Ein Mann schleift die Messer. Er zieht seine Plastikdress
über, betritt einen Raum mit toten Tieren und schneidet einzelne Fleischstücke
aus halben Rindern. Ein Krankenbett steht verlassen am Gang. Eine Patientin
kommt wieder zu sich. Im Club schreitet der DJ zur Kanzel. Ein Fahrgast will im
Taxi zum Kiez.
Am Laufband steht eine Frau, vor ihr dreht die Post ihre
Runden. Während die Maschinen pfeifen und surren, spricht niemand ein Wort. Im
Club pumpen die Bässe. Der Schlachter macht Rippen zu Spareribs. Der
Krankenpfleger schleift Komatrinker und Kampfdrogisten auf ihre Matratze. Die
Sortiermaschine der Post verweigert den Dienst. Im Club beginnen die Bobos zu
schmusen. „Scheiß drauf, Alter, zum Kiez!“ Im Taxi erweist sich der Fahrgast als
Rüpel. Er kann den Preis nicht bezahlen. Bestimmt weist ihn der Fahrer zur
Bank. Die Ärztin gibt einem Komatrinker nüchterne Tipps mit nach Hause: „Das
nächste Mal richtig essen, bevor man anfängt zu saufen!“ Es ist Nacht geworden
in Hamburg, und nicht jeder, der noch wach ist, hat deshalb auch Spaß.
„Nachtschicht“, ausgestrahlt am Mittwoch zur Geisterstunde, warf einen
Blick auf die Arbeit der Nacht. Der NDR-Film von Timo Großpietsch verleitete
mit stillen Bildabfolgen zum Aufbleiben, die ein klares, mitunter bedrückendes
Bild des Erwerbsalltags zeichneten. Der Schlachter sprach von Raubbau am
Körper. Der Taxifahrer hatte nicht nur über Erbrochenes zu klagen. Man selbst
war erleichtert, die Nacht fernsehend und schreibend durchwachen zu dürfen.
(Wiener Zeitung, 20.10.2011)

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