Donnerstag, September 01, 2022

Ein Neusiedlersee voller Tränen

Der britische Songwriter und Produzent Sohn kehrt mit seinem dritten Album „Trust“ zurück.

Junge Leute können das heute nicht mehr wissen, doch für den Anfang des Albums zeichnet ein Kassettenrekorder verantwortlich. Ein bitte was?? Der Kassettenrekorder gehörte früher zur Standardausstattung einer Stereoanlage. Mit ihm konnte man im Radio mitschneiden und die Songs auf ein Mixtape speichern. Das Radio war das Spotify von seinerzeit und das Mixtape die Playlist, mit der man ein Date beschenken konnte, ohne dafür wie beim Pizzaessen nach der Schule sein Taschengeld auszugeben.

Hatte man dann auch noch das Glück, im Radio nicht nur die nötigen Love Songs zu erwischen, die einem das eigene Formulieren der Gefühlslage – schwierige Sache! – abnahmen, sondern auch noch einen Radiomoderator, der zurückhaltend genug war, um nicht andauernd in die Musik zu quasseln, gab es selbst für den Klassendeppen eine mittlere Chance, von der Susi, der Betti oder meinetwegen auch der Jäcky aus der 4B keine Abfuhr zu kassieren. Musik, die magische Sprache der Liebe!

Gleich spielt es Phil Collins

Jetzt, aber. Warum eröffnet ausgerechnet der britische Songwriter und Produzent Sohn sein neues Album unter Zuhilfenahme eines Kassettendecks, um im Anschluss anders als im Promowaschzettel eigentlich nahegelegt erst recht wieder traurige Lieder über blöde Geschichten wie Herzschmerz, Abfuhren und Trennungen vorzutragen? Hallo, so wird das nichts mit unserem Date!

Im Song „Figureskating, Neusiedlersee“ kommt dem Mann doch tatsächlich der folgende Satz über die Lippen: „There’s a crack in the ice where I skated your name!“ Und die Musik dazu klingt, als würde der Algorithmus gleich danach mit etwas von Phil Collins um die Ecke biegen. Du meine Güte! Diesbezüglich war man in guten alten Mixtapezeiten durch Eigenverantwortung (Stichwort Gatekeeper-Funktion) zum Glück noch auf der sicheren Seite. Selbstverständlich wollten die coolen Mädchen auch coole Musik. Gegen den damals noch weniger auf Gottesdienst und liturgische Handreichung eingestellten Onkel Nick Cave und etwa auch seinen schrulligen Kollegen Blixa Bargeld mit der Berliner Schnauze und dem radebrechendem Gitarrenspiel hatte Phil Collins also überhaupt keine Chance.

Ach ja, Sohn. Der Mann mit der dramatisch auf diverse Leiden hindeutenden Falsettstimme wurde als rührseligster britischer Wahlwiener eigentlich mit seinem Projekt Trouble Over Tokyo bekannt. Die etwas unauffällige und dabei eher glücklose Mischung aus elektronischem Songwriter- und handelsüblichem Indie-Pop mit teils kammermusikalischer Umrahmung wurde nach drei Alben schließlich im Jahr 2012 zu Grabe getragen. Die Wiedergeburt fand dann bereits unter anderen Vorzeichen statt. Für seinen jetzt kunststudentisch angehauchten Autoren-Dubstep auf den Spuren James Blakes wurde Sohn nicht nur als internationaler Hype des Jahres 2014 mit diversen Vorschusslorbeeren versehen. Auch ein handfester Plattenvertrag mit dem renommierten britischen Label 4AD sollte nach langen Lehr- und Wanderjahren für künstlerische Genugtuung sorgen.

Oh, weh!

Nach seinem gefeierten Debütalbum „Tremors“ von 2014 wanderte Sohn dann nach Kalifornien weiter, wo er sich nach dem 2017 nachgeschobenen Zweitling „Rennen“ aber offenbar ein wenig verlor. Immerhin lässt uns Sohn wissen, dass sein im Vorjahr bereits so gut wie fertiges drittes Album, das jetzt unter dem Titel „Trust“ erscheint, zumindest teilweise wieder gekübelt wurde. Als mittlerweile dreifacher Familienvater mit neuem Wohnsitz in den katalanischen Pyrenäen hätten die ursprünglichen Songs sein aktuelles Ich nicht mehr richtig wiedergegeben, so der Künstler.

Oh, weh! Inhaltlich bleibt weitgehend zwar trotzdem alles wie gehabt. Sohn leidet am Bahnhof („Station“), wie erwähnt eiskunstlaufend im Burgenland oder still weinend beim Sitzen am Ufer des Flusses („Riverbank“) . . .

Musikalisch aber lässt sich – neben etwa dem doch recht eindeutig nach Sohn klingenden Pop der Vorabsingle „Segre“ oder dem gut in die Magengrube fahrenden rhythmischen Pochen aus dem Laptop bei „M.I.A.“ – aber eines feststellen: Sollte elektronische Musik einmal das Hauptanliegen von Sohn gewesen sein, so ist sie es spätestens jetzt nicht mehr. Diese gerne etwas blass und ideenarm angerichteten Songs mit akustischem Zug zur Kirchenbank kommen am Ende bei „Caravel“ mit Gesang und Klavier allein ganz bei sich selbst an.

Davor hat Sohn noch eine rhetorische Frage gestellt: „You've been my prison / My lie, my final truth / And now you're gone / Are you?“ Die Antwort darauf kennen wir.

(Wiener Zeitung, 2.9.2022)

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