Samstag, September 03, 2022

Der Mann, der unser Hund sein will

Punk-Gevatter Iggy Pop begeisterte sein Publikum live im Wiener Konzerthaus.

Der Schmäh ist natürlich noch immer gut. Ursprünglich betritt Iggy Pop die Bühne im Sakko, das nach einer kurzen Begrüßungsrunde schnell aufgeknöpft und nach ungefähr einem Dreiviertelsong zugunsten der partiellen Freikörperkultur auch schon zur Gänze abgelegt wird. Ja, was habt ihr denn gedacht? Das ist, kurz nachdem uns der Mann den Mittelfinger entgegenstreckt und noch bevor er eine ordentliche Portion Schlatz über die Bühne geschleudert hat. Rock ’n’ Roll, Motherfuckers! Wir befinden uns schließlich in einer Hütte namens Wiener Konzerthaus, die am Freitagabend zum Abschluss der Europatour noch ordentlich gerockt werden soll. Aber hallo!

Abgesehen von Patti Smith, die auch keinen Unterschied macht, ob sie gerade in der Wiener Arena oder im Burgtheater auftritt, schlatzt, auch das muss einmal gesagt sein, heutzutage ja niemand mehr so stilvoll und ungeniert in der Gegend herum wie unser liebster je als James Newell Osterberg geborener Proto-Punk. Irgendwann wurde die Schlatzerei im Rock ’n’ Roll, anders als auf Gehsteigen im öffentlichen Raum oder auf ungefähr jedem gottverdammten Fußballrasen da draußen, einfach so eingestellt. Zack. Aber sagen Sie das einmal unserem Freund mit ohne Sakko! Der zieht sich, bevor die nächste Strophe ansteht, gerade wieder einen Batzen herauf und entlässt ihn frech in die Freiheit. Nur ausrutschen sollte er darauf bitte nicht.

Altes Herz wird wieder jung

Iggy Pop ist 75 Jahre alt. Er hat Punk gemeinsam mit seinen Stooges bereits Ende der 1960er Jahre und somit um ein gutes halbes Jahrzehnt vor seiner offiziellen Erfindung mit heiterem Nihilismus und einer guten Portion Selbstzerstörung . . . ja, erfunden. Weil Punk eine Sache ist, die aus dem Bauch kommt, als Lebenseinstellung aber im Kopf stattfindet, wird das biologische Alter natürlich auch heute wieder zurückgeschlagen.

Sagen wir so: Jünger als ewige Untote wie Iggy Pop oder Keith Richards kann man im Jahr 2022 nicht auf der Bühne stehen, es sei denn, man heißt Ed Sheeran. Auch wenn der jetzt also frei liegende Oberkörper oder der Hüftprobleme nicht verschweigen könnende Bewegungsapparat etwas anderes behaupten: Spätestens, wenn Iggy Pop wie ein Irrer zu bellen beginnt und seine Band mit Songs wie dem raren „I’m Sick Of You“ oder dem programmatischen „Gimme Danger“ einen musikalischen Flächenbrand auslegt, der die Konzerthaus-Akustik hörbar überfordert, wird dabei nicht nur ein altes Herz wieder jung. Während Iggy Pop auch ohne ärztlich verbotenes Stagediving ein Bad in der Menge nimmt, sind außer den Trommelfellen (in den Ohren!) auch wirklich alle (körperlichen) Grenzen gesprengt.

Mit „Five Foot One“ von seinem dritten Soloalbum „New Values“ aus 1979 ist, nach einem dräuenden instrumentalen Auftakt mit Sarah Lipstate an der mit Cellobogen gestrichenen E-Gitarre, übrigens noch nicht einmal der erste Song auf der Setlist beendet, schon hat sich die Sache mit dem eigentlich angedachten Sitzkonzert auch schon wieder erledigt. NICHT MIT UNS! Und nicht mit Iggy. Der spielt das Konzert gemeinsam mit seiner siebenköpfigen Band zum also im Wesentlichen per sofort einsetzenden Bühnensturm so, als würde er gerade in Detroit in einer Garage oder auf einem Acker in Iowa stehen. Fuck it! Nur dass man für das Ganze im Konzerthaus gut und gerne 200 Euro hinlegt. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Zeiten, als Punk bedeutete, Passanten in der Fußgängerzone um zehn Schilling anzuschnorren?

Finster und bedrohlich

Dass Iggy Pop mit seinem nach wie vor aktuellen Album „Free“ aus dem Jahr 2019 ein Werk mit im Gepäck hat, das sich mit nachdenklich-meditativen Sprechstücken und atmosphärischem Trompetenjazz für einen ruhigeren Auftritt gut eignen würde, wird also ebenso ignoriert wie etwa der gesamte Werkkatalog zwischen den Jahren 1980 und 2018. Über musikalische Beuschelreißer wie „T.V. Eye“ vom zweiten Stooges-Album „Fun House“ von 1970 oder das knochentrocken gegebene „Endless Sea“ ist man mit „The Passenger“ oder der alten Ausschweifungshymne „Lust For Life“ dann auch schon bei den großen Hits angelangt. Wobei Leron Thomas an der Trompete und Posaunist Corey King mit teils in Richtung Dixieland und teils in Richtung James Brown gedeuteten Bläserspitzen intervenieren. Für einen Höhepunkt darf diesmal die angezogene Handbremse sorgen. „Mass Production“ aus dem 1977 von David Bowie produzierten Solodebüt „The Idiot“ schleicht sich listig von hinten an und gerät dabei so finster wie bedrohlich.

Iggy Pop nimmt das Mikrofon und verteilt seinen Schweiß damit wie sonst der Pfarrer das Weihwasser. Der Mann, der unser Hund sein will, gibt uns Luftküsse, winkt in alle Konzerthausecken, trommelt sich auf die Brust und setzt bei „Search And Destroy“ noch einmal zum Urschrei an. „U-AHHHHHH!!!“ Nur die Anmoderation des Songs „Death Trip“ hätte man am liebsten überhört: „I am an old boy now and pretty soon I’ve got to die.“ An diesem Abend aber schien das Unausweichliche schlicht unmöglich.

(Wiener Zeitung, 6.9.2022)

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