Panda Bear und Sonic Boom haben mit „Reset“ ihr erstes gemeinsames Album vorgelegt.
Den britischen Musiker Peter Kember hat die Musikwelt in den 1980er Jahren ursprünglich als Gründungsmitglied der Spacerockband Spacemen 3 kennengelernt. Bevor der heute 56-jährige Protodilettant und Nichtvirtuose später noch unter diversen Projektnamen wie Spectrum, E.A.R. und nicht zuletzt Sonic Boom gleichfalls in der Nische vorstellig wurde oder sich etwa auch als Produzent für deutlich dienstjüngere Kollegen wie MGMT oder Beach House verdingte, lautete das Motto seiner Stammband frei nach einem eigenen Albumtitel bekanntlich nicht nur „Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To“.
Auch fasste Kember den auf Reduktion und Repetition gebuchten, maximal minimalistischen Arbeitszugang von Spacemen 3 einmal so zusammen: „One chord best, two chords cool, three chords okay, four chords average.“ Solange es nicht um die Lautstärke ging, die auf der nach oben offenen Skala immer im Bereich „Hölleninferno“ zu liegen hatte, war weniger dabei also entschieden mehr.
Eins-a-Strandmusik
Noah Lennox alias Panda Bear wiederum schaffte den musikalischen Durchbruch als Mitglied der US-Avantgarde-Popband Animal Collective in den mittleren Nullerjahren sowie bald darauf auch mit von seinem Arbeitgeber ästhetisch nie zu weit entfernten Soloalben wie „Person Pitch“ (2007) oder „Tomboy“ (2011). Wobei nicht zuletzt der Sound von Brian Wilson und den Beach Boys mit entweder himmelhochjauchzendem oder zu Tode betrübtem Harmoniegesang von seinerzeit ein bestimmendes Merkmal war, das sich hier mit gleichfalls psychedelischem Unterton ein zeitgenössisches Update genehmigte.
Zu einer Erstbegegnung zwischen Peter Kember alias Sonic Boom und Noah Lennox alias Panda Bear kam es vor rund eineinhalb Jahrzehnten nach wechselseitigem Goderlkraulen in der Öffentlichkeit. Zwischen damals und dem jetzt vorliegenden gemeinsamen Debütalbum „Reset“ (Domino Records) mit seinen neun in 38 Spielminuten gereichten Stücken liegt die Betätigung Kembers an den Reglern als Co-Produzent zweier Panda-Bear-Alben um zuletzt „. . . Meets The Grim Reaper“ (2015). Dass auch Kember schließlich nach Portugal auswanderte, wo der um zwölf Jahre jüngere Panda Bear bereits 2004 heimisch wurde, scheint die Beziehung entsprechend vertieft zu haben.
Tatsächlich darf man sich die gemeinsam entstandenen Songs jetzt als Eins-a-Strandmusik vorstellen, aus der unter Zuhilfenahme einer Wasserpfeife nicht zuletzt der Geist der Beach Boys wieder im großen Stil aufsteigt. Auch wenn die ewigen Helden der kalifornischen Surfmusik im Gegensatz zu anderen Pop-Vorreitern von Eddie Cochran über die Everly Brothers oder die britische Garagenband The Troggs („Wild Thing“) bis hin zu den Drifters um Ben E. King („Save The Last Dance For Me“) nicht gesampelt wurden: Für die musikalische Ehrerbietung diesbezüglich reicht neben der Vintage-Patina der Produktion auch der einschlägige (Gruppen-)Gesang. Als einstiger (Helden-)Tenor aus dem Schulchor weiß Panda Bear ganz genau, wo er ansetzen muss. Aber auch Sonic Boom als Leadsänger etwa des zwischen Kinderlied und psychotropem Trip angerichteten Songs „Everyday“ fügt sich gut ins Gesamtbild.
Lustige Pupillen
Zur überwiegend aus Doo-Wop- und Vokalpop-Songs destillierten musikalischen Grundlage von dazumal setzt es dann aber nicht nur akustische Lagerfeuergitarre, Handclaps aus dem Hippiesitzkreis, fröhlich-friedliche Mitsummmelodien oder das eine oder andere verschreibungspflichtige Gstanzl: „Whirlpool, pull me deeper than down / Fallin’ so deep, yeah / I’m gonna drown, drown, drown.“
Während die auch hier gut und gerne auf Repetition gebaute Musik etwa bei einem konsequent verstrahlten Song wie „In My Body“ einen eigenen Plan entwickelt und einfach so lange aus den Boxen fließt, bis wir knöcheltief darin im Wohnzimmer stehen, brechen Panda Bear und Sonic Boom mit retrofuturistischen Synthie-Sounds auch noch in den Orbit auf. Gut möglich, dass sich mit „I Hear A New World“ von Joe Meek aus dem Jahr 1960 auch ein diesbezüglicher Klassiker in der Plattensammlung von Peter Kember befindet.
Ob es auf dem Mars Strände gibt, an denen man sich mit lustigen Pupillen unter der Sonnenbrille durch den Tag träumen kann? Wir bleiben dran.
Das Album „Reset“ von Panda Bear & Sonic Boom ist am 12. August zunächst digital erschienen und kommt am 18. November auch als CD und LP in den Handel.
(Wiener Zeitung, 23.8.2022)

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