Donnerstag, September 08, 2022

Sacharin um Mitternacht

Oliver Sim, männliche Stimme und Bassist der britischen Band The xx, veröffentlicht sein erstes Soloalbum.

Das Eröffnungsstück verlangt der Hörerschaft und den ausführenden Musikern gleichermaßen einiges ab: Während Oliver Sim gegen Ende von „Hideous“ mit einem Bekenntnis um die Ecke biegt, das das Album auch im Weiteren unterschwellig bestimmen wird („Been living with HIV / Since seventeen . . .“), steht auch noch eine Falsetteinlage auf dem Programm, die uns seltsam vertraut vorkommt. Man denkt, das klingt ja wie Jimmy Somerville, und tatsächlich, es ist Jimmy Somerville.

Oliver Sim, bekannt als – neben Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft – Stimme, Bassist und Textautor der britischen Band The xx, hat einen Bruder im Geiste mit an Bord geholt, dessen eben von sehr drastischem Kopfstimmengesang bestimmter Song „Smalltown Boy“ seiner Band Bronski Beat aus dem Jahr 1984 bis heute als queerer musikalischer Befreiungsschlag gefeiert wird. Er legt sein jetzt erscheinendes Solodebüt also eher als persönliche denn als musikalische Entfesselung an. Auch wenn ein Großteil der Songs von „Hideous Bastard“ (Young/Beggars Group) in dieser Form auf keinem Album von The xx erscheinen könnte, stehen die Ergebnisse dem Werk seiner Stammband auch nicht diametral gegenüber. Mehr als eine Wesensverwandtschaft ist also zu hören.

Licht und Schatten

Kunststück: Wie immer im Fall unserer drei musizierenden Freunde aus London handelt es sich auch bei Oliver Sims Sologang um eine familiäre Angelegenheit. Sein Kollege Jamie xx, der bisher als einziges Bandmitglied auch unter eigenem Namen reüssierte, etwa im Rahmen seiner Annäherung an den großen US-Soul-Jazz-Poeten Gil Scott-Heron auf dem Remix-Album „We’re New Here“ (2011) oder mit seinem ersten Solostreich „In Colour“ (2015), dessen Erkundung der elektronischen Tanzmusik dann wiederum auf das dritte und bisher letzte Album seiner Band („I See You“ von 2017) zurückwirkte, hat Oliver Sim zunächst Mut zugesprochen, sich selbst zu verwirklichen. Und er hat „Hideous Bastard“ dann auch gleich produziert. Gute Sache. Schließlich demonstriert der heute 33-Jährige nicht zuletzt, wie man auch noch nicht ganz ausgegorene Songideen an den Reglern zu einem mittleren Ereignis macht. Auch wenn die kreativen Ressourcen gerade zu versiegen drohen, ist das alles also sehr gut anzuhören.

Licht und Schatten bestimmen das Album aber auch in Inhalt und Ästhetik: Der Mann mit dem Perlenohrring erinnert sich selbst als „Sensitive Child“, um den „Confident Man“ in einem gleichlautenden, synthetisch-dunklen Albumhighlight lediglich vorzugaukeln, während ausgerechnet mit dem vor Horrorfilmhintergrund spielenden „Run The Credits“ die Sonne aufgeht und uns der Bassist seine Dosis „Saccharine“ als hübsche kleine Nachtmusik verabreicht, die dann tatsächlich nahe an The xx angerichtet ist. Mit Stücken wie „GMT“, das auch als nts-ntsender, knapp 10-minütiger Jamie-xx-Remix veröffentlicht wurde, entdeckt Oliver Sim hier außerdem seine zärtliche Ader.

„I have proof that I was here / but a feeling like I wasn’t.“ Der Charakter dieser Musik, er ist flüchtig. Nach fünf Jahren ohne Album aus dem Hause The xx ist es trotzdem nicht verkehrt, sich auf „Hideous Bastard“ einzulassen. 

(Wiener Zeitung, 9.9.2022)

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