Montag, Juni 04, 2012

Folk als Loblied der Archaik

Neil Young & Crazy Horse: Americana (Warner)

Das Album beginnt beiläufig und fast wie eine Jam-Session in der Garage: Raue Gitarren, schepperndes Schlagzeug und mit Ausrufezeichen versehene Gruppengesänge im Zeichen eines hübschen Altherrenrock lassen keine Zweifel daran, dass sich Neil Young für sein nun vorliegendes Album „Americana“ wieder auf die Kollegen von Crazy Horse eingelassen hat. Anstatt mit seiner dienstalten Begleitband neue Songs einzuspielen, beschränkte sich der heute 66-Jährige mit der Interpretation wohlbekannter Folk-Klassiker aber auf ein Loblied der Archaik. 

Landesvermessung

Während Young seine Fans einst mit patriotischen Pro-Reagan-Statements vor den Kopf stieß, auf dem Protestalbum „Living With War“ 2006 aber die Absetzung George W. Bushs forderte, hält sich der Mann mit der brüchigen Stimme aktuell mit Kommentaren zurück. Seine zwischen Hippieträumen und einem nüchternen Blick auf die Realität changierende Weltsicht spiegelt sich in den Songs freilich wider: „This Land Is Your Land“, Woody Guthries Ode an ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten, passt zu Youngs Topoi ebenso wie das die ewigen Themen Liebe und Tod verhandelnde „Clementine“, das nicht als einziges Lied dieses Albums noch im 19. Jahrhundert wurzelt. Vor allem werden die USA aber musikalisch vermessen – Country aus dem Hinterland („Travel On“) steht ebenso auf der Agenda wie schwarzer Doo-Wop („Get A Job“), der aus den Kehlen von Crazy Horse allerdings etwas skurril anmutet.

Das Booklet informiert über die Geschichte der Songs und erlaubt sich bei der letzten Nummer den Schmäh, Youngs buchstäbliche Interpretation vor dem Hintergrund des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und der Wandlung des Landes zur Freiheit zu erklären: Sie heißt „God Save The Queen“ und kommt pünktlich zum 60. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II.

(Wiener Zeitung, 5.6.2012)

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