Sonntag, Juni 19, 2011

Schlechtes Wetter, schwere See

Herbert Grönemeyer begeisterte sein Publikum im Wiener Ernst-Happel-Stadion: trotz widriger Umstände.

Die Regenkleidung, die Herbert Grönemeyer zum Auftakt seines Konzerts im Wiener Ernst-Happel-Stadion im Zuspieler auf den LED-Screens trug, um sich, passend zu seinem Song „Schiffsverkehr“ aus dem gleichnamigen aktuellen Album, als Seefahrer zu tarnen, sollte er tatsächlich noch brauchen: Kurz nach Konzertbeginn setzte Starkregen ein – und er ließ kaum nach, bis Grönemeyer drei Stunden später den letzten Ton in die Nacht entließ.

Zahlreiche Songtitel passten zu diesem Abend wie die Faust aufs Auge: „Lass es uns nicht regnen“, „Land unter“ oder „Fernweh“, mit dem Grönemeyer sich aus dem Feuchtgebiet fortträumte. Aber es half nichts, am Samstag galt es, durchzuhalten. Solidarisch mit seinem Publikum wanderte Grönemeyer über den unüberdachten Bühnensteg, auf dem er später auch noch sein Klavier aufbauen ließ, das mehrmals trocken gelegt werden musste. „Ein feuchtfröhlicher Abend. Dufte!“

Wasser spielte in Grönemeyers Gesamtwerk schon immer eine entscheidende Rolle. Gischt, Brandung, Wellen. Das Meer, die See. Mit Zeilen wie „Weg mit dem fixen Problem / Ich will mehr Schiffsverkehr / Endlich auf hohe See“ vertextete der 55-jährige Sänger über den Topos Meer zuletzt ein Gefühl von Aufbruchsstimmung sowie den Umstand, dass es im Leben – allen Widrigkeiten zum Trotz – immer weitergehen muss. Kaum jemand kann darüber glaubwürdiger singen als Grönemeyer, der mit dem Tod seiner Frau und seines Bruders im Jahr 1998 schwere Schicksalsschläge zu verkraften hatte. Die Songs aus seinem Bewältigungsalbum „Mensch“ aus 2002 gehören bei seinen Konzerten traditionell zu den am stärksten akklamierten – wie sich mit der Ballade „Der Weg“ oder Grönemeyers bislang erfolgreichster Singleveröffentlichung „Mensch“ auch in Wien bestätigen sollte.

Ein Verschränkungskünstler


Sein aktuelles Album spielte Grönemeyer beinahe zur Gänze durch – was vor fröstelnden Fans, die sich gern zu den Hits bewegt hätten, durchaus als Wagnis bezeichnet werden darf. Neben „Kreuz meinen Weg“, das mit einer Extraportion nur als grönemeyerisch zu bezeichnenden Pathos auffuhr, lauschte man Balladen wie dem seiner demenzkranken Mutter gewidmeten „Deine Zeit“, dem für die deutschen Soldaten in Afghanistan geschriebenen „Auf dem Feld“ oder dem launigen „So wie ich“. Mit „Lass es uns nicht regnen“ schließlich führte Grönemeyer einen Hauch von Motown in sein Œuvre ein.

Den Soul trugen auch die Backgroundsängerinnen vor sich her, während der schon auf „Schiffsverkehr“ problematische Stromgitarrengebrauch live in ausschweifende Gitarrensoli mündete – vom Saxofon ganz zu schweigen. Grönemeyer selbst trieb seinen grundsätzlich gepresst-konsonantischen Gesangsstil mit Johlen und Jaulen hin zur Vokalzerdehnung.

Alte Klassiker wie „Bochum“, „Alkohol“, „Musik nur, wenn sie laut ist“, „Männer“, „Flugzeuge im Bauch“ oder „Ich hab dich lieb“ demonstrierten letztlich Grönemeyers Qualitäten als Verschränkungskünstler. Er hält zusammen, was zusammengehört. Am Ende nicht nur zahlreiche Pärchen, sondern ein ganzes Stadion.

(Wiener Zeitung, 21.6.2011)

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