Donnerstag, August 25, 2022

Das Böse ist immer und überall

Die britische Band Muse fährt auf ihrem neuen Album wieder schwere Geschütze auf.

Kaum hat das Album begonnen, befindet man sich bereits mitten im Flächenbrand unserer nicht immer ganz so schönen Mutter Erde. Und geht es nach rund 37 Spielminuten mit einer lockeren Aufwärmübung für die Postapokalypse wieder dem Ende zu, ist der Heimatplanet auch schon gefühlte 325-mal in die Hölle gefahren. Beinahe also würde man dem abschließenden Resümee zustimmen, wäre es in Gestalt des Songs „We Are Fucking Fucked“ über die Polykrisen unserer Zeit nicht etwas gar plump-plakativ ausgefallen.

Die britische Band Muse um ihren hysterisch falsettsingenden „Frontmann“, Gitarristen und Songwriter Matt Bellamy erweist sich auf ihrem jetzt erscheinenden neuen Album mit dem Titel „Will Of The People“ (Warner Music/Helium-3) also einmal mehr als notorische Wiederholungstäterin. Seit dem offiziellen Karriereauftakt vor mittlerweile 23 Jahren mit dem Debütalbum „Showbiz“ und auf im Wesentlichen allen Alben danach fällt ihre Weltsicht eher nicht so positiv aus. Wobei seit frühen Songs wie „Citizen Erased“, „Apocalypse Please“, „Time Is Running Out“ oder „Stockholm Syndrome“ sehr gerne auch diverse dystopische Urstoffe aus dem Science-Fiction-Universum durch den Fleischwurf gedreht werden. Zuletzt etwa standen auf den Alben „Drones“ (2015) und „Simulation Theory“ (2018) Großkapitel wie dehumanisierte Kriegsführung oder die Allmacht der Algorithmen auf dem Programm – Verschwörungstheorien inklusive. Von inhaltlichen Dauerbrennern wie Entfremdung und Unterdrückung sowie auch privat ausgeübte oder staatlich durchgesetzte Gewalt einmal ganz abgesehen. Das Böse, es ist auch bei Muse immer und überall.

Neue Katastrophenfälle

Uarrrgh! Zu Beginn des neuen Albums kommt mit dem im Holzschnittverfahren ausgerechnet an Marilyn Mansons „The Beautiful People“ von 1996, nun ja, „angelehnten“ Titelstück gleich der nächste musikalische Katastrophenfall über die Welt. Bevor später noch die bewährten Queen-Chöre einfallen und das Erbe von Freddie Mercury auch mit einem „Don’t Stop Me Now“-Wiedergang namens „Liberation“ beschworen wird – oder Muse zwischen diversen Eigenplagiaten mit einer Anspielung an Donna Summers Disco-Klassiker „I Feel Love“ im Song „Euphoria“ beweisen, dass sie wissen, wie kulturelle Aneignung geht –, stellt sich diesmal aber nicht etwa eine gewisse Abstumpfung ob der immergleichen Themen ein.

Nein. Viel eher denkt man darüber nach, dass die einst von Muse bequem aus der Distanz besungenen Krisenherde mittlerweile hautnah miterlebt werden können. Da kommt durchaus keine Stimmung auf: Es stellt sich die Frage, warum man sich „Will Of The People“ eigentlich anhören sollte, wenn man sich stattdessen etwa auch vom Ö1-„Morgenjournal“ deprimieren lassen kann.

Hausmauern verrückend

Naturgemäß ist das Hören eines Muse-Albums zu Hause so etwas wie Trockenschwimmen. Diese Musik ist für das aus naheliegenden pandemischen Gründen seit zweieinhalb Jahren gefährdete Konzept des Mehrzweckhallen- oder Stadionkonzerts gebaut. Entsprechend berechnend und nachdrücklich etwa mit dem Hausmauern verrückenden Dubstep-Gedonner und der gar nicht so heiteren Reizüberflutung von „Won’t Stand Down“ kommen die Ergebnisse dann auch daher, sofern Matt Bellamy mit „Ghosts (How Can I Move On)“ nicht gerade mit einer Zehnerpotenz Pathos zu Klavierbegleitung allein für Feuerzeug-, sprich Taschenlampen-App-Alarm sorgt. Eigenen Aussagen zufolge wollte der Bandchef dem Wunsch seiner Plattenfirma nach einem Best-of-Album nicht nachkommen und hat ersatzweise ein Best-of-Album aus neuen Songs abgeliefert – worüber man jetzt diskutieren kann. Jedenfalls sollten Stücke wie das alarmistische „Kill Or Be Killed“ mit seinem von Rammstein geborgten Endzeitchor oder „You Make Me Feel Like It’s Halloween“ als Grusical mit Kirchenorgel zumindest der Gunst der Stammkundschaft sicher sein.

Ein unüberhörbares Problem von „Will Of The People“ bleibt freilich bestehen. Oft ist in diesen Songs alles andere als klar, was genau da und vor allem aus welcher Perspektive es berichtet und/oder behauptet wird. „I’ve opened my eyes and counted the lies / And now it is clearer to me / You are just a user and an abuser / And I refuse to take it!“ So laufen Muse entweder Gefahr, von der Corona-Leugner-Szene vereinnahmt zu werden.

Oder sie meinen es so.

(Wiener Zeitung, 26.8.2022) 

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