"Cactus versus Brezel", das elfte Album von Stereo Total
„Die Stunde der Dilettanten“, vom
deutschen Autor Thomas Rietzschel mit dem gleichnamigen Buch zuletzt und
höchstwahrscheinlich kulturpessimistisch betrachtet, befindet sich bei ihnen
schon seit 1993 in der Verlängerung: Warum Stereo Total also ausgerechnet in
die maximal professionelle Entertainmentmetropole Los Angeles eilten, um ihr
elftes Album einzuspielen, ist nicht überliefert. Mit Song Nummer drei wird auf
„Cactus versus Brezel“ (Staatsakt) jedenfalls recht schnell ein SOS aus der
Stadt der Engel versendet, die sich womöglich doch als Antithese zum
europäischen Wesen dieser deutsch-französischen Achse erwies. „Es ist eine
Selbstmordstadt / Die moderne Hölle, ein Monster / Ein großer Friedhof, hol
mich ab / Bete für mich, Mama, meine Mutter!“
Ernsthafter Aberwitz
Das aus Françoise Cactus, der
die Berliner Schnauze mit französischem „Accent“ neu deutenden Frontfrau, und
Tastenmann Brezel Göring bestehende Duo belegt seinen Hang zum Aberwitz dabei
schon immer mit großer Ernsthaftigkeit. Welthits für den Indie-Club wie „Liebe
zu dritt“ oder „Ich bin der Stricherjunge“ künden nicht nur davon, dass Stereo
Total altes Kulturgut zwischen Chanson, Garagenrock und steinzeitlicher
Elektronik aus der Prä-Kraftwerk-Ära bewahren wollen. Erweitert um die frohe
Botschaft aus dem Gender-Seminar unseres Vertrauens, werden junge Menschen hier
über Themenblöcke wie „Die Frau in der Musik“ auch mit Bildung versorgt.
Fünfzehn live eingespielte,
knappe Lieder mit windschiefen Arrangements und dem unwiderstehlichen Charme
des Turbo-Dilettantismus enden nach vierzig Minuten mit „We Don’t Wanna Dance“,
dem denkbar dankbarsten Song für den Diskurs über die Disko: „We don’t wanna
dance / because we don’t like the music! / We don’t wanna dance / Because we
hate discotheques!"
Stereo Total: Cactus versus
Brezel (Staatsakt)
(Wiener Zeitung, 1.6.2012)

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