Freitag, Juni 01, 2012

Altes Kulturgut mit Witz und „Accent“

"Cactus versus Brezel", das elfte Album von Stereo Total

 „Die Stunde der Dilettanten“, vom deutschen Autor Thomas Rietzschel mit dem gleichnamigen Buch zuletzt und höchstwahrscheinlich kulturpessimistisch betrachtet, befindet sich bei ihnen schon seit 1993 in der Verlängerung: Warum Stereo Total also ausgerechnet in die maximal professionelle Entertainmentmetropole Los Angeles eilten, um ihr elftes Album einzuspielen, ist nicht überliefert. Mit Song Nummer drei wird auf „Cactus versus Brezel“ (Staatsakt) jedenfalls recht schnell ein SOS aus der Stadt der Engel versendet, die sich womöglich doch als Antithese zum europäischen Wesen dieser deutsch-französischen Achse erwies. „Es ist eine Selbstmordstadt / Die moderne Hölle, ein Monster / Ein großer Friedhof, hol mich ab / Bete für mich, Mama, meine Mutter!“ 

Ernsthafter Aberwitz

Das aus Françoise Cactus, der die Berliner Schnauze mit französischem „Accent“ neu deutenden Frontfrau, und Tastenmann Brezel Göring bestehende Duo belegt seinen Hang zum Aberwitz dabei schon immer mit großer Ernsthaftigkeit. Welthits für den Indie-Club wie „Liebe zu dritt“ oder „Ich bin der Stricherjunge“ künden nicht nur davon, dass Stereo Total altes Kulturgut zwischen Chanson, Garagenrock und steinzeitlicher Elektronik aus der Prä-Kraftwerk-Ära bewahren wollen. Erweitert um die frohe Botschaft aus dem Gender-Seminar unseres Vertrauens, werden junge Menschen hier über Themenblöcke wie „Die Frau in der Musik“ auch mit Bildung versorgt.

Fünfzehn live eingespielte, knappe Lieder mit windschiefen Arrangements und dem unwiderstehlichen Charme des Turbo-Dilettantismus enden nach vierzig Minuten mit „We Don’t Wanna Dance“, dem denkbar dankbarsten Song für den Diskurs über die Disko: „We don’t wanna dance / because we don’t like the music! / We don’t wanna dance / Because we hate discotheques!"

Stereo Total: Cactus versus Brezel (Staatsakt)

(Wiener Zeitung, 1.6.2012)

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