Am Sonntag ging das
Nova-Rock-Festival im burgenländischen Nickelsdorf zu Ende
Der Sportflieger vom
Rotbullenkonzern, der seine Pirouetten hoch droben am Himmel schlug, um, einen
Absturz simulierend, Richtung Nova Rock zu Boden zu segeln, erinnerte als
wohlvertraute Attraktion schon bei der Ankunft daran, dass das Festival in der
pannonischen Tiefebene nicht nur in puncto Musik jährlich das Gleiche zu bieten
hat. Zum verlässlich traurig aussehenden „Funpark“ oder den zwischen
Freiluftklo oder „Asia Gourmet“ pendelnden Duftwolken kam die Gewissheit, dass
der nächste 14-jährige Rabauke seine Umgebung im Vorbeilaufen gleich kollektiv
als „schwule Sau“ bezeichnen wird. In Deckung! Der ihm in hohem Bogen
nachfolgende Jumbobecher mit Wasserwein gehört zum guten Ton in Sachen
„Ehrenrettung“.
Fröhliche Urständ
Rituale, Riten, Rambazamba. Als
größtes härtestes Festival hierzulande hat sich das Nova Rock längst zu einer
Konstante entwickelt. Konstant im Sinne von Sturheit und Stillstand dürfen sich
vom Leben da draußen verunsicherte Männer hier drei Tage lang der Illusion
sicher sein, dass Metallica die beste Band der Welt und Frauen von „Arschloch
und Spass dabei!“-T-Shirts zu beeindrucken sind. Ganz grundsätzlich also bietet
das Nova Rock Verlässlichkeit für viele Jahre. Und es setzt mit starken
Metal-Anteilen am Programm auf jenes Genre, in dem das einst nur von unseren
Großeltern eingeforderte Recht auf keine Veränderung noch fröhliche Urständ
feiert.
Am Abschlusstag des heuer nicht
restlos ausverkauften Festivals liefen mögliche Abweichler also als Randnotiz.
Die ironiefähigen Dosenbiertrinker von Turbonegro etwa bekämpften das System
mit heimlichen Welthits wie „I Got Erection“ von innen heraus mit der Taktik,
eine mit dreieinhalb Starkstromakkorden ihr Auskommen findende Hörerschaft mit
(vorgetäuschter) Männerliebe als letztem möglichem Provokationsangebot zu
konfrontieren. Mastodon aus Atlanta, Georgia, wiederum definierten ihren
Metal-Ansatz als abseits der gut ausgetretenen Trampelpfade und, über ihr
Wissen um Stoner-Rock oder Neurosis, zwischen progressivem Ansatz und Song.
Während sich die finnische
Symphonic-Metal-Kapelle Nightwish mit ihrem erheblich an den Eurovision Song
Contest erinnernden Schmierentheater als Missing Link zwischen Richard Wagner,
Andrew Lloyd Webber, Rammstein, Vangelis, Abba und dem Herren der Ringe erwies
und dabei der eine oder andere Windstoß Sand ins Getriebe der nun ihren Dienst
verweigernden Videowalls streute, durften die US-amerikanischen
Thrash-Metal-Pioniere Slayer ihre satanischen Verse zuvor noch unter der
Raika-Werbung zum Besten geben.
Wut, Zorn, Hass
Live wurde dabei einmal mehr
deutlich, dass diese bei infernalischer Lautstärke und höllischem Tempo auch
als Hommage an den Tritonus als Teufel in der Musik geprügelte Haudraufklassik,
maximal radikal, das Gute im Bösen sucht: Spielzeit in der Hölle, das bedeutet
über die Beigabe eines reinigenden Doublebassdrum-Gedonners vor allem Wut, Zorn
und mehr als nur zwei Pentagramm Hass, festgemacht an Liedern über Massenmord
und Serienkiller und Texten mit antiklerikaler Wirkung: „Dead Skin Mask“,
„Chemical Warfare“ oder „Reign In Blood“ erklärten mit Gitarren, die klangen
wie die Rotbullenmaschine im Sturzflug, dass bei Tom Araya und seinen Getreuen
auch nach drei Jahrzehnten im Geschäft noch immer Unrecht vor Gnade kommt: „Die
By The Sword!!!“
Dass es bei Metallica, die das
Festival als letzter Headliner beschlossen, außer Nostalgie nur mehr um
Nostalgie geht, ist für das Nova Rock ebenso passend, wie es mit dem aktuellen
Output der Band Vertrauten nur recht sein kann. Die Darbietung des sogenannten
„Black Album“ aus 1991 und das Beste aus der Zeit davor ging dabei
gleichermaßen druckvoll wie quasi-museal über die Bühne.
Allerspätestens bei der Ankunft
im nördlichen Wien war jedenfalls klar, wo Slayer „South Of Heaven“ verorten.
Was soll man sagen? Teufel aber auch!
(Wiener Zeitung, 12.6.2012)

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