Freitag, Oktober 21, 2011

Dieser Pawlow ist ein Hund

Coldplay, die Könige des brutal sanften Rocksongs, und ihr neues Album „Mylo Xyloto“

Unter Männern gelten Coldplay als Band, auf die ihre Frauen vertrauen, wenn sie sich gerade romantisch fühlen. Es gibt dann zwei Optionen: Plötzlicher Kopfschmerz, Müdigkeit. Frau, die Woche war hart, ich benötige Schlaf! Oder aber man willigt ein und darf sich an die besten Minuten des Vortages erinnern, während man im Supermarkt die Frage „Krakauer oder Polnische?“ gestellt bekommt und im Hintergrund Kuschelrock aus dem Radio schallt. Dieser Pawlow ist ein Hund!

Seit ihrem Debütalbum „Parachutes“ vor elf Jahren spielen Coldplay unerbittlich auf der Klaviatur der Gefühle. Nachdem britische Gitarrenmusik in den 90er-Jahren vor allem mit Oasis und deren Hang zu Schlägereien und Kokspartys verhaltensauffällig wurde, legten es die Akademiker aus London brutal sanft und gnadenlos zärtlich an. Und tatsächlich: Einige dieser lebensbejahenden Weltumarmungshymnen aktivierten mit großem Erfolg jene Rezeptoren, die uns bei rührseligen Hollywood-Schmonzetten auf das Happy End hoffen lassen. In einem solchen Moment der menschlichen Schwäche waren Songs wie „Clocks“ oder „Speed Of Sound“ der beste Soundtrack zum Leben.

Coldplay wurden zu den Helden aller Töchter und Mütter. Und mit unvorstellbaren dreizehn Millionen Einheiten, die von ihrem Album „A Rush Of Blood To The Head“ in Zeiten der Absatzschwäche über den Ladentisch gingen, war die Band auch für den kriselnden Platten-Major EMI ein Hit. Allerdings zeigte sich das Quartett nach dem erneuten Aufguss des Erfolgsrezeptes mit „X&Y“ ob seiner künstlerischen Zukunft verunsichert. Erst ein Aufeinandertreffen mit Soundgroßmeister Brian Eno, das dieser als neuer Coldplay-Produzent und Coldplay um einige Pfund erleichtert verließen, brachte die Wende – und mit „Viva La Vida“ 2008 eine Art Wiedergeburt für die Band. Während darauf auch in punkto Songwriting neue Pfade beschritten wurden, unterfütterte Eno die Songs zart elektronisch und verband Spurenelemente des Experiments mit dem bandimmanenten U2-Gestus. Niemand hätte dies besser vermocht als der Mann, auf dessen Konto schließlich auch U2-Klassiker wie „The Joshua Tree“ gehen.

Für „Mylo Xyloto“, dessen Titel aktuellen Interviews zufolge wahlweise nichts bedeutet oder die Protagonisten einer Liebesbeziehung nennt, deren Geschichte das Konzeptalbum erzählt, stand „Viva La Vida“ in mehrerlei Hinsicht Pate – Enos Elektronik und die Hackbrett-Sounds wurden genauso mitgenommen wie der dramaturgische Aufbau mit dem Instrumental am Anfang, das mit seinem Glöckchengeläut klingt, als würde gleich das Christkind ums Eck biegen. Mit durchschnittlichen und oft auch wieder glatteren Songs erweist sich die bereits als „die Unaussprechliche“ betitelte Platte aber als vergleichsweise halbgar.

Neben grundsoliden Stücken wie „Hurts Like Heaven“ oder „Charlie Brown“ hören wir unspektakuläre, teils von Streichern umrahmte Lagerfeuer-Songs („U.F.O.“), Formatradio-Hits mit unsubtilem Chorgesang („Paradise“) und mit „Up In Flames“ einen Klassiker im Herzschmerz-Fach, für den in Hollywood gerade die passende Trennungsszene gecastet wird.

Die erste Single („Every Teardrop Is A Waterfall“) baut auf den 70er-Jahre Song „I Go To Rio“, überrascht mit Post-Rave-Synthesizern und lässt die U2-Gedenkgitarre über namenlose Straßen spazieren. Es liegt an einer Kollaboration mit dem pornofizierten R-’n’-B-Gör Rihanna („Princess Of China“), dass am Ende auch noch für tatsächliche Ratlosigkeit gesorgt ist.

Hier sollte man den Spieß schnell pawlowsch umdrehen. Und an etwas Schönes denken.

Coldplay: Mylo Xyloto (EMI)

(Wiener Zeitung, 22./23.10.2011)

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