Samstag, August 27, 2022

Ein Ed für jede Gelegenheit

Ed Sheeran gastiert kommende Woche gleich zweimal im Wiener Ernst-Happel-Stadion. Eine Vorbereitung in fünf Schritten.

- Mathematik erfreut sich unter den Schulfächern traditionell nicht der größten Beliebtheit. Warum Ed Sheeran seine aktuelle Konzertreise also ausgerechnet „+–=÷x Tour“ (ausgesprochen „Mathematics Tour“) nennt und damit auch noch unfassbar erfolgreich ist, bleibt also ein Rätsel. Das gleiche gilt natürlich für seine Musik, der man als Laufkunde entweder zwischen den Supermarktregalen oder via Autoradio begegnet – man kennt sie also vom Nebenbei- oder vom Weghören. Selbstverständlich ging mit „=“ (ausgesprochen „Equals“) auch das aktuelle Album des mittlerweile 31-jährigen britischen Sängers und Songwriters nicht nur in den Kernmärkten UK und US auf die eins.

Interessant übrigens, dass die Tournee mit insgesamt 76 Konzerten, die Ed Sheeran kommende Woche gleich zweimal ins Wiener Ernst-Happel-Stadion führen wird (Restkarten für die Auftritte am Donnerstag und am Freitag sind noch verfügbar) bereits das Minus im Namen trägt. Dieses hat Ed Sheeran auf seinen nach den Grundrechnungsarten benannten Alben bisher erfolgreich vermieden. Den Gesetzen des Showbusiness zufolge sind ein fettes Plus und die Multiplikation natürlich zu jeder Zeit wünschenswert. Weniger geht aus naheliegenden Gründen allerdings gar nicht.

- Apropos weniger, apropos mehr: Wenn Ed Sheeran seine Konzertabende pünktlich um 20:15 Uhr beginnt, kommt es diesmal auch zu einer Premiere: Erstmals in seiner Karriere ist der Mann nicht ausschließlich als singende One-Man-Show mit mitgebrachter Loop-Station zu erleben. Tatsächlich spielt der Wuschelkopf mit der Hornbrille derzeit einige Songs mit seiner Band, die man allerdings nur schwer zu sehen bekommt. Irgendwo auf separaten Stellplätzen hinten im Juchee wird sie sich zwar verstecken. Die in der Stadionmitte aufgebaute Haupt- und Drehbühne bleibt aber erst recht wieder dem – hoffentlich schwindelfreien! – Star des Abends vorbehalten, der dort mit oder ohne Gitarre seltsame Verrenkungen durchführt, die angeblich sein Versuch sein sollen, das Tanzbein zu schwingen.

(Post-)Millennials wissen das vermutlich nicht mehr, aber 20:15 Uhr bedeutet historisch gesehen Primetime. Diese war früher mit Formaten wie „Wetten, dass . .?“ so etwas wie die Champions League im Unterhaltungsgewerbe. Im Gegensatz zu Thomas Gottschalk überzieht Ed Sheeran allerdings nicht. Zum Glück! Nach zwei Stunden heißt es für Erziehungsberechtigte auf- und durchatmen. Der nächste Tag im Büro oder im Garten (der Rasen wäre auch schon wieder zu mähen . . .) ist noch nicht zur Gänze verloren.

- Eröffnet werden die Abende übrigens mit dem aktuellen Song „Tides“. Nicht von ungefähr, immerhin erinnert der nach Bruce Springsteen klingende Song die Erziehungsberechtigten auf dem Areal zumindest kurz an die Musik, die es in einem Stadion eigentlich spielen sollte. Na geht doch! Vermutlich schiebt Ed Sheeran mit „Blow“ auch deshalb schnell einen Song hinterher, der den Sex- und Drogenrock alter Ausschweifungskapellen wie Led Zeppelin („Papa, wer?“) zumindest kopieren soll. Diese Musik hat einen so langen Bart, dass, wenn sie der Nachwuchs in sein YouTube hineingoogelt, Auftritte entweder noch in Schwarz-Weiß oder jedenfalls nicht in Ultra-High-Definition erscheinen. Oida, bitte, DAS IST DOCH KRANK!!!

- Wie man auch im Wiener Ernst-Happel-Stadion nachhören kann, ist Ed Sheeran ein geschickter Bursche. 150 Millionen Platteneinheiten verkaufen sich nicht von allein. Im Grunde gibt es ein Ed-Sheeran-Lied für jede Gelegenheit. Für die Party im Club („Shape Of You“) und das Kopfweh am Tag danach („Bad Habits“, „I’m A Mess“), für Hochzeiten („Perfect“) und für Todesfälle („Visiting Hours“). Und natürlich sorgen nicht zuletzt die Trennungssongs von Ed Sheeran verlässlich dafür, dass kein Auge trocken bleibt. Im eigentlich für seinen Kollegen Justin Bieber geschriebenen Song „Love Yourself“ etwa heißt es: „My mama don’t like you – and she likes everyone!“

- Es wurde schon oft gesagt, aber: Ein Erfolgsrezept seiner Karriere liegt darin, dass Ed Sheeran für seine Fans den netten Kerl von nebenan gibt. Er ist für uns ganz einfach der Ed. Den großen Glamourfaktor versprühen seine in Jeanshose und T-Shirt vom Diskonter absolvierten Konzerte also nicht. Ed Sheeran sieht dabei aus, als würde er gerade in den Baumarkt einkaufen gehen. Was den Ed dann aber doch erheblich von uns unterscheidet, ist die Sache mit den Luxusimmobilien in England und den diversen Millionen Pfund – auf dem Konto. Wenn Ed Sheeran auf ein Feierabendbier geht, macht er das außerdem mit Elton John. Wir hingegen treffen uns mit unserem alten Schulfreund Herbert.

(Wiener Zeitung, 27./28.8.2022)

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