Coldplay, die Könige des
brutal sanften Rocksongs, und ihr neues Album „Mylo Xyloto“
Unter Männern gelten Coldplay als Band, auf die ihre Frauen
vertrauen, wenn sie sich gerade romantisch fühlen. Es gibt dann zwei Optionen: Plötzlicher
Kopfschmerz, Müdigkeit. Frau, die Woche war hart, ich benötige Schlaf! Oder
aber man willigt ein und darf sich an die besten Minuten des Vortages erinnern,
während man im Supermarkt die Frage „Krakauer oder Polnische?“ gestellt bekommt
und im Hintergrund Kuschelrock aus dem Radio schallt. Dieser Pawlow ist ein
Hund!
Seit ihrem Debütalbum „Parachutes“ vor elf Jahren spielen Coldplay
unerbittlich auf der Klaviatur der Gefühle. Nachdem britische Gitarrenmusik in
den 90er-Jahren vor allem mit Oasis und deren Hang zu Schlägereien und
Kokspartys verhaltensauffällig wurde, legten es die Akademiker aus London
brutal sanft und gnadenlos zärtlich an. Und tatsächlich: Einige dieser lebensbejahenden
Weltumarmungshymnen aktivierten mit großem Erfolg jene Rezeptoren, die uns bei rührseligen
Hollywood-Schmonzetten auf das Happy End hoffen lassen. In einem solchen Moment
der menschlichen Schwäche waren Songs wie „Clocks“ oder „Speed Of Sound“ der beste
Soundtrack zum Leben.
Coldplay wurden zu den Helden aller Töchter und Mütter. Und
mit unvorstellbaren dreizehn Millionen Einheiten, die von ihrem Album „A Rush
Of Blood To The Head“ in Zeiten der Absatzschwäche über den Ladentisch gingen, war
die Band auch für den kriselnden Platten-Major EMI ein Hit. Allerdings zeigte
sich das Quartett nach dem erneuten Aufguss des Erfolgsrezeptes mit „X&Y“ ob
seiner künstlerischen Zukunft verunsichert. Erst ein Aufeinandertreffen mit
Soundgroßmeister Brian Eno, das dieser als neuer Coldplay-Produzent und
Coldplay um einige Pfund erleichtert verließen, brachte die Wende – und mit
„Viva La Vida“ 2008 eine Art Wiedergeburt für die Band. Während darauf auch in
punkto Songwriting neue Pfade beschritten wurden, unterfütterte Eno die Songs
zart elektronisch und verband Spurenelemente des Experiments mit dem
bandimmanenten U2-Gestus. Niemand hätte dies besser vermocht als der Mann, auf
dessen Konto schließlich auch U2-Klassiker wie „The Joshua Tree“ gehen.
Für „Mylo Xyloto“,
dessen Titel aktuellen Interviews zufolge wahlweise nichts bedeutet oder die
Protagonisten einer Liebesbeziehung nennt, deren Geschichte das Konzeptalbum
erzählt, stand „Viva La Vida“ in mehrerlei Hinsicht Pate – Enos Elektronik und
die Hackbrett-Sounds wurden genauso mitgenommen wie der dramaturgische Aufbau
mit dem Instrumental am Anfang, das mit seinem Glöckchengeläut klingt, als
würde gleich das Christkind ums Eck biegen. Mit durchschnittlichen und oft auch
wieder glatteren Songs erweist sich die bereits als „die Unaussprechliche“ betitelte
Platte aber als vergleichsweise halbgar.
Neben grundsoliden Stücken
wie „Hurts Like Heaven“ oder „Charlie Brown“ hören wir unspektakuläre, teils von
Streichern umrahmte Lagerfeuer-Songs („U.F.O.“), Formatradio-Hits mit unsubtilem
Chorgesang („Paradise“) und mit „Up In Flames“ einen Klassiker im Herzschmerz-Fach,
für den in Hollywood gerade die passende Trennungsszene gecastet wird.
Die erste Single
(„Every Teardrop Is A Waterfall“) baut auf den 70er-Jahre Song „I Go To Rio“, überrascht
mit Post-Rave-Synthesizern und lässt die U2-Gedenkgitarre über namenlose Straßen
spazieren. Es liegt an einer Kollaboration mit dem pornofizierten R-’n’-B-Gör Rihanna („Princess Of China“), dass am
Ende auch noch für tatsächliche Ratlosigkeit gesorgt ist.
Hier sollte man den Spieß schnell pawlowsch
umdrehen. Und an etwas Schönes denken.
Coldplay: Mylo Xyloto (EMI)
(Wiener Zeitung, 22./23.10.2011)

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