Dienstag, Mai 06, 2008

Digital ist jetzt normal

Wien. Der Mann muss verrückt sein! Was hier freilich nur positiv gemeint ist, entspricht im Wesentlichen dem in Internetforen vorherrschenden Grundtenor bezüglich Trent Reznors Nine Inch Nails und deren am Montag ohne große Vorankündigung exklusiv auf der Bandhomepage zum Gratis-Download bereit gestellten Albums "The Slip".

Immerhin hatte Reznor vor knapp einem Jahr mit "Year Zero" ein weiteres Opus Magnum abgeliefert, im Anschluss "The Inevitable Rise And Liberation Of Niggy Tardust" des New Yorker Underground-Rappers Saul Williams produziert und erst jetzt im März seine 36 (!) Instrumentaltracks umfassende Arbeit "Ghosts I-IV" über das Word Wide Web vertrieben.

Keine Frage: Der Output des 42-Jährigen ist gegenwärtig enorm. Und er geht vor allem mit einer neuen Freiheit einher, die Reznor durch den Bruch mit seinem ungeliebten Label Universal erlangte. Wir müssen das alles also auch über den Niedergang der Musikindustrie und den steigenden Wunsch der Künstler nach alternativen, Unabhängigkeit verheißenden Vertriebswegen verstehen.

Nach Vorbild der Popgrenzwandler Radiohead, die sich als erster großer Act zu einer Online-Veröffentlichung ihrer Arbeit entschlossen hatten – "In Rainbows" konnte wahlweise gegen einen selbstgewählten Betrag oder gratis bezogen werden – wurde auch das besagte Album von Saul Williams im November 2007 als Download zur Verfügung gestellt. Zwar fiel Reznors Bilanz zwei Monate später etwas gedämpft aus, hatten sich doch nur 18 Prozent der Konsumenten für die Bezahlvariante entschieden. Mit bis dahin 154.000 Downloads wurde Williams dennoch ein Mehr an Aufmerksamkeit zuteil, als dies bei seinem auf physischen Tonträgern vertriebenen Vorgänger mit 33.000 abgesetzten Einheiten der Fall war: Digital ist besser!?

Deluxe-CDs als Cashcow

Von seinem Instrumental-Album "Ghosts I-IV", das wie das nun vorliegende "The Slip" mit einer Creative-Commons-Lizenz versehen wurde, von Konsumenten also nicht nur gehört, sondern auch weitergegeben oder geremixt werden darf und soll, bot Reznor dann auch nur 9 der 36 Stücke gratis an; die gesamte Arbeit konnte in verschiedenen Varianten ab fünf US-Dollar bezogen werden.

Zudem ließ Reznor eine auf 2500 Stück limitierte, handsignierte Deluxe-Edition mit vier CDs, einem beigelegten Bildband und, und, und zu je 300 Dollar auflegen. Kurz nachgerechnet waren den Nine Inch Nails alleine dadurch Einnahmen von rund 750.000 Dollar beschieden. Aber hallo!

Gut möglich, dass "The Slip" nun auch auf diesem finanziellen Polster ohne Wenn und Aber gratis angeboten wird, ehe es im Juli auf CD und Vinyl erscheinen soll. Gut möglich auch, dass Reznors latenter Übereifer sowohl die nach einem ersten Hördurchgang eher durchwachsenen 43 Minuten als auch ein Auseinanderklaffen von Form und Inhalt verantwortet: Denn mit klassisch polternden, also mit böllerndem Schlagzeug und hart angeschlagenen Gitarren dem Sturm und Drang verpflichteten Liedern, aus denen Reznor immer wieder auch eingängige Melodiebögen meißelt, und atmosphärischen Instrumentalstücken bewegen sich die Nine Inch Nails musikalisch in vertrauten Bahnen. Die Revolution, sie findet "nur" auf dem Vertriebsweg statt.

(Wiener Zeitung, 7.5.2008)

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