Freitag, Dezember 10, 2010

Internationalisten, Grenzlandtaumler

Zwischen Indie-Rock und "didaktischem Schlager" – Ein Überblick über österreichische Neuveröffentlichungen.

Auch im Pop stellt sich nicht erst seit heute die folgende Frage: Was soll man erzählen, wenn schon alles erzählt worden ist? Und wie soll man es erzählen, wenn bereits sämtliche Pfade beschritten wurden? Hört man sich mit schöner Regelmäßigkeit durch die Neuveröffentlichungen, so scheinen viele Bands ihr Arbeitsmotto nach einer Erkenntnis Karl Valentins zu wählen: "Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen."

Während die unter dem Hype-Scheffel stehende, globale Trendpolizei derzeit vor allem auf postmoderne Brückenschläger setzt, die mittels Raubbaus an der Musikgeschichte oft bestenfalls egale Ergebnisse erzielen (siehe dazu auch das theorielastige Schaumgebäude von Lady Gaga oder deine liebste Indie-Band aus London, UK), geht die sogenannte Positionierung am Markt auch hierzulande schon immer von von bis bis . Während Bands wie Attwenger es bereits vor gefühlten Urzeiten zustande brachten, mit genuin österreichischer Popmusik auch über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit zu sorgen, mögen Anna Kohlweis alias Paper Bird oder Sir Tralala, um nur zwei Beispiele zu nennen, in ihre eigene, sehr spezifische Klangwelt entführen. Daneben bedienen Bunny Lake die Vorgaben des Elektropop und gewinnen die famosen Kreisky dem Post-Punk-Genre mit wienerischem Grant ein Mehr an Lokalkolorit ab.

Auch vier Neuveröffentlichungen der letzten Wochen zeigen als Statements sehr divergenter Künstler eine große stilistische Bandbreite auf. Die einst in Niederösterreich gegründeten Francis International Airport etwa kennt man spätestens seit ihrem 2008 erschienenen Debütalbum, "We Are Jealous. We Are Glass", als sympathische Indie-Rock-Adepten. Wie der nun abermals auf dem von Bernhard Kern und Robert Stadlober betriebenen Label Siluh Records veröffentlichte Zweitling "In The Woods" beweist, ist der Ansatz des Quintetts durch und durch international.

Romantik und Pathos

Während die Radiosingle "Amnesiacs" nicht zu knapp an Arcade Fire und deren Hang zur Hymne erinnert, ist dafür vor allem ein hoher Anspruch in Sachen Produktionsarbeit verantwortlich. Immerhin verbrachte die Band für einen kleinen Musikmarkt beachtliche, da entsprechend kostenintensive 32 Tage im Studio, denen noch 16 Tage und Nächte zum Abmischen des Materials folgten. Das daraus gewonnene, runde Klangbild entschädigt den Aufwand und zeigt die Band als zwischen Vogelgezwitscher, Glockenspiel, Chorgesängen und Streicherarrangements grundsätzlich romantische Jungmänner.

Ein Gestus, dem auch Toph Taylor alias Trouble Over Tokyo alles andere als abgeneigt ist. Der 1979 in London geborene und ebendort aufgewachsene Musiker verlagerte seinen Arbeitsschwerpunkt vor mehreren Jahren nach Österreich, wo er nun auch sein Album "The Hurricane" einspielte. Getragen von Klavier, in Richtung Outer-Space schielender Frickel-Elektronik, wahlweise echtem Schlagzeug und Drum-Machines sowie einem Ein-Mann-Chor aus mannshohen Vokalschichtungen, bekennt sich Taylor darauf zur großen Geste. Der Musiker, dessen Album "Pyramides" von der britischen Tageszeitung "The Daily Telegraph" auf die Liste "Music’s overlooked gems of 2008" gesetzt wurde, lebt dabei von atmosphärischem Breitwand-Sound, der vor allem in der ersten Spielhälfte in souveränem Songwriting wurzelt. Der opulente Einschlag von "The Hurricane" ist Taylors Hang zur Melodramatik geschuldet, die in den guten Momenten an Thom Yorke, in den problematischen an den Pathos-Pomp von Muse denken lässt.

Völlig zwischen den Stühlen sitzt David Lipp. Umgelegt auf heimische Verhältnisse, will der als David Lipp & Die Liebe aktive Musiker weder ins Programmschema von Ö3 noch in jenes von FM4 passen. Vor allem die Konsequenz Lipps ist demnach beachtlich. Mit "Es ist so unendlich still hier" liefert der Songwriter immerhin schon das dritte Album, das sich ausschließlich der Liebe verschrieben hat. Nach Anfängen als einsamer Soundtüftler mittlerweile in Bandbesetzung agierend, besingt der 31-Jährige in den zehn neuen Liedern Abschied und Herzeleid. Mit desperaten Elegien, die mit unterschwelligem Laptopknistern verbunden werden, erweist sich der Oberösterreicher trotz mitunter recht betulicher Ergebnisse als erstaunlicher Songwriter – wobei die Bezeichnung "Liedermacher" oft passender wäre. Trotz im klassischen Christl-Stürmer-Idiom leicht angenölter Mann-Frau-Gesänge gehen sich dabei auch ein, zwei Lacher aus: Als Texter ist Lipp eine Nummer für sich.

Didaktische Schlager

Dezidiert literarisch fällt der Zugang bei Karl Schwamberger aus, der unter seinem Alias Laokoongruppe nichts weniger erzeugen will als "volkstümliche didaktische Schlager", für die sich mittlerweile im sogenannten Diskurspop eine weitere Umschreibung gefunden hat. Schwamberger, ebenfalls in Oberösterreich geboren und dort auch als Mitglied einer Blasmusikkapelle musikalisch sozialisiert, sorgt mit ästhetisch zwischen Elektropop, Techno und Schlager gehaltenen Lo-Fi-Songs, aus denen rurale Bläsersätze ebenso hervorragen wie Samples aus dem Werk Anton Bruckners, für einige der wundersamsten wie wunderbarsten Momente österreichischer Popmusik.

Das nun vorliegende Album "Staatsoper", auf dessen Cover eine Nachbildung des Ringhauses aus Walkjankerstoffen mit Wildlederknöpfen zu sehen ist, muss man gehört haben. Nachlesen kann man die Laokoongruppe ("Die Sonne lacht über uns") auch an dieser Stelle. Große, letzte Worte:

"ist das eine soziale plastik / oder ist das eine partei / stehn wir da dahinter / oder sind wir da dabei / die sonne la la la la la lacht über uns / wir sehen so lustig aus / in unsren weißen westen / vor unsrem weißen haus / in unsrem weißen westen / in unsrer weißen haut / ja alles steht zum besten / nur die musik ist zu laut."


Francis International Airport: In The Woods. (Siluh Records)

Trouble Over Tokyo: The Hurrican. (schoenwetter Schallplatten)

David Lipp & Die Liebe: Es ist so unendlich still hier. (Konkord / Hoanzl)

Laokoongruppe: Staatsoper. (Konkord / Hoanzl)


(Wiener Zeitung, 11./12.12.2010)

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