Montag, Juni 11, 2012

Weit südlich des Himmels

Am Sonntag ging das Nova-Rock-Festival im burgenländischen Nickelsdorf zu Ende

Der Sportflieger vom Rotbullenkonzern, der seine Pirouetten hoch droben am Himmel schlug, um, einen Absturz simulierend, Richtung Nova Rock zu Boden zu segeln, erinnerte als wohlvertraute Attraktion schon bei der Ankunft daran, dass das Festival in der pannonischen Tiefebene nicht nur in puncto Musik jährlich das Gleiche zu bieten hat. Zum verlässlich traurig aussehenden „Funpark“ oder den zwischen Freiluftklo oder „Asia Gourmet“ pendelnden Duftwolken kam die Gewissheit, dass der nächste 14-jährige Rabauke seine Umgebung im Vorbeilaufen gleich kollektiv als „schwule Sau“ bezeichnen wird. In Deckung! Der ihm in hohem Bogen nachfolgende Jumbobecher mit Wasserwein gehört zum guten Ton in Sachen „Ehrenrettung“.

Fröhliche Urständ

Rituale, Riten, Rambazamba. Als größtes härtestes Festival hierzulande hat sich das Nova Rock längst zu einer Konstante entwickelt. Konstant im Sinne von Sturheit und Stillstand dürfen sich vom Leben da draußen verunsicherte Männer hier drei Tage lang der Illusion sicher sein, dass Metallica die beste Band der Welt und Frauen von „Arschloch und Spass dabei!“-T-Shirts zu beeindrucken sind. Ganz grundsätzlich also bietet das Nova Rock Verlässlichkeit für viele Jahre. Und es setzt mit starken Metal-Anteilen am Programm auf jenes Genre, in dem das einst nur von unseren Großeltern eingeforderte Recht auf keine Veränderung noch fröhliche Urständ feiert.

Am Abschlusstag des heuer nicht restlos ausverkauften Festivals liefen mögliche Abweichler also als Randnotiz. Die ironiefähigen Dosenbiertrinker von Turbonegro etwa bekämpften das System mit heimlichen Welthits wie „I Got Erection“ von innen heraus mit der Taktik, eine mit dreieinhalb Starkstromakkorden ihr Auskommen findende Hörerschaft mit (vorgetäuschter) Männerliebe als letztem möglichem Provokationsangebot zu konfrontieren. Mastodon aus Atlanta, Georgia, wiederum definierten ihren Metal-Ansatz als abseits der gut ausgetretenen Trampelpfade und, über ihr Wissen um Stoner-Rock oder Neurosis, zwischen progressivem Ansatz und Song.

Während sich die finnische Symphonic-Metal-Kapelle Nightwish mit ihrem erheblich an den Eurovision Song Contest erinnernden Schmierentheater als Missing Link zwischen Richard Wagner, Andrew Lloyd Webber, Rammstein, Vangelis, Abba und dem Herren der Ringe erwies und dabei der eine oder andere Windstoß Sand ins Getriebe der nun ihren Dienst verweigernden Videowalls streute, durften die US-amerikanischen Thrash-Metal-Pioniere Slayer ihre satanischen Verse zuvor noch unter der Raika-Werbung zum Besten geben.  

Wut, Zorn, Hass 

Live wurde dabei einmal mehr deutlich, dass diese bei infernalischer Lautstärke und höllischem Tempo auch als Hommage an den Tritonus als Teufel in der Musik geprügelte Haudraufklassik, maximal radikal, das Gute im Bösen sucht: Spielzeit in der Hölle, das bedeutet über die Beigabe eines reinigenden Doublebassdrum-Gedonners vor allem Wut, Zorn und mehr als nur zwei Pentagramm Hass, festgemacht an Liedern über Massenmord und Serienkiller und Texten mit antiklerikaler Wirkung: „Dead Skin Mask“, „Chemical Warfare“ oder „Reign In Blood“ erklärten mit Gitarren, die klangen wie die Rotbullenmaschine im Sturzflug, dass bei Tom Araya und seinen Getreuen auch nach drei Jahrzehnten im Geschäft noch immer Unrecht vor Gnade kommt: „Die By The Sword!!!“

Dass es bei Metallica, die das Festival als letzter Headliner beschlossen, außer Nostalgie nur mehr um Nostalgie geht, ist für das Nova Rock ebenso passend, wie es mit dem aktuellen Output der Band Vertrauten nur recht sein kann. Die Darbietung des sogenannten „Black Album“ aus 1991 und das Beste aus der Zeit davor ging dabei gleichermaßen druckvoll wie quasi-museal über die Bühne.

Allerspätestens bei der Ankunft im nördlichen Wien war jedenfalls klar, wo Slayer „South Of Heaven“ verorten. Was soll man sagen? Teufel aber auch!    
   
(Wiener Zeitung, 12.6.2012)

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