Mittwoch, Oktober 29, 2008

So weich, dass man ihn blind erkennt

Der britische Barde James Blunt gastierte in der Wiener Stadthalle

Liebe ist... Ja bitte, was eigentlich? Am Dienstagabend in der Wiener Stadthalle möchte man meinen: ein Missverständnis, das auf James Blunt zurückgeht. Schließlich führt der vollkommen zu Recht als Schmusesänger verschrieene britische Songwriter im Rahmen seiner aktuellen Tournee kaum ein klassisches Liebeslied mit im Gepäck. Aber Vorsicht! Jeder dieser immer leicht angerührten und von Blunt mit viel Kunstleid zwischen verzweifelter Mimik und latent irrem Blick im grauen Sonntagsanzug dargebrachten Songs klingt zumindest wie ein solches.

Man braucht sich heute bei erstaunlicher Pärchendichte im Publikum also nicht weiter zu wundern, wenn ausgerechnet zu Trennungsballaden wie "Goodbye My Lover" oder dem auch ohne Happy End bleibenden "Same Mistake" den Emotionen nachgegeben und dem Boy- oder Girlfriend die Zunge in den Hals gesteckt wird. Mit James Blunt, da sind wir irgendwie.. zusammener. Trennung hin, Trennung her.

Blunt, der 2004 mit seinem Album "Back To Bedlam" vorstellig wurde und auf "All The Lost Souls" im Vorjahr sein Revier endgültig zwischen laschem Kuschelrock und schwer verdaulichen Schmalzballaden markierte, liefert bei seinem Wien-Auftritt ein wahres Kunststück: Der in seiner Bühnenpräsenz von jedwedem Charisma befreite liebste aller potenziellen Schwiegersöhne bringt seine schon auf Platte erschütternd flachgebügelten Hits wie "You’re Beautiful", "Wisemen", "1973" und allem voran "High" mit vierköpfiger Band live noch sanfter, noch lascher, noch larmoyanter zur Aufführung. Klingt unmöglich, ist aber so: "Ahuuuuu!"

Dem von Radio Trallala an möglichst unauffällige, fahrstuhltaugliche Hintergrundbeschallung gewöhnten Publikum ist das egal. Schließlich bekommt es in betont freundlichen Zwischenansagen von seinem Helden auch ordentlich Honig ums Maul geschmiert. Und schließlich dürfen auch die Fans am anderen Hallenende ihrem James ganz nahe sein! Auf einer dort aufgebauten Miniaturbühne entfremdet Blunt nun auch solo am Klavier das Großkonzert in Richtung eines Aftershow-Jams in der Hotelbar.

Neben dem an Kitsch nicht zu überbietenden "Shine On" gibt sich vor allem "No Bravery", in dem der 34-Jährige mit zugespieltem Videomaterial seine Erlebnisse als KFOR-Soldat im Kosovo aufarbeitet, besonders melodramatisch. Der Rest ist gemächlich im mittleren Tempobereich angesiedelter Pop-Rock wie "Breathe", "Out Of My Mind" oder "So Long, Jimmy". Ein aalglatter, biederer Abend. Eine Konzert gewordene Harmlosigkeit.

(Wiener Zeitung, 30.10.2008)

Mittwoch, Oktober 15, 2008

Guns N’ Roses: Was lange währt...

"Das eben geschieht den Menschen, die in einem Irrgarten hastig werden: Eben die Eile führt immer tiefer in die Irre." Wahre Worte, gelassen ausgesprochen von Seneca dem Jüngeren.

Lange vor Erfindung des Düsenjets, des Cern-Teilchenbeschleunigers oder des Technobeats als Motivationshilfe für gestresste Manager zum Workout am Laufband stellte sich der Dichter in stoischer Ruhe gegen Hast und Rastlosigkeit als Träger von Verzweiflung und Ratlosigkeit. Der Visionär nahm die herrschenden Verhältnisse bereits vorweg. Stichwort: Burnout. Stichwort: Speed kills!

Nicht nur das Lexikon der langen Weile gibt Rat. Hier aufgeführte Redewendungen wie "Was lange währt, wird endlich gut" oder "Gut Ding braucht Weile" harmonieren mit Überlebenstipps aus dem Maul von Balu, dem Bären, – "Probier’s mal mit Gemütlichkeit!" – ebenso wie mit der österreichischen Volksseele. Die sagt "longsom", "nur de Ruhe", oder in der Bundeshauptstadt "kaan Stress". Seneca und der gemeine Österreicher sind frei nach Boris Bukowski nicht "wie Kokain". Sie sind wie das Seidl zum Gulasch, wie das Viertel zum Schnaps.

Hier kommt nun Axl Rose ins Spiel, dessen Strizzi-Gang Guns N’ Roses in den 90er Jahren mit feistem Hard Rock der Sorte ja, eh! bekannt wurde und sich einem dem Klischee verpflichteten Lifestyle zufolge mit Jack Daniels, Dosenbier und Heroin recht ordentlich sedierte. Vermutlich hat man es dabei etwas übertrieben. Immerhin kündigt Rose, der die Band seit 1995 so konsequent umbesetzte, dass aus der Stammformation nur mehr er selbst übrig blieb, schon seit zehn Jahren ein neues Album an. Das heißt "Chinese Democracy" und ist so etwas wie ein Running Gag des Rock’n’Roll. Zwar wurden bei vereinzelten Konzerten schon neue Songs gespielt, auch Demoversionen derselben kursieren seit längerem im World Wide Web. Die immer wieder angekündigte, insgesamt sechste Arbeit von Guns N’ Roses wollte dann aber doch nie erscheinen.

Das könnte sich zum Ärger des Getränkeherstellers Dr. Pepper nun schlagartig ändern. Der versprach jedem amerikanischen Bürger eine Flasche seines Kracherls gratis, sofern es "Chinese Democracy" noch heuer in die Läden schafft. Kurz darauf berichtete das "Billboard Magazine", dass die Handelskette Best Buy das Album am 23. November, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft, in ihren Filialen feilbieten wird.

Bestimmt, also wirklich! Wirklich wie: vielleicht. Alles ist möglich. Nix is fix. Zehn Jahre sind genug? Ein Prosit der Gemütlichkeit!

(Wiener Zeitung, 16.10.2008)

Dienstag, Oktober 07, 2008

Es frohlockt der Endverbraucher

Der deutsche Liedermacher und Autor Peter Licht stellt sein Album "Melancholie & Gesellschaft" in Wien vor

Wien. Im Herbst 2008 liegt die Weltwirtschaft danieder. Die Konkurse US-amerikanischer Investmentbanken haben den Kapitalismus in eine Krise gestürzt, Wirtschaftsforscher ihre Wachstumsprognosen nach unten korrigiert. Nicht nur die Anleger, ganze Märkte sind nervös. Die Rezession droht, Fiona Swarovski rät zum Anbau von Gemüse. Leute, wir müssen jetzt sparen! Denn: Geht’s der Wirtschaft schlecht, geht’s uns allen schlecht.

Peter Licht hat uns gewarnt. Schon 2006 konstatierte der in Köln ansässige Liedermacher und Autor auf seinem Album "Lieder vom Ende des Kapitalismus" zu schön geschrammeltem, mit Glockenspiel behübschtem Gitarrenpop hörbar ohne Wehmut den Niedergang unseres Wirtschaftssystems: "Hast du schon gehört, das ist das Ende. Das Ende vom Kapitalismus – jetzt isser endlich vorbei. Vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei! Weißt du noch, wir fuhren mit dem Sonnenwagen über das Firmament. Und wir pflückten das Zeug aus den Regalen aus den Läden. Und wir waren komplett! Weißt du noch, wir regelten unsre Dinge übers Geld."

Licht, der mit seinem 2001 auch im heimischen Jugendradio auf Heavy Rotation gelaufenen Lied "Sonnendeck" noch als Meinrad Jungblut einen veritablen Sommerhit gelandet hat, demonstriert seit jeher nicht nur seine Qualitäten als Songwriter mit erstaunlichem Gespür für melodieselige Arrangements. Der im Rahmen des Bachmannpreises 2007 für seinen Text "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" sowohl mit dem 3sat- als auch dem Publikumspreis ausgezeichnete Darsteller der Kunstfigur Peter Licht gefällt auch seiner pointierten Songtexte wegen.

Melancholie und Stadtflucht

Die können in Gestalt melancholisch angehauchter Alltagsbetrachtungen oder auch als im Kern ernst gemeinte, durch sprachlichen Witz aber ironisch gebrochene Verhandlungen ihres jeweiligen Themengegenstandes daherkommen. Siehe dazu Lieder wie "Ihr lieben 68er" ("Danke für alles – ihr dürft jetzt gehen. Aber bitte ruft uns nicht an!") oder die Prekariats-Hymne "Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt".

Nach auch musikalisch neckischen Anfängen im Bereich ungeschliffener Lo-Fi- und Wohnzimmerpop fragmente und zunehmend ernsthaft ausproduzierten und zuletzt auch deutlich rocklastigeren Arbeiten veröffentlichte Licht heuer mit "Melancholie & Gesellschaft" sein bisher introspektivstes Album. Darauf verbünden sich mit viel Hall veredelte Klaviermotive und zart angeschlagene Lagerfeuergitarren zu einem Manifest der inneren Einkehr in der ironiefreien Zone. Inhaltlich bringt Licht hier auch die bürgerliche – dem Bobo von heute verständliche – Sehnsucht des Städters nach der ländlichen Idylle mit ins Spiel. "Wär’ das nicht gut? Es ging uns dort besser!" Süßer Eskapismus.

Eine Kunstfigur ohne Gesicht

Live hören kann man den Mann, der ähnlich wie US-Starautor Thomas Pynchon oder Daft Punk, die Könige der französischen Unterhaltungselektronik, sein Gesicht der Öffentlichkeit konsequent vorenthält – beim Bachmannpreis etwa las er mit dem Rücken zum Publikum – demnächst im Wiener WUK. Da frohlockt der Endverbraucher!

(Wiener Zeitung, 8.10.2008)

Vorsichtig vorwärts

- Robert Forster gastiert im WUK

Wien.
Neben Nick Cave und dessen Birthday Party, den Beasts Of Bourbon oder The Triffids um David McComb muss vor allem eine Band zu den vortrefflichsten Pop-Exporten aus Down-Under gezählt werden: The Go-Betweens.

Immerhin setzte die 1977 von den Studienkollegen Robert Forster und Grant McLennan in Brisbane gegründete, ab Anfang der 80er Jahre mit wechselnden Mitmusikern von London aus operierende Band mit atmosphärisch dichten Arbeiten wie "Before Hollywood", "Liberty Bell and the Black Diamond Express" oder "16 Lovers Lane" nichts weniger als zeitlos gültige Statements in die Welt.

Neben durchaus zackig von den Saiten gerissenem Material verdichteten Forster und McLennan ihr Wissen um Bob Dylan, Punk und New Wave mit dem richtigen Gespür für den klassischen Popsong vor allem zu lyrisch angehauchtem, verträumt dargebotenem Gitarrenpop mit Folk-Breitseiten, für die Streicher-Arrangements ebenso sorgten wie ab und an zuarbeitendes Akkordeon. Schnell galt die Formation als Hoffnungsträgerin eines im Underground beheimateten Rockentwurfs, der Vergleiche mit Gesinnungsgenossen wie etwa The Smiths nach sich zog.

Im Gegensatz zu diesen blieben The Go-Betweens kommerziell allerdings unbedankt. Die Band trennte sich 1989. Ihre Masterminds versuchten sich in den 90ern mit je vier, kaum wahrgenommenen Alben an Solokarrieren, ehe sie sich pünktlich zum Millennium wiedervereinten und mit "Friends Of Rachel Worth" zu einem so nicht mehr erwarteten, von Publikum und Kritik gleichermaßen abgefeierten, würdigen Alterswerk ansetzten. Durch den plötzlichen Tod von McLennan im Mai 2006 wurde diesem Triumphzug aber ein ebenso jähes wie trauriges Ende bereitet.

Auf seinem heuer veröffentlichten Solo-Album "The Evangelist" knüpft Robert Forster nun stilistisch durchaus an das Werk seiner ehemaligen Band an. Und er pendelt auf zehn neuen Songs zwischen Trauer, Demut vor dem Gewesenen und einem vorsichtigen Blick nach vorne: "I hope I get it right as I go on, as I move on". Live am morgigen Mittwoch im Wiener WUK.

(Wiener Zeitung, 7.10.2008)