellt das dazugehörige Musikvideo frei nach den Bambis – „Nur ein Bild von dir, aus schönen Tagen“ – mit vergilbten Vintage-Fotos vom Flohmarkt sanft wehmütig unter das Zeichen des Rückblicks. Alles hat ein Ende. Aber die Erinnerung bleibt.

(Wiener Zeitung, 26.4.2023)