US-Produzent
Andy Butler und das dritte Album seines Projekts Hercules And Love Affair
Vor
mittlerweile auch schon wieder sechs Jahren ging für Andy Butler
karrieretechnisch mindestens alles auf. Mit dem Debütalbum seines Projekts Hercules
And Love Affair war der langgediente House-DJ aus Denver zur richtigen Zeit am
richtigen Ort, um mit den richtigen Leuten die richtige Musik zu machen.
Immerhin war durch die zehn Songs des selbstbetitelten und im Umfeld des
schicken DFA-Labels in New York entstandenen Erstlings und den Überhit „Blind“
mit Antony Hegartys sehnsüchtig zitternder Jahrhundertstimme auch dafür
gesorgt, dass Disco als Genre in elektronisch-revitalisierter Form plötzlich
wieder in Mode kam. Ebenso klug wie knackig produziert und mit der richtigen
Balance zwischen Lebenslust und der guten alten Melancholie, die man halt doch
nie so ganz abschütteln kann, wurde längst nicht nur die Gay-Community
begeistert. Die Inszenierung: Modern, die Orgien-Mysterien-Ästhetik der Antike
aber dankbar als Vorlage übernehmend. Hercules als Adonis von jungen Römern
umgeben, durch den Musenhain ans DJ-Pult schreitend!
Lose
Gemeinschaft
Die
Bässe rotierten. Der Beat enthemmte die Körper für die Verlockungen der Nacht.
Die Nacht war gekommen, um zu bleiben, und ließ sich von läppischen
Hindernissen wie dem Morgengrauen oder dem 12-Uhr-Läuten (ha!) von hoch droben
am Kirchturm erst gar nicht beeindrucken. Immer weiter, immer fort.
Erdenhimmel, schöner Ort!
Im
Anschluss des Debüts tauschte Andy Butler zwar seine Mitstreiter aus, um mit
dem Projekt als lose Gemeinschaft fahrender Musizi neu definiert aber im Werk
nicht allzu viel anders zu machen – auch wenn sich auf „Blue Songs“ 2011 House
als Primärgenre etablierte und zwischendurch die Pop-Dosis etwas erhöht wurde.
Für den sogenannten Musikstandort Wien nicht ganz unerheblich, zog es Butler
übrigens nicht nur privat in die Bundeshauptstadt. Auch nahm er weite Teile des
Albums mit Patrick Pulsinger in dessen Feedback-Studio im schönen Margareten auf.
Aus einer Freundschaft mit dem Wiener Produzentenduo Microthol in seiner Rolle
als eigene Tochterfirma mit dem Namen Ha-ze Factory entwickelte sich
schließlich die nächste Zusammenarbeit, die wiederum den nun erscheinenden
dritten Streich von Hercules And Love Affair verantwortet.
Zunächst
einmal sticht „The Feast Of The Broken Heart“ aber mit seinem Cover ins Auge.
Und das tut weh! Ja, hier hat man es mit einem wohl augenzwinkernd gemeinten
Frontalangriff auf den guten Geschmack zu tun. In Kombination mit dem
erinnerten Aviso, das Album selbst würde auch eine Fingerübung in Sachen
House-Musik der frühen 90er Jahre werden, macht sich bald Skepsis breit.
Immerhin ist es von da aus nie weit zur nächsten Eurodance-Gedenkparty. What is
love? Baby don’t hurt me.
Hübsch leidend
Diese
Einflüsse sind auf dem Album nun auch ebenso enthalten (und von Butler dann
aber eh stimmig ins Werk integriert) wie andere Genreformalismen ihrer
jeweiligen Zeit. Beispielsweise erklärt der robotergleiche Vocoder-Sprech von
„My Offence“, wie die Düsseldorfer Elektronikpioniere von Kraftwerk als seltene
europäische Ausnahme einst in Detroit auf die Black Music einwirkten. Und wir
hören auch jenes angestaubte Keyboard-Preset („Dosch“!), das im Soundtrack zu
Wolfgang Petersens Kriegsfilm „Das Boot“ in etwa so wichtig war wie die
Mundharmonika in Sergio Leones Spaghetti-Western „Once Upon A Time In The
West“.
Rhythmisch
grundiert ist das Album in strammen und standesgemäß dem
Roland-TR-909-Drumcomputer entnommenen House-Beats, die sich mit plingenden und
plongenden Synthie-Bässen vereinen. Kurzgeschlossen wird diese höchst
repetitive Grundlage einschlägiger Tracks aber immer mit dem Song als solchem.
Gastsänger wie der belgische Countertenor Gustaph oder Rouge Mary mit ihrem
nicht nur vergleichsweise dunklen Timbre singen dann über Liebesfreud und Herzeleid, queeres
Außenseitertum und die Notwendigkeit, auch und vor allem gegen die Deppen da
draußen konsequent immer man selbst zu sein.
Als
ein Höhepunkt darf mit „I Try To Talk To You“ übrigens ein Song gelten, der
John Grant als Gaststimme und neuer Bruder Butlers im Geiste hübsch leiden
lässt. Das ist jetzt natürlich unfair, aber schon ein ziemliches Glück für uns.
„Dosch!“
Hercules And Love Affair: The Feast Of The Broken Heart (Moshi
Moshi/PIAS Cooperative
(Wiener Zeitung, 23.5.2014)
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